{"id":16573,"date":"2024-02-07T20:59:01","date_gmt":"2024-02-07T19:59:01","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16573"},"modified":"2024-02-07T20:59:01","modified_gmt":"2024-02-07T19:59:01","slug":"ankunft-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16573","title":{"rendered":"Ankunft"},"content":{"rendered":"\n<p>Er besteigt das Flugzeug in Berlin Tegel mit einer Schallplatte. Ravel, <em>Gaspard de la nuit<\/em>. Er hat die H\u00fclle zukleben m\u00fcssen, damit die Platte nicht herausf\u00e4llt. Er klammert sich an die Schallplatte und besteigt das Flugzeug wie zu einer Hinrichtung oder einer \u00f6ffentlichen Vorf\u00fchrung. Es regnet auf die Rollbahn, als das Flugzeug abhebt. Er sp\u00fcrt den erl\u00f6senden Ruck, das Flugzeug steigt, l\u00e4\u00dft den Flughafen, l\u00e4\u00dft Berlin zur\u00fcck. In Hamburg taucht es in einen Wirbel aus Wolken, wei\u00dfen, dichten Luftmassen, st\u00f6\u00dft in sie hinein und sp\u00e4ter wieder aus ihnen hervor. Er h\u00e4lt sich an der Schallplatte fest, macht sie zu seinem Gl\u00fccksbringer, \u00fcberzeugt, ihm k\u00f6nne mit der Schallplatte in der Hand nichts geschehen. (Jedenfalls w\u00fcrde er es nicht bemerken.)<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abend desselben Tages sitzt er in der Stra\u00dfenbahn, f\u00e4hrt die verwinkelten Gassen und Schluchten der Alf\u00e2ma hinab, sieht unter sich, in der Sonne, das magische Blau und ist gl\u00fccklich, so gl\u00fccklich, da\u00df er glaubt, wahnsinnig werden zu m\u00fcssen. Er kauft an einem Kiosk auf der Pra\u00e7a do Com\u00e9rcio eine Telefonkarte, <em>cart\u00e3o telef\u00f3nico<\/em> ist sein erstes neues Wort, er wird es von nun an h\u00e4ufig benutzen, und ruft \u201ezu Hause\u201c, in Berlin an, in der Wohnung Franziskas, die nicht da ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon der Ausstieg aus dem Flughafen, das Verlassen des Geb\u00e4udes benimmt ihm den Atem. Etwas verschwommen, in einem hei\u00dfen Dunst liegt der Tejo vor ihm, Taxis schieben sich voreinander, in einer Kette, schwarze Frauen in bunten Gew\u00e4ndern wandeln vor ihm, er kommt sich unbeschreiblich bieder und provinziell vor, es scheint Afrika, keine europ\u00e4ische Stadt. Er steht da, mit seinen zwei Koffern, der Schreibmaschine, seiner Schallplatte, pre\u00dft sie an sich, sucht nach einem Taxi, nennt dem Fahrer die Adresse. Rua da Penha de Fran\u00e7a. Der Fahrer scheint sie zu kennen. Er selbst hat keine Ahnung, wo es ist. Er hat keinen Stadtplan. Gluthell und hei\u00df liegt die Stadt vor ihm, h\u00fcllt ihn ein, bald auch das Taxi, das seinen Weg vom Flughafen weg in die Stadt nimmt, auf den Stra\u00dfen dahinschie\u00dft. Der Fahrer spricht von Bauarbeiten, weist auf das Wellblech, viele Baustellen, er versteht es nur halb, nickt, gottseidank verlangt der Mann keine Konversation von ihm. Sein Portugiesisch ist schlecht, fast nicht vorhanden. Er sp\u00fcrt, da\u00df es zwischen den Wellblechz\u00e4unen entlanggeht, einen Berg hinaufgeht, da\u00df es eine lange Stra\u00dfe ist, in