{"id":1557,"date":"2012-05-04T19:54:23","date_gmt":"2012-05-04T18:54:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1557"},"modified":"2012-05-04T19:54:23","modified_gmt":"2012-05-04T18:54:23","slug":"nietzsche-i","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1557","title":{"rendered":"Nietzsche I."},"content":{"rendered":"<p>Derrida nimmt seine Kamera zur Hand und h\u00e4lt sie auf einen Menschen mit Schnauzbart. Er dreht am Objektiv. N\u00e4her h\u00e4tte er diesem Mann nie kommen k\u00f6nnen, so versteckt hinter der Linse, so stechend dieses dunkle Braun seiner Augen und so tief hinein, bis fast auf den glasklaren Grund seiner Seele.<\/p>\n<p>Dieser braun\u00e4ugige Mann hie\u00df Nietzsche. Er litt an den allzu feinen Z\u00fcgen seines Gesichtes. Und an der Angst, die sein tiefen Blick den anderen machte. Und er litt darunter, sich st\u00e4ndig Gedanken zu machen \u00fcber Gott und die Sehnsucht, \u00fcber die Lust am L\u00e4stern und die Vergeblichkeit des Denkens \u00fcberhaupt. Er litt halt gerne. Verdammt gerne, wenn er ehrlich h\u00e4tte sein m\u00fcssen, ehrlicher als er es ohnehin schon war.<\/p>\n<p>Also konnte Derrida ihm nur mit einer Kamera nahe kommen. Sie liebten sich eh schon lange, auch wenn Nietzsche noch nichts davon wusste. Vielleicht wollte er auch nichts davon wissen. Das aber spielte keine wesentliche Rolle. Jemanden nicht vereinnahmen wollen und dennoch ganz nahe bei ihm zu sein, ihn nehmen zu wollen und doch ganz bei sich zu lassen, sich gehen zu lassen: bei sich haben und verausgaben in einem \u2013 das ist seine Vorstellung von Liebe, also unm\u00f6glich?<\/p>\n<p>Das Anderssein des Anderen zu achten. Eine Aufforderung, die befreit. N\u00e4he und Distanz zugleich! Es entsteht ein Rhythmus, der belebt. <\/p>\n<p>Derrida nimmt sich zu Herzen, was Nietzsche, im \u201eGewissen\u201c seiner \u201eMetho\u00adde\u201c, die nie eine festgelegte, sondern immer eine aus der jeweiligen Situation sich ergebende Methode ist, ohne dass sie beliebig und damit unkommunikativ wird, gefordert hat: \u201edem Menschen seinen All\u00adgemeincharakter immer mehr zu nehmen und ihn zu spezialisiren, bis zu einem Grade <em>unverst\u00e4ndlicher<\/em> f\u00fcr die Anderen zu machen (und damit zu einem Gegenstand der Erleb\u00adnisse, des Staunens, der Belehrung f\u00fcr sie)\u201c<a href=\"\/\/\/C:\/Users\/Willi\/Desktop\/Kurzgeschichten\/Frau%20(bei)%20Nietzsche.doc#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><!--[if !supportFootnotes]-->[1]<!--[endif]--><\/a>. Kurz gesagt, sieht Derrida durch seine Linse einen Nietzsche, der auf einzigartige und einsame Weise die \u00c4sthetik des Blicks mit der Ethik des Gewissens verbindet. <\/p>\n<p>Warum aber spricht er ihn mit \u201eFrau (bei) Nietzsche\u201c an? <\/p>\n<p>Will Derrida seine Ehrfurcht vor ihm verbr\u00e4men, um die eingefahrene Situation aufzulockern? Oder will er Nietzsche provozieren, um ihn so zu einem gew\u00f6hnlichen Menschen zu machen? Sicherlich stimmt von allem etwas. Wir wollen uns hier nun beruhigen, indem wir Kant mit seinem buckligen R\u00fcckgrad ans Ufer rudern lassen und sagen h\u00f6ren, dass wir alles behaupten k\u00f6nnen, nur nicht, dass wir etwas wissen, vor allem nicht \u00fcber die menschliche Seele und die Motive und Beweggr\u00fcnde des Handelns. Er, Kant, war ja ansonsten ein freundlicher Einzelg\u00e4nger, und auch die auffallend enge Bindung zu seinem Pudel stie\u00df auf einvernehmliches Achselzucken, aber in einer Sache lie\u00df er nicht mit sich spa\u00dfen; da konnte er grantig und unangenehm werden so unangenehm, dass man das Zutrauen zu all seinem sonstigen lieblichen Benehmen beinahe g\u00e4nzlich verlor. Niemand k\u00f6nne je verurteilt werden wegen seiner inneren Motive, allein die ver\u00e4u\u00dferten, also seine Handlungen m\u00f6gen ins Urteil fallen. So sei ein Urteil mithin nur gesichert, wenn es dem jeweiligen Recht entspreche, oder aber im inneren Dialog mit sich selbst und der \u00dcbereinstimmung des Gewissens, ansonsten alles andere zur Krankheit der Seele und damit des K\u00f6rpers f\u00fchre. Wie anders als \u00fcber den Leib k\u00f6nne die Seele derweil sprechen. Oder anders herum: Warum sind so viele Menschen krank?<\/p>\n<p><!--[if !supportFootnotes]-->  <\/p>\n<hr width=\"33%\" size=\"1\" align=\"left\" \/>  <!--[endif]--><\/p>\n<p><p><a href=\"\/\/\/C:\/Users\/Willi\/Desktop\/Kurzgeschichten\/Frau%20(bei)%20Nietzsche.doc#_ftnref1\" name=\"_ftn1\"><!--[if !supportFootnotes]-->[1]<!--[endif]--><\/a>\u00a0\u00a0  Dies ist eine unver\u00f6ffentlichte Notiz aus Nietzsches Nachlass aus dem Herbst 1880 (Nachgelassene Fragmente; Bd. 9, 6 [158]). &#8211; N\u00e4heres zum \u201eGewissen der Methode\u201c wollte Nietzsche unbedingt in seinem ver\u00f6ffentlichten Buch <em>Jenseits von Gut und B\u00f6se<\/em> sagen (Kap. 5, Aph. 36), was er auch getan hat.\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derrida nimmt seine Kamera zur Hand und h\u00e4lt sie auf einen Menschen mit Schnauzbart. Er dreht am Objektiv. 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