{"id":159,"date":"2008-03-25T00:17:01","date_gmt":"2008-03-24T22:17:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=159"},"modified":"2008-04-12T00:45:56","modified_gmt":"2008-04-11T22:45:56","slug":"subfebrile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=159","title":{"rendered":"Subf\u00e9brile"},"content":{"rendered":"<p>Was nun? Ein paar Abende hatte ich im Haus verbracht, jetzt stand ich auf dem wei\u00dfgekachelten Flur der Heilanstalt, ein Kind mit Z\u00f6pfchen, falschen Erwachsenenhandschuhen und rutschenden S\u00f6ckchen. Adressen vergisst man nicht. Sogar Gedichte hatte ich in meine Tasche geschoben. Ein Handgep\u00e4ck, innen verst\u00e4rkt f\u00fcr fragiles Transportgut. \u201eKomm in den totgesagten Park und schau&#8230;\u201c Gleich w\u00fcrde ich in norma\u00adlem Tempo an die Rezeption gehen und um einen Termin bei Dr. Malot bitten. Ein Schamgef\u00fchl l\u00e4hmte meine Zunge. Schwarzer Pelz. \u201eNormale Menschen sind hier ausverkauft!\u201c Dr. Malot hatte von einer \u201eVitalistischen Vernagelung mit pathologischer Tendenz in der Beziehung zur Welt\u201c gesprochen. Begriffen, eindeutig?, fragte er, zweideutig klang es. Ich nickte h\u00f6flich und bot meine Hilfe an, als mich Dr. Malot nach einer ersten Untersuchung bat, die Gl\u00fchbirne in der Wandleuchte auszu\u00adwechseln. Einweisung. Medizinischer Fachjargon. \u00a0<\/p>\n<p>Mittags kam mir Dr. Malot auf dem Korridor entge\u00adgen. Er forderte mich auf, ihm Gesellschaft zu leisten. Im Sprechzimmer bot er mir einen Ses\u00adsel an, in dessen Mulde man so bequem sa\u00df wie auf einer Folterbank. Dr. Malot fing ohne \u00dcber\u00adlei\u00adtung von meinem Krankheitsbild an. \u201eWissen Sie\u201c, sagte er, w\u00e4hrend er mir eine Zigarette ansteckte, Sie sind wirklich ein me\u00addizinischer Sonderfall. Eigentlich geh\u00f6ren Sie ins neunzehnte \u2013 allerh\u00f6ch\u00adstens ins fr\u00fche zwanzig\u00adste Jahrhundert. Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht ruhen m\u00fcssen, wer vertreibt Ihnen die Zeit? Wovon bezahlen Sie die Arztrechnungen?\u00a0 &#8230; verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht kr\u00e4nken, Frau &#8230; wie hei\u00dfen Sie noch mal?\u201c Ich sagte ihm kurz meinen Namen und t\u00e4uschte Gleichmut vor, indem ich den Rauch meiner Zigarette lang\u00adsam an die Decke blies. Dr. Malot verstand. \u201eNun, Sie haben ja im\u00admer noch die Wahl, sich zu trennen. Davon. Oder stehen Sie dem derart nahe, dass es Sie &#8230; na, sagen wir mal \u2013 eine \u00dcberwindung, ich meine eine Selbst\u00fcberwindung kosten w\u00fcrde, es uns oder sich selbst zu \u00fcberlassen?\u201c Die Folterbank wurde bequemer. \u201eIch \u2013 also die \u00c4rzteschaft und auch das Pflegepersonal sind Ihnen \u00e4u\u00dferst zugetan. Sie glauben ein Opfer zu sein? Ein Opfer Ihrer Krankheit, deren Sinn und Inhalt sie nicht verstanden haben. Es gibt leider auch keine deutsche Bezeichnung daf\u00fcr, sonst w\u00fcrde ich Sie Ihnen nennen. Doch, vielleicht. Dar\u00fcber m\u00f6gen andere urteilen.