der der Wagen langsamer f\u00e4hrt. Pl\u00f6tzlich stoppt das Taxi, der Fahrer bedeutet ihm mit einem Kopfnicken, da\u00df sie angekommen sind. Er \u00f6ffnet die T\u00fcr, die hei\u00dfe Luft dringt herein. Rasch ist er verschwitzt, die Koffer stehen schon neben der Stra\u00dfe, halb auf dem Gehweg. Er hat bezahlt, ein gutes Trinkgeld gegeben, das Taxi ist weg. Er h\u00e4lt noch die Schreibmaschine, seine Schallplatte, da kommt schon ein Mann, nimmt die Koffer f\u00fcrsorglich von der Stra\u00dfe, vom Gehweg weg, stellt sie vor das Haus. Der Mann will ihm helfen, den Weg freihalten, andere daran hindern, die Koffer zu nehmen. Es ist Carlos, der Barbesitzer, sein erster Freund, wenn das Wort nicht zu gro\u00df ist. Ein Verb\u00fcndeter, eine Anlaufstelle in den kommenden Wochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4user in der Stra\u00dfe haben merkw\u00fcrdige Konturen f\u00fcr ihn. Von einem Blau in der H\u00f6he zusammengehalten, ergeben sie f\u00fcr ihn keine Form, sie bleiben gestaltlos, ein Band, das die Stra\u00dfe begrenzt. Die Fenster sind Schlitze, hinter Roll\u00e4den verborgen, die Stockwerke niedrig. Ein Band von H\u00e4usern, beidseits der schmalen Stra\u00dfe, die dennoch eine Durchgangsstra\u00dfe zu sein scheint. Er klingelt, <em>2\u00ba DTO.<\/em>, <em>segundo direito<\/em>, 2. Stock rechts. Am Klingelschild keine Namen, nur metallene Kn\u00f6pfe in einer Metalleiste.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann steht er mit seinem Koffer, der Schreibmaschine vor der T\u00fcr im zweiten Stock und klingelt noch einmal, hinter ihm hat sich die Aufzugst\u00fcr mit einem lauten Ger\u00e4usch geschlossen. Er ist \u00fcber und \u00fcber verschwitzt, sein Atem geht keuchend. In der T\u00fcr erscheinen zwei Frauen, eine gr\u00f6\u00dfere, dunkelhaarige mit ausdrucksstarken Augen und einem gro\u00dfen, scharfkantigen Gesicht, neben ihr eine schlanke, kleinere, grauhaarig und, wie es scheint, \u00e4u\u00dferst beweglich. Die beiden reden auf ihn ein, mal auf Portugiesisch, mal in Englisch, stellen ihm Fragen. Ihm tropft der Schwei\u00df von der Stirn, rinnt die Ausd\u00fcnstung des K\u00f6rpers \u00fcber den R\u00fccken. Er will auf alle ihre Fragen antworten und wei\u00df nicht, wo beginnen. Schlie\u00dflich h\u00f6rt er sich sagen, <em>I am glad to be here<\/em>. Die gr\u00f6\u00dfere der beiden, Arlete, \u00f6ffnet den Mund zu einem gro\u00dfen, breiten L\u00e4cheln, ihre Augen blitzen, <em>Mas ele \u00e9 simp\u00e1tico<\/em>, hat sie ihr Urteil gef\u00e4llt und \u00f6ffnet die T\u00fcr ganz, um ihn einzulassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er besteigt das Flugzeug in Berlin Tegel mit einer Schallplatte. Ravel, Gaspard de la nuit. Er hat die H\u00fclle zukleben m\u00fcssen, damit die Platte nicht herausf\u00e4llt. Er klammert sich an die Schallplatte und besteigt das Flugzeug wie zu einer Hinrichtung oder einer \u00f6ffentlichen Vorf\u00fchrung. Es regnet auf die Rollbahn, als das Flugzeug abhebt. 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