{"id":1514,"date":"2012-04-25T23:55:30","date_gmt":"2012-04-25T22:55:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1514"},"modified":"2012-04-25T23:55:30","modified_gmt":"2012-04-25T22:55:30","slug":"die-frankheimer-spezielle-eine-groteske","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1514","title":{"rendered":"Die Frankheimer Spezielle. Eine Groteske"},"content":{"rendered":"<p>Einst erfreute sich die Frankheimer Spezielle Zeitung (FSZ) einer verstohlenen Beliebtheit unter den Kulturherren des Landes: Man empfand einen gewissen Stolz, in ihr erw\u00e4hnt zu werden, \u201ebesprochen\u201c. Die Kritik adelte den K\u00fcnstler. Professoren gaben Eitelkeiten zum Besten. Zyniker fielen \u00fcber Novizen her und schlachteten sie gen\u00fc\u00dflich. Patricia von Todtental hatte lange Jahre des Volontariats hinter sich gebracht, um in diese Kreise aufgenommen zu werden. Wieviel Schlappen hatte sie einstecken m\u00fcssen, wie wenig hatte ihr der Adelstitel genutzt. Endlich hatte sie es geschafft, sie wurde Redakteurin.<\/p>\n<p>Warum blieb die Freude an dieser Zeitung verstohlen? Jeder vern\u00fcnftige Leser bekam das unheimliche Gef\u00fchl nicht los, explosiven Stoff morgens aus dem Briefkasten zu ziehen. Oder wollte er sich von niemandem in seiner heimlichen Liebe zum Konservativen erkennen lassen, wenn er das d\u00fcnne Papier mit der markigen Frakturschrift neben dem hartgekochten Fr\u00fchst\u00fccksei ausbreitete, um sich auf die Bosheiten des Tages einzustimmen?<\/p>\n<p>Doch dann kam das Internet. Schon bei seinem ersten Erscheinen war zu ahnen, da\u00df es einem Meer glich, abgrundtief, dunkel, salzig. Und da\u00df Papier in ihm rasch aufweichen, in Einzelteile zerfetzen w\u00fcrde, um in den runden M\u00e4ulern der Fische zu verschwinden. Die FSZ warf ihr Blatt Tag f\u00fcr Tag hinein und hoffte, es w\u00fcrde standhalten. Perlenfischer \u2013 ein hierzulande l\u00e4ngst ausgestorbener Beruf \u2013 erlebten eine unerwartete Nachfrage. Sie warfen ihre Netze aus und zogen kleine Sch\u00e4tze aus der Tiefe ans Licht, quirlten sie ordentlich durch zu einem verdaulichen Brei, den sie vorbeischlendernden Touristen feilboten. Ab und zu war eine schillernde Gemeinheit aus der Feder eines FSZ-Kritikers darunter, die sonst l\u00e4ngst untergegangen und vergessen worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Redakteure sch\u00e4umten, ihr Boss explodierte fast: Wie kann das sein? Wer angelt hier nach unseren Artikeln? Wo bleibt die Polizei? Die lie\u00df sich nicht blicken. Sie mied das Meer und die Netze. Zumindest in der Anfangszeit. Eine Zeit des Wilden Westens. Virtuelle Schie\u00dfereien aus verbalen Kanonen. Die Frankheimer Spezielle besann sich auf ihre besten Freunde. Professoren rieten ihr \u2013 und lie\u00dfen sich den guten Rat ausk\u00f6mmlich vergolden \u2013 eine Abteilung f\u00fcr Haarspalterei an Bord zu holen, die werde es schon richten. Sie k\u00f6nne die Perlenfischer jagen wie Piraten vor der somalischen K\u00fcste.<\/p>\n<p>Gesagt, getan. Doch die Perlenfischer retteten sich an die n\u00e4chstgelegene K\u00fcste und verschanzten sich hinter eigengesch\u00f6pften S\u00e4tzen, sie waren von den Haarspaltern nicht angreifbar. Daf\u00fcr gingen die Haarspalter nun selbst auf Fang hinaus auf hohe See. Ihren sorgf\u00e4ltig programmierten virtuellen Treibnetzen und Hecktrawlern sollte niemand entgehen. Und sie wurden f\u00fcndig: in den tieferen Schichten des Meeres, hinter Klippen und Riffen hockten die K\u00fcnstler und Dichter, die Musiker und Maler, die sich noch immer dar\u00fcber am\u00fcsierten, in der FSZ \u201ebesprochen\u201c zu