{"id":15101,"date":"2022-03-07T00:26:52","date_gmt":"2022-03-06T23:26:52","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15101"},"modified":"2022-03-07T16:47:39","modified_gmt":"2022-03-07T15:47:39","slug":"tontics-segen-des-exils","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15101","title":{"rendered":"TONTICS SEGEN DES EXILS"},"content":{"rendered":"\n<p>DIE WUNDER DES SP\u00c4TEN SOMMERS<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Stevan Tontic, der wohl bedeutendste serbische Dichter der Gegenwart, ist pl\u00f6tzlich verstorben. Er war mein langj\u00e4hriger Wegbegleiter und Freund. Nein, ich kann keine Lobrede <em>post mortem<\/em> f\u00fcr liebe Menschen schreiben, denn bei solch einer Rede dringt stets auch ein F\u00fcnkchen Eitelkeit der Lebenden durch. Er schrieb \u00fcber mich und ich schrieb \u00fcber ihn. Anstelle von <em>in memoriam<\/em> \u00fcberliefere ich lieber ein paar Fragmente, die im Laufe der Jahre und Jahrzehnte unseres Lebens aufgeschrieben wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Chronisten der Belagerung von Sarajevo vergessen nie, die Tatsache zu erw\u00e4hnen, dass die Koryph\u00e4en dieses sch\u00e4ndlichen Attentats auf die Stadt serbische Schriftsteller waren. Da aber das B\u00f6se immer eine durchdringendere Stimme hat als das Gute, erw\u00e4hnen heute nur wenige Menschen jene brillanten serbischen und kroatischen Schriftsteller, die sich dieser wahnsinnigen Plage widersetzten, nur noch wenige erinnern sich an die, die sich gegen den Ruf der Kriegsposaunen und die Perversion des T\u00f6tens auflehnten. Solche Leute waren auf allen drei br\u00fcderlichen Seiten das Ziel nationaler Verfluchungen, doch sie verteidigten eigentlich die Zivilisation, n\u00e4mlich <em>civis<\/em> Sarajevo \u2013 die Bev\u00f6lkerung; sie waren in den entscheidenden Momenten der einzige Beweis daf\u00fcr, dass die Stadt \u00fcberleben und fortbestehen kann, denn die Stadt war schon immer ein Ausdruck von Pluralit\u00e4t, Vielfalt und ein Mittelpunkt gr\u00f6\u00dfter kreativer Potenziale des Menschen. Ihretwegen, dank dieser paar Menschen, dachte ich oft, lie\u00df das westliche B\u00fcndnis die im Krieg vorbereitete Teilung des Landes nicht zu, weil gerade sie es waren, die in der Defensive der Zivilisation standen, an der Schwelle, die die Kultur von der Barbarei trennt.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer von ihnen ist der Dichter Tontic (Grdanovci, Sanski Most, 1946). Dichter, Prosaautor, Essayist, Redakteur, Anthologist, \u00dcbersetzer aus dem Deutschen. Tontic studierte Philosophie und Soziologie in Sarajevo. Anfang 1969 war er f\u00fcr kurze Zeit Chefredakteur der Studentenzeitung <em>Na\u0161i dani<\/em> und sp\u00e4ter Mitglied der Redaktion der Jugendzeitschrift <em>Lica<\/em>. Mitte der 1980er Jahre wurde er Chefredakteur der Zeitschrift <em>\u017divot<\/em>, und am l\u00e4ngsten arbeitete er als Redakteur beim Verlag Svjetlost. Den Zeitraum von Mai 1993 bis Ende 2001 verbrachte er im Exil in Deutschland, dann lie\u00df er sich wieder in Sarajevo nieder, wo er heute als freiberuflicher Schriftsteller lebt. So lautete eine kurze und trockene biobibliografische Notiz. Aus ihr geht nichts vom Drama eines in die Literatur hinein wachsenden Lebens hervor, so wie auch die Literatur selbst oft, in Sehnsucht nach der reinen Form, die zahlreichen Nebenarme und G\u00e4nge des Lebenslabyrinths \u00fcbersieht. <\/p>\n\n\n\n<p>Das poetische Werk Stevan Tontics entstand und pulsierte in einem Zeitraum von fast vierzig Jahren, seit Beginn der siebziger Jahre, als sein erstes Buch ver\u00f6ffentlicht wurde, bis heute, wo der Autor sozusagen in voller Schaffenskraft und auf dem H\u00f6hepunkt seines kreativen K\u00f6nnens stand. Zehn Gedichtb\u00e4nde sind nicht viel f\u00fcr vier Jahrzehnte, sieht man es vom Standpunkt moderner Textproduktion aus, aber es geht hier um ein Prinzip der Strenge und eine ihm eigene \u00d6konomie des Ausdrucks; Tontic reihte sich vom