{"id":15184,"date":"2022-03-22T21:46:07","date_gmt":"2022-03-22T20:46:07","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15184"},"modified":"2023-08-06T16:58:02","modified_gmt":"2023-08-06T15:58:02","slug":"in-der-steilwand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15184","title":{"rendered":"In der Steilwand"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, <em>ENG. WEIT. HIER. NOCH<\/em>, k\u00f6nnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine \u201epoetische Autobiografie\u201c, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singul\u00e4r, sondern repr\u00e4sentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, <em>ENG. WEIT. HIER. NOCH<\/em>, k\u00f6nnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine \u201epoetische Autobiografie\u201c, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singul\u00e4r, sondern repr\u00e4sentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. Die ersten drei Einsilber des Titels gewinnen durch den Punkt eine H\u00e4rte und Pr\u00e4gnanz, die auf Existenzielles schlie\u00dfen l\u00e4sst. Alle vier enthalten jedoch auch so viel Suggestivit\u00e4t, dass sich hinter jedem Definitionskreis neue Horizonte \u00f6ffnen. Das Fehlen des Punktes nach \u201eNOCH\u201c verweist auf solche Offenheit. Der Titel ist daher Programm nicht nur im Inhaltlichen, sondern auch bei der Kompositionsweise. Fruth folgt Ezra Pounds bekanntem Diktum \u201eDichten = condensare\u201c, indem er in diesem Sp\u00e4twerk Erlebtes auf seine Essenz zur\u00fcckf\u00fchrt, sprachlich, bildlich, emotionsbezogen, wobei die Narrativit\u00e4t einer Autobiografie auf Blitzlichtaufnahmen einzelner Szenen, Erinnerungen und Eindr\u00fccke reduziert wird. \u201eIn der Steilwand\u201c etwa beschreibt die von einem Haus nach der Bombardierung \u00fcbrig gebliebenen Tr\u00fcmmer: \u201eDarunter ragte ein Rest vom Boden, \/ aus dessen Kante Stroh hervorkam \/ und aufgewelltes Stragula, \/ Platz f\u00fcr ein Paar Schuhe und \/ einen, der sehr aufrecht steht\u201c. Dieser Schluss verschl\u00e4gt einem den Atem, wie \u00fcberhaupt viele der Gedichtabschl\u00fcsse an die Wucht der Coda-Couplets von Shakespeare-Sonetten erinnern. Die Angst vor dem Absturz, dem passionierten Bergsteiger Michael Fruth wohlbekannt, erfasst hier das ganze Leben, die ganze Kunst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fruth ist in der anglo-amerikanischen Dichtung zu Hause, und seine Verwendung von Freivers und <em>open form<\/em> lassen einen oft an die amerikanische Tradition seit William Carlos Williams denken. Hierzu geh\u00f6rt die Vorstellung von Dichtung als nicht abschlie\u00dfbarem Prozess. Fruth revidiert seine Texte immer wieder, selbst wenn sie bereits publiziert wurden: seine Internet-Lesung beim Leipziger Literaturverlag wich an vielen Stellen von der gedruckten Fassung ab. Wie um dieses Prinzip zu illustrieren, enth\u00e4lt der vorliegende Band zwei Versionen desselben Gedichts, \u201eNachfolge\u201c, einmal in knapperer Form im ersten Teil, \u201eENG.\u201c, im Kontext von Familie, Herkunft, Nachkommen; zum anderen etwas ausf\u00fchrlicher im Schlussteil, \u201eNOCH\u201c, im Kontext von Tod und Verg\u00e4nglichkeit. Beide Male ist die Platzierung plausibel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kindheit, die erste \u201eStation\u201c, beginnt bereits mit der unehelichen Zeugung, die \u201ein alchemistischem Eifer\/ einen Fremden mit fremdem Geschick\u201c schafft, dazu eine schwierige Mutterbeziehung, auch die unausweichliche Vatersuche, einen Fremden, der die Unentschiedenheit der Mutter potenziert, sich \u201ein diese Mischung aus Ja und Nein \/ in jener nicht mehr jungen Frau\u201c zw\u00e4ngt. Der Lebensbeginn wird im Titel des ersten Gedichtes \u201ebezeugt\u201c: die Identit\u00e4tssuche wird zu Thema und Text. Wie Kurt Vonnegut als junger Kriegsgefangener erlebt der Autor als Einj\u00e4hriger