{"id":161,"date":"2008-03-26T12:51:11","date_gmt":"2008-03-26T10:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=161"},"modified":"2008-04-12T12:11:26","modified_gmt":"2008-04-12T10:11:26","slug":"mittagessen-mit-eberhard-spengler-ein-sehr-sachliches-experiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=161","title":{"rendered":"Mittagessen mit Eberhard Spengler. Ein sehr sachliches Experiment"},"content":{"rendered":"<p>Die Serviette war aus bleichwei\u00dfem, gest\u00e4rkten Leinen. Eberhard Spengler l\u00fcftete sie vom Teller, entfaltete sie als h\u00e4tte er Geburtstag und somit \u00dcberraschungen zu erwarten &#8211; die Erwartung war das, was es auszukosten galt, &#8211; und wurde urpl\u00f6tzlich von dem Drang befallen, sie sich um den Hals zu legen und dann langsam immer fester zusammenzuziehen. Unter schwerem Atmen widerstand er diesem Drang. Eberhard Spengler war nicht der Typ f\u00fcr k\u00fchle Experimente. Mit verspannter Nackenmuskulatur und krampfhaft geschlossenen F\u00e4usten bem\u00fchte er sich um Haltung. Er wu\u00dfte, die Serviette mu\u00dfte aus seinem Blickfeld verschwinden, hier, jetzt, sofort. Das Radio spielte \u201eSunny\u201c, einer dieser Schlager aus den Siebzigern, die man in mittleren Restaurants um die Mittagszeit (warum sa\u00df Eberhard nicht in der Mitte des Raumes?) so h\u00e4ufig zu h\u00f6ren bekommt. F\u00fcr Eberhard Spengler klang dieser uns\u00e4gliche Refrain wie \u201eSchalli\u201c. Schalli, das war, hach ja, wie konnte er das vergessen &#8211; sein Kollege Gustav Schaller, der jetzt Kundenberater bei einem renommierten Bankhaus war. Gustav Schaller hatte Gl\u00fcck gehabt. Haarscharf vor dem ersten, m\u00f6glichen Griff nach der Zyankalikapsel hatte er den Job bekommen und die traurige Institution verlassen d\u00fcrfen, in der er, Eberhard Spengler, immer noch knechtete.<\/p>\n<p>Warten Sie nicht auf den Weihnachtsmann, Herr Spengler. Die Tageskarte liegt vor Ihnen. Heute ist Dienstag.<\/p>\n<p>Henriette Spengler \u00f6ffnete die T\u00fcr. Sie war erstaunt, Ihren Mann davor zu finden. Der sah aus, als h\u00e4tte er schon ein paar Schn\u00e4pse intus. Henriette Spengler war eine erfahrene Frau. Sie kannte die M\u00e4nner, sie kannte besonders ihren Mann und seine speziellen Bed\u00fcrfnisse. Den Vormittag hatte Henriette damit zugebracht, sich mit einem Rasierapparat, der eigentlich f\u00fcr ihre Unterschenkel gedacht war, das Deckhaar systematisch kurz zu scheren. Das war Henriettes Rache an der Welt, der Welt, die sich ihr nur in Form von Eberhard Spengler pr\u00e4sentierte. Eine kleine, kl\u00e4gliche, ja allt\u00e4gliche Welt, in der einzig und allein der totale &#8211; nein nicht Krieg &#8211; der totale Eberhard herrschte, eine Welt, in der schon bei Tagesanbruch der Glanz des absoluten und vollkommenen Eberhard schauerlich am Himmel erstrahlte. Jetzt war sp\u00e4ter Nachmittag und das Licht des Eberhard Spengler schon ein wenig blasser geworden.<\/p>\n<p>Doch gerade diese Bl\u00e4sse machte Henriette unsicher. Sie deutete ihr vage an, da\u00df etwas in ihrem Mann vorging, vorgegangen sein mu\u00dfte -, da\u00df da etwas nicht stimmte. \u201eGib mir meine Krawatte, Henriette\u201c, sprach Eberhard Spengler, ohne seine Frau zu gr\u00fc\u00dfen. Ich will sie dem M\u00e4dchen da unten am Flu\u00df schenken, das, wie Du wei\u00dft, jeden morgen und jeden Abend dort steht und \u00fcberlegt, ob sie nicht ins Wasser springen sollte. Sie wird nicht springen, das wei\u00df ich. Die Krawatte wird sie auf andere Gedanken bringen. Meine Liebe, denkst Du denn, eine Wasserleiche s\u00e4he sch\u00f6ner aus als ein M\u00e4dchen mit einer Krawatte um den Hals? Wenn Du jetzt nickst, wenn Du jetzt sagst, doch, ja ich k\u00f6nnte es mir vorstellen, dann wei\u00df ich, Du hast nie dar\u00fcber nachgedacht.\u201c<\/p>\n<p>Ja, Eberhard Spengler, da liegt dein Problem. Du denkst \u00fcber Dinge nach, die sp\u00e4ter weder passieren, noch andere interessieren, und weil st\u00e4ndig Dinge passieren, von denen du, Eberhard Spengler, nicht einmal den Hauch einer Ahnung hast, m\u00fc\u00dftest du das Denken eigentlich einstellen. . Siehst du, jetzt beugt sich Henriette vor, um dir einen Ku\u00df zu geben. Gleich wird es Abendbrot geben. Die Dinge geschehen ganz von selbst und dein Denken war nur Sand im Getriebe. Tsch\u00fcs, Eberhard!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Serviette war aus bleichwei\u00dfem, gest\u00e4rkten Leinen. 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