{"id":13026,"date":"2020-06-28T22:13:23","date_gmt":"2020-06-28T21:13:23","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=13026"},"modified":"2020-06-28T22:16:23","modified_gmt":"2020-06-28T21:16:23","slug":"tante-hilde-oder-alle-sind-verdaechtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=13026","title":{"rendered":"Tante Hilde oder Alle sind verd\u00e4chtig"},"content":{"rendered":"<p><b>Tante Hilde in Gelb oder Alle sind verd\u00e4chtig<br \/>\n<\/b>[Anfang einer] Krimisatire<b><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1<\/p>\n<p>Es sind die letzten Wochen der Krise, der Krise des Krieges, den wir begonnen haben und der schon lange w\u00e4hrt. In diesen letzten Wochen scheint die Sonne so eifrig, wie Preu\u00dfen es lange nicht gesehen hat, und die Hauptstadt ist bl\u00fcten- und bomben\u00fcberzogen, wundersch\u00f6n, voller Wunden, viel mehr Wunden verschuldend an anderen Enden der Welt und sch\u00f6n, dass es der Fr\u00fchling ist, der sie \u2013 die Stadt und das Reich, das sie zum Wahnsinn bringt \u2013 in den Anfang des Untergangs st\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>So sehr blitzt die Sonne, so wolkenlos ist der April, scharf wie ein Schwert f\u00e4hrt der Himmel in die Praxis und meine Tante Hilde \u2013 Dr. Hilde Kampf &#8211; l\u00e4sst die Klapperjalousie herunter, damit sie besser in Himpis Mund schauen kann. Falls das Licht sich n\u00e4mlich in ihrem kleinen runden Zahnarztspiegel bricht und ihr ins Auge f\u00e4llt, muss sie selbiges zukneifen und dann verschiebt sich der Fokus, dann beginnen die kleinen Viecher zu tanzen in Himpis Rachen, die sie eben noch versucht hat zu streicheln. Zum Zweck der Narkose, wie sie Himpi beruhigt und bel\u00fcgt. Narkosemittel sind an der Heimatfront nicht mehr vorhanden und Himpi hat sowieso Angst vorm Zahnarzt, deswegen kommt er zu ihr. Streicheln muss sie die Tierchen, um in Wahrheit unauff\u00e4llig einen Abstrich von ihnen zu machen, den ihre Freundin \u2013 meine Oma \u2013 nachher mitnehmen kann ins Gesundheitsamt oder das, was davon noch steht. Hoffentlich kommt der Abstrich noch vorm Untergang ins Labor.<\/p>\n<p>Ein Labor, ein Labor, ein eigenes Labor\u2026<\/p>\n<p>Gleich ist es vorbei, sagt Tante Hilde, ich nehme jetzt die Zange \u2013 sie h\u00e4lt Himpi die Zange vors Gesicht, das hat er bestimmt gern -, greift entschlossen den zerfressenen Zahn und zieht ihn mit einem Ruck raus.<\/p>\n<p>Bevor Himpi wimmern kann, br\u00fcllt er bereits.<\/p>\n<p>Hilde ist eine sportliche Frau von 35 Jahren, die im wei\u00dfen Tennisrock durch ihre Praxis turnt. Die roten Wangen gl\u00fchen bei dem Kraftakt und das m\u00e4nnertreublaue Oberteil steht ihr famos. Doch das kann Himpi nicht sehen. Er kneift die Augen zu vor Schmerz und br\u00fcllt noch nach, dann f\u00e4ngt er an zu weinen wie ein Kind, das hingefallen ist, h\u00e4lt wieder den Mund auf, damit Hilde die Wunde reinigt und desinfiziert.<\/p>\n<p>Streicheln, so so, murmelt Himpi danach.<\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten doch das Cocain nehmen sollen, mein Himpi, aber Sie wollten ja nicht. Fr\u00fcher hat man es so gemacht, es funktioniert einwandfrei und die Nebenwirkungen kann man vernachl\u00e4ssigen. Das Bisschen Abh\u00e4ngigkeit\u2026<\/p>\n<p>\u2026 ist sowieso schon vorhanden, erg\u00e4nzt Himpi und hat seinen knarzenden Tonfall wiedererlangt. Er legt sich das schwei\u00dffettige Haar quer \u00fcber die Stirn und streicht sich das Blut aus dem B\u00e4rtchen. Ich werde Ihnen f\u00fcr den Rest meines Lebens dankbar sein. Also nicht mehr sehr lange. Bitte bezeugen Sie meinen Mut.