die Bombennacht von Dresden. Mit dem Gedicht \u201eSlaughterhouse\u201c spielt er auf den gro\u00dfen Anti-Kriegsroman des Amerikaners an. Dessen nivellierender Kommentar zu jedem erz\u00e4hlten Todesfall, \u201eso it goes\u201c, findet hier ein \u00c4quivalent im Takt des Maschinengewehrfeuers der Tiefflieger: \u201edein Leben und deins ist weniger wert als \/ dasdasdasdasdas. \/ Und das\u201c. Auch die kindliche Angst im dunklen Kohlenkeller wird erinnernd lebendig, \u201eNicht nur, wenn ein besonders \/ stumpfes Schwarz erscheint \/ wie neulich abends am Berggrat \/\/ im klobigen Karst der Fleck \/ aus weicher Erde, so sinnlos \/ weit \u00fcber h\u00f6chstem Gr\u00fcn\u201c; sie wird hier aber zugleich in ein Gem\u00e4lde aus Farben, Alliterationen und Assonanzen sublimiert, wie sie immer wieder in diesem Buch erstehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die epigenetische Forschung hat gezeigt, dass fr\u00fchkindliche Traumata sp\u00e4ter nicht etwa \u00c4ngstlichkeit, sondern Risikobereitschaft hinterlassen. So mag man schlie\u00dfen, dass Fruths Weg vom Dresdener Feuersturm \u00fcber das Berlin der Kindheit notwendig in die Abenteuerreisen sp\u00e4terer Jahre gef\u00fchrt hat: ein Jahr auf der Panamericana, jener l\u00e4ngsten Stra\u00dfe der Welt, die den amerikanischen Doppelkontinent von Alaska bis Feuerland verbindet, drei Jahre in Indien, wo die Begegnung mit dem Fremden zur Erkundung des fremden Selbst werden sollte, dazu andere L\u00e4nder, die ihre Erinnerungsspuren hinterlassen. Dies ist das Thema der zweiten Station, \u201eWEIT.\u201c, deren Titelwort verbatim und metaphorisch zu verstehen ist. Bei den Gedichten, die die Erinnerungen an Indien aufgreifen und transformieren, steht nicht der Poona-Aufenthalt des Dichters im Mittelpunkt, sondern die Begegnung mit den Obdachlosen, den Entstellten, den Leichenverbrennungen, aber auch, humorvoll und selbstironisch, mit dem Abjekten, wenn in dem die Yoga-Studien parodierenden Gedicht \u201eUnterweisung\u201c der Besuch einer Bahnhofstoilette geschildert wird: \u201ewo der Einbein-Stand mit R\u00fcckenbeugung \/ und Spreizknie so lang zu halten ist, \/ dass man ums Gleichgewicht k\u00e4mpfend \/ manchmal den schwebenden Fu\u00df \/ so hastig senkt, dass beim Auftreten \/ die stinkende Br\u00fche hochspritzt; \/ dort wurde f\u00fcr billiges Entgelt \/ die wahre Achtsamkeit gelehrt\u201c. Das Schockierende, Erschreckende, Furchteinfl\u00f6\u00dfende dringt immer wieder aus der Erinnerung herauf \u2013 Raub, Tierqu\u00e4lerei, Ungeziefer, aber auch die Sch\u00f6nheit und Unergr\u00fcndlichkeit der gesehenen Landschaften, wie in dem als durchlaufende, einzige Spalte gedruckten, fast interpunktionslosen Gedicht \u00fcber die \u201eSan Andreas Fault bei Point Reyes\u201c. Die formale Raffinesse, zum Beispiel der Verzicht auf Kommata (wie etwa bei William S. Merwin), l\u00e4sst Ausdruck und Aussage zusammenflie\u00dfen, wie in der Apokoinu-Konstruktion \u201eAngeblich bewegt man sich \/ vorw\u00e4rts und gleichzeitig \/ w\u00e4chst irgendein Gegenteil mit \/ jedem Verlust und Verzicht \/ l\u00e4uft eine zweite Zeit \/ weiter und ab\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verh\u00e4ltnis von Erleben, Zeit und Erinnerung bestimmt das ganze Buch und somit auch die dritte \u201eStation\u201c, HIER. Es wird zum poetologischen Programm: \u201eEinen Stein werfen \/ in sandige Zeit ein Netz \/ in die Trockenheit \/ dass es hallt oder \/ knistert und ruht \u2026\u201c. Dieser Teil widmet sich dem Thema des Wurzelschlagens, zum Beispiel dem Ankommen des Autors in Oberbayern, wo er seit langem lebt (in der Nachbarschaft einer Sprache, der er 1980 in den zusammen mit C.