{"id":15442,"date":"2022-05-17T01:05:05","date_gmt":"2022-05-17T00:05:05","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15442"},"modified":"2022-05-23T22:43:17","modified_gmt":"2022-05-23T21:43:17","slug":"bellizistische-schuettelreime-ueber-die-letzten-tage-der-menschheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15442","title":{"rendered":"Bellizistische Sch\u00fcttelreime \u00fcber die letzten Tage der Menschheit"},"content":{"rendered":"\n<p>Die meisten Medien haben Partei ergriffen. Die im allgemeinen oberfl\u00e4chliche und sensationalistische Berichterstattung, die mangelnden Kenntnisse vieler Journalisten, die schwarzwei\u00dfe Schilderung der Ereignisse formen in der \u00d6ffentlichkeit das Feindbild des \u201everbrecherischen B\u00f6sen\u201c. Doch Stereotypen und Verallgemeinerungen sind gef\u00e4hrlich. Was die Rede von \u201eden Juden\u201c in Deutschland ausgel\u00f6st hat, ist allseits bekannt. Genauso voreingenommen ist es, von \u201eden Deutschen\u201c zu reden und \u201edie Nazis\u201c zu meinen. Oder &#8222;den Russen&#8220;, &#8222;den Ukrainern&#8220;, &#8222;den Chinesen&#8220;, &#8222;den Taiwanesen&#8220;, den &#8222;Amerikanern&#8220; usw. usf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Weltkrieg l\u00f6ste in b\u00fcrgerlichen und intellektuellen Kreisen europaweit Kriegsbegeisterung aus &#8211; die sich heute v\u00f6llig unerwartet zu wiederholen scheint. Vorreiter waren\/sind Autoren, Philosophen und Politiker, deren Verbalattacken den Boden f\u00fcr eine dumpfe, nationalistische Stimmung bereiten. In einem lyrischen \u201eH\u00f6henflug\u201c wurden Unmengen von Gedichten an die Presse gesandt, Sch\u00e4tzungen aus Deutschland reichen von 50.000 Gedichten pro Tag bis zu 1,5 Millionen allein im August 1914 (Andrea Stangl). Auf den Listen derer, die der euphorischen Stimmung erlagen \u2013 schriftlich und teilweise auch als Freiwillige im Kriegsdienst \u2013, findet sich das \u201eWho is Who\u201c der damaligen Zunft, darunter Hermann Bahr, Alfred D\u00f6blin, Hermann Hesse, Gerhard Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, Richard von Schaukal, Georg Trakl, Anton Wildgans und andere. Als Kriegsberichterstatter wirkten Alexander Roda Roda und Felix Salten, Robert Musil redigierte eine Soldatenzeitung und Stefan Zweig, Rainer Maria Rilke, Alfred Polgar, Felix Salten, Rudolf Hans Bartsch, Franz Karl Ginzkey und Franz Theodor Csokor verdingten sich wenigstens zeitweise im Kriegsarchiv, um Propagandaschriften zu verfassen, was Rilke ironisch als \u201e<em>Heldenfrisieren<\/em>\u201c bezeichnete.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Wir wollen den Krieg verherrlichen, \u2013 diese einzige Hygiene der Welt \u2013 den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die sch\u00f6nen Ideen, f\u00fcr die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.<\/em>\u201c (Filippo T. Marinetti, <em>Futuristisches Manifest<\/em> in <em>Le Figaro, 1909<\/em>)<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Es ist immer das gleiche, so langweilig, langweilig, langweilig &#8230; Gesch\u00e4he doch einmal etwas. (&#8230;) Oder sei es auch nur, da\u00df man einen Krieg beg\u00e4nne, er kann ungerecht sein. Dieser Frieden ist so faul \u00f6lig und schmierig wie eine Leimpolitur auf alten M\u00f6beln.<\/em>\u201c (Georg Heym in seinem Tagebuch, 1910)<\/p>\n\n\n\n<p> \u201e<em>Japan ist eine Mottenplage, Menageriev\u00f6lker wie die Serben und Montenegriner sind vollends indiskutabel.<\/em>\u201c (Egon Friedell)<\/p>\n\n\n\n<p>Du Deutschland und du \u00d6sterreich,<br \/>auf auf nun zieht ins Feld.<br \/>Es haben sich viel Schuft rings<br \/>gegen euch gestellt<br \/>Gebt dem Ru\u00df einen Schu\u00df<br \/>dem Franzos auf die Hos<br \/>dem gr\u00f6\u00dften Schuft, dem Oberschuft<br \/>dem Britt\u00b4 einen Tritt<br \/><br \/>Der Britte hat bar Geld bezahlt<br \/>den Schuften gelb und wei\u00df<br \/>sie sollen Deutschland-\u00d6sterreich<br \/>erschla\u00b4n auf sein Gehei\u00df<br \/>Gebt dem Japs einen Klaps<br \/>schlagt den Serben zu Scherben<br \/>vom schwarzen Berg den Hammeldieb<br \/>dem Dieb gebt Hieb\u00b4<br \/><br \/>Der Britte dachte schlau: Goddam!