ersten Moment an als ein Priester der Poesie ein, der das Schreiben von Versen als eine spirituelle Erfahrung ersten Ranges betrachtete, und der, wie es der Titel eines seiner fr\u00fchen B\u00fccher ausdr\u00fcckt, mit einem Gedicht \u201el\u00e4stert und heiligt\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Heiligsprechung durch L\u00e4sterung erinnert uns an den magischen Baudelaire, aber in einer modernen Tonart. In Tontics ersten B\u00fcchern dominieren T\u00f6ne von Zynismus und Ironie, die diese \u201eWissenschaft der Seele\u201c pr\u00e4gen und abrunden, diese \u201elustigen Geschichten\u201c \u00fcber die Eitelkeit und Absurdit\u00e4t unseres sterblichen Daseins. Die Poesie trug sich als eine \u201egeheime Korrespondenz\u201c zwischen Engel und Teufel zu. Seine Verse streben nach Kunstfertigkeit, scheuen aber nicht die Realit\u00e4t. Obwohl er informell zur Gruppe der \u201eSchicksalhaften Jungen\u201c geh\u00f6rte, unterschied sich Tontic von den meisten von ihnen durch seine gro\u00dfe Gelehrsamkeit und sogar durch seine spezifische \u201eSalon\u201c-Kunstfertigkeit. Er etablierte sich zudem als gl\u00e4nzender Kritiker, Anthologist und Intellektueller, dessen diskursives Engagement seine Poetik und Poesie begleitete und \u201eerg\u00e4nzte\u201c, die jederzeit bereit war, zu \u00fcberraschen und zu schockieren. Von Anfang an zog der Autor die Aufmerksamkeit der Literaturkritik auf sich und seine B\u00fccher wurden mit bedeutenden Preisen gekr\u00f6nt.  <\/p>\n\n\n\n<p>Seine poetische Metamorphose erlebte Tontic im Kriegs-Sarajevo, wo er ein Jahr verbrachte. Die Realit\u00e4t des Mangels und die Landschaft der Verw\u00fcstung flie\u00dfen in seine Verse ein, aber sie umrei\u00dfen noch deutlicher den Glanz des Humanismus, \u201eGlanz und Wunde\u201c, wie der Dichter Veselko Koroman sagen w\u00fcrde. Zu Beginn der Belagerung Sarajevos schrieb Tontic einen Brief an die Stadt Belgrad, und die Worte dieses Briefs klingen noch heute kraftvoll wie ein Psalm: \u201eUnsterbliches Belgrad! Ich flehe dich an, mit den Tr\u00e4nen einer halben Million Einwohner Sarajevos, dass du dich sofort, zu dieser Stunde, entscheidest, die Stadt Sarajevo zu retten. Wenn die Stadt Sarajevo stirbt, liebes Belgrad, dann wird sich die Schlinge des Hasses und Untergangs um dich zusammenziehen\u201c (Knji\u017eevna rec, Juni 1993). Das kriegerische Belgrad h\u00f6rte jedoch nicht auf die Stimme Tontics, sondern auf die von Karad\u017eic, Nogo und Crncevic. Deren Scheltrede, serbische M\u00fctter h\u00e4tten sich an der Niederlage der Serben schuldig gemacht, \u201eweil sie sich \u00e4u\u00dferst unpatriotisch verhielten und feige ihre S\u00f6hne versteckten, da sie nicht bereit waren, sie f\u00fcr das Serbentum in den Tod zu schicken\u201c, kommentierte Tontic, indem er sagte, er bezweifle, dass \u201ejemals irgendwo in der wei\u00dfen Welt eine solche Anklage aus der Feder eines Dichters kam\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinen Nachbarn, vorwiegend Bosniaken, verbrachte er das erste Jahr der Belagerung und schrieb Verse, in denen die G\u00fcte triumphiert, in denen der \u201eAkt gefesselter H\u00e4nde\u201c verherrlicht wird, die Pracht des Mangels im Angesicht des Todes. Sein ironischer Ton ging verloren und verwandelte sich in eine Art Fr\u00f6mmigkeit und Reue. Im Buch <em>Handschrift aus Sarajevo,<\/em> sagt Jasmina Lukic, \u201ewird die Stimme desjenigen wahrnehmbar, der nicht damit einverstanden ist, dass er h\u00f6her oder niedriger taxiert wird, statt ihn als das zu definieren, was er ist: ein Mann, allein, mit einem Namen und nur einem einzigartigen Leben im Chaos des Krieges\u201c. Diese neue \u201eBeschreibung\u201c der Realit\u00e4t bei Tontic ist auch der Anfang einer Poetik der Verzweiflung und Resignation \u00fcber die Welt und den Menschen, der, wie der Dichter in einem Gespr\u00e4ch sagte, ein \u201ekosmischer Exzess\u201c sei, \u201eeine Spezies, die sich selbst zerst\u00f6rt\u201c. Die Erfahrung