{"id":16267,"date":"2023-06-29T10:00:07","date_gmt":"2023-06-29T09:00:07","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16267"},"modified":"2023-07-02T05:59:25","modified_gmt":"2023-07-02T04:59:25","slug":"aus-die-fuenf-minuten-des-isaak-babel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=16267","title":{"rendered":"Aus : Die f\u00fcnf Minuten des Isaak Babel"},"content":{"rendered":"\n<p>Jiddisches Erbe kommt herein, der tiefe Witz ostj\u00fcdischer Schw\u00e4nke, die Diesseitigkeit der chassidischen Lehre, die Weisheit der alten hebr\u00e4ischen B\u00fccher. Vom Gro\u00dfvater Levi Jizchok wird in der Novelle gesagt, er schreibe an einem Manuskript &#8211; dem &#8222;Mann ohne Kopf&#8220;. Wie das Buch geschildert ist, erinnert es an die Geschichten der Schalom Asch, Mendele Mojcher Sforim und Jizchok Lejb Perez. Und nat\u00fcrlich an Scholem Alejchem, mit dessen russischer Herausgabe Babel 1925\/26 und dann wieder 1936 beauftragt war. Am 2. Dezember 1938 schreibt er anl\u00e4\u00dflich einer Inszenierung von &#8222;Tewje, der Milchh\u00e4ndler&#8220;, er versp\u00fcre selbst Lust, ein St\u00fcck daraus zu \u00fcbersetzen. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, da\u00df der Erz\u00e4hler in der &#8222;Reiterarmee&#8220;, Kirill Ljutow, in der Novelle &#8222;Der Rabbi&#8220;, befragt, womit der Jude sich besch\u00e4ftige, antwortet: &#8222;Ich setze die Abenteuer des Hersch Ostropoler in Verse.&#8220; Das l\u00e4\u00dft an Babels geplanten Herschele-Zyklus denken, aus dem 1918 in Petrograd &#8222;Schabos-Nahmeh&#8220; erschien. Hersch Ostropoler war so etwas wie ein ostj\u00fcdischer Eulenspiegel, der lange Zeit am Hofe des ukrainischen chassidischen Rabbi Baruch aus Tuldzyn lebte und den gem\u00fctskranken Zaddik mit witzigen Einf\u00e4llen erheiterte. Eine ber\u00fchmte Sammlung der Geschichten vom Hersch stammt von Chajim Bloch.<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Jahre bevor Babel seinen Erz\u00e4hler von den &#8222;St\u00fcrmen der Phantasie&#8220; sprechen l\u00e4\u00dft, klagt er (1918) : &#8222;In meinem Charakter liegt ein unertr\u00e4glicher Zug zur Besessenheit und unrealen Haltung gegen\u00fcber der Wirklichkeit.&#8220; Das sei zu \u00fcberwinden. Die &#8222;St\u00fcrme der Phantasie&#8220; zu b\u00e4ndigen und doch nicht zu d\u00e4mpfen, sie zu beherrschen, das verhie\u00df, die Wahrheit schonungslos und sch\u00f6n sagen zu k\u00f6nnen. &#8222;Ein Vergleich mu\u00df genau sein wie ein Rechenschieber und nat\u00fcrlich wie der Geruch des Dills&#8220;, sagte Babel 1921 zu Paustowski. Die Geschichte seiner Vorbilder ist die Geschichte der Disziplinierung seiner Prosa. Babel liebte Puschkin, Tschechow, Maupassant. Kiplings &#8222;eiserne Prosa&#8220;. Gorkis Novelle &#8222;Nach Hause&#8220; aus dem Zyklus &#8222;Wanderungen durch Ru\u00dfland&#8220;. Tolstois &#8222;Hadschi Murat&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Als ich &#8218;Hadschi Murat&#8216; wieder las&#8220;, sagte er 1937, &#8222;dachte ich, hier mu\u00dft du lernen. Hier ging ein Strom aus der Erde direkt in die Hand, direkt auf das Papier, ohne jede Wand, ri\u00df mit dem Wissen der Wahrheit alle H\u00fcllen schonungslos herunter, doch diese Wahrheit trug, sobald sie sichtbar wurde, leichte und sch\u00f6ne Kleider.