{"id":15522,"date":"2022-05-27T10:00:29","date_gmt":"2022-05-27T09:00:29","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15522"},"modified":"2022-05-31T22:11:03","modified_gmt":"2022-05-31T21:11:03","slug":"echo-auf-das-ende-von-eddy","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15522","title":{"rendered":"Echo auf: Das Ende von Eddy"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u00c9douard Louis, Das Ende von Eddy<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Vater<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da ist mein Vater. Als er geboren wurde, 1967, gingen die Frauen des Dorfs noch nicht ins Krankenhaus, sondern entbanden zu Hause. Seine Mutter brachte ihn auf dem v\u00f6llig verdreckten Sofa zur Welt, es war voller Staub, Hunde- und Katzenhaare und Dreck, wegen der immer schlammigen Schuhe, die niemand auszieht, wenn er das Haus betritt. Im Dorf gibt es nat\u00fcrlich asphaltierte Stra\u00dfen, aber auch viele <em>Feldwege<\/em>, die immer noch existieren, wo Kinder spielen, unbetonierte Sand- und Schotterwege an den Feldr\u00e4ndern und Gehwege aus gestampfter Erde, die an Regentagen zu schlammigem Treibsand werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bevor ich zur Mittelschule ging, machte ich mehrmals in der Woche Fahrradtouren auf den <em>Feldwegen<\/em>. Ich klemmte kleine St\u00fcckchen Karton in die Speichen, damit mein Fahrrad klang wie ein Motorrad, wenn ich in die Pedale trat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vater meines Vaters trank viel, Pastis und Wein aus F\u00fcnf-Liter-Kartons, wie die meisten M\u00e4nner des Dorfs. Sie kaufen das im L\u00e4dchen, die au\u00dferdem als Kneipe und Tabakwarenladen dient und wo man auch Brot bekommt. Man kann seine Eink\u00e4ufe dort zu jeder Zeit t\u00e4tigen und braucht nur bei den Inhabern anzuklopfen. Sie sind immer f\u00fcr einen da.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Vater trank viel, und wenn er betrunken war, schlug er seine Mutter. Pl\u00f6tzlich drehte er sich zu ihr um und fing an, sie zu beschimpfen, bewarf sie mit allem, was ihm in die Finger kam, manchmal sogar mit einem Stuhl, und dann schlug er sie. Mein Vater war noch zu klein und ein schm\u00e4chtiges Kind, er sah ohnm\u00e4chtig zu und fing stillschweigend an, ihn zu hassen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das alles hat nat\u00fcrlich nicht er mir erz\u00e4hlt. Mein Vater redete nicht, jedenfalls nicht \u00fcber so etwas. Das tat meine Mutter, ihrer Rolle als Frau entsprechend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eines Morgens \u2013 mein Vater war f\u00fcnf Jahre alt \u2013 verschwand sein Vater f\u00fcr immer, ohne Vorwarnung. Das hat meine Gro\u00dfmutter mir erz\u00e4hlt, die ebenfalls die Familiengeschichten weitergab (wiederum die Frauenrolle). Sie lachte noch viele Jahre sp\u00e4ter dar\u00fcber, gl\u00fccklich, dass sie dann endlich von ihrem Mann befreit war <em>Eines Tages ist er in die Fabrik auf Arbeit gegangen und nicht zum Abendessen gekommen, wir haben auf ihn gewartet<\/em>. Er war Fabrikarbeiter, er brachte das Geld nach Hause, und als er verschwand, stand die Familie mittellos da, kaum genug zu essen f\u00fcr sechs, sieben Kinder.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das hat mein Vater nie vergessen, er sagte, so dass ich es h\u00f6ren konnte <em>Der dreckige Hurensohn hat uns sitzenlassen, meine Mutter, ohne alles, auf den schei\u00df ich<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Am Tag, als der Vater meines Vaters starb, f\u00fcnfunddrei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter, sa\u00dfen wir im Wohnzimmer, vorm Fernseher, en famille.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Vater wurde von seiner Schwester angerufen, oder aus dem Heim, in dem sein <em>Alter<\/em> seine letzte Lebenszeit verbrachte. Wer auch immer da anrief, sagte, <em>Dein \u2013 Ihr \u2013 Vater ist heute fr\u00fch verstorben, Krebs, aber vor allem eine zerschmetterte H\u00fcfte, nach einem Unfall, die Wunde hat sich entz\u00fcndet, wir haben alles versucht, aber wir haben ihn nicht retten k\u00f6nnen.