{"id":15343,"date":"2022-04-29T10:07:08","date_gmt":"2022-04-29T09:07:08","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15343"},"modified":"2022-04-29T12:17:07","modified_gmt":"2022-04-29T11:17:07","slug":"echo-auf-bei-dao-das-blaue-haus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15343","title":{"rendered":"Echo auf: Bei Dao, Das blaue Haus"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit dem Sommersemester beginnt eine neue Folge von &#8222;Ecos da escrita&#8220; &#8211; Echos auf ausgew\u00e4hlte Textausschnitte. In der Schreib\u00fcbung in Germersheim reagieren Studentinnen in dieser Woche auf einen Text des ersten chinesischen \u00dcbersetzers von Tomas Transtr\u00f6mers Gedichten, den Lyriker und Essayist Bei Dao. (Aus rechtlichen Gr\u00fcnden folgt hier nur ein kurzer Auszug aus Bei Daos Text.)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bei Dao, Das blaue Haus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1 &nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Das blaue Haus liegt auf einer kleinen Insel nahe Stockholm, es ist das Landhaus des schwedischen Dichters Tomas Transtr\u00f6mer. Es ist winzig und alt. Es kann die strengen Winter in Schweden nur \u00fcberstehen, weil es immer wieder repariert und gestrichen wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Ende M\u00e4rz dieses Jahres ging ich nach Stockholm auf eine Konferenz, die deprimierend und langweilig war, wohl so wie Konferenzen \u00fcberall auf der Welt. Einen Tag vor der Abreise hatten Annika und ich uns zu einem Besuch bei Tomas in Vasteras verabredet. Von Stockholm bis zu dieser Stadt braucht man zwei Stunden. Annika f\u00e4hrt einen roten Saab. Der Himmel war d\u00fcster, ab und zu fielen Schneeflocken. Der Fr\u00fchling hatte in diesem Jahr auf sich warten lassen, die tr\u00fcbseligen W\u00e4lder lagen noch in tiefem Schlaf, die Felder gaben sich graublau, kahl lagen sie da, hoben und senkten sich mit der Fahrbahn.<\/p>\n\n\n\n<p>(In: Bei Dao, Gottes chinesischer Sohn. Essays. \u00dcbersetzt von Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2012)<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Julie Schneider, Besuch bei der alten Dame<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das erste was ich in Bukarest tat war, mich zu verlaufen. Kaum am Bahnhof angekommen (Gleis zwei, 11:28), ging es schon los: es kostete mich ganze zehn Minuten, den Ausgang zu finden, da ich sofort zielstrebig in die falsche Richtung gelaufen war und es erst bei Gleis 14 realisierte. Als ich es dann endlich geschafft hatte, dem Bahnhof zu entkommen, holte ich meinen Notizzettel mit der Wegbeschreibung zu Gro\u00dftante Ioanas Adresse heraus. <em>Sollte nicht allzu schwer sein<\/em>, dachte ich mir in meiner Naivit\u00e4t. <em>Eine Viertelstunde zu Fu\u00df, da lohnt sich ein Taxi nicht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Und so begann ich, voller Zuversicht durch die mal breiten und geraden, mal schmalen und gewundenen Stra\u00dfen Bukarests zu marschieren. Immerhin war ich hier aufgewachsen, die Wegbeschreibung war vermutlich ohnehin \u00fcberfl\u00fcssig. Abgesehen von einigen neuen Gesch\u00e4ften und Baustellen hatte sich nicht allzu viel ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine halbe Stunde sp\u00e4ter verwandelte sich mein strammes Schritttempo allm\u00e4hlich in ein gem\u00e4\u00dfigtes Schlurfen, immer wieder unterbrochen von Pirouetten, wenn ich mich verwirrt umsah. Irgendetwas stimmte nicht. Ich h\u00e4tte schon l\u00e4ngst an dem Kiosk bei der Baumallee vorbeikommen sollen; stattdessen stand ich vor einer Statue von George Enescu. Definitiv stimmte da was nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Reflexartig zog ich mein Handy aus der Tasche und klappte es auf, nur um es direkt wieder zuzuklappen. Gro\u00dftante Ioana hatte kein Telefon, was bedeutete, dass nur eine Person blieb, die ich h\u00e4tte anrufen k\u00f6nnen \u2013 und das kam gar nicht in Frage. Bevor ich zu solch einer Verzweiflungstat herabsinken w\u00fcrde, br\u00e4uchte es schon mehr als 30 Minuten Umhergeirre in Bukarest.