{"id":13750,"date":"2021-03-12T21:57:33","date_gmt":"2021-03-12T20:57:33","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=13750"},"modified":"2022-01-29T09:57:49","modified_gmt":"2022-01-29T08:57:49","slug":"ende-der-zahlenspiele-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=13750","title":{"rendered":"Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit"},"content":{"rendered":"<p align=\"right\">&nbsp;<i>\u201eWer mit Ungerechtigkeit Gerechtigkeit anstrebt, dessen<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>Gerechtigkeit bleibt ungerecht; wer mit Unglaubw\u00fcrdigem<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>Glaubw\u00fcrdigkeit anstrebt, dessen Glaubw\u00fcrdigkeit bleibt<\/i><\/p>\n<p align=\"right\"><i>unglaubw\u00fcrdig.\u201c (Zhuangzi 32.17)<\/i><\/p>\n<p>Die metaphysischen Bed\u00fcrfnisse des Menschen haben sich in den letzten Jahrhunderten kaum ver\u00e4ndert, seine \u00c4ngste sind geblieben \u2013 aber die Selbst\u00fcberzeugung, vernunftbegabt zu sein und rational zu handeln, ist stetig gewachsen. Den Hauptbeitrag zu dieser Illusion verdanken wir der Wissenschaft. Mag die wissenschaftliche Erkenntnis im einzelnen objektiv und nachvollziehbar erscheinen, in der gesellschaftlichen Praxis wird ihr geglaubt und soll ihr geglaubt werden. Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit ist an die Stelle des Kirchen- und Gottesglaubens getreten. Wissenschaft \u00fcbernimmt die Rolle der Institutionen, die sich von Alters her dem Gesch\u00e4ft mit dem Ungewissen gewidmet haben. Dabei sind der Wissenschaft strukturelle Einschr\u00e4nkungen im Umgang mit dem Ungewissen auferlegt: Sie kann das Ungewisse nicht metaphysisch in Gewi\u00dfheiten transformieren, denn wissenschaftliche Wahrheiten gelten nur bis zu ihrer Wider\u00adle\u00adgung \u2013 Falsifizierbarkeit ist ihr oberstes Gebot. An die Stelle der ewigen g\u00f6ttlichen Weisheit treten kurzlebige wissenschaftliche Er\u00adkenntnisse, Grenzwerte und Richtlinien, die \u00fcbermorgen bereits fallen gelassen werden, Routinen, die morgen schon \u00fcberholt sind. Galt in der Bl\u00fctezeit der Eugenik die Rassenh\u00adygiene als wissen\u00adschaft\u00adlicher Standard, der mit rationaler Wucht vertreten und durchgesetzt wurde, ist es zu Zeiten der Furcht vor Erk\u00e4ltungskrankheiten die sogenannte AHA-Regel.<\/p>\n<p>Der Atheismus, mit dem sich die Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit maskiert, erweist sich im Kern als eine trost\u00adlose Religion \u2013 wie schon Carl Friedrich von Weizs\u00e4cker bemerkte. Dem Atheismus fehlen die trost\u00adspendenden Rituale, die Orte, an denen sich die Generationen versammeln und gegenseitig Halt geben, Lieder und T\u00e4nze, Ber\u00fchrungen. In den Laboren werden aseptische Zust\u00e4nde hergestellt, in den Klausuren und Pr\u00fcfungsr\u00e4umen werden Argumente ausgetauscht. Der Mensch wird im west\u00adlichen Bildungs- und Hochschulsystem zunehmend auf ein Kopfwesen reduziert, dessen \u00f6ffentliche Fas\u00adsade zu reiner Rationalit\u00e4t kri\u00adstal\u00adlisiert wie Salz auf einer perfekt abgedichteten Mauer. Ins\u00adgeheim aber, in der Freizeit oder sp\u00e4te\u00adstens mit dem Erlangen des Qualifikationsnachweises wird das Bed\u00fcrfnis nach Transzendenz, Spiri\u00adtualit\u00e4t oder Irrationalit\u00e4t wach. Der Absolvent oder die Absolventin wendet sich neu\u00adheid\u00adnischen oder fern\u00f6stlichen Vergn\u00fcgungen und Praktiken zu, meldet sich beim Yoga, Tantra oder Schweige-Retreat an.<\/p>\n<p>Wer sich in der \u00d6ffentlichkeit auf die Wissenschaft beruft, biedert sich zumeist einem linearen Kausal\u00addenken an, um die beim Publikum unterstellte Vollkasko-Mentalit\u00e4t zu bedienen. Die Wirk\u00adsam\u00adkeit politischer Ma\u00dfnahmen wird in wissenschaftlichem Duktus behauptet, ohne tats\u00e4chlich einen empirischen Wir\u00adkungs\u00adnachweis mitzuliefern, geschweige denn Wechsel- und Neben\u00adwir\u00adkungen zu be\u00adr\u00fcck\u00adsich\u00adtigen. Wissenschaftlichkeit ist die Beruhigungspille einer sich selbst als ratio\u00adnal mi\u00df\u00adver\u00adstehenden Gesellschaft und dient der Demonstration von Handlungsf\u00e4higkeit \u2013 nur leider m\u00fcs\u00adsen die im Brustton der \u00dcberzeugung verk\u00fcndeten Leitlinien und Regeln alle drei Wochen \u00fcber den Haufen geworfen werden, weil sie sich nicht bewahrheitet haben.