<\/em> Er war auf einen Baum gestiegen, um \u00c4ste zu beschneiden, und hatte den abges\u00e4gt, auf dem er selbst sa\u00df. Als sie das am Telefon h\u00f6rten, mussten meine Eltern derart lachen, dass sie eine ganze Weile aus der Puste waren. <em>Den Ast abs\u00e4gen, auf dem er draufsitzt, der Bl\u00f6dmann, das musst du erst mal bringen.<\/em> Der Unfall, die zerschmetterte H\u00fcfte. Als er das erfuhr, konnte sich mein Vater vor Freude kaum halten (\u2026)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Aus: \u00c9douard Louis, Das Ende von Eddy. Aus dem Franz\u00f6sischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Frankfurt a.M. 2015. 7. Auflage 2019. S. 18f.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Meine Eltern<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mein Vater ist Lotse. Zwei Drittel des Monats verbringt er an Bord. Meine Mutter arbeitete bei der Hafenverwaltung, bevor sie vor zwei Jahren in Ruhestand ging. Der Hafen lag weit weg am Rand der Stadt, sie kam deshalb alle zwei Tage nach Hause und nahm sich dann zwei Tage frei. Das hei\u00dft, meine Eltern haben nur ungef\u00e4hr f\u00fcnf Tage im Monat, um wirklich miteinander zusammen zu sein, was eigentlich, meiner Meinung nach, das Geheimnis ihrer dauerhaften Ehe ist. Die konzentrierten Streite in diesen f\u00fcnf Tagen, oder mit ihrem Wort, ihre Art zu kommunizieren, reicht f\u00fcr eine normale Familie das ganze Quartal aus. Noch spannender, sie haben eine kraftvolle Stimme. So ruft mich meine Mutter vom Wohnzimmer aus, als bef\u00e4nde ich mich nicht im anderen Zimmer in derselben Wohnung, sondern in einem anderen Berg. Ich habe es gehasst, als Kind mit ihnen zusammen einkaufen zu gehen, denn 90 Prozent w\u00fcrden sie dann im Laden wegen irgendeines Krams anfangen, auf ihre Art zu kommunizieren, und das Zentrum der Aufmerksamkeit sein, wobei ich nur hilflos daneben wartete und hoffte, mich in eine der Erdbeeren im Einkaufswagen verwandeln zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt muss ich komischerweise an ein M\u00e4rchen von Oscar Wilde denken. Ein Riese kam bei einem Freund zu Besuch. Nach sieben Jahren hatte er alles gesagt, was er zu sagen hatte, und ging nach Hause. Ich wei\u00df nicht, ob es das Grundprinzip aller Beziehungen ist. Vielleicht l\u00f6scht die Liebe aus, wenn alles ausgesprochen wird, was man sagen will. Vielleicht sind meine Eltern doch ziemlich gl\u00fccklich, immer miteinander streiten zu wollen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Jing Lin<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eOma Darmstadt\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der tiefe Schmerz, damals, am Ufer des Tejo, nach der R\u00fcckkehr aus England. Die sieben Jahre w\u00e4hrende Beziehung war am Ende, und ich dachte an die andere Gro\u00dfmutter, Mutter des Vaters, \u201eOma Darmstadt\u201c, an die ich kaum Erinnerungen hatte, an dieses Fehlende, Ausgesparte, Verbannte, den blinden Fleck in der Familie. \u201eOma Lene\u201c sollte bald sterben, sechsundneunzigj\u00e4hrig. Sie war immer Sonne gewesen, Licht, sie hatte gelitten, doch wohlhabend, nicht wie die andere, \u201eOma Darmstadt\u201c, die sich das Leben genommen hatte (zwanzig Jahre waren vergangen), der finanziellen Hilfe durch ihre Kinder bed\u00fcrftig, der Vater an erster Stelle. Sie ertrug die Schmerzen nicht mehr, schrieb sie in dem Brief, den sie hinterlie\u00df. War es dieser Schmerz, der sich, zwanzig Jahre sp\u00e4ter, in Lissabon in Erinnerung brachte? Oder war es eine andere Erinnerung? Ich sa\u00df am Ufer, im Licht eines zu Ende gehenden Tages, und das Licht traf auf den Schmerz, machte ihn klar und bewu\u00dft. Etwas Neues begann. Die Z\u00e4sur war da. Mehr wu\u00dfte ich noch nicht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Markus Sahr<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Brief an die Mutter<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Kind scheinst du gl\u00fccklich gewesen. Deine Mutter war immer da, sorgend, f\u00fcrsorglich, vielleicht nur allzu besorgt, zu \u00e4ngstlich. Eine starke Frau, emanzipiert f\u00fcr ihre Zeit, doch einsam, seit sie selbst als Kind zu den Gro\u00dfeltern weggegeben und erst sp\u00e4ter, nach der Geburt der Geschwister, ihrer Stiefgeschwister, wieder zur\u00fcckgeholt worden war, um der Mutter bei der Erziehung der beiden j\u00fcngeren Kinder zu helfen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Als Mutter hielt sie die Hand \u00fcber dich, vielleicht eben zu sehr. Doch autorit\u00e4r war sie nicht. Das besorgte dein Vater.