&#8220; So sollten seine Geschichten sein: Voller heidnischer Lust, unm\u00e4\u00dfig wie das Leben, fabuliert, doch auf den Punkt genau \u00fcberlegt. &#8222;Kein Eisen dringt gl\u00fchender ins menschliche Herz als ein zur rechten Zeit gesetzter Punkt&#8220;, hei\u00dft es in &#8222;Guy de Maupassant&#8220;. Die Novelle war da gerade recht. Babel bezog sich sp\u00e4ter auf Goethes bekannte Definition. Aber das war eher eine Aushilfe. Babel erneuerte die Novelle in einer Weise wie wenige vor ihm. Boccaccio und Maupassant, Turgenew und Tschechow waren bei ihm aufgehoben &#8211; und neu entdeckt. Auch dem Novellenzyklus forderte er Neues ab. Es war, wie Tolstoi f\u00fcnfzig Jahre zuvor formuliert hatte: &#8222;Angefangen bei Gogols &#8218;Toten Seelen&#8216; bis hin zu Dostojewskis &#8218;Totenhaus&#8216; gibt es in der neuen Periode der russischen Literatur nicht ein einziges Prosawerk, das nicht ein wenig \u00fcber die Mittelm\u00e4\u00dfigkeit hinausginge, die in der Form des Romans, des Poems oder der Erz\u00e4hlung v\u00f6llig Platz gefunden h\u00e4tte.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Man hat sich einen Text von der sprachlichen Dichte der Prosa Johannes Bobrowskis vorzustellen. Auch an den Iren Synge ist einmal erinnert worden. Ein englischer Kritiker verglich 1928 die &#8222;in nat\u00fcrlichen Rhythmen gebrachte urw\u00fcchsige Volkssprache&#8220; der Novellen &#8222;Salz&#8220; und &#8222;Ein Brief&#8220; mit Synges Sprache im St\u00fcck &#8222;Ein Held der westlichen Welt&#8220;. Was Babel leistete, wird aus einer Gegen\u00fcberstellung deutlich. In Larissa Reisners &#8222;Front&#8220; hei\u00dft es: &#8222;Einer h\u00e4lt eine Rede &#8211; ach, eine Rede h\u00e4lt er, eine ungest\u00fcme, von Fehlern strotzende, grobe Rede, die noch vor einer Woche nur ein schiefes L\u00e4cheln geerntet h\u00e4tte &#8211; doch der Kapit\u00e4n ersten Ranges h\u00f6rt sie mit klopfendem Herzen, mit fliegenden H\u00e4nden, und f\u00fcrchtet sich einzugestehen, da\u00df das Ru\u00dfland dieser Weiber, Deserteure und Gr\u00fcnschn\u00e4bel, das Ru\u00dfland des Agitators Abram, der Mushiks und der Sowjets, da\u00df das sein Ru\u00dfland ist, f\u00fcr das er gek\u00e4mpft hat und immer k\u00e4mpfen wird, ohne Furcht vor L\u00e4usen, Hunger und Fehlern; noch wei\u00df er nicht, noch f\u00fchlt er es nur, da\u00df hier allein das Recht, das Leben, die Zukunft ist.