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig in der Corona-Krise ist die aktive Vermeidung eines hinreichend komplexen Bild vom Ge\u00adschehen seitens der Regierung. Seit Februar 2020 fordern ernstzunehmende Gesund\u00adheits\u00adwis\u00adsen\u00adschaftler repr\u00e4sentative Erhebungen zur Verbreitung des Virus. Denn nur auf dieser Grund\u00adlage las\u00adsen sich Dunkelziffer, Inzidenz und die Wirksamkeit der Ma\u00dfnahmen valide sch\u00e4tzen. L\u00f6sungs\u00adorientiert und daher nachhaltiger wie auch zukunftstr\u00e4chtiger w\u00e4ren dar\u00fcber hinaus re\u00adpr\u00e4sentative Studien zur bereits vorhandenen Immunit\u00e4t auf Grundlage der Messung corona\u00adspe\u00adzifischer Antworten der T-Lymphozyten (\u201eGed\u00e4chtniszellen\u201c), die mittlerweile m\u00f6glich ist (Sekine et al., 2020).&nbsp; Eine Er\u00adkl\u00e4\u00adrung, warum die Regierung bzw. das ihr untergeordnete RKI repr\u00e4sentative Studien verweigert, wird nicht gegeben \u2013 die Regierung zieht es vor, das Land kraft diktatorischer Verordnungsmacht im Blindflug durch den Ausnahmezustand zu man\u00f6vrieren \u2013 anf\u00e4llig f\u00fcr die Einredungen einzelner, hand\u00adverlesener Experten und Schwarzseher.<\/p>\n<p><em>These 2: Die Regierung schm\u00fcckt sich mit dem Duktus der Wissenschaftlichkeit, ohne die em\u00adpirische Evidenz\u00adfor\u00adschung tats\u00e4chlich zuzulassen, zu f\u00f6rdern und schlie\u00dflich auch ernst zu nehmen. Auf diese Weise verl\u00e4ngert sie f\u00fcr sich die Option direkten Durchregierens auf dem Verordnungsweg, ohne R\u00fccksicht auf parlamentarische Auseinandersetzungen nehmen zu m\u00fcssen.<\/em><\/p>\n<p>Dar\u00fcberhinaus fehlt der Regierung auf der Meta-Ebene ein Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Komplexit\u00e4t natur\u00adw\u00fcchsiger Wechselbeziehungen \u2013 dieses Verst\u00e4ndnis kann ihr die heutige Naturwissenschaft zu\u00admeist nicht bieten. Es ist aber die Voraussetzung, um Wissenschaft und gesellschaftliche Erwartung auf\u00adeinander abzustimmen. Stattdessen dominiert in der Politik ein technokratisches Welt- und Men\u00adschen\u00adbild, das im Grunde auf dem Niveau der klassischen Mechanik argumentiert und nahezu alles auf kausale Weise f\u00fcr machbar h\u00e4lt. Man m\u00fcsse nur die Ursachen erkennen und entsprechend handeln. Das ist weniger als das scholastische Wissenschaftsverst\u00e4ndnis, das zu Zeiten von Ren\u00e9 Descartes vor\u00adherrschte: Alles in der Welt bewege sich durch Druck und Sto\u00df, der menschliche K\u00f6rper sei blo\u00df eine \u201eGliedermaschine\u201c.<\/p>\n<p>Das wissenschaftliche Ethos, das Descartes einst auszeichnete und zu einem mutigen Skeptiker werden lie\u00df, ist den Universit\u00e4ten europaweit in den letzten Jahrzehnten abhanden gekommen: Der Abbau von Wissenschaft und Bildung wurde mit der Bologna-Reform erfolgreich in Angriff ge\u00adnom\u00admen. Die Universit\u00e4t versteht sich nicht mehr im Geist des Humboldtschen Universalismus, um der Erkenntnis willen zu forschen und zu lehren, sondern hat ein sozialdarwinistisches Social-Credit-System im Dienste kurzfristiger merkantiler Interessen etabliert. Die Beschr\u00e4nkung des Bachelor-Ab\u00adschlus\u00ad\u00adses auf eine dreij\u00e4hrige theoretische Berufsausbildung beinahe ohne Praxisvermittlung sp\u00fclt junge, un\u00adgebildete, sprich formbare Absolventen in die Konzerne \u2013 aber auch in die Ver\u00adwal\u00adtung und In\u00adsti\u00adtu\u00adtionen der Daseinsvorsorge. Im besten Falle entsteht Fachwissen durch betriebs\u00adinterne Fort\u00adbildungen und \u201eLearning by doing\u201c. Im schlimmsten Falle regiert die Unwissenheit. An die Stelle von Bildung ist Selbstoptimierung f\u00fcr den Arbeitsmarkt getreten. Die wissenschaftliche Neugier und das Bed\u00fcrfnis, sich ganzheitlich zu einer Pers\u00f6nlichkeit zu entwickeln, findet zuweilen noch im Master\u00adstudium ein wenig Raum \u2013 hier sind die Pl\u00e4tze aber k\u00fcnstlich verknappt worden.