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das gl\u00fcckliche Kindergesicht, das im Wald zur Mutter aufschaut. Ein Idyll inmitten des Kriegs oder kurz vor dessen Ausbruch. Wie alt warst du auf diesem Bild? Das Licht zwischen den B\u00e4umen, den St\u00e4mmen, selbst auf dem alten, leicht vergilbten Schwarzwei\u00dffoto wirkt das Licht wie ein Kegel, in dessen Mitte du stehst, neben der Mutter. Du hast die H\u00e4nde ineinandergelegt, tr\u00e4gst ein helles Kleid, es sieht aus, als hieltest du einen kleinen Strau\u00df Blumen zwischen den H\u00e4nden, und schaust l\u00e4chelnd, den Kopf leicht zur\u00fcckgelehnt, zur Mutter. Sie hat einen Arm gegen den Baum gelegt, der andere f\u00e4llt locker an ihrer Seite herab. Sie tr\u00e4gt einen breitkrempigen Hut, ein Kleid mit halblangen \u00c4rmeln. Auch sie l\u00e4chelt, schaut zum Betrachter, dem Fotografen des Bilds, vermutlich, sehr wahrscheinlich, ihrem Mann, deinem Vater. Es k\u00f6nnte ein blaues Kleid sein, es reicht bis zu den Knien, f\u00e4llt noch dar\u00fcber. Unter dem Kleid tr\u00e4gt sie dunkle Str\u00fcmpfe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">1940 hast du auf die R\u00fcckseite des Fotos geschrieben, weiter nichts. Es k\u00f6nnte der Gonsenheimer Wald sein, die B\u00e4ume stehen dicht, doch lassen sie Platz genug f\u00fcr das einfallende Licht. Es scheint hell ringsum, hohes Gras w\u00e4chst zwischen den B\u00e4umen, von der Sonne geflutet.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du bist etwa vier Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Von einem Krieg in Polen, einem Einmarsch in Frankreich wei\u00dft du nichts. Nichts davon ist zu ahnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war ein Kind w\u00e4hrend der ersten RAF-Gewalttaten, ich verstand nicht, was ich im Fernsehen sah, zwischen Flipper und Skippy, dem Buschk\u00e4nguruh, wenn wir zu Filmen und Abendnachrichten zu Tante Anni und Onkel Hans hinaufgingen, in den vierten Stock. Doch ich erinnere mich an deine Stimme, deinen Lynchjustiz fordernden, unnachgiebigen Ton, deinen wie aus einer offenen Muschel aufquellenden Ha\u00df. Selbst heute noch meine ich, das Dach oder die Fassade des Frankfurter \u201eKaufhof\u201c zu sehen, kalt und in Schwarzwei\u00df, und dazu deine Stimme zu h\u00f6ren, ein w\u00fctendes Maschinengewehr, ein Trommelfeuer explodierender, sich \u00fcberst\u00fcrzender Silben, die den Tod der Beteiligten fordern, den Strang, ja, ich meine sogar, deine S\u00e4tze begannen mit der Vorstellung, was du h\u00f6chstpers\u00f6nlich mit ihnen tun w\u00fcrdest.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Alle Verben galten der physischen Vernichtung der Gegner. Das Wort \u201eBande\u201c klang aus deinem Mund wie ein Brandschatz. Du kanntest kein Halten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Vielleicht, denke ich heute, dachtest du dabei an deine eigene Mutter, die selbst in einem \u201eKaufhof\u201c arbeitete, wenn auch nicht in Frankfurt. Doch aus deinem Mund kam der Krieg, das Sch\u00fctzenfeuer, fuhren Panzer und detonierten die Bomben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Du holtest den betrunkenen Vater aus den Kneipen der Nachbarschaft, warst ein junges M\u00e4dchen, eine junge Frau schon. Es war die Zeit nach dem Krieg, Anfang der 50er Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Vater war bei der Marine gewesen, in Wilhelmshaven oder Hamburg, er wollte es \u201eden Engl\u00e4ndern zeigen\u201c, ein gl\u00fchender Nazi war er nicht. Die Uniform stand ihm. Ein langer Mantel betonte die \u00e4u\u00dferlich schlanke Gestalt. Seine Frau, deine Mutter, soll ihm frischen Spargel aus Mainz nach Wilhelmshaven gebracht haben, mit dem Auto, w\u00e4hrend des Kriegs.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sein Magen rebellierte, sein Mundwerk war lose, er verlor die Uniform, trug wieder Zivil. Geschehen ist ihm nichts.