<\/p>\n\n\n\n<p>Genaugenommen brauchte es zwei Stunden Umhergeirre in Bukarest, wie ich anderthalb Stunden sp\u00e4ter feststellte. Die Sonne brannte unnachgiebig auf mein erhitztes Gesicht, der Schwei\u00df lief mir den Nacken hinab, und ich hatte mindestens drei Blasen an den Fersen. Nun gut, dann sollte es wohl so sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem leidenden Seufzer zog ich mein Handy erneut hervor und w\u00e4hlte die Nummer meiner Cousine Alina. Es kostete mich immense Willenskraft, auf die Anruftaste zu dr\u00fccken und beinahe ebenso viel, um nicht direkt aufzulegen, als sich die vertraute n\u00e4selnde Stimme meldete: \u201eHat der Zug sich verlaufen oder du?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs w\u00e4re lieb, wenn du mich abholen w\u00fcrdest\u201c, knurrte ich so h\u00f6flich wie m\u00f6glich zur\u00fcck und schaute mich nach einem Stra\u00dfenschild um. Meine G\u00fcte, war mein Rum\u00e4nisch eingerostet. \u201eIch bin beim, \u00e4h\u2013 Carol Park.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Wo<\/em>?\u201c Ich sp\u00fcrte den Luftzug ihres ver\u00e4chtlichen Schnaubens f\u00f6rmlich in meinem Ohr. \u201eDu bist hoffnungslos.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und bevor ich durch wortloses Auflegen ein Zeichen setzen konnte, hatte sie schon aufgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten Minuten verbrachte ich damit, mein Rum\u00e4nisch wieder aufzufrischen, indem ich s\u00e4mtliche mir bekannten Schimpfw\u00f6rter vor mich hin grummelte. Als mein Wortschatz ersch\u00f6pft war, trat ich zum Abschluss gegen eine M\u00fclltonne, setzte &nbsp;mich auf eine Bank im Schatten und wartete.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zeit verstrich, und ich begann bereits zu bef\u00fcrchten, dass Alina mich eiskalt hier sitzen lassen w\u00fcrde, da bog endlich ein kleiner, klappernder Volkswagen um die Ecke. Ich erkannte das Auto sofort&nbsp;\u2013 meine Eltern hatten es mir nach dem Schulabschluss geschenkt, doch da ich wenige Monate sp\u00e4ter zum Studium nach Frankreich gezogen war, hatten sie es an Alina weitergegeben. Nicht, dass ich darauf neidisch gewesen w\u00e4re; ich hatte jetzt sowieso mein eigenes Auto. Einen Porsche.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillkommen in <em>meiner<\/em> bescheidenen Heimatstadt\u201c, rief mir Alina zu. Das Fenster auf der Fahrerseite war heruntergekurbelt, und sie lie\u00df einen Arm l\u00e4ssig heraush\u00e4ngen. Ihr Blick hinter der knallrot umrahmten Sonnenbrille war undurchdringlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich rollte mit den Augen und setzte mich ohne ein Wort auf den Beifahrersitz. Dann \u00fcberlegte ich, ob ich nicht vielleicht doch etwas zu unh\u00f6flich war \u2013 immerhin hatten wir uns seit Jahren nicht gesehen und sie war eben zu meiner Rettung gekommen. \u201eHi\u201c, sagte ich.<\/p>\n\n\n\n<p>Alina sagte nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein \u201eDu mich auch\u201c ging im Aufbrummen des Motors unter, als wir uns in Bewegung setzten. Die ersten Minuten verbrachten wir in Schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKeine Ahnung, wie du es geschafft hast, den Weg nicht zu finden\u201c, murmelte Alina schlie\u00dflich. \u201eDas war die einfachste Wegbeschreibung, die man sich vorstellen kann.