<\/p>\n<p>Der technokratische Ver\u00adstand steht vor un\u00adl\u00f6sbaren R\u00e4tseln, wenn anstelle kausaler Ursache-Wirkungs\u00adketten, die unmittelbare Machbarkeit sug\u00adgerieren, nat\u00fcrliche Zusammenh\u00e4nge ent\u00adscheidend sind. Was heute von der Regierung als Wissenschaftlichkeit bezeichnet wird, ist instru\u00admen\u00adta\u00adli\u00adsierte Wissenschaft, also das Gegenteil von Wissenschaft. Es werden Unsummen in die Ent\u00adwicklung experimenteller Impfstoffe investiert, w\u00e4hrend abenteuerliche \u201eTeststrategien\u201c zeitgleich massive statistische Artefakte nach sich ziehen, die den Lockdown solange legitimieren, bis eine zerm\u00fcrbte Bev\u00f6lkerung danach ruft, sich \u201efreiimpfen\u201c lassen zu wollen. In Gef\u00e4lligkeitsgutachten, erstattet von der Leopoldina oder etwa der Impfkommission, wird dem staatlichen Pharma-PR-Projekt&nbsp; die Krone aufgesetzt, indem behauptet wird, alles sei \u201ewissenschaftlich\u201c, der PCR-Test sei valide, die neu\u00adartigen, in Windeseile aus dem Labor hervorgezauberten Impfstoffe seien auch ohne Langzeitpr\u00fcfung sicher und wirksam. Es ist nicht lange her, da schw\u00e4tzten die Propheten vom \u201ewis\u00adsen\u00ad\u00ad\u00adschaftlichen Kommunismus\u201c, der gesetzm\u00e4\u00dfig wie die Jahreszeiten, den Kapitalismus ab\u00adl\u00f6sen werde. Das Gegenteil trat ein. Wissenschaftlichkeit eignet sich in jeder Art von Diktatur, der Willk\u00fcr ein M\u00e4ntelchen scheinbarer Objektivit\u00e4t umzuh\u00e4ngen.<\/p>\n<p><em>These 3: In Deutschland ist aller gegenteiligen Rhetorik zum Trotz ein wissenschaftsfeindlicher Umgang mit Corona seitens der Politik zu beobachten: Repr\u00e4sentative Studien werden unterlassen, fun\u00adda\u00admentale Statistik\u00adfehler toleriert, die Obduktion von \u201eCorona-Toten\u201c erst untersagt, dann erschwert \u2013 die Furcht vor wissen\u00adschaftlicher Redlichkeit ist eine Folge des Abbaus des wichtigsten Rohstoffes, den dieses Land je hatte: Bildung.<\/em><\/p>\n<p>Die skurrile Bevorzugung (\u201ePriorisierung\u201c) der Wirtschaft gegen\u00fcber der Kultur f\u00fchrte w\u00e4hrend der Corona-Krise zu einem Radikalabbau von Schul- und Hochschulbildung \u2013 im Vergleich zu dieser, diesmal europ\u00e4ischen Kulturrevolution war die Bologna-Reform nur ein trockener Husten. Das gesamte akademische Leben wurde in sterile \u201edigitale Lernformen\u201c verbannt, die einschlie\u00dflich der Klausuren dank Video\u00fcbertragung in der Vereinzelung der Studentenbude abgehalten werden k\u00f6nnen. Der monate\u00adlange Unter\u00adrichtsausfall an den vorbereitenden Schulen bereitet einem neuen Analphabetismus den Boden. Nicht nur Lesen, Rechnen und Schreiben wird f\u00fcr die Grund\u00adsch\u00fcler, die ihre ersten schulischen Erfahrungen monatelang im \u201eDistanzunterricht\u201c erleiden mu\u00dften, zu den selten erlernten K\u00fcnsten geh\u00f6ren. Vor allem Menschen, die imstande sind, zwi\u00adschen den Zeilen zu lesen, Kontexte zu entziffern und systemisch zu denken, werden zu einer aus\u00adsterbenden Species z\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp;\u201eWer mit Ungerechtigkeit Gerechtigkeit anstrebt, dessen Gerechtigkeit bleibt ungerecht; wer mit Unglaubw\u00fcrdigem Glaubw\u00fcrdigkeit anstrebt, dessen Glaubw\u00fcrdigkeit bleibt unglaubw\u00fcrdig.\u201c (Zhuangzi 32.17) Die metaphysischen Bed\u00fcrfnisse des Menschen haben sich in den letzten Jahrhunderten kaum ver\u00e4ndert, seine \u00c4ngste sind geblieben \u2013 aber die Selbst\u00fcberzeugung, vernunftbegabt zu sein und rational zu handeln, ist stetig gewachsen. 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