{"id":14552,"date":"2021-12-18T17:44:18","date_gmt":"2021-12-18T16:44:18","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=14552"},"modified":"2022-01-30T01:08:25","modified_gmt":"2022-01-30T00:08:25","slug":"ecosdaescrita","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=14552","title":{"rendered":"Echo auf: Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">&#8222;Ecos da escrita&#8220;, zu deutsch etwa &#8222;Echos des Geschriebenen&#8220; &#8211; unter diesem Motto stehen einige ausgew\u00e4hlte Texte von Studentinnen einer Germersheimer \u00dcbung: Kreatives Schreiben: Zielsprache Deutsch. &#8222;Ecos da leitura&#8220;, &#8222;Echos der Lekt\u00fcre&#8220;, w\u00fcrde es ebenso treffen. Schreibanl\u00e4sse sind jeweils Ausz\u00fcge von \u00fcbersetzter Literatur, auf die die &#8211; nichtmuttersprachlichen &#8211; Studentinnen sprachlich reagieren sollten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein erstes Beispiel ist der Anfang von Mustafa Khalifas Roman &#8222;Das Schneckenhaus&#8220;, eine Abschiedsszene auf dem Flughafen Orly&#8230; <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs<\/strong> (Deutsch von Larissa Bender)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Suzanne und ich sa\u00dfen in einem Caf\u00e9 am Pariser Flughafen Orly und warteten auf den Abflug. Nach sechs Jahren w\u00fcrde ich in mein Land zur\u00fcckkehren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sogar in dieser letzten Viertelstunde wurde Suzanne nicht m\u00fcde, mich zum Bleiben zu \u00fcberreden. Immer wieder f\u00fchrte sie Argumente an, die ich schon kannte, seit ich ihr vor ein paar Monaten von meinem Entschlu\u00df erz\u00e4hlt hatte, in die Heimat zur\u00fcckzukehren und dort zu arbeiten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ich komme aus einer arabischen Familie christlich-katholischen Glaubens. Die eine H\u00e4lfte der Familie lebt in Paris, weshalb mir in diesem Land alle T\u00fcren f\u00fcr das Studium offen gestanden hatten. Das Studium war mir leichtgefallen, unter anderem weil ich des Franz\u00f6sischen schon vor meiner Ankunft in Paris m\u00e4chtig gewesen war. Ich hatte Regie studiert und war ein ausgezeichneter Student gewesen. Und nun wollte ich nach meinem Abschlu\u00df in mein Land und meine Stadt zur\u00fcckkehren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Auch Suzanne stammte aus einer arabischen Familie, doch ihre Familie war ausgewandert und lebte in Frankreich. In den letzten beiden Studienjahren waren wir ein Paar gewesen und h\u00e4tten sogar mit dem Segen beider Familien heiraten k\u00f6nnen, sofern ich nicht darauf bestanden h\u00e4tte, nach Hause zur\u00fcckzukehren, und sie, in Frankreich zu bleiben.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Bei unserem letzten Gespr\u00e4ch im Flughafen sagte ich resolut:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eSuzanne, ich liebe mein Land, meine Stadt. Ich liebe die Stra\u00dfen und Gassen dort. Das ist keine banale Romantik, sondern ein tief empfundenes Gef\u00fchl. Ich erinnere mich noch immer an die Slogans auf den Mauern der alten H\u00e4user in unserem Stadtviertel. Ich liebe sie, ich sehne mich nach ihnen. Au\u00dferdem m\u00f6chte ich ein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Regisseur sein, ich habe viele Projekte und Pl\u00e4ne im Kopf. Ich habe gro\u00dfe Ambitionen. In Frankreich w\u00fcrde ich ein Fremder bleiben, ich w\u00fcrde wie jeder andere Fl\u00fcchtling hier jobben, und sie w\u00fcrden mir nur ein paar Brotkrumen hinwerfen. Nein, das m\u00f6chte ich nicht. In meinem Land habe ich Rechte, dort bin ich niemandem zu Dank verpflichtet. Mit ein wenig M\u00fche kann ich es dort zu etwas bringen. Abgesehen davon, da\u00df mein Land mich und meinesgleichen braucht. Deshalb ist mein Entschlu\u00df zur\u00fcckzukehren endg\u00fcltig, und jeder Versuch, mich umzustimmen, ist zum Scheitern verurteilt.