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>So eine Stelle ist bei Babel undenkbar. Bei Babel stehen diese &#8222;Reden&#8220; da, die Larissa Reisner beschreibt: als Brief, als Beschwerde, als Augenzeugenbericht, als Lebensbeschreibung, Ansprache, Dialog. Babel l\u00e4\u00dft die historischen Subjekte selbst auf ihre Taten sehen. Haltungen werden nicht auktorial erl\u00e4utert, sondern in ihrer sprachlichen Evidenz festgehalten. Babel arbeitet oft mit dem Denksystem, mit der Sprache seiner Helden, ohne korrigierend einzugreifen, ohne andererseits die Begrenztheit dieses Systems zu \u00fcberdecken. Im Russischen hei\u00dft es &#8222;Skas&#8220;. Bei uns spricht man von personalem Erz\u00e4hlen. Wichtig ist ihm die Gelegenheit, durch eine Anstrengung des Gew\u00f6hnlichen das Au\u00dferordentliche zu erforschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Unterschied zwischen dem zitierten Brief des Kosaken Samuil Fjodorowitsch Schadrin und den Briefen in &#8222;Ein Brief&#8220;, &#8222;Die Sonne Italien&#8220;, &#8222;Die Geschichte eines Pferdes&#8220;, &#8222;Salz&#8220;, &#8222;Fortsetzung der Geschichte eines Pferdes&#8220; oder &#8222;Der Verrat&#8220; besteht in der differierenden semantischen Funktion der Texte und ihrer Elemente. In &#8222;Der Verrat&#8220; schreibt ein Kavallerist: &#8222;&#8230; wie Feuer brennt die Seele und sprengt das Gef\u00e4ngnis unseres K\u00f6rpers.&#8220; Es korrespondiert nicht zuf\u00e4llig mit dem Bekenntnis des Erz\u00e4hlers Ljutow, &#8222;dessen uralten Leib die St\u00fcrme der Phantasie fast sprengen.&#8220; Die Struktur der &#8222;Reiterarmee&#8220; baut mit dieser Energie: mit dem Vorgef\u00fchl und der Vorwegnahme einer &#8222;vollst\u00e4ndigen Emanzipierung aller menschlichen Sinne und Eigenschaften&#8220;. Die Gl\u00fcckssuche der &#8222;Reiterarmee&#8220; ist nur so zu verstehen. So auch der Ernst, mit dem in &#8222;Die Geschichte eines Pferdes&#8220; und &#8222;Fortsetzung der Geschichte eines Pferdes&#8220; um ein Pferd gek\u00e4mpft wird: &#8222;Die Kommunistische Partei ist, soviel ich verstehe, zur Freude aller und zur Errichtung einer unbedingten, uneingeschr\u00e4nkten Gerechtigkeit gegr\u00fcndet worden und mu\u00df sich auch um die kleinen Leute k\u00fcmmern. Nun m\u00f6chte ich den Schimmelhengst erw\u00e4hnen, welchen ich den unverbesserlichen, konterrevolution\u00e4ren Bauern abgejagt habe und der dazumal ganz armselig ausgesehen hat; viele Genossen haben ungeniert dar\u00fcber gelacht. Ich aber hatte die Kraft, ihr boshaftes Gel\u00e4chter zu ertragen, und habe mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen den Hengst f\u00fcr unsere gemeinsame Sache bis zur gew\u00fcnschten Ver\u00e4nderung gepflegt, weil ich, Genossen, ein Liebhaber wei\u00dfer Pferde bin und sie mit den letzten Kr\u00e4ften pflege, die mir nach dem imperialistischen Krieg und dem B\u00fcrgerkrieg geblieben sind.&#8220; Und nur so versteht sich jener vielfach mi\u00dfdeutete Satz Ljutows \u00fcber seinen Freund Chlebnikow: &#8222;&#8230; uns beide verzehrten die gleichen Leidenschaften. Wir blickten auf die Welt wie auf eine Wiese im Mai, eine Wiese voller Frauen und Pferde.