{"id":14705,"date":"2022-02-07T01:16:00","date_gmt":"2022-02-07T00:16:00","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=14705"},"modified":"2022-02-10T19:08:13","modified_gmt":"2022-02-10T18:08:13","slug":"echo-auf-ilja-repins-bild-unerwartet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=14705","title":{"rendered":"Echo auf: Ilja Repins Bild &#8222;Unerwartet&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Ilja Repin &quot;Unerwartet&quot; (1888)\" width=\"700\" height=\"394\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/QBE0rinjje0?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist ein Nachmittag wie jeder andere, die Kinder des Hauses sind im Wohn-Esszimmer und machen ihre Hausaufgaben, die Mutter spielt Klavier und die Gro\u00dfmutter beaufsichtigt die Kinder, die ihre Hausaufgaben machen und nicht spielen, in diesem Moment geht die T\u00fcr auf, die beiden Hausm\u00e4dchen lassen einen Mann herein, die beiden Frauen&nbsp; befinden sich in einem Zustand der Wachsamkeit, eine Mischung aus Unsicherheit und Zweifel, ob es richtig war, den Mann hereinzulassen. Eine \u00e4ltere Frau, bei der es sich wahrscheinlich um die Mutter des Mannes handelt, stand auf, um zu sehen, ob der Mann, der pl\u00f6tzlich hereinkam, ihr Sohn war, den sie seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Man kann sehen, wie \u00e4ngstlich sie ihren vermeintlichen Sohn anschaut, man kann sogar erkennen, dass ihre linke Hand zittert. Auf dem Tisch, \u00fcber die Tischdecke gelehnt, die, so wage ich zu behaupten, die Farben der Flagge der ehemaligen Sowjetunion tr\u00e4gt, steht ein kleines M\u00e4dchen, das den Gast mit \u00e4ngstlichen, verst\u00f6rten Augen anschaut, es k\u00f6nnte ihr Vater sein, ihr Onkel, ein Mann, den sie vielleicht noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Rechts neben dem M\u00e4dchen sieht man das begeisterte Gesicht eines Jungen, der ihn im Gegensatz zu dem M\u00e4dchen zu kennen scheint, vielleicht aus den Erz\u00e4hlungen seiner Gro\u00dfmutter, Mutter oder Tante oder von einem Foto, das ihm eine von ihnen gezeigt hat. Im Hintergrund ist eine Frau zu sehen, anscheinend j\u00fcnger als die andere, sie k\u00f6nnte die Frau des Mannes sein, der hereinkommt, oder seine Schwester, sie sieht ein wenig \u00fcberrascht aus, ja, noch mehr als das, sie gibt uns den Eindruck, als ob sie sich selbst fragt: Was macht er hier? Wie kommt es, dass er so aus dem Nichts auftaucht? Wo war er die ganze Zeit \u00fcber? Der hagere Mann mit den abgetragenen Stiefeln und dem etwas ramponierten Mantel hat Augen, die vor Erstaunen und scheinbarer Freude funkeln, und dieses Spiel der Blicke setzt sich&nbsp; bei der \u00e4lteren Frau fort, die seine Mutter sein k\u00f6nnte. Wir sehen auch einen Mann, der Furcht und Angst zeigt, dem der Stempel des Leidens und der Bew\u00e4hrung ins Gesicht gedr\u00fcckt wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Milagros de la Matta<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:87px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die j\u00fcngste Tochter am Tisch<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Mama hat gemeint, ich solle jeden Morgen schreiben \u00fcben. Sie sagt, es sei wichtig, dass M\u00e4dchen Sch\u00f6nschreiben lernen und gut in der Schule sind. Paul diktiert mir immer Geschichten oder Briefe. Ich h\u00f6re die T\u00fcr knarren. Paul springt hoch und schubst mich. Ich schaue b\u00f6se zu ihm auf, aber er sieht mich gar nicht an. Warum freut er sich so? Ich drehe mich zur T\u00fcr. Da steht ein Mann und schaut Mama erschrocken an. Warum macht er so gro\u00dfe Augen? Er sieht so alt aus. Und Mama guckt auch so erschrocken. Er sieht aus wie ein Bettler. Was will er bei uns zuhause? Wird Mama ihm Geld geben, wie den Bettlern auf der Stra\u00dfe? Soll ich ihm die neuen Socken geben, die ich gestrickt hab? Mama hat gesagt, wenn ich die fertig gestrickt habe, soll ich mit ihr mitkommen und sie armen Menschen geben. Aber ich bin noch nicht ganz fertig. Wird er froh sein, wenn er die bekommt? Es fehlen noch f\u00fcnf Reihen. Nein, vielleicht auch nur vier. Warum weint Mama denn?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anastasia Keller<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die R\u00fcckkehr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe mir st\u00e4ndig eingeredet, dass ich zur\u00fcckkehre, obwohl ich es gar nicht vorhatte. Jedes Jahr habe ich zu mir selbst gesagt, wenigstens komme ich mal vorbei, um zu sehen, wie sich die Stadt ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zwanzig Jahre sind vergangen, und jetzt bin ich da. Dort, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe die ganze Welt bereist. Ich war auf allen Kontinenten, au\u00dfer in der Antarktis. Nach dem Studienabschluss habe ich mich dem Roten Kreuz angeschlossen und die M\u00f6glichkeit bekommen, Afrika zu sehen. Das ist etwas, was ich nie vergessen werde. Nicht nur weil die Natur einfach atemberaubend ist, sondern auch weil ich die andere Seite des Lebens in dieser Welt gesehen habe. Und leider ist sie nicht sch\u00f6n. Die andere Seite ist Armut, Not und Leiden. Zuerst konnte ich meinen Augen nicht glauben. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum so viele Menschen in solch schrecklichen Verh\u00e4ltnissen wohnen m\u00fcssen und warum es im 21. Jahrhundert noch Kriege gibt. Ich erinnere mich daran, wie ich Verwundete und Kranke behandelt habe. Ich erinnere mich daran, wie ich verwaisten Kindern Essen gebracht habe. Ich erinnere mich an ihre Augen und daran, wie sie mich gefragt haben, wann ihre Eltern zu ihnen kommen. Und nie konnte ich die Antwort geben. Ich habe es einfach nicht gewagt. Ich wei\u00df nicht, ob sie sich an die russische Krankenschwester mit blonden Haaren noch erinnern, ob ich ihre Herzen ber\u00fchrt habe. Ich wei\u00df aber, dass sie in meinem Herzen geblieben sind. Jedes Mal, wenn ich s\u00fcndige, indem ich denke, das Leben sei zu schwierig und k\u00f6nnte doch ein bisschen besser sein, verbanne ich diesen Gedanken aus meinem Kopf. Ich habe doch alles bekommen, was ich mir je gew\u00fcnscht habe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nach einigen Jahren in Afrika war ich in Europa. Ich habe die Zeit dort ganz ruhig verbracht. Sowas wie Partys, Bars oder Klubs hat mich eigentlich nie interessiert. Ich habe nie Alkohol getrunken, mich in R\u00e4umen, wo es viele Menschen gibt, immer unwohl gef\u00fchlt, und die moderne Musik, die alle so toll fanden, hat mir nie gefallen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich war immer eine Au\u00dfenseiterin, aber das hat mich nie gest\u00f6rt. War ich einsam? Die meiste Zeit. Habe ich darunter gelitten? Nie. Ich habe meine Einsamkeit genossen, ich habe sie geliebt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eEinsamkeit ist Unabh\u00e4ngigkeit, ich hatte sie mir gew\u00fcnscht und mir erworben in langen Jahren. Sie war kalt, o ja, sie war aber auch still, wunderbar still und gro\u00df wie der kalte stille Raum, in dem die Sterne sich drehen\u201c.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So wurde meine Einsamkeit etwas, worauf ich auf keinen Fall verzichten wollte. Allein bin ich durch ganz Europa gereist, habe viele nette Menschen kennengelernt, gute B\u00fccher gelesen und mir noch einige Sprachen beigebracht. Und ich habe nie aufgeh\u00f6rt zu schreiben. Nur Papier konnte mich v\u00f6llig verstehen und hatte immer Geduld mit mir.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich habe immer gedacht, diese Einsamkeit, die ich so gesch\u00e4tzt habe, war nur f\u00fcr mich. Und pl\u00f6tzlich hat es sich herausgestellt, dass man sie mit einem Anderen teilen kann. Die deutsche Sprache hat daf\u00fcr ein wundersch\u00f6nes Wort. Es war nicht mehr Einsamkeit, die wir geteilt haben, es war unsere Zweisamkeit. Mit diesem Menschen habe ich meine Reise fortgesetzt. Ich wollte die Welt sehen. Aber ich habe verstanden, dass ich sie nicht mehr allein sehen wollte. Ich wollte alle Eindr\u00fccke und Erinnerungen mit diesem einzigen Menschen teilen. Ich wollte, dass meine Notizen und Gedichte von ihm gelesen werden. Ich wollte, dass er mich etwas Neues lernen sieht. Er war f\u00fcr mich mein zweites Ich, eine m\u00e4nnliche Version von mir selbst.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nordamerika und S\u00fcdamerika waren wunderbar. Ich w\u00fcrde gerne noch mal zur\u00fcckkehren, und das werde ich tun. Ich muss noch meine Freunde in Australien besuchen. Sie warten schon seit Jahren auf mich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber zuerst muss ich noch etwas erledigen. Man sagt, die Welt habe keine Grenzen, sie habe keinen Anfang und kein Ende. Eine Reise hat aber beides. Das Ende einer Reise ist dort, wo sie begonnen hat. Meine hat im Jahre 2019 im russischen Fernen Osten begonnen, als ich von zuhause weggezogen bin, um in Moskau zu studieren. Ich war erst achtzehn und habe noch nicht geahnt, wieviel auf mich zukommt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jetzt ist meine Weltreise zu Ende. Ich bin wieder zu Hause. Doch das Leben geht weiter. Und bevor ich mich auf eine neue Reise begebe, muss ich die einzigen Menschen, die ich mehr liebe als mich selbst, sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich \u00f6ffne die T\u00fcr (den Schl\u00fcssel habe ich immer noch) und betrete etwas unschl\u00fcssig die Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eHallo, Mama, Papa\u201c, sage ich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">\u201eDa bist du ja endlich\u201c, lautet die Antwort\u2026<\/p>\n\n\n<p>Nastja Matjasch<\/p>\n<p><\/p>\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein Nachmittag wie jeder andere, die Kinder des Hauses sind im Wohn-Esszimmer und machen ihre Hausaufgaben, die Mutter spielt Klavier und die Gro\u00dfmutter beaufsichtigt die Kinder, die ihre Hausaufgaben machen und nicht spielen, in diesem Moment geht die T\u00fcr auf, die beiden Hausm\u00e4dchen lassen einen Mann herein, die beiden Frauen&nbsp; befinden sich in&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1301,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[60],"tags":[],"class_list":["post-14705","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ecosdaescrita"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":15522,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=15522","url_meta":{"origin":14705,"position":0},"title":"Echo auf: Das Ende von Eddy","author":"Markus","date":"27. 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