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Autos gab es am Ende des Kriegs nur noch wenige. Zuvor hatten viele im Hof deiner Eltern gestanden. Das Grundst\u00fcck, das deine Mutter von ihrer Aussteuer gekauft hatte, unweit des Rheins, mitten in der Stadt, war der Autos wegen umgestaltet worden. Statt eines gro\u00dfen Gartens, wie zuvor, Stellpl\u00e4tze f\u00fcr die Wagen. Dein Vater,&nbsp; gelernter Mechaniker, fuhr Paare im offenen Wagen zur Kirche, zur Hochzeit. Der Fuhrpark im einstigen Garten &#8211; ein Taxiunternehmen. Auch deine Mutter fuhr, stolz auf ihren F\u00fchrerschein, als noch lange nicht alle Frauen einen solchen besa\u00dfen, geschweige denn Auto fuhren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt ein Foto von dir, schon als junge Frau, Lehrm\u00e4dchen in einem B\u00fcrobetrieb, da legst du die Hand auf die Klinke eines gro\u00dfen, feudalen Wagens. Alle Lehrm\u00e4dchen durften das, einzeln, und wurden dabei fotografiert. Der Wagen geh\u00f6rte einem Vorgesetzten. Die junge Frau, fast ein M\u00e4dchen noch, im langen Rock, sch\u00fcchtern, stolz, die Hand auf der Klinke der Wagent\u00fcr. Etwa so, wie man Kinder in meiner Generation mit einem Ball in der Hand oder einem Telefonh\u00f6rer auf einer Decke fotografierte. Autos waren in deinem Leben immer wichtig. Sie waren die neue wie die alte Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In den Jahren nach dem Krieg, als du deinen Mann kennenlerntest, meinen sp\u00e4teren Vater, da war es die Fahrt nach Italien. Die Fahrt in den Urlaub, nach Rimini oder an die venezianische K\u00fcste, zu einer Zeit, da kaum jemand \u00fcberhaupt daran dachte, mit dem Auto zu verreisen. Oder es sich jedenfalls nicht leisten konnte. Einen F\u00fchrerschein hattest du nicht. Es war dein sp\u00e4terer Mann, blutjung noch, wie du, der den F\u00fchrerschein machte und das vom Schwiegervater hergerichtete, geliehene Auto fuhr.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch offenbar gab es einen Bruch zwischen dem gl\u00fccklich erscheinenden M\u00e4dchen und der sp\u00e4teren Frau. War es die Heirat mit dem falschen Mann? Das Kind, das du nicht wolltest? Der Verzicht auf die Arbeit, als das Kind in die Schule kam? Das Haus? Das Haus, das ihr gebaut habt und das dich aufs \u201eLand\u201c verbannte?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Spur der Familie f\u00fchrt zur\u00fcck zum 27. Februar, der Bombennacht, die 1945 nicht nur die Stadt zerst\u00f6rte, unz\u00e4hlige individuelle Leben und Heime, sondern auch, sichtbar nach Jahren erst, die Identit\u00e4t der \u00dcberlebenden. Als sie sich aus den Tr\u00fcmmern befreiten, in notd\u00fcrftigen Unterk\u00fcnften die Familie der Mutter, die noch dreizehn Jahre nach dem Krieg in Ruinen lebte, oder in neu gefundenen H\u00e4usern, die die Bombenn\u00e4chte einigerma\u00dfen unbeschadet \u00fcberstanden hatten, vollzog sich, unmerklich noch, der Abschied von der alten Stadt, und endg\u00fcltig begraben wurde diese mit dem H\u00e4userbau der Wunderjahre. Hier kamen die Generationen zusammen, in neu errichteten Mauern, mit den alten Geschichten, ohne Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Geist blieb dem Alten verhaftet, er entwarf sich nicht, er setzte Grenzen, die verst\u00e4ndlich sein mochten von fr\u00fcher her, die jedoch ausschlossen von einer Entwicklung. Es war ein unfruchtbarer Neuanfang, steril und kinderlos, selbst dort, wo es Kinder gab.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich sehe uns, dunkel, in einem matt beleuchteten Raum, in einer Ecke der fr\u00fcheren, der ersten K\u00fcche in der Neustadt noch, die Decke ist schr\u00e4g, ein Tisch, eine Bank oder St\u00fchle stehen in dieser Ecke, gedr\u00e4ngt, ich h\u00f6re deine Stimme, die von Corned Beef spricht, Fleisch aus der Dose, das schmeckt. Die Stimme ist hell, sie bietet das violette, rosafarbene Fleisch an, preist es, offenbar ist es wichtig, der Vater ist anwesend und doch nicht, ich sehe ihn nicht, h\u00f6re ihn nicht sprechen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Markus Sahr<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c9douard Louis, Das Ende von Eddy Mein Vater Da ist mein Vater. Als er geboren wurde, 1967, gingen die Frauen des Dorfs noch nicht ins Krankenhaus, sondern entbanden zu Hause. 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