{"id":1631,"date":"2012-06-11T21:15:19","date_gmt":"2012-06-11T20:15:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1631"},"modified":"2012-06-11T21:15:19","modified_gmt":"2012-06-11T20:15:19","slug":"klara","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1631","title":{"rendered":"Klara"},"content":{"rendered":"<p>Ihre Karriere begann in der Bahnhofstoilette. Dort lernte sie den Wert von Hygiene kennen, den ihr die Besucher mit Kleingeld, das auf dem Porzellanteller klingelte, nahebrachten. Reinlichkeit blieb f\u00fcr sie kein abstraktes philosophisches Thema, gut f\u00fcr Abschlu\u00dfarbeiten, sondern wurde unmittelbar gesch\u00e4tzt. In den Mu\u00dfestunden, wenn Flaute herrschte auf der Toilette, ein Zug Versp\u00e4tung hatte oder die Mitropa Stromausfall, lockte es Klara doch und sie begann, die Philosophie der Reinheit zu erforschen. <\/p>\n<p>Anfangs lebten die V\u00f6lker in wildem Chaos (Pleonasmus: Wildheit ist ja schon ein Chaos), sie lebten im Schmutz und in buntem Durcheinander. Wer der Vater von wem war, wu\u00dfte keiner. Alles, was Tradition, Identit\u00e4t und Herkunft bedeutete, blieb an den M\u00fcttern h\u00e4ngen. (Auf manch einer verstreuten S\u00fcdseeinsel ist es ja heute noch so.) Es gab weder Toiletten noch Ehebetten. Klara war entsetzt und zugleich fasziniert. Die Menschen wurden kaum \u00e4lter als 30 Jahre. Doch was sie in dieser kurzen Spanne erlebten, das pa\u00dfte auf keine Kuhhaut. <\/p>\n<p>Stichwort: Kuh. Die Viehhaltung war es, die endlich zum Durchbruch f\u00fchrte. Das Leben der Nomaden auf der kargen Erde war hart. Man mu\u00dfte st\u00e4ndig mit der Herde weiterziehen, kannte keine Bleibe, was vor allem die M\u00fctter qu\u00e4lte. Sie w\u00e4ren lieber in H\u00f6hlen hocken geblieben, um zu stillen und die Kinderr\u00fccken zu kraulen, so aber mu\u00dften sie in Zelten hausen, die jeden Tag abgerissen werden konnten, wenn das Vieh kein Gras mehr fand und br\u00fcllte. Wann die Sippe weiterzog, das bestimmten die H\u00fcter der Herde \u2013 allesamt M\u00e4nner, die sich den lieben langen Tag fernhielten vom eigenen Nachwuchs. Statt dessen weilten sie bei den Tieren. Nicht um sich mit ihnen zu necken oder mit ihnen zu spielen, sie k\u00fcmmerten sich nur um n\u00fctzliche Angelegenheiten: die Milch aus dem Euter zu pressen, das Fell zu scheren, das Tier zu schlachten. <\/p>\n<p>Die M\u00e4nner bestimmten \u00fcber die Zeit am Rastplatz und sie bestimmten \u00fcber die Nahrung. Von ihnen hing es ab, ob gehungert oder geschlemmt wurde. Sie bestimmten \u00fcber die Feste. Bald schon zog zornige Blicke auf sich, wer ohne ihre Erlaubnis ein Lied summte. Damit begann die Katastrophe. Als n\u00e4chstes setzten die M\u00e4nner durch, da\u00df jeder nur noch seine Frau oder seine Frauen besa\u00df. Wer viele Tiere auf die Wiese f\u00fchrte, konnte auch viele Frauen  und viele Kinder ern\u00e4hren. Wer nur ein einsames Schaf sein eigen nannte, blieb sein Lebtag Junggeselle. Bestimmten fr\u00fcher die Frauen, wer zu ihnen kommen durfte, so hing dies nun von der Erlaubnis der alten M\u00e4nner ab. Das nannten sie Hochzeit. Erst wenn allen im Dorf bekannt war, welche Frau welchem Mann geh\u00f6rte, durften sie sich paaren und wehe, sie lie\u00df sich auf einer fremden Weide blicken. Das kam Diebstahl gleich, Raub, und konnte den Kopf kosten. Auch untereinander kannten die