\u201c Ich war rot geworden. Dieser Mann war schlimmer als Doktor B\u00f6ck, der die Dinge wenigstens taktvoll in die Schwebe brachte. Und nun forderte er mich allen Ernstes heraus, diesen Begriff zu nennen. Ich nahm ein wei\u00dfes Blatt Papier von Dr. Malots Schreibtisch und malte ein schwarzes Haus darauf, das wie ein Buchstabe aussah, aber nur eine wirre Linie war. Dr. Malot nickte zufrieden. \u201eUnd gehen Sie zu Ihrem Freund. Er erwartet Sie in der Liege\u00adhalle.\u201c Ich sah an mir herunter. Ich trug eine Satinhose mit weiten Beinen, die enger fielen, sobald man auf\u00adstand. Langeweile. Nun in Ordnung. Dr. Malot legte die Stirn in Falten. \u201eIch erinnere mich an \u2013 ja, letzten Frei\u00adtag, gingen wir gemeinsam in das Caf\u00e9 am Opernplatz. Sie besuchen ausgew\u00e4hlte Caf\u00e9s? Nun, ich habe mich daran gehalten. Ihr Freund raucht, nun, also hatte ich franz\u00f6sische Zigaretten besorgen lassen. Wie wir so sa\u00dfen und plauderten \u2013 wissen Sie, ich habe selten ein so anregendes Ge\u00adspr\u00e4ch gef\u00fchrt, von vielem verstehe ich ja nichts. Wir \u00c4rzte sind Amputierte. Uns fehlt ein we\u00adsentliches Organ. Unsere Nerven sind zu abgestumpft \u2013 oder viel\u00adleicht besitzen wir gar keine. Ich sah Dr. Malot mit meinem k\u00fchlen M\u00e4rchenblick an. Er war gerissener als ich, er stand auf. Wir gingen in den steril gl\u00e4nzen\u00adden Flur. Es fiel mir schwer, mit Dr. Malot Schritt zu halten. Da jedoch mein inneres Tempo auf Hochtouren stellte mein Mund Dr. Malot unaufh\u00f6rlich Fragen. Er kam tat\u00ads\u00e4chlich hier und da in Erkl\u00e4rungsn\u00f6te. \u201eSie sind ein schlaues Frauenzimmer, das muss man Ihnen lassen. Meine Erfahrung mit Frauen beschr\u00e4nkt sich auf \u2013 bitte verzeihen Sie mir dieses Wort \u2013 Kuriosit\u00e4ten, ja ich sammle Kuriosit\u00e4ten &#8230; w\u00e4hle meine weiblichen Bekannt\u00adschaften nach dem Grad ihrer Extrava &#8230; ihrer Abweichung von der Norm &#8230;\u201c Dr. Malot verwirrte sich, schluckte ein paarmal und fand dann zu seiner alten Haltung zur\u00fcck. \u201eH\u00f6ren Sie. Sie sind viel zu klug, als dass sie meine Befremdung nicht verstehen w\u00fcrden. Sie sind so etwas wie ein Rubin, ein Aquamarin in meinem Frauenkabinett &#8230; Sie sind ein &#8230;\u201c \u201eWerden Sie nicht poetisch, Herr Dr. Malot. Ich habe ein ganzes M\u00e4n\u00adnerkabinett in meinem Wandschrank, falls Sie das interessiert. Postkarten von toten Dichtern. Und den Aqu\u00adamarin trage ich an meiner linken Hand.\u201c Ich hielt Dr. Malot meine Hand entgegen, an welcher der Stein wie transparentes Was\u00adser leuchtete. \u201eKommen Sie bitte zum Punkt, wir sind gleich in der Liegehalle. Sie gehen zu schnell.\u201c Wir waren tats\u00e4chlich eine ganze Weile den Gang entlang gelaufen ohne irgendwo anzukommen, wahrscheinlich hatten wir einen Umweg ge\u00admacht. \u201eSie tragen einen Aquamarin? Merkw\u00fcrdig, dass mir das erst jetzt auff\u00e4llt, wo Sie es sagen.