&#8220; Babel bes\u00e4nftigte nicht das Pathos durch die Ironie des Beobachters, wie gelegentlich behauptet wird, er \u00fcberwindet die Ironie durch das Pathos der neuen Realit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprache modelliert, noch bevor sie zum Baustoff der Literatur wird, in komplizierter Form die Vorstellungen von den Beziehungen der Ph\u00e4nomene im Leben. Sie enth\u00e4lt, was die Arbeit des menschlichen Bewu\u00dftseins eintrug, darunter auch, was aus fr\u00fcheren literarischen Strukturen in sie einging. Der Dichter arbeitet also gegen den Widerstand seines Materials. Der k\u00fcnstlerische Effekt seiner Arbeit ist immer ein B\u00fcndel von Verh\u00e4ltnissen, das etwa umfa\u00dft: das Verh\u00e4ltnis des neuen Texts zu den \u00e4sthetischen Normen seiner Zeit, zu den g\u00e4ngigen Gattungsvorstellungen, zum Sujetbegriff, zur Erwartung des Lesers, die Verh\u00e4ltnisse innerhalb des Texts, also das Verh\u00e4ltnis des Erz\u00e4hlers mit fiktivem Pers\u00f6nlichkeitswert zur realen Pers\u00f6nlichkeit des Autors, das Verh\u00e4ltnis der verschiedenen Stilebenen zueinander usw. Johannes Bobrowski formulierte das einmal sehr deutlich in einem Interview von 1965 : &#8222;Ich f\u00fcrchte eine gewisse Stagnation in der Entwicklung, wenn wir in dem bisherigen Literaturdeutsch bleiben. Und ich habe mich bem\u00fcht, volkst\u00fcmliche Redewendungen, sehr handliche Redewendungen, eben volkst\u00fcmliches Sprechen bis zum Jargon, mit einzubeziehen, um die Sprache ein bi\u00dfchen lockerer, ein bi\u00dfchen farbiger und lebendiger zu halten. Au\u00dferdem geht das auch auf die Syntax. Ich bem\u00fche mich um verk\u00fcrzte Satzformen, um im Deutschen nicht sehr gebr\u00e4uchliche Konstruktionen, die alle etwas Handliches haben.&#8220; Bobrowski hat vom personalen Erz\u00e4hlen viel gehalten, und nicht zuf\u00e4llig imponierte ihm eine von Babels Tagebuchnotizen so, da\u00df er sie als vorletzten Absatz in &#8222;Ich will fortgehn&#8220; hereinnahm. Es ist: &#8222;Djakow kommt. Das Gespr\u00e4ch ist kurz: F\u00fcr dieses Pferd kannst du f\u00fcnfzehntausend bekommen, f\u00fcr jenes zwanzig. Wenn es aufsteht, dann ist es ein Pferd.&#8220; Babel verwandte die gleiche Notiz in der Novelle &#8222;Der Chef der Kavalleriereserve&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sprachmischungen der &#8222;Reiterarmee&#8220; sind so kompliziert wie in Bloks &#8222;Zw\u00f6lf&#8220; oder Majakowskis &#8222;Gut und sch\u00f6n&#8220;. Es ist keineswegs damit getan, die Herkunft der einzelnen Elemente zu benennen: Bauernrussisch, Milit\u00e4rjargon, Revolutionsvokabular, chassidische Beredsamkeit. Stilbildend ist das Nebeneinander und Gegeneinander der Polarit\u00e4ten, die wechselnde Vereinigung des vorher Unvereinbaren. Und die polemische Korrespondenz dieses Verfahrens zur vorliegenden Literatursprache. Die \u00dcbersetzung mu\u00df vieles unterschlagen. Der stilistischen Funktion regelwidriger Grammatik in den &#8222;Briefen&#8220;, der Volksetymologien, des Nebeneinanders von Amtssprache, revolution\u00e4rer Losung und Dialekt, der Ukrainismen und Hebraismen kann die andere Sprache nur selten gerecht werden. Aber das sind die \u00fcblichen Verluste. Die Spannungen, die die Worte, S\u00e4tze, Abs\u00e4tze und Novellen zusammenhalten, sind durchaus zu reproduzieren. Freilich bleibt das schwer. Denn: &#8222;Ein Satz wird geboren &#8211; sch\u00f6n und h\u00e4\u00dflich zugleich. Das Geheimnis besteht in der kaum sp\u00fcrbaren Umstellung. Der Hebel mu\u00df gut in der Hand liegen und warm werden. Umstellen mu\u00df man in einem Zug, nicht in mehreren.