M\u00e4nner kein Erbarmen, wenn sie sich gegenseitig ertappten. <\/p>\n<p>Auf einmal legten die (reichen) M\u00e4nner Wert darauf zu wissen, da\u00df sie der Vater ihrer Kinder waren, da\u00df die Frau sie als Erzeuger zuordnen konnte. Nebenbuhler wurden um die Ecke gebracht. Sie erfanden die Eifersucht und verbreiteten den Glauben, da\u00df sie ein Zeichen der Liebe sei, w\u00e4hrend sie in Wirklichkeit doch nur eine Ausgeburt des Besitzdenkens war. Die Frau degradierten sie zu einem n\u00fctzlichen Gebrauchsgegenstand (schon wieder Pleonasmus: oder gibt es auch nutzlose Gebrauchsgegenst\u00e4nde, jawoll, dachte sich so mancher Mann im Stillen, die Frau sei ein nutzloser Gebrauchsgegenstand). Wenn sie h\u00fcbsch war, konnte man sie guten Gewissens als Einrichtungsgegenstand bezeichnen, \u00e4hnlich einer zarten, mit Ornamenten verzierten Vase. Den Tag verbrachten die M\u00e4nner \u2013 wie sie glaubten, seit eh und je \u2013 bei den Herden. Stinkend und dreckverschmiert kehrten sie abends heim. Die Vase wollte eigentlich eine duftende, freundliche Blume in sich aufnehmen \u2013 Fehlanzeige. Die M\u00e4nner blieben stinkend und dreckig.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr gelang ihnen eine umw\u00e4lzende Entdeckung: Die Tiere wuchsen schneller, wurden gr\u00f6\u00dfer, gaben mehr Milch und spendeten festeres Fleisch, wenn sie darauf achteten, wer wen besprang. Die M\u00e4nner lernten nachzuhelfen. Sie \u00fcberwanden ihren anf\u00e4nglichen Ekel (immer ist Ekel nur anf\u00e4nglich, dann wandelt er sich zur Lust), und griffen den K\u00fchen in die Geb\u00e4rmutter, um sie mit den Samenzellen des besten und st\u00e4rksten Bullen zu befruchten. Einer f\u00fcr alle, alle aus einem. Zuchtwahl nannten sie diesen Trick, ein dreckiges, stinkendes Wort, gleichg\u00fcltig, wenn es eine h\u00f6here Ausbeute versprach. <\/p>\n<p>\u00dcber das n\u00e4chste Kapitel staunte Klara nicht schlecht: Hatte sie bisher geglaubt, da\u00df die Frau wenigstens Herrin im Haus und im Bett war, wenn sie die Herrschaft schon nicht \u00fcber die Welt aus\u00fcben konnte, so mu\u00dfte sie erkennen, da\u00df es nur dem \u00e4u\u00dferen, kosmetischen Anschein nach so war. In Wirklichkeit \u00fcbertrugen die M\u00e4nner das Prinzip der Zuchtwahl \u2013 kurz nachdem sie seine Wirksamkeit beim Wachstum der Herden entdeckt hatten \u2013 auf die Frauenwahl. Nur edle und kluge Sch\u00f6nheiten erlangten das Recht, zur Bettgenossin eines reichen Hirten gek\u00fcrt zu werden. Denn der Hirt fand Gefallen an edlen und klugen Kindern. Genial war diese Idee der Reinheit. Man begann, den Adel zu z\u00fcchten. Und die auserw\u00e4hlten Damen z\u00fcchteten eifrig mit. Es erf\u00fcllte sie mit Stolz, keine armselige Dirne mehr zu sein.<\/p>\n<p>Die Dirnen aber \u00fcberlegten sich den Plan f\u00fcr einen Rachefeldzug. In ihrer Erinnerung besiedelten in fr\u00fcheren Zeiten zahlreiche (weibliche) Gottheiten die Erde. Das war w\u00f6rtlich gemeint. Die drallen G\u00f6ttinnen nannten Erdalt\u00e4re ihr eigen, wo die Frauen sie aufsuchten, um Blumenkr\u00e4nze abzulegen und zu tanzen. Daf\u00fcr lie\u00dfen die Erdg\u00f6ttinnen es sprie\u00dfen und wachsen. Die Frauen brauchten nur ein paar Wochen sp\u00e4ter zur\u00fcckkehren und konnten freudig ernten. Mit St\u00f6ckchen stocherten sie ein wenig herum und die nahrhaften Wurzeln flogen