<br \/>Sechs Schufte, das ist viel<br \/>die damned Germans schlagen wir<br \/>das ist nur Kinderspiel<br \/>Gebt dem Ru\u00df einen Schu\u00df<br \/>dem Franzos auf die Hos<br \/>dem gr\u00f6\u00dften Schuft, dem Oberschuft<br \/>dem Britt\u00b4 einen Tritt<br \/><br \/>Der Britt soll sich verrechnet han<br \/>zwei Starke ziehn das Schwert<br \/>und haun die Schufte kurz und klein<br \/>so wie es sich geh\u00f6rt<br \/>Gebt dem Japs einen Klaps<br \/>schlagt den Serben zu Scherben<br \/>vom schwarzen Berg den Hammeldieb<br \/>dem Dieb gebt Hieb\u00b4<br \/><br \/>Text und Musik: Arnold Mendelsohn (1914) \u201eJeder Sto\u00df ein Franzos. Neue Kriegslieder\u201c, Jena 1914. Verlegt bei Eugen Diederichs:<br \/><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder-Schuss-Eugen-Diederichs.png?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"532\" height=\"704\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder-Schuss-Eugen-Diederichs.png?resize=532%2C704&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-15446\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder-Schuss-Eugen-Diederichs.png?w=532&amp;ssl=1 532w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder-Schuss-Eugen-Diederichs.png?resize=227%2C300&amp;ssl=1 227w\" sizes=\"auto, (max-width: 532px) 100vw, 532px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Ernst Lissauer (1882 \u2013 1937) galt als der deutscheste aller j\u00fcdischen Autoren (Walter Berendsohn), lehnte es aber ab, sich christlich taufen zu lassen, um nicht zum Verr\u00e4ter zu werden. Stefan Zweig sagte von ihm: \u201eEr war der preu\u00dfischste oder preu\u00dfisch assimilierteste Jude, den ich kannte. .. und der gutm\u00fctigste Mensch, den man sich denken konnte. Mit allen seinen L\u00e4cherlichkeiten musste man ihn doch gern haben, weil er warmherzig, kameradschaftlich, ehrlich und von einer d\u00e4monischen Hingabe an seine Kunst war.\u201c 1914 lie\u00df er sich vom nationalen Pathos mitrei\u00dfen und schrieb einen \u201eHa\u00dfgesang gegen England\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>Was schert uns Russe und Franzos,<br \/>Schuss wider Schuss und Sto\u00df wider Sto\u00df<br \/>Wir lieben sie nicht<br \/>Wir hassen sie nicht<br \/>Wir sch\u00fctzen Weichsel und Wasgenpass<br \/>Wir lieben vereint<br \/>Wir hassen vereint<br \/>Wir haben nur einen einzigen Feind:<br \/>England<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Adolf-Hofmann-Jeder-Schuss.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"374\" height=\"600\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Adolf-Hofmann-Jeder-Schuss.jpg?resize=374%2C600&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-15447\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Adolf-Hofmann-Jeder-Schuss.jpg?w=374&amp;ssl=1 374w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Adolf-Hofmann-Jeder-Schuss.jpg?resize=187%2C300&amp;ssl=1 187w\" sizes=\"auto, (max-width: 374px) 100vw, 374px\" \/><\/a><figcaption>Jeder Schuss ein Russ, jeder Sto\u00df ein Franzos &#8230;,&nbsp; Propagandapostkarte 1914, \u00d6sterreichische Nationalbibliothek<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder_Schuss-%E2%80%93-ein-Russ.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"595\" height=\"384\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder_Schuss-%E2%80%93-ein-Russ.jpg?resize=595%2C384&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-15450\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder_Schuss-%E2%80%93-ein-Russ.jpg?w=595&amp;ssl=1 595w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Jeder_Schuss-%E2%80%93-ein-Russ.jpg?resize=300%2C194&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 595px) 100vw, 595px\" \/><\/a><figcaption>Wohlfahrts-Karte des Vaterl\u00e4ndischen Frauenvereins, Provinzialverein Berlin zum Besten der Kriegsf\u00fcrsorge, Vertrieb: Norddeutscher Export-Verlag: <em>Jeder Schu\u00df \u2013 ein Russ\u2019! Jeder Sto\u00df \u2013 ein Franzos\u2019! Nun woll\u2019n wir sie mal dreschen!<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eJeder Schuss ein Russ! \u2013 Jeder Sto\u00df ein Franzos! Jeder Tritt ein Britt! \u2013 Serbien muss sterbien!