&#8220; &#8222;Berestetschko&#8220; bietet sich als Beispiel an.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Novelle hei\u00dft so nach dem polnisch-russischen Grenzst\u00e4dtchen und beginnt, wie fast alle Novellen, mit der Information \u00fcber einen Ortswechsel: &#8222;Wir zogen von Chotin nach Berestetschko.&#8220; Das schafft, wie die zus\u00e4tzliche Datierung und geographische Festlegung von zw\u00f6lf Novellen am Schlu\u00df des Texts (zum Beispiel &#8222;Bei Sankt Valentin&#8220; mit &#8222;Berestetschko, August 1920&#8220;) jene &#8222;Authentizit\u00e4t&#8220;, die Babel f\u00fcr den Aufbau seiner Struktur brauchte: Sie geh\u00f6rt zum System der semantischen Steigerung der Autentica wie &#8222;Brief&#8220;, &#8222;Beschwerde&#8220;, &#8222;Ansprache&#8220; und &#8222;Lebensbeschreibung&#8220;, in denen Fiktion das Dokument &#8222;dokumentarischer&#8220; macht. In diesem Sinn ist Gorki zu verstehen, wenn er schreibt: &#8222;Wenn Sie dar\u00fcber nachdenken, werden Sie, hoffe ich, Babel zustimmen, weil die Soldaten seiner &#8218;Reiterarmee&#8216; mehr Menschen sind als die Soldaten Budjonnys.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Wir zogen von Chotin nach Berestetschko.&#8220; Das st\u00e4ndige Unterwegssein der 1. Reiterarmee kann gefa\u00dft werden: &#8222;Nowograd-Wolynsk, Juli 1920&#8220;, &#8222;Belew, Juli 1920&#8220;, &#8222;Brody, August 1920&#8220; usw. (wobei zu bemerken ist, da\u00df Babel diese &#8222;Chronologie&#8220; nicht wahrt.) Und: &#8222;Ich schlage mich nach Leszni\u00f3w durch&#8230;&#8220;, &#8222;Gestern abend nahm unsere Division Berestetschko&#8220;, &#8222;Die 6. Division hatte sich im Wald beim Dorf Tschesniki gesammelt&#8230;&#8220; usw. Der gro\u00dfe Bilderbogen, die sinnliche Gleichzeitigkeit, an den Bauernbreughel erinnernd, Babels Struktur ohne Mitte, nach allen Seiten offen &#8211; gibt eine Entsprechung f\u00fcr diesen technisch wie sozial und historisch dynamischen Teil der jungen Roten Armee.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Berestetschko&#8220; r\u00fcckt die Zeiten zusammen: Auf den tausendj\u00e4hrigen Grabh\u00fcgeln verst\u00fcmmelte Leichen. Am Grabe Bogdan Chmelnizkis das Lied der Bauern von vergangenem Kosakenruhm. Die jahrhundertealte Tradition einer d\u00fcrftigen Architektur. &#8222;Der Ort stank in Erwartung einer neuen \u00c4ra&#8230;&#8220; Das verlassene Schlo\u00df des einstigen Herrschers \u00fcber Berestetschko und die Rede Winogradows \u00fcber den Zweiten Kongre\u00df der Kommunistischen Internationale und der franz\u00f6sische Brief von 1820: &#8222;Berestetschko, 1820. Paul, mein Geliebter, man sagt, Kaiser Napoleon sei tot, ist das wahr? Ich f\u00fchle mich wohl, die Niederkunft ist leicht gewesen, unser kleiner Held wird schon bald sieben Wochen alt.