ihnen aus der lockeren Erde entgegen. Die Dirnen erinnerten sich an dieses urspr\u00fcngliche Paradies (oh, nicht schon wieder: welches Paradies ist denn nicht urspr\u00fcnglich), verlie\u00dfen die Weidepl\u00e4tze, wo die K\u00fche keinen Halm lange stehen lie\u00dfen und zogen um in die W\u00e4lder, wo sie Kr\u00e4uter zogen und Bl\u00fcten wild wachsender Pflanzen pfl\u00fcckten. <\/p>\n<p>Die Hirten blieben mit ihren h\u00fcbsch anzusehenden, aber nutzlosen Hofdamen allein \u2013 das aber lie\u00dfen sie sich nicht gefallen. Wenn die Dirnen und M\u00e4gde schon nicht gew\u00e4hlt worden waren, so sollten sie verdammtnochmal schlechthin zur Auswahl stehen, darin lag ihre Bestimmung. Weit gefehlt, wer vermutet, da\u00df sich die Hirten eines z\u00e4rtlichen Mittels bedienten, um der abtr\u00fcnnigen Frauen habhaft zu werden. Sie h\u00e4tten ja als Bienenschwarm in die W\u00e4lder fliegen und sich auf all die Bl\u00fcten setzen k\u00f6nnen, deren Duft die Frauen bet\u00f6rte. Weit gefehlt! Die Hirten brannten die W\u00e4lder nieder, rodeten die Wurzeln und gingen dabei so radikal vor, da\u00df ihnen die n\u00e4chste umw\u00e4lzende Entdeckung geradezu in die H\u00e4nde fiel:<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie die Wurzeln aus dem Boden zerrten, wurde die Erde aufgew\u00fchlt, durchgemischt, umgepfl\u00fcgt. Fiel der Same einer Pflanze darauf, konnte er in k\u00fcrzester Zeit keimen. Rasch holten die M\u00e4nner ihre gez\u00e4hmten Bisons, die sie Stiere (Inbegriff von \u201eTiere\u201c) nannten,  banden ihnen die freigelegten Wurzelenden an den Schwanz und hieben mit St\u00f6cken auf die Tiere ein, damit sie in Trab kamen: die Geburtsstunde des Pfluges. Endlich wurde dem Wildwuchs der Garaus bereitet, die Erde in einen reinen Tisch verwandelt. Mindestens einmal im Jahr wiederholten sie die Prozedur, am besten zweimal. <\/p>\n<p>Rotbraun leuchtete die fette Krume und l\u00e4chelte dem Himmel entgegen. Kein Gr\u00fcn, kein Bl\u00fctenbund st\u00f6rte das Auge. Die abtr\u00fcnnigen Frauen harrten sprachlos am Rand. Dorthin hatten sich auch K\u00e4fer und W\u00fcrmer gefl\u00fcchtet. \u201eRain\u201c nannten die M\u00e4nner den Feldrand fortan. Denn er war nicht ganz rein. Diesen Streifen gestanden sie der Natur zu. In den kommenden Jahren  erlebten sie jedoch ein blaues Wunder. Der Boden, dank des Pfluges so wunderbar bereinigt, verlor an Kraft und Fruchtbarkeit. Sprossen die Nutzpflanzen im ersten Jahr aus der Saat, da\u00df der Bauer nur so jauchzen konnte und mit der Sense die Ernte einholen mu\u00dfte, so blieben die Pflanzen im zweiten Jahr mickrig und klein. Im dritten Jahr hatte sich die Erde in Sand verwandelt, der trocken und staubig zwischen den Fu\u00dfzehen kitzelte. <\/p>\n<p>Die M\u00e4nner fluchten, hungerten und experimentierten. Bis man verga\u00df, einen Fladen Bisonkot vom h\u00fcbsch aufger\u00e4umten Feld wegzutragen. Klara Klarsack erinnerte sich d\u00fcster an die Arbeit, mit der sie ihr t\u00e4gliches Brot verdiente. Dort r\u00e4umte sie t\u00e4glich Fladen vom \u201eFeld\u201c \u2013 ob sie auch einmal einen Haufen vergessen und liegenlassen sollte? Ob dies zu einer umw\u00e4lzenden Entdeckung f\u00fchren w\u00fcrde oder nur zu ihrer Entlassung ins Heer der Arbeitsuchenden? Klara verwarf schnell diesen Gedanken und wandte sich wieder den Vorahnen zu. Aus dem Haufen, der zuf\u00e4llig liegenblieb, wucherte es wild hervor, w\u00e4hrend der Boden links und rechts vor sich hin br\u00f6selte. Die Hirten waren begeistert: Bisondung besa\u00dfen sie in rauen Mengen, sie mu\u00dften ihn nur von der Weide aufs Feld tragen.