eines serbischen Dichters in einer Stadt, die unaufh\u00f6rlich von der serbischen (Para-)Armee mit Granaten beschossen wird, hat jedoch auch eine andere, weniger romantische Seite. Folgendes bezeugt der Dichter \u00fcber diesen Kreuzigungszustand in seinem essayistischen Text \u201eKriegs-Antikriegs-Brief\u201c: <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAls mir bald klar wurde, dass diese H\u00f6lle, in der wir gelandet sind, andauern w\u00fcrde, und dass auch ich selbst ein ziemlich sicherer Kandidat f\u00fcr den Tod war (so wie jeder B\u00fcrger Sarajevos und, wenn Sie erlauben, als Serbe noch ein bisschen sicherer), musste ich in irgendeiner Weise mein Verstummen, meine absolute Hoffnungslosigkeit \u00fcberwinden. Das hei\u00dft \u2013 versuchen, \u00fcber sie Zeugnis abzulegen. Mindestens das, mindestens so viel. Wenigstens, um eine klare menschliche und dichterische Spur zu hinterlassen. Damit jeder \u2013 wenn ich nicht mehr unter den Lebenden weile \u2013 sehen kann, wie ich mich am ,schrecklichen Ort\u2018 verhalten habe. Als Mensch oder als menschlicher Lumpen, als Dichter oder als Lobgesang m\u00f6rderischer Heldentaten. Als Pers\u00f6nlichkeit, die den Kern ihrer Menschlichkeit und ihrer Sprache (doch unzerst\u00f6rbar!) verteidigte, oder als Verr\u00e4ter an seinen Freunden und an sich selbst, als Verr\u00e4ter am Sch\u00f6nsten in uns. Als ehrlicher und glaubw\u00fcrdiger Zeuge der Schrecken und dieses ganzen Menschheitsdramas in h\u00f6llischer Erpressung und Todesbedrohung, oder als L\u00fcgner und verkaufte Seele, als letzter propagandistisch verwertbarer Wicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im belagerten Sarajevo ver\u00f6ffentlichte Tontic im Juni 1992 in der neu aufgelegten Zeitschrift Zemlja einen Artikel mit der \u00dcberschrift \u201eSerbe sein\u201c, der Missverst\u00e4ndnisse und Zorn bei seinen besten Freunden ausl\u00f6sen und eine bezeichnende Verurteilung des Autors heraufbeschw\u00f6ren sollte. In diesem Text spricht er \u00fcber Schicksal und Fluch nationaler Zugeh\u00f6rigkeit, tritt aber daf\u00fcr ein, dass keinerlei Verbrechen auf dem R\u00fccken der Gemeinschaft lasten d\u00fcrfe. Von seinen Nachbarn als Kollaborateur verd\u00e4chtigt und von den eigenen Landsleuten zum Verr\u00e4ter erkl\u00e4rt, appelliert er an die Liebe, wohl wissend, dass die Macht der Worte in unruhigen Zeiten nur ein Mittel zur Rettung der eigenen Seele ist. Er sagt in seinem Text, dass die Tods\u00fcnde und das Versagen der serbischen Politik ein Pakt mit Hochmut und brutaler Gewalt seien, verk\u00f6rpert durch die Jugoslawische Volksarmee (JNA). Er verurteilt den serbischen Militarismus, analysiert aber auch das Versagen der bosniakischen Politik, erw\u00e4hnt die Schikanen seiner Landsleute, die in der Stadt geblieben sind und kommt zu dem Schluss: \u201eJa, es ist wirklich schwierig, ein Serbe zu sein, meine Herren Serben. Erst recht in Sarajevo. Aber es ist immer noch am schwersten, ein Mensch zu sein. Und das ist das Einzige, was Sie tun m\u00fcssen. Wie sterben. Und jeder Mann \u2013 sofern ihm dies verg\u00f6nnt ist \u2013 kann anst\u00e4ndig leben und sterben und als \u2013 Serbe.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLogisch: Ich wurde als Verr\u00e4ter angegriffen und verleumdet, als Diener der muslimischen Regierung in Sarajevo, kein Serbe und dergleichen. Auf der anderen Seite, f\u00fcr die ich eine Art \u201eDennoch-Serbe\u201c geblieben war, wurde ich sogar von Freunden als Verteidiger der Cetniks und der Cetnitet (oder Republika Srpska) verleumdet, kein bosnischer Patriot und so weiter. In \u00e4hnlicher Weise wurden auch alle anderen (aus allen drei Welten, V\u00f6lker-Lagern) angegriffen und beschuldigt, die sich nicht als Trompeter des Hasses und Propagandisten des Krieges anheuern lie\u00dfen; eines Krieges als m\u00e4chtigstes Mittel der Rassenhygiene, als Mittel der radikalen (in einem Blutmeer) moralischen Wiedergeburt der Nation\u201c, sagt er in dem oben genannten Essay und betont, dass die freiwillige Vertreibung oder das Exil die einzige Rettung sei. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine n\u00e4chste Phase wurde von der Erfahrung des Exils bestimmt, dem \u201eSegen des Exils\u201c, wo sich der Dichter in einer Oase und an einem vor den Schergen sicheren Zufluchtsort seiner Nostalgie und Trauer um die verlorene Geliebte und um die Heimat hingab. Besonders ber\u00fchrend und gro\u00dfartig sind Tontics Liebeselegien, in denen er schreibt, dass er seine Geliebte \u201evon den Schlachtpl\u00e4tzen\u201c fort tr\u00e4gt, und wehklagt, denn \u201esie haben mich von Jener getrennt, die ich atme; Todeslieder stottere ich, ohne meinen Himmel und ohne Gestalt\u201c. Im Exil erkannte er, wie unterschiedlich sich die Erfahrungen der Gefl\u00fcchteten und derjenigen, die in der Heimat geblieben waren, darstellten:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Mann mit enormer Kriegserfahrung und ein Mann, der den Krieg nicht gekostet hat \u2013 sie sind zwei verschiedene Wesen. Wesen, die einander kaum verstehen k\u00f6nnen, nie voll und ganz und nie bis zum Ende. Das Erlebnis der Kriegsgr\u00e4uel ver\u00e4ndert unsere Grundvorstellungen von der Gesellschaft und vom Menschen, von uns selbst, es stellt das gesamte ,Weltbild\u2018 auf den Kopf, das in einer Zeit des Friedens und naiver Zukunftsprojektionen errichtet wurde. In der Tollwut eines organisierten, m\u00f6rderischen, alles zerst\u00f6renden Wahnsinns zerf\u00e4llt all das sofort zu Staub und Asche. Dann gilt es, nicht nur das nackte Leben, sondern auch den Lebenswillen zu bewahren, Geist und Sprache gegen v\u00f6llige L\u00e4hmung und t\u00f6dliche Hoffnungslosigkeit zu verteidigen. Und das Wichtigste: die eigene Seele nicht an den Teufel zu verkaufen. In absoluter Hoffnungslosigkeit kann man nicht denken und nicht einmal schreiben. Nicht tr\u00e4umen, nicht lieben, nicht singen, nicht atmen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Im Exil, dem Paradies seiner H\u00f6lle, um mit einer Ujevic-Metapher zu sprechen \u2013 ist der Dichter damit konfrontiert, vor einer W\u00fcste zu stehen. Die Welt, die ihm Zuflucht bot, ist nicht seine Welt. <\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl er sich als Dichter auch auf Deutsch behauptete, der Sprache seines Exils, wo er eine Reihe bemerkenswerter und von dortigen Kritikern hochgelobter B\u00fccher ver\u00f6ffentlichte sowie mehrere sehr angesehene Literaturauszeichnungen erlangte, tr\u00e4umte er unaufh\u00f6rlich davon, zu seiner Sprache zur\u00fcckzukehren, in das Haus seines Kampfes: \u201eWozu das Leben, wenn ich ein Dichter bin, dem sie die Sprache wegnehmen und vernichten? In der Sprache liegt der Kern, die ganze Kraft und das gesamte Kapital meines zerbrechlichen, noch zu Lebzeiten entwerteten, gleichsam ermordeten Wesens. Und zwar nicht in der Sprache als praktischem Mittel zur Verst\u00e4ndigung und Erhaltung der Existenz, sondern in der Sprache als Medium der wahrsten und edelsten, \u00fcberdies testamentarischen Weisungen und Offenbarungen des Geistes. Der Sprache als bester, sicherster H\u00fcter der gesamten menschlichen Inkarnation in Sch\u00f6nheit, Wahrheit, aber auch im Schrecken des Daseins, als Zeuge jedes bedeutenden Augenblicks aus Leben und Tod, f\u00fcr alle Zeiten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So wurde seine Poesie von einer deutschen Zeitung bewertet: \u201eMag sein, dass diese Strophen auch durch den Kontrast zu der zuvor blutleeren poetischen Umgebung Deutschlands an Durchdringung gewinnen, wo sie wie einsame Felsbl\u00f6cke wirken, fast unheimlich in ihrer D\u00fcsterheit. Darin sind sie der Dichtkunst Paul Celans verwandt, ihrer Tiefe und dunklen Melancholie. Es kommt selten vor, dass uns Gedichte schon beim ersten Lesen im wahrsten Sinne des Wortes ersch\u00fcttern. Tontic gelingt diese Meisterschaft mit leichter Hand\u201c (Berliner Morgenpost, 1998). <\/p>\n\n\n\n<p>Ende 2001 