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen in einer Woche wiederkommen, ich muss die Wunde noch einmal sehen.<\/p>\n<p>In einer Woche, da bin ich schon tot, sagt Himpi glasig.<\/p>\n<p>Ach was, wenn der Feind erst besiegt ist, nehmen wir uns den anderen Zahn vor.<\/p>\n<p>Sind Sie verheiratet?<\/p>\n<p>Das hat noch Zeit.<\/p>\n<p>Aber ich werde heiraten, Fr\u00e4ulein Dr. Kampf, und zwar schon bald. Ich habe n\u00e4mlich \u2013 sagen wir so \u2013 keine Zeit mehr.<\/p>\n<p>Gratuliere, sagt Hilde ohne Bedacht.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen es sich wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich bin sehr sentimental, jedenfalls wenn es um mich geht. Ich f\u00fchle mich nahe dem Tod.<\/p>\n<p>Tante Hilde versp\u00fcrt einen Brechreiz und wirft den blutigen Zahn in den Eimer.<\/p>\n<p>Sie werden uns doch jetzt nicht verlassen, sagt Hilde automatisch; dabei streift sie unbemerkt Himpis Rachenextrakt von der Pipette.<\/p>\n<p>Im Gehen sagt Himpi: Hunderttausend Tulpen wurden in Japan abgem\u00e4ht, damit die Feinde kein Ziel haben. Als ob noch ein Flugzeug bis dahin fliegt.<\/p>\n<p>Ihre Augen\u2026, sagt Hilde, denn Himpi macht schon wieder ganz kleine Schlitze.<\/p>\n<p>Sind trocken. Selbst wenn ich weine. Ich vertrage kein Licht mehr. Ich sehe Sie v\u00f6llig in Gelb, Fr\u00e4ulein Doktor.<\/p>\n<p>Das sind die Forsythien drau\u00dfen vorm Fenster. Sie leben zu lange im Bunker, mein -!<\/p>\n<p>Wiedersehen, sagt Himpi.<\/p>\n<p>Der Mann ist ein Wrack, denkt Hilde und es zieht sie zu dem Reagenzglas. Sie nimmt das Glas hoch, schaukelt es ein wenig, \u00f6ffnet das Fenster, um im Gegenlicht die unbestimmbare Mitte in der klareren Fl\u00fcssigkeit besser zu sehen. Wer wenn nicht Himpi hat den Infekt? Der Mensch mit den schlechtesten Immunkr\u00e4ften, der am unges\u00fcndestes lebt, derjenige, der die gr\u00f6\u00dfte Schuld auf sich geladen hat, infolgedessen der angegriffenste Mensch \u00fcberhaupt? Der noch dazu konsequent seit Jahren im Dunkeln lebt und sich von Kartoffelbrei ern\u00e4hrt. Es k\u00f6nnte die Wunderwaffe sein, aber das hier im Glas ist Himpis Schnodder. Hilde ist gar nicht an Waffen interessiert und auch nicht an Himpi. Hilde ist Zahn\u00e4rztin, sie h\u00e4lt die Stellung f\u00fcr Notf\u00e4lle in schlimmster Zeit, und Infektionskrankheiten sind ihr Hobby.<\/p>\n<p>Ein detektivisches Hobby, das sie mit meiner Oma teilt seit der Zeit, als sie zusammen die Sanit\u00e4tsausbildung machten. Ein Hobby, das Hilde im Geheimen betreibt, damit es ihr nicht entrissen, damit ihr leidenschaftliches Interesse f\u00fcr die Wissenschaft nicht ein Raub des Krieges wird. Infektiologie geht \u00fcber einzelne faulige M\u00fcnder hinaus und betrifft das Wohl der ganzen Menschheit. Meine Oma, die als Angestellte des Gesundheitsamtes sowieso verstrickt ist in Politik, sieht die Dinge ganz n\u00fcchtern. Wir sind die einzig wahre Hygienepolizei, du und ich, sagt sie. Alle anderen verstehen jetzt etwas Entartetes darunter. Entartet, sagt meine Oma, ist die Hygiene.