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ich r\u00e4usperte mich pikiert. \u201eIch muss falsch abgebogen sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, so um die f\u00fcnfzig Mal. Gut, dass wir keine Abk\u00fcrzungen dazugeschrieben haben, sonst w\u00e4rst du jetzt wahrscheinlich in Bulgarien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMan wird sich doch wohl mal in der Stra\u00dfe irren d\u00fcrfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa ja, du warst ja seit Jahren nicht mehr hier. Da kann man schon mal alles komplett vergessen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann dich in Toulouse herumf\u00fchren, wenn du irgendwann vorbeikommst\u201c, gab ich zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein danke. <em>Ich <\/em>bin vollauf zufrieden damit, hierzubleiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNat\u00fcrlich. Vielen Dank, dass du extra f\u00fcr mich das Haus verlassen hast, das muss ein gro\u00dfes Opfer gewesen sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alina schnaubte, und dieses Mal klang es weniger herablassend und mehr stocksauer. \u201eIch kann dich gerne im n\u00e4chsten Stra\u00dfengraben absetzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein danke\u201c, sagte ich schnell. Von da an redete ich kaum noch und lie\u00df stattdessen Alina jede Ecke und Gasse Bukarests kommentieren, als h\u00e4tte ich noch nie einen Fu\u00df in die Stadt gesetzt. Der nervigste Audioguide der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Endlich tauchte vor uns die vertraute Silhouette unseres alten Familienhauses auf. Ich warf einen Blick auf die Uhr: die Fahrt hatte nur 15 Minuten gedauert. 15 Minuten, die mindestens doppelt so lang gewesen waren wie die zwei Stunden davor. Wie lang w\u00fcrde dann erst das Wochenende hier werden?<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Magdalena Loska, Gespr\u00e4che in vier W\u00e4nden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie jeden Mittwochnachmittag, sa\u00dfen wir zusammen in der Runde und besprachen die kommenden Arbeitsaufgaben f\u00fcr die n\u00e4chste Woche. Nach Abschluss des Meetings erz\u00e4hlte uns Eran, der Verantwortliche f\u00fcr uns Volont\u00e4re, von einem Anruf, den er vor Kurzem erhalten hatte. Ein \u00e4lterer Mann namens Michael, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland nach Israel gekommen war, hatte erfahren, dass in unserer Einrichtung j\u00e4hrlich deutsche Volont\u00e4re ein freiwilliges Jahr absolvierten. Sehr gerne w\u00fcrde er sich wieder mit jemandem in seiner Muttersprache unterhalten, ein bisschen Computerhilfe k\u00f6nnte er auch gebrauchen. Ich meldete mich sofort. Wo sonst h\u00e4tte ich die M\u00f6glichkeit gehabt, Geschichten von einer Person zu h\u00f6ren, die mir von den 1930-er Jahren in Deutschland, von Flucht und Krieg und von einem Land erz\u00e4hlen konnte, das vor 80 Jahren noch einen anderen Namen trug als heute, und wo dort, wo heute Stadt ist, fr\u00fcher W\u00fcste war? An einem Mittwochabend im November machte ich mich auf den Weg zu unserem ersten Treffen. Michael und Miriam wohnten nicht weit von meiner Wohnung in der Katzenelson entfernt. Die Stra\u00dfe hoch, an der Bushaltestelle vorbei, an der ich so oft am Wochenende sa\u00df. Nach Fahrpl\u00e4nen- und Zeiten sucht man hier vergeblich. Stattdessen holt man sich eine Falafel um die