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ein paar Minuten herrschte Schweigen. Wir vernahmen den Aufruf, es war Zeit f\u00fcr den Abflug. Wir standen auf und kippten den Rest unseres Bieres hinunter. Ich sah sie mitf\u00fchlend an, Tr\u00e4nen sammelten sich in ihren Augen. Sie warf sich mir an die Brust. Ich k\u00fc\u00dfte sie fl\u00fcchtig<\/em>. <em>Solche Situationen kann ich nicht ertragen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eIch w\u00fcnsche dir alles Gute\u201c, sagte ich.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eIch dir auch. Und pa\u00df auf dich auf!\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Ich bestieg das Flugzeug.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">(<em>Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Bonn, 2019. Original<\/em>: <em>Al-Qawqa\u2019a: Yawmiyy?t Mutala??i?. <\/em>2008)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Texte zu Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Innerer Monolog Suzannes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wie kann er mir so etwas antun? Nach allem, was wir zusammen erlebt haben, die vier Jahren an der Uni, das dunkle und feuchte Zimmer im Keller, die gemeinsamen Freunde&#8230; wie kann er jetzt alles hinter sich lassen und weggehen? Wir h\u00e4tten heiraten und eine Familie gr\u00fcnden k\u00f6nnen. Wir h\u00e4tten gl\u00fccklich zusammen sein k\u00f6nnen, wie wir es bis jetzt gewesen sind. Es wird schwierig sein, ohne ihn. Meine kleine Schwester Fatima wird ihn furchtbar vermissen! Ich werde ihn furchtbar vermissen&#8230; Aber ich kann ihm nicht b\u00f6se sein. Im Gegenteil, ich verstehe ihn. Nat\u00fcrlich musste ich versuchen, ihn zu \u00fcberreden, dass er hierbleiben soll und, dass er hierhergeh\u00f6rt. Das musste ich wieder und wieder versuchen, obwohl ich wusste, dass ich keine Chance hatte, sein Vorhaben zu \u00e4ndern. Das konnte ich in seinen Augen sehen. Er war immer erfolgreich, ein ausgezeichneter Student und, sp\u00e4ter, bei seinen ersten Auftr\u00e4gen und Projekten, ein talentierter Regisseur. Trotzdem habe ich auch in seinen gl\u00fccklichsten Tagen einen Hauch von Melancholie bemerkt, die er st\u00e4ndig versuchte zu unterdr\u00fccken, bis sie ihn \u00fcberw\u00e4ltigt hat. Ich wei\u00df, dass er mich liebt und es auch ihm schwerf\u00e4llt, dieser Entscheidung zu folgen. Gegen seine Gef\u00fchle k\u00e4mpfend leerte er sein Bierglas und stand auf, \u00fcberzeugt davon, seinem Schicksal zu folgen. Er k\u00fcsste mich und w\u00fcnschte mir alles Gute. Mir fiel nichts Anderes ein, und ich antwortete nur \u201eIch dir auch. Und pass auf dich auf\u201c. Letztendlich wusste ich, dass ich ihn gehen lassen musste. Er wollte sich verbessern, bekannt werden, an wichtigeren Projekten teilnehmen. Bis dahin f\u00fchlte er sich nicht gen\u00fcgend anerkannt und ausreichend herausgefordert. Au\u00dferdem nahm die Sehnsucht nach der Heimat mit der Zeit st\u00e4ndig zu, bis er sich in Frankreich wie ein kompletter Fremder gef\u00fchlt hat. Obwohl er die Sprache beherrschte, versuchte er immer weniger Kontakt zu Leuten zu haben, bis er sich nur mit seiner und meiner Familie traf. Und jedes Mal, wenn es um Syrien ging, fingen seine Augen an zu gl\u00e4nzen und ein bitteres L\u00e4cheln \u00e4nderte seine Gesichtsz\u00fcge. All das war monatelang vor meinen Augen, aber ich habe es immer ignoriert. Ich habe gehofft, dass es nur eine Phase sein w\u00fcrde und, dass er sich eines Tages beruhigen w\u00fcrde und sein relativ neues Leben wieder zu sch\u00e4tzen w\u00fcsste. Seine Entscheidung war f\u00fcr mich also nicht ohne Gr\u00fcnde zustande gekommen. Ich konnte sie verstehen und sogar akzeptieren. Deswegen drehte ich mich um und lief Richtung Ausgang.