&#8220; &#8222;Berestetschko&#8220; schlie\u00dft: &#8222;Und unten ert\u00f6nt noch immer die Stimme des Kriegskommissars. Voll Leidenschaft \u00fcberzeugt er die staunenden Kleinb\u00fcrger und die ausgepl\u00fcnderten Juden: &#8218;Ihr seid die Macht. Alles, was hier ist, geh\u00f6rt euch. Es gibt keine Pans mehr. Ich schreite zur Wahl des Revolutionskomitees&#8230;'&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Neue R\u00e4ume tun sich auf. Es ist eine Prosa der weiten Perspektive. Babels f\u00fcnf Minuten beherbergen die Welt. Der Banduraspieler, der von vergangenem Ruhm singt, der Kosak, der t\u00f6tet, Winogradow, der die Zukunft f\u00fcr angebrochen erkl\u00e4rt, der Kleinb\u00fcrger, der staunt, Ljutow, der einen Brief von 1820 findet &#8211; sie stehen in der Geschichte. Das ist freilich keine Geschichtlichkeit quantitativer Art. Es gibt bei Babel keine Schlacht von Waterloo oder Borodino. Das ist ihm seinerzeit vorgeworfen worden. Schlachten sind bei Babel entweder vorbei (&#8222;Gestern abend nahm unsere Division Berestetschko&#8220;, beginnt &#8222;Bei Sankt Valentin&#8220;) oder noch voraus (&#8222;Und auf das Zeichen des Divisionschefs begannen wir die Attacke, die unverge\u00dfliche Attacke auf Tschesniki&#8220;, schlie\u00dft Tschesniki). In &#8222;Afonka Bida&#8220; gibt es diesen Absatz:<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Am n\u00e4chsten Morgen war Afonka verschwunden. Bei Brody begannen K\u00e4mpfe und h\u00f6rten wieder auf. Niederlage wechselte mit vor\u00fcbergehendem Sieg; wir bekamen einen neuen Divisionskommandeur. Afonka aber war noch immer nicht da. Nur das drohende Gemurr in den D\u00f6rfern bezeichnete die b\u00f6se Raubtierspur seines Leidensweges.&#8220; Er besorgte sich ein Pferd.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Verschiebung der Proportionen f\u00fchrt zu der verbl\u00fcffenden historischen S\u00e4ttigung der &#8222;f\u00fcnf Minuten&#8220;, also zur besonderen Art der epischen Dimension der &#8222;Reiterarmee&#8220;. Bis zum \u00e4u\u00dfersten erkundet, wird die Realit\u00e4t phantastisch. Nicht nur Babels Gestalten, auch seine Landschaften sind von dieser Phantastik. Man verglich sie mit Kulissen. Das hat etwas f\u00fcr sich, denn es betont ihre relative Selbst\u00e4ndigkeit. Da es bei Babel keine &#8222;Seelenlandschaften&#8220; gibt, bleibt die geographische Szenerie seiner Novellen frei von expliziter Psychologie. In &#8222;Berestetschko&#8220; gibt Babel der Landschaft drei Funktionen: die Geschichtlichkeit der Gegend aufzurufen; die sozialphysiologische Skizze des Grenzorts zu zeichnen, die ein Drittel der knapp drei Seiten einnimmt, und nat\u00fcrlich ihre Aufgabe nicht nur f\u00fcr &#8222;Berestetschko&#8220;, sondern f\u00fcr den ganzen Zyklus hat; und die aktuelle Atmosph\u00e4re der &#8222;f\u00fcnf Minuten&#8220; zu fixieren (&#8222;Die Stille des Sonnenuntergangs f\u00e4rbte die Gr\u00e4ser vor dem Schlo\u00df blau&#8230;&#8220; &#8211; &#8222;&#8230; sah \u00fcber Wiesen hin, wo Nymphen mit ausgestochenen Augen alte Reigen tanzten&#8220;). Der Wechsel der Einstellungen erfolgt \u00fcbergangslos. Auch die Landschaftsschilderung dient Babel dazu, die Assoziationsarbeit des Lesers durch genau berechneten Schnitt der Erkenntnis nutzbar zu machen. Wieviel M\u00fche Babel auf die richtige Anordnung der Elemente verwandte, ist gut zu verfolgen an Hand der Entw\u00fcrfe f\u00fcr &#8222;Kampf um Brody&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Tagebuch steht eine lange Eintragung vom 7. August 1920, beginnend mit: &#8222;Denkw\u00fcrdiger Tag. Morgens von Chotin nach Berestetschko.&#8220; Vergleicht man die Notiz mit der Novelle, so stellt man als Wichtigstes fest: Jeder Affekt, jedes Staunen, diese \u00e4u\u00dfere \u00dcberraschung des Moments ist fort. Aufgesucht ist der historische Angelpunkt des Staunenerregenden, \u00dcberraschenden. Und: der historische Angelpunkt f\u00fcr den Affekt des Tagebuchs. Denn die &#8222;Reiterarmee&#8220; erz\u00e4hlt zugleich, wie das Tagebuch aufgehoben wurde &#8211; bewahrt, potenziert und \u00fcberwunden. Im Brief vom 13. August 1920 hie\u00df es: &#8222;Ich habe hier zwei Wochen v\u00f6lliger Verzweiflung hinter mir, das kam von der rasenden Grausamkeit, die hier nicht eine Minute inneh\u00e4lt, und davon, da\u00df ich deutlich begriffen habe, wie ungeeignet ich f\u00fcr das Werk der Zerst\u00f6rung bin, wie schwer es mir wird, mich vom alten zu l\u00f6sen, von &#8230; dem, was vielleicht schlecht ist, f\u00fcr mich aber Poesie atmete wie der Bienenstock Honig; jetzt komme ich wieder zu mir, was soll da weiter sein &#8211; die einen werden die Revolution machen, und ich werde das singen, was sich abseits findet, was tiefer liegt, ich habe das Gef\u00fchl, da\u00df ich das kann und da\u00df daf\u00fcr Platz und Zeit sein wird.&#8220; Keine Dr\u00fcckebergerei. Es war die fr\u00fcheste Formulierung der Erz\u00e4hlperspektive der kommenden &#8222;Reiterarmee&#8220;. Noch undeutlich wie das ganze Werk im Jahre 1920. Ungef\u00fcge, kein Vergleich mit der exakten Tolstoi-Gegen\u00fcberstellung von 1937. &#8222;Abseits&#8220; bezog sich nicht auf einen Platz au\u00dferhalb der Revolution, und &#8222;tiefer&#8220; meinte die Tiefe der Revolution. Babel hat tats\u00e4chlich noch am Entferntesten, Ungeeignetsten das Au\u00dferordentliche des Neuen demonstriert und dieser neuen Au\u00dferordentlichkeit damit von vornherein die falsche Glorie versagt.<\/p>\n\n\n\n<p>Weder im Tagebuch noch in den Entw\u00fcrfen und Notizen gibt es einen Hinweis auf den Erz\u00e4hler.<\/p>\n\n\n\n<p>(Konzepte Leipzig  : S. 79-87)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jiddisches Erbe kommt herein, der tiefe Witz ostj\u00fcdischer Schw\u00e4nke, die Diesseitigkeit der chassidischen Lehre, die Weisheit der alten hebr\u00e4ischen B\u00fccher. Vom Gro\u00dfvater Levi Jizchok wird in der Novelle gesagt, er schreibe an einem Manuskript &#8211; dem &#8222;Mann ohne Kopf&#8220;. 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