\u201c Der letzte Reim wird Felix Salten zugeschrieben, Redakteur der Wiener Zeitung <em>Die Zeit<\/em>, Verfasser des ersten pornographischen Romans <em>Josefine Mutzenbacher<\/em>, Beitragender f\u00fcr Theodor Herzls Zeitschrift <em>Die Welt<\/em> und im Jahrzehnt vor 1914 \u201egefragt, ber\u00fchmt, ungeheuerlich produktiv\u201c. Vom Kriegsausbruch war Salten begeistert. Von ihm stammte die Parole der <em>Neuen Freien Presse<\/em>: \u201eEs mu\u00df sein!\u201c W\u00e4hrend des Krieges war Salten als Blattmacher beim <em>Fremdenblatt<\/em>, der Zeitung des \u00f6sterreichischen Au\u00dfenministeriums, einer der ma\u00dfgeblichen Kriegspropagandisten. 1927 \u00fcbernahm Salten von Arthur Schnitzler die Pr\u00e4sidentschaft des \u00f6sterreichischen P.E.N.-Clubs. Als P.E.N.-Pr\u00e4sident wurde er in eine Auseinandersetzung mit Nazi-Deutschland hineingezogen, bewies \u201ewenig Scharfsinn\u201c und trat zur\u00fcck &#8230;<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:27px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Serbien-sterbien.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Serbien-sterbien.jpg?resize=700%2C394&#038;ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-15454\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Serbien-sterbien.jpg?w=700&amp;ssl=1 700w, https:\/\/i0.wp.com\/inskriptionen.de\/wp-content\/uploads\/2022\/05\/Serbien-sterbien.jpg?resize=300%2C169&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 700px) 100vw, 700px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<h1 class=\"wp-block-heading\">Karl Kraus: Die letzten Tage der Menschheit<\/h1>\n\n\n\n<p>\u201eDie unwahrscheinlichsten Taten, die hier gemeldet werden, sind wirklich geschehen! Ich habe gemalt, was sie nur taten. Die unwahrscheinlichsten Gespr\u00e4che, die hier gef\u00fchrt werden, sind w\u00f6rtlich gesprochen worden; die grellsten Erfindungen sind Zitate &#8230; In dieser gro\u00dfen Zeit, die ich noch gekannt habe, wie sie so klein war; die wieder klein werden wird, wenn ihr noch dazu Zeit bleibt; (&#8230;) in dieser lauten Zeit, die da dr\u00f6hnt von der schauerlichen Symphonie der Taten, die Berichte hervorbringen, und der Berichte, welche Taten verschulden: in dieser da verm\u00f6gen Sie von mir kein eigenes Wort erwarten.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Zu Beginn des Ersten Weltkriegs war Karl Kraus ein Verehrer des Thronfolgers. Anl\u00e4sslich des Attentats in Sarajewo verfa\u00dfte er einen Nachruf auf Franz Ferdinand, der er in seiner Zeitschrift <em><strong>Die Fackel<\/strong><\/em> im Sommer 1914 ver\u00f6ffentlichte. Seine Einstellung ver\u00e4nderte sich mit dem Grauen und der Inhumanit\u00e4t des Krieges. Er sympathisierte mit der Sozialdemokratie, verurteilte in der Folge die Habsburger, vor allem aber den deutschen Kaiser Wilhelm II. \u2013 aus seiner Sicht waren die Politiker gemeinsam mit den Milit\u00e4rs f\u00fcr diesen &#8222;Weltenbrand&#8220; verantwortlich.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Gebrauchsanweisung:<\/strong><\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Verfolgst du k\u00e4mpfend den Franzosen,<br \/>So gib ihm t\u00fcchtig auf die Hosen,<br \/>Begegnest du dem S\u00f6ldner-Britten,<br \/>So regaliere ihn mit Tritten,<br \/>Siehst du von weitem schon den Ru\u00df,<br \/>So vorbereite dich zum Schu\u00df.<\/em>\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, der Ausl\u00f6schung der Menschheit durch den Kosmos. Alle Menschen erweisen sich als unw\u00fcrdig, auf dieser Welt zu leben, weil sie die Unmenschlichkeit und Grausamkeit des Krieges zulie\u00dfen und deshalb auch zu Grunde gehen m\u00fcssen. \u201e<em>Ich habe es nicht gewollt<\/em>\u201c, ist der letzte Satz der \u201eStimme Gottes\u201c im Drama \u2013 tats\u00e4chlich ein Zitat von Wilhelm II.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Medien haben Partei ergriffen. Die im allgemeinen oberfl\u00e4chliche und sensationalistische Berichterstattung, die mangelnden Kenntnisse vieler Journalisten, die schwarzwei\u00dfe Schilderung der Ereignisse formen in der \u00d6ffentlichkeit das Feindbild des \u201everbrecherischen B\u00f6sen\u201c. Doch Stereotypen und Verallgemeinerungen sind gef\u00e4hrlich. Was die Rede von \u201eden Juden\u201c in Deutschland ausgel\u00f6st hat, ist allseits bekannt. 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