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Erica Amistadi<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Der innere Monolog von Suzanne<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>(Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Da sitzt er, der Mann, mit dem ich mein Leben verbinden wollte, der die letzten zwei Jahre mein ein und alles war, was ich ihm eigentlich nie gesagt habe. Und jetzt ist es zu sp\u00e4t f\u00fcr lange Reden \u00fcber nicht ausgedr\u00fcckte Gef\u00fchle. Wenn ich ihn jetzt anschaue, kommt er mir irgendwie fremd vor. Seine andere Seite ist zu sehen, diejenige, die in Syrien verliebt ist und dem Land zuliebe wirklich alles hinter sich lassen w\u00fcrde. Diese Seite habe ich bisher nicht gekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Fremd wie nie beschrieben<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Sieht mich mein Schicksal an<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">So schrieb Rilke. Und wie sehr passen diese Zeilen zur Situation.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist an der Zeit, sich zu verabschieden. Ich bin bereit, Abschied zu nehmen, aber ich glaube, ich werde ihn nie ganz loslassen k\u00f6nnen. Er geht von mir weg, aber bei ihm bleibt etwas. Bei ihm bleibt ein Herz, und das Herz ist mein.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anastasiia Matiash (Nastja Matjasch)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Innerer Monolog Suzannes<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist dann das Ende. Wer konnte damit rechnen, dass diese emotionale Verbundenheit mit unserem Land, die uns vor zwei Jahren zusammenbrachte, uns jetzt wieder trennen w\u00fcrde? Oder h\u00e4tte ich es eigentlich noch fr\u00fcher bemerken k\u00f6nnen, dass das Heimweh, von dem wir st\u00e4ndig gesprochen haben, nicht wirklich so ein geteiltes Gef\u00fchl war, wie es das in meiner Vorstellung ist? An meine Kindheit in Syrien denke ich eigentlich gern zur\u00fcck, aber nur als eine nostalgische Erfahrung, wenn es im Leben nichts gibt, um das ich mich sorge oder \u00fcber das ich mich freue, also ja, Romantik, in seinem Wort. Aber wirklich zur\u00fcck in das Land? Lieber nicht. Um ehrlich zu sein, verstehe ich ihn auch nicht ganz. Ist es nicht besser, die Erinnerung halt Erinnerung sein zu lassen? Und Regie, nat\u00fcrlich, seine Lebenskarriere. Ich liebe es tats\u00e4chlich, wenn er \u00fcber seinen Traum spricht. Dass er sich die ganze Zeit \u00fcber so sicher ist, was er will und sich von nichts abhalten l\u00e4sst, erscheint mir wie immer so attraktiv, auch wenn uns diese Entschiedenheit jetzt zur Trennung f\u00fchrt. Ich konnte mir schon gut vorstellen, dass er mich eines Tages wegen seiner Arbeit verlassen w\u00fcrde. Es kommt immer ein \u201eSyrien\u201c vor, wenn er mich nicht in seiner Zukunft sieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ich hoffe nur, dass es in Syrien wirklich was Spannendes gibt, das auf ihn wartet, wie er es sich jetzt vorstellt. Alles Gute, meine Liebe.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jing Lin<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n<p><!-- \/wp:post-content --><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Ecos da escrita&#8220;, zu deutsch etwa &#8222;Echos des Geschriebenen&#8220; &#8211; unter diesem Motto stehen einige ausgew\u00e4hlte Texte von Studentinnen einer Germersheimer \u00dcbung: Kreatives Schreiben: Zielsprache Deutsch. &#8222;Ecos da leitura&#8220;, &#8222;Echos der Lekt\u00fcre&#8220;, w\u00fcrde es ebenso treffen. Schreibanl\u00e4sse sind jeweils Ausz\u00fcge von \u00fcbersetzter Literatur, auf die die &#8211; nichtmuttersprachlichen &#8211; Studentinnen sprachlich reagieren sollten. 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