werden. Sie hockten da, aus der Ferne kaum zu erkennen, aus der N\u00e4he betrachtet ein Haufen bunter Parasiten. Sogar H\u00e4ndler und Zwischenh\u00e4ndler hatten sich unmerklich untergemischt. Keiner ahnte, da\u00df ihre Freude an einer Erw\u00e4hnung in der FSZ nunmehr zum Delikt erkl\u00e4rt worden war. Sie alle hatten sich Perlen aus der FSZ zwischen die Z\u00e4hne geklemmt, um den Hals gelegt oder an die Ohrl\u00e4ppchen gehangen und sie br\u00fcsteten sich \u00f6ffentlich damit. <\/p>\n<p>Diesen Schmuck wollte die FSZ den M\u00f6chtegern-Helden gern wieder entrei\u00dfen. Gebt sie her, das sind unsere Perlen, riefen die Redakteure emp\u00f6rt. Stellt euch der Perlenpolizei, ihr b\u00f6sartigen Geistesdiebe. K\u00f6nnt ihr euch nicht selbst bejubeln, wozu braucht ihr unsere Kritiken? Patricia bewies ihr Talent zur besonders eifrigen Perlenpolizistin. \u00c4u\u00dferlich erinnerte sie eher an eine Hofdame, nun wurde sie in den St\u00fcrmen des neuen Zeitalters mit einer Station auf den weltweiten Meeresboden herabgesenkt, um dort das \u00dcbel an der Wurzel zu packen: Keine Toleranz f\u00fcr Parasiten! Dem Geistesdieb auf Land und Meer gebet keine Perle mehr!, skandierte sie k\u00e4mpferisch in unterseeische Schalltrichter.<\/p>\n<p>Die Gerichte erteilten der FSZ Absolution, erkannten ihre Wahrheit in Leninscher Manier als die einzige Wahrheit an und die f\u00e4llige S\u00e4uberungsaktion konnte beginnen. Was dann geschah? Nichts. Es kehrte Stille ein, im Meer und auf dem Land. K\u00fcnstler, Dichter, S\u00e4nger, Maler \u2013 all diese Perlenparasiten wurden verfolgt und sie igelten sich ein, bezahlten brav ihre Bu\u00dfgelder und hielten den Mund. Die vermeintlichen Perlen, die sie so lange festgekrallt hielten, spuckten sie aus, rissen sich die Ketten vom Hals und die Klunker von den Ohrl\u00e4ppchen. Sie wollten von all dem nichts mehr wissen, warfen es beiseite wie Spielzeug, mit dem sie lange genug ihre Lebenszeit verschwendet hatten. \u201eVerwunderung\u201c l\u00f6ste diese Mi\u00dfachtung aus \u2013 immerhin gab es ja, behauptete die FSZ, au\u00dfer ihr keine andere \u00fcberregionale Zeitung mehr, die sich derart detailversessen, hartn\u00e4ckig und verbissen der Parasitenbek\u00e4mpfung auf k\u00fcnstlerischem, literarischem und musikalischem Gebiet verschrieben hatte. <\/p>\n<p>Nun endlich hatte die FSZ die ersehnte Alleinherrschaft, das Monopol, erreicht. Sie war am Ziel ihrer Tr\u00e4ume angekommen, sogar der Brandung des weltweiten Meeres hatte sie mit ihrem Papier getrotzt. Von wegen aufgeweicht und zerfetzt! Das einzige Problem war, da\u00df sich keiner mehr f\u00fcr sie interessierte. Statt sich im Ruhm einer Erw\u00e4hnung in der FSZ zu sonnen, wandten sich die Dichter, Musiker und Maler \u2013 aus Sicht der FSZ r\u00fcckst\u00e4ndig wie im Mittelalter \u2013 der Dichtung, der Musik und Kunst zu. Sie h\u00f6rten auf, sich auf Erw\u00e4hnungen in der Zeitung etwas einzubilden. Wo immer sie wohnten, in Sekundenschnelle hatten sie miteinander Kontakt. Das Netz, jaja, das Netz erlaubte ihnen den Austausch. Nur Patricia auf dem Meeresgrund rief warnend in die Trichter, nun sei das Ende nah.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst erfreute sich die Frankheimer Spezielle Zeitung (FSZ) einer verstohlenen Beliebtheit unter den Kulturherren des Landes: Man empfand einen gewissen Stolz, in ihr erw\u00e4hnt zu werden, \u201ebesprochen\u201c. Die Kritik adelte den K\u00fcnstler. Professoren gaben Eitelkeiten zum Besten. Zyniker fielen \u00fcber Novizen her und schlachteten sie gen\u00fc\u00dflich. 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