\u201c Dr. Ma\u00adlot schnaufte. Der Korridor bog jetzt wieder seitw\u00e4rts ab und mir schien, als seien wir hier vollkommen falsch. Aber ich ver\u00adtraute mich Dr. Malots F\u00fchrung an. Seine scheinbare Lan\u00adgeweile zeigte bereits Symptome einer inne\u00adren Ge\u00adspanntheit. \u201eDies ist ein ordentliches Hospital, ja ein ordentliches.\u201c Wir waren stehengeblieben und lehnten jetzt unter einem hohen Bogenfenster. Dahinter ein Garten, in dem Patienten ihre Runden dre\u00adhen durften. Wie Lustwandler. Spazierg\u00e4nger in spe. Ich sp\u00fcrte, dass mein Sprechapparat mir nicht gehorchte. Deshalb \u00fcberlie\u00df ich Dr. Malot das Wort und starrte nur unbewegt auf seinen wei\u00dfen Kittel. Ein Chefarzt in guter Position trifft sich mit einer snobistischen Kranken, die \u00fcber k\u00f6rperliche Affekte, die ja nun einmal zur Natur des Menschen \u2013 besser des Menschentie\u00adres \u2013 geh\u00f6ren, so spricht, als seien sie etwas Einzigartiges, nur ihr Geh\u00f6ri\u00adges. Komm in den totgesagten Park und schau&#8230;\u201c \u201eDreimal habe ich im letzten Winter die Grippe gehabt. Mein Freund hat danach immer gleich die Kleider gewechselt und die Bilder signiert, die er von mir malt, auch wenn sie noch feucht waren. Dann hat er sie ins Licht geh\u00e4ngt. Wenn nach mir eine andere Frau oder ein Mann zum Modellstehen kamen, was sich selten ereignete, da niemand bereitwillig \u2013 f\u00fcr \u2018nen Appel und \u2018n Ei, Herr Dr. Malot \u2013 \u00a0\u2018ne Lungen\u00adentz\u00fcndung riskiert, hat er immer zu mir gesagt \u2018Das Licht ist dein\u2019. Pathos war sein \u2013 ganz klar&#8230;\u00a0 jedenfalls.. die anderen Bilder hingen danach &#8230; auch im Licht, weil der Raum das so vorschreibt, aber nie waren sie \u2013 signiert.\u201c Dr Malot kramte in seinem Kittel. \u201eHier haben Sie ein wirksames Grippemittel, f\u00fcr den n\u00e4chsten Winter.\u201c Ich steckte es ein. Mit einem Mal standen wir in einer Halle, die ich heller in Erinnerung hatte. Vielleicht war es auch nicht dieselbe. Einige Kranke lungerten faul in ihren Sesseln, bl\u00e4tterten in Magazinen und hofften auf Genesung. Als sie Dr. Malot erblickten, gr\u00fc\u00dften sie verhalten. Der \u00fcber\u00adtriebene Respekt vor \u00c4rzten war ihnen mit der Muttermilch eingefl\u00f6\u00dft worden. Ich stand vor einer dreifl\u00fcgligen Glast\u00fcr, \u00fcber der das kaum noch lesbare Schild \u201eLiegehalle\u201c etwas schief in ver\u00adrenkten Buchstaben angebracht war Dr. Malot dr\u00fcckte die Klinke. Das Kind mit Z\u00f6pfen und rutschenden S\u00f6ckchen folgte ihm. Die Handschuhe hatte ich mir heruntergezogen. \u201eWir k\u00f6nnen nichts mehr f\u00fcr Sie tun.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was nun? Ein paar Abende hatte ich im Haus verbracht, jetzt stand ich auf dem wei\u00dfgekachelten Flur der Heilanstalt, ein Kind mit Z\u00f6pfchen, falschen Erwachsenenhandschuhen und rutschenden S\u00f6ckchen. Adressen vergisst man nicht. Sogar Gedichte hatte ich in meine Tasche geschoben. 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