<\/p>\n<p>Nun, wie die Geschichte weiterging, mu\u00df nicht erz\u00e4hlt werden. Es gen\u00fcgt das Ende: Chemie bringt Brot, Wohlstand und Sch\u00f6nheit. Klara Klarsack nickte unwillk\u00fcrlich beim Lesen. Chemie hilft dem Pflug bis heute, sein Tagwerk auszuf\u00fchren. Die Idee der Reinheit war dank der partiellen, tempor\u00e4r notwendigen Verunreinigung, die der Dung verk\u00f6rperte, gerettet und die Chemie machte eine g\u00e4nzlich saubere Sache draus. Welche Freude! Klara sp\u00fcrte ihr Herz h\u00fcpfen. Das Schicksal der armen Frauen am Rain hatte sie vergessen. Von ihnen war in der folgenden Geschichte keine Rede mehr.<\/p>\n<p>Am sch\u00f6nsten zeigte sich die Reinheit in einem Getr\u00e4nk, das die Hirten nun auf den Feldern anbauten. Fr\u00fcher hatte es man in der unreinen Form, in der man es geno\u00df, \u201eMet\u201c genannt. Nach dem Honig, aus dem es gewonnen wurde. Nachdem das Gleichgewicht von Pflug und Dung \u00fcbers Jahr ausk\u00f6mmliche Ernten zeitigte, konnte man das nach dem Backen \u00fcberfl\u00fcssige Korn zu einem reinlichen Trunk verg\u00e4ren. Die Gebote, seine Herstellung betreffend, stellten sogar die biblischen Gebote in den Schatten. Letztere verga\u00df oder verdr\u00e4ngte man, sobald sich eine Gelegenheit bot, jedenfalls hatte man sie nicht zur Hand, wenn man sie brauchte, und es wurde unbek\u00fcmmert weiter gelogen, gestohlen, betrogen und gemordet. Ja, es entz\u00fcndeten sich Volksaufst\u00e4nde und Kriege an der Frage, ob man zur Prozession die Kirche im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn umrunden solle. Als ob das etwas an der Gottverlassenheit unserer lieben Frauen ge\u00e4ndert h\u00e4tte! <\/p>\n<p>Hinsichtlich des Geschmacks des reinlichen Trunkes war man sich dagegen schnell einig. Welch Wunder: eine Geschmacksfrage und so viel Einhelligkeit! Kein Streit, kein Zank, von wegen! Bier mu\u00dfte das Getr\u00e4nk hei\u00dfen, eine Konjugationsform des Pronomens \u201ewir\u201c! Die M\u00e4nner wu\u00dften nicht nur, welche Frauen sch\u00f6n waren, sie hatten auch ein untr\u00fcgliches Gesp\u00fcr daf\u00fcr, was schmeckte. An das Reinheitsgebot, die Herstellung des Bieres betreffend, hielten sich auch jene Brauer (eine Abart von \u201eBauer\u201c), die ihm vom Gesetz her nicht unterworfen waren. Freiwillig. Das Reinheitsgebot wurde sowohl zum offiziellen als auch inoffiziellen Standard erhoben. Es verhalf dem Bier, Nationalgetr\u00e4nk aller V\u00f6lker zu werden und jedes behauptete, sein Erfinder zu sein. Zu Recht.<\/p>\n<p>An dieser Stelle unterbrach Klara Klarsack ihre Lekt\u00fcre. Ein R\u00fclpser schreckte sie auf. Da hatte sich ein Vertreter dieser dicklichen, Fl\u00fcssiggetreide tankenden Monster an ihr vorbeigeschlichen, ohne seinen Fuffziger auf dem Porzellanteller klingeln zu lassen. Seine Relikte w\u00fcrde sie nicht beseitigen, b\u00e4umte sich die arme Dirne, die sie war, im Traum auf. Wir wissen nicht, was aus diesem guten Vorsatz geworden ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Karriere begann in der Bahnhofstoilette. 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