{"id":150,"date":"2008-03-27T16:58:27","date_gmt":"2008-03-27T14:58:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=150"},"modified":"2008-04-12T12:10:54","modified_gmt":"2008-04-12T10:10:54","slug":"epitaph-probleme-um-gleis-neun-drei-viertel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=150","title":{"rendered":"Epitaph: Probleme um Gleis neun drei Viertel"},"content":{"rendered":"<p align=\"center\">1<\/p>\n<p align=\"left\">Vielleicht bin ich zu alt f\u00fcr diesen ganzen Zauber.<\/p>\n<p align=\"left\">Ich trat vor die geheimnisvolle Wand und stie\u00df mir den Kopf. Dabei wusste jeder um die selbstverst\u00e4ndliche Mechanik dieses Ortes. Aber es war der falsche Ort. Oder sollte es gar ein falsches Geheimnis sein?<\/p>\n<p align=\"left\">Ich hatte am Anfang von Bahnsteig neun gestanden und die Leute beobachtet, fast eine halbe Stunde lang. Ich hatte keine M\u00fche gescheut, ihnen mit k\u00fchlem Kopf und ruhigem Blick auf die Spur zu kommen &#8211; vergeblich.<\/p>\n<p align=\"left\">Ich stand an einer Bude am Anfang von Bahnsteig neun und beobachtete die Leute. Es war das auf einem Hauptbahnhof \u00fcbliche Gedr\u00e4nge. Wege und Blicke kreuzten sich kurzzeitig, um schon im n\u00e4chsten Moment einander ganz zu entschwinden. Ich stand da und war ein Teil davon.<\/p>\n<p align=\"left\">Dann begannen mir die Blicke in der Seele zu jucken. Oder war es nicht vielmehr so, dass meine Blicke in den anderen Seelen zu jucken begannen? In den kurzen Momenten des Blickkontakts begann es zu jucken und zu zucken wie vor einem Gewitter. Man wurde auf mich aufmerksam. Ich war entdeckt.<\/p>\n<p align=\"left\">In der Bahnhofskuppel erschien ein Taubenp\u00e4rchen. Fast schien es, als h\u00e4tten sie sich verirrt. Sie konnten unm\u00f6glich immer hier herumfliegen, schlie\u00dflich waren sie keine Menschen. Mein Blick glitt unwillk\u00fcrlich nach oben. Ich studierte die Topographie des Luftraums von unten. In der kuppelf\u00f6rmigen Dachkonstruktion ragten allerorten ungem\u00fctliche Spie\u00dfer hervor, als Taube h\u00e4tte man sich unm\u00f6glich dort niederlassen wollen.<\/p>\n<p align=\"left\">Vielleicht als Eule. Aber Eulen hatte ich hier nicht gesehen. Ein Problem war es mit den Tauben. Die flatterten dort oben herum, als litten sie unter Verdauungsst\u00f6rungen.<\/p>\n<p align=\"left\">Als der Blick wieder die Erde erreichte, war der Bahnsteig wie leergefegt. Wo eben noch hunderte von Leuten mit Koffern rastlos aneinander vorbei gelaufen waren, g\u00e4hnte nun die Leere eines verlassenen Bahnsteigs. Es war zum Ausrasten! Wieder war ich ausgetrickst worden.<\/p>\n<p align=\"left\">&nbsp;<\/p>\n<p align=\"center\">2<\/p>\n<p align=\"left\">Wenn es mit Beobachtung und Nachahmung nicht gelang, wie w\u00e4re es dann mit den Mitteln der Weltgeschichte? Ein vulkanischer Gedanke bem\u00e4chtigte sich meiner, ich begann mich zu f\u00fchlen wie Alfred Nobel in der Bl\u00fcte seiner Jahre. Dort war also Bahnsteig neun, oder sagen wir lieber &#8211; der Bahnsteig, wo zwischen den Zeilen der Gleise etwas Unverhofftes erwartet werden durfte. Ja, zwischen Gleis neun und Gleis zehn wohnte die Verhei\u00dfung.<\/p>\n<p align=\"left\">Ich stand am Anfang des Bahnsteigs, \u00fcber mir ein hemmungslos flirtendes Taubenp\u00e4rchen mit Verdauungsst\u00f6rungen, unter mir die Erdkugel, wie sie einst schwebend auf dem Schreibtisch eines Giganten vergangener Jahrhunderte rotiert haben mochte, nur gr\u00f6\u00dfer. Ich hatte die H\u00e4nde tief in den Hosentaschen vergraben und fingerte an etwas Festem herum. Jetzt hatte ich es in der Hand. Wenn ich jetzt die richtige Bewegung ausf\u00fchrte, es w\u00e4re soweit. Zwischen den Fingerkuppen hatte sich eine ganze Salzw\u00fcste abgesetzt, es rieselte ununterbrochen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es sich bis ins Innerste durchgerieselt h\u00e4tte.<\/p>\n<p align=\"left\">Da verschlug es mir den Atem. Ich wollte tief Luft holen, doch es gelang nicht. Ich versuchte vorsichtig zu r\u00f6cheln, so wie man in Hollywood das Nahen des retardierenden Moments einzur\u00f6cheln pflegt &#8211; allein: es wollte mir nicht gelingen. Obwohl ich genau wusste, dass ich mich auf dem Hauptbahnhof befand, am Anfang von Bahnsteig neun, der zwischen den Zeilen der Gleise ein Geheimnis birgt, sah ich vor lauter verhindertem R\u00f6cheln keinen Bahnhof mehr. Vielmehr stand ich allein in der Ein\u00f6de, um mich ein weites weites Feld, und ich sp\u00fcrte es unaufh\u00f6rlich rieseln. Unwillk\u00fcrlich hielt ich mir die Nase zu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Vielleicht bin ich zu alt f\u00fcr diesen ganzen Zauber. Ich trat vor die geheimnisvolle Wand und stie\u00df mir den Kopf. Dabei wusste jeder um die selbstverst\u00e4ndliche Mechanik dieses Ortes. Aber es war der falsche Ort. Oder sollte es gar ein falsches Geheimnis sein? 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