-L. Reichert verfassten, gro\u00dfartigen Mundartgedichten von <em>Ois Mindnand<\/em> ein Denkmal gesetzt hat). HIER. weist immer wieder solche Hinf\u00fchrungen zur eigenen Praxis auf: \u201eBis der Morgen \/ die Dinge einzeln \/ benennt und verkennt\u201c, oder \u201eWorte zu suchen zumindest \/ f\u00fcr die schnelleren h\u00f6heren Wolken \u2026 und f\u00fcr den Mittelpunkt \/ einer Leere, bevor er \/ gerinnt zum Ding \/ mit Namen\u201c. Die schwebenden Zeilenbr\u00fcche verst\u00e4rken die Spannung zwischen, wie goethesch gesagt wird, Dauer und Wechsel, zwischen Erinnern, Assoziieren und Benennen. Hier, in der bayerischen Landschaft, mischen sich andere Dimensionen ein. So in \u201eZeitma\u00dfe\u201c: \u201eNichts als \/ der Takt des Felslebens \/ ist geblieben, der uns \/ gelassen \u00fcbergeht\u201c \u2013 Zeilen, deren Rhythmus die erste Duineser Elegie aufruft: \u201eDenn das Sch\u00f6ne ist nichts \/ als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.\u201c An die Stelle des Exotisch-Fremden ist hier das Fremd-Vertraute getreten, nicht minder schmerzlich \u2013 \u201eEingedampftes Erleben \u2026 \/ \u2026 Es tr\u00e4gt bitter am Versagen und Entsagen\u201c \u2013, aber im Angesicht des Erhabenen, Zeitlosen und sich dennoch Wandelnden \u2013 \u201eFels l\u00e4dt Flechten ein wird Nahrung \/ wird Staub wird Stein\u201c \u2013 wirkt \u201eDichtung als Ampelschaltung \/ im Gedankenget\u00f6se\u201c (\u201eBodensatz\u201c) nahezu hilflos, als menschengesetzte, fast vergebliche Ordnung. Zu den kr\u00e4ftigen Naturbildern (Fruth ist auch Maler und hat wundervolle Naturfotografien geschaffen) gesellt sich \u201eDas Leben der Dinge \/ die sich selbst geh\u00f6ren\u201c: \u201eEin Hausschuh \/ die Nase zum \/ Schnabelschuh gekr\u00fcmmt\u201c. Auch diese werden zum \u00dcbergang, zur Schwellenerfahrung im w\u00f6rtlichen Sinn: \u201eWirst dich sp\u00e4ter \/ nur erinnern an \/ die Schwelle mit Schuh \/ und die Klinke mit Hand\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit sind wir im \u00dcbergang zur letzten Station, NOCH, die, wie der Umschlagtext signalisiert, \u201eNahtod &amp; Sterben\u201c thematisiert. Nicht nur das Sterben von nahen Angeh\u00f6rigen \u2013 \u201eEr schaut von unten \/ auf mich herab, \/ drei Finger winken \/ meiner Hand\u201c, sondern auch das Massensterben am 11. September 2001 oder in Srebrenica, gar im Holocaust, in Fotografien vermittelt. Dabei \u00fcberlagern sich fremdes und eigenes Erleben, und immer wieder in diesem Buch auch fremde und eigene Texte, wie in \u201e\u00dcberlagert\u201c: \u201eBotho Strau\u00df, wie er \/ Robinson Jeffers hochleben l\u00e4sst, wie \/ der \/ seine Frau vor dem Haus \u2026 sitzen \/ sieht, \/die ihren Tod in sich wachsen sp\u00fcrt wie \/ ein Kind \u2026 so sehe \/ ich \/ meine Frau in diesem Sommer, wie \/ sie nacheinander \/ den Sohn \/ den Bauch \/ die H\u00e4nde \/ die Zartheit und \/ den Augenblick abstreift\u201c. Verlusterfahrung und literarische Verlust-Versprachlichung stellen diese Gedichte in eine intertextuelle Reihe, durch die sich der Autor als im Gespr\u00e4ch mit der (nationalen und internationalen) literarischen Tradition befindlich bekennt. \u201eDas Verr\u00fcckte bei \/ dieser Zugfahrt durch die Zeit sei, dass sie \/ stehen bleibt, kaum dass man aufspringt\u201c. Zeit, Raum und Figuren, wie in einem Drama, machen dieses Buch zu einem denkw\u00fcrdigen Erlebnis.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Michael Fruth: <em>Eng. Weit. Hier. Noch : <\/em>Gedichte. Leipzig: Leipziger Literaturverlag, 2021. 104 Seiten, 19,95 Euro. ISBN 978-86660-269-4<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Titel des neuen Gedichtbandes von Michael Fruth, ENG. WEIT. HIER. NOCH, k\u00f6nnte die deutsche Lyriklandschaft charakterisieren, in die er ein markantes Wegzeichen einrammt. Der Autor ist bescheidener, nennt das Buch eine \u201epoetische Autobiografie\u201c, und doch ist diese nicht nur subjektiv und singul\u00e4r, sondern repr\u00e4sentiert zugleich Gesellschaftlich-Historisches und Allgemein-Menschliches. 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