Ecke, setzt sich auf die Bank und wartet. Vielleicht kommt man am Abend noch an der Klagemauer in Jerusalem oder auf der Party in Tel Aviv an. An der Haltestelle geradeaus, an sch\u00f6nen Einfamilienh\u00e4usern vorbei, die so typisch f\u00fcr Kiryat Tivon sind, erreichte ich das Gartentor von Michael und Miriam. Ich versp\u00fcrte sofort Sympathie diesem \u00e4lteren Ehepaar gegen\u00fcber, das vor kurzem seinen 70. Hochzeitstag feierte. Sie geh\u00f6rten zu denjenigen, die zwar fast ihr gesamtes Leben in Israel verbracht hatten, aber sich nie an die Hitze und Trockenheit des Landes gew\u00f6hnen konnten, und die eine gewisse Aura von der Eleganz des alten Europa ausstrahlten. Ich fing die Unterhaltung auf Hebr\u00e4isch an, sie unterbrachen mich in flie\u00dfendem Deutsch. Ich war \u00fcberrascht, dass Michael nach all der Zeit seine Muttersprache nicht vergessen hatte und sie so flie\u00dfend sprach, als w\u00e4ren keine Jahrzehnte und Kriege vergangen. Sogar Miriam und seinen zwei T\u00f6chtern hatte er seine Muttersprache beigebracht. Es \u00fcberraschte mich nicht nur die Tatsache, dass er noch Deutsch sprechen konnte, sondern vielmehr, dass er es wollte. Ich wusste vom Israel des vergangenen Jahrhunderts, auf dessen Stra\u00dfen die verschiedensten Sprachen Europas zu h\u00f6ren waren. Aber die meisten Menschen dieses Landes, auf der Suche nach einer neuen, gemeinsamen Sprache und Identit\u00e4t, hatten sich schon vor langer Zeit von ihren Muttersprachen und Heimaten verabschiedet, die oftmals an schmerzhafte Erinnerungen gekn\u00fcpft waren. Vor mir stand jemand, der augenscheinlich weniger Probleme damit hatte als ich, die deutsche Sprache in Israel zu sprechen. Schon nach dem ersten Treffen und dem gemeinsamen Abendessen versp\u00fcrte ich eine tiefe Verbundenheit den beiden gegen\u00fcber. Und somit trafen wir uns jeden Mittwochabend. Michael wurde schnell zu dem Gro\u00dfvater, den ich niemals gehabt hatte. Unsere Treffen hatten einen routinierten Ablauf: Michael und ich gingen in sein Arbeitszimmer, in dem wir vor seinem Computer Platz nahmen. Manchmal stellte er mir Fragen zur Internetnutzung, manchmal schauten wir uns philosophische YouTube-Videos an, aber immer erz\u00e4hlte er. Wenn er den Computer ausmachte und das Abendessen noch nicht fertig war, erz\u00e4hlte er von Krieg, Flucht, dem Ankommen und dann wieder von Krieg. All diese Gespr\u00e4che fanden in seinem Arbeitszimmer statt, denn wenn er beim Abendessen weiter erz\u00e4hlen wollte, unterbrach ihn Miriam. Sie wollte nichts mehr von Krieg h\u00f6ren, geschweige denn dar\u00fcber sprechen. Es schien, als h\u00e4tte sie das Wort \u201eKrieg\u201c mit all ihren Erinnerungen in eine Schublade gepackt und den dazugeh\u00f6rigen Schl\u00fcssel vor allen versteckt. Nicht selten war ich etwas dar\u00fcber entt\u00e4uscht, dass ich das Ende einer Erz\u00e4hlung nicht mehr h\u00f6ren konnte, aber konnte ich es ihr ver\u00fcbeln? Nat\u00fcrlich nicht. Michael kam mit 13 Jahren aus K\u00f6ln nach Israel (damals noch Pal\u00e4stina), Miriam mit neun aus einem Teil Russlands, dessen Grenzen im Laufe der Zeit verschwammen, und der sp\u00e4ter zu Rum\u00e4nien wurde und heute Moldawien ist. Beide verlie\u00dfen noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ihre jeweilige alte Heimat &#8211; nicht ahnend, dass weitere Kriege in ihrer neuen Heimat auf sie warten w\u00fcrden. Wenn Michael sprach, schwieg Miriam. Und somit gew\u00f6hnten wir uns an, die T\u00fcr seines Arbeitszimmers vor Miriam zu verschlie\u00dfen. Er erz\u00e4hlte von seiner Mutter, die psychisch krank geworden war, als sein Vater die Familie