verlie\u00df Tontic Deutschland nach neun Jahren und ging nach Sarajevo zur\u00fcck. Diesmal steckte er wie alle R\u00fcckkehrer dauerhaft zwischen zwei Welten fest. Unmittelbar nach seiner R\u00fcckkehr sagte er mir in einem Interview mit <em>BH Dani<\/em>, dass er zum Zeitpunkt seiner Abreise nicht geglaubt hatte, jemals wiederzukommen. \u201eAllerdings habe ich nie \u00f6ffentlich gesagt, dass ich nie zur\u00fcckkehren w\u00fcrde, weil mir eine solche Aussage etwas unh\u00f6flich erschien. Aber in der Stunde, als ich aus dem H\u00f6llenkreis herauskam, war ich bereit, nach Gr\u00f6nland oder in die W\u00fcste Gobi zu gehen, nur um Frieden und halbwegs Sicherheit vor z\u00fcgellosen Landsleuten zu finden \u2013 Kriegern, die in den Wahnsinn totaler Verfolgung eingespannt waren und alles niedermetzelten, was nicht auf ,unserer\u2018 Seite war\u201c. 2014 zog er nach Novi Sad und das war sein letzter irdischer Umzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der Nachricht seines Todes erinnerte ich mich an sein Gedicht <em>Grab<\/em>, das ich hier vollst\u00e4ndig wiedergebe: <\/p>\n\n\n\n<p><em>Auf einem Plateau, bitte <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>auf einem Plateau, <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>in klarer Erde, <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>im gekl\u00e4rten Sternbild. <\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:26px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Im Niemandsland <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>in klangvoller Leere, <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>rein von Heimat, <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>rein von Geschichte. <\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>In Zweiheit mit Jener <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>die ich liebte <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>solang ich hier war &#8211; <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>in unertr\u00e4glicher Freude der Zweisamkeit. <\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:25px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>In einem Kristall ohne Namen, <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>ohne Eigentum. <\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:37px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>Zwei Eisberge <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>in einer Eiskluft <\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:27px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><em>unterm blauen Himmelstuch. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Im klaren Sternenfeuer. Im Abgrund. <\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Uns geh\u00f6rend. Ganz bei uns.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:50px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Ins Deutsche \u00fcbersetzt von Cornelia Marks<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>B\u00fccher von Stevan Tontic im Leipziger Literaturverlag: <\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/l-lv.de\/neu\/product_info.php?info=p58_tontic--stevan--handschrift-aus-sarajevo---h--rbuch.html\" target=\"_blank\">Handschrift aus Sarjevo<\/a><\/li><li><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/l-lv.de\/neu\/product_info.php?info=p117_crnjanski--milos--ithaka.html\" target=\"_blank\">\u00dcbersetzung &#8222;Ithaka&#8220; von Milo\u0161 Crnjanski<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/l-lv.de\/neu\/product_info.php?info=p174_hodel--robert--hg----hundert-gramm-seele.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Beitrag in der Anthologie &#8222;Hundert Gramm Seele&#8220; von Robert Hodel<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>DIE WUNDER DES SP\u00c4TEN SOMMERS Stevan Tontic, der wohl bedeutendste serbische Dichter der Gegenwart, ist pl\u00f6tzlich verstorben. 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