verlassen hatte und mit seiner neuen Frau nach Argentinien ausgewandert war. Kurze Zeit sp\u00e4ter wurde seine Mutter in eine Psychiatrie eingewiesen. Michael konnte sich noch genau an den Tag erinnern, als er mit drei Jahren von den Erziehern des K\u00f6lner Kinderheimes abgeholt wurde. Er versteckte sich unter seinem Bett in der Hoffnung, dass man ihn nicht finden w\u00fcrde. Gewaltsam wurde er mit seinem Bruder und seiner Schwester aus dem Haus gezogen und in ein Kinderheim gebracht. Bei einem seiner Besuche in der Psychiatrie, nicht ahnend, dass es der letzte sein w\u00fcrde, nahm seine Mutter ihn bei der Hand und f\u00fchrte ihn zum See. Sie wollte ihn und sich ertr\u00e4nken. In letzter Sekunde wurde eine der Pflegekr\u00e4fte auf sie aufmerksam. Michael sah seine Mutter nie wieder. Die Patienten dieser Psychiatrie waren mitunter die ersten, die ein paar Jahre sp\u00e4ter von Nationalsozialisten ermordet wurden. Als Michael 13 Jahre alt war, gewannen er und sein Freund durch ihre guten sportlichen Leistungen ein Ticket nach Israel. Das K\u00f6lner Kinderheim, in dem sein Bruder und seine Schwestern blieben, verlie\u00df 1942 die Stadt in Richtung Minsk. Als sie ankamen, wartete schon das Erschie\u00dfungskommando auf sie. W\u00e4hrend er mir all das erz\u00e4hlte, zitterten seine gro\u00dfen H\u00e4nde. Michael hatte Parkinson. In seinen Augen, die sich tief hinter der dicken, orangenen Brille versteckten, sah ich den Schmerz und gleicherma\u00dfen das Verlangen danach, seine Geschichte zu erz\u00e4hlen. Mit seinen Kindern und Enkelkindern konnte er all das nicht teilen, denn sie bef\u00fcrchteten, dass sich sein gesundheitlicher Zustand durch seine Reise in die Vergangenheit verschlechtern w\u00fcrde. W\u00e4hrend er sprach, blickte ich immer wieder auf das gro\u00dfe Schwarzwei\u00dfbild seiner Geschwister auf der Wand. Ich h\u00f6rte seiner zittrigen Stimme zu, und gleichzeitig h\u00f6rte ich immer wieder meine eigene Stimme im Kopf: weine nicht vor ihm. Ich sah mich nicht im Recht, den Tr\u00e4nen freien Lauf zu lassen, die er unterdr\u00fcckte. Jede Woche erz\u00e4hlte mir Michael ein Kapitel aus dem Buch seines Lebens. Wenn ich nicht vor Ort in Israel war, dann f\u00fchrten wir unsere Gespr\u00e4che am Telefon weiter. Jeden Mittwochabend. Ein paar Jahre sp\u00e4ter erkrankte er an schwerer Demenz. In einem Wutanfall, verschuldet durch die Krankheit, riss er das gro\u00dfe Schwarzwei\u00dfbild seiner Geschwister von der Wand. Das letzte Mal, als ich ihn sah, war kurz vor seinem Tod in einem Pflegeheim. Auf der Hinfahrt im Taxi bereitete mich Miriam darauf vor, dass er mich vielleicht nicht erkennen w\u00fcrde. Michael sa\u00df in einem Rollstuhl im Garten und blickte auf die Landschaft. Als ich mich zur Begr\u00fc\u00dfung zu ihm hinunterbeugte, nahm er mein Gesicht in seine zitternden H\u00e4nde und fragte mich, was ich mir zu meinem Geburtstag n\u00e4chste Woche w\u00fcnschte. Nat\u00fcrlich hatte er diesen nicht vergessen. Wir sa\u00dfen zusammen im Garten und ich versuchte nicht daran zu denken, dass es das letzte Mal sein k\u00f6nnte. Ein paar Wochen sp\u00e4ter starb Michael friedlich im Schlaf. Und wenn ich an ihn denke, dann sehe ich uns beide in seinem Arbeitszimmer sitzen. Ich sp\u00fcre seine gro\u00dfen, zittrigen H\u00e4nde auf meinen, und ich blicke auf das gro\u00dfe Schwarzwei\u00dfbild seiner Geschwister an der Wand.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem Sommersemester beginnt eine neue Folge von &#8222;Ecos da escrita&#8220; &#8211; Echos auf ausgew\u00e4hlte Textausschnitte. 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