<\/p>\n<p>Tante Hilde \u00f6ffnet ihren Privatschrank und nimmt eine Gasmaske heraus. Das gute St\u00fcck aus dem vorigen Krieg geh\u00f6rte ihrem verstorbenen Vater und liegt jetzt wieder griffbereit, denn die herabfallenden Bomben k\u00f6nnten auch kurz vor dem Ende noch giftgef\u00fcllt sein. Sie zieht den R\u00fcssel \u00fcber, denkt nach, ob sie die Sprechstundenhilfe schon in den Feierabend geschickt hat, dann f\u00e4llt ihr ein, dass die Assistentin zu ihrer Mutter nach Bayern gefahren ist. Hilde bef\u00e4llt eine seltene Beklemmung. Ihre eigene Mutter ist weit weg in Amerika, und hier gibt es niemanden, der sich um sie k\u00fcmmert und niemanden, der sie am Ende des Tages vermisst. Hier ist angeblich die Heimat, aber was hei\u00dft das? Man kann alles noch so gut organisieren, noch so gut kontrollieren, man kann der Assistentin all die Tage frei geben, die sie verlangt, am Ende ist man allein.<\/p>\n<p>In die Gasmaske hat sie sich, zur Belustigung des ausf\u00fchrenden Optikers, statt der Augengl\u00e4ser ein Mikroskop einsetzen lassen. So kann sie unauff\u00e4llig im Schatten des Zivilschutzes einen Rachenabstrich in Vergr\u00f6\u00dferung sehen. Der Gesichtskreis ist mit der Mikroskop-Maske allerdings sehr eingeschr\u00e4nkt, sie haut mit dem R\u00fcssel das Reagenzglas fast um.<\/p>\n<p>In diesem Moment st\u00f6\u00dft durch das halb ge\u00f6ffnete Fenster ein h\u00e4sslicher schwarzer Tierkopf. Ein aufgerissenes Spitzmaul voll scharfer Z\u00e4hne, dar\u00fcber b\u00f6se starrende Augen. Mit vernehmlichem Klatschen schlagen zwei sehnige, weit ausladende, belappte Arme oder Pfoten gegen den Fensterrahmen. Riesig ist das Gesch\u00f6pf. Es weicht zur\u00fcck, um einen weiteren Anflug gegen die \u00d6ffnung zu unternehmen und knickt dabei die Forsythien. In Hilde kommt Leben, sie rast mit h\u00e4mmerndem Puls zum Fenster und schlie\u00dft es, l\u00e4sst sofort auch die Jalousie runter, um nichts mehr zu sehen. Das riesige Tier, das in ihre Praxis eindringen wollte, war eindeutig eine Fledermaus.<\/p>\n<p>Von Adrenalin durchflutet, stellt Hilde endlich das Reagenzglas in den Schrank. Sie setzt sich auf den Rand des Behandlungsstuhls und sinkt in die Lehne, schlie\u00dft die Augen hinter der Maske, \u00f6ffnet sie aber gleich wieder, denn meine Oma steht in der T\u00fcr, ebenfalls mit einer Gasmaske vor dem Gesicht, neueres Modell. Hilde kann die Freundin im Moment haupts\u00e4chlich h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Warum ist die Haust\u00fcr auf? fragt meine Oma.<\/p>\n<p>Himpi war da, sagt Hilde tonlos so als sei das eine Erkl\u00e4rung. Und nicht nur er. Was hast du da auf dem Kopf?<\/p>\n<p>Das Neueste vom Amt. Manchmal k\u00f6nnen sie was. Es ist schick, oder?<\/p>\n<p>Die Freundinnen schauen sich durch die Gasmasken an, Hilde beginnt zu zittern und Grete beugt sich \u00fcber sie und nimmt sie fest in den Arm.<\/p>\n<p>Du arbeitest zu viel, dann diese Krise\u2026 Und obendrein Himpi\u2026 Kommt er wieder?<\/p>\n<p>Ich habe seinen Abstrich. Du solltest dich freuen, dass er mich f\u00fcr die beste Zahn\u00e4rztin der ganzen Stadt h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Oh, das tue ich! sagt Grete. Ich nehme den Abstrich mit, und morgen fr\u00fch geht das Glas ins Labor.<\/p>\n<p>Ich \u00fcberlege, ob ich es nicht selbst ins Labor bringen sollte, jetzt gleich, und zwar in das andere.<\/p>\n<p>Hilde schiebt Grete beiseite und n\u00e4hert sich vorsichtig dem Fenster. Sie hebt die Jalousie ein wenig hoch. Auf dem Fensterbrett summt eine gro\u00dfe Fliege, auf dem R\u00fccken, die gekr\u00fcmmten Beine nach oben.<\/p>\n<p>Das Heeresgasschutzlaboratorium?<\/p>\n<p>Wir haben dort neue Kontakte.<\/p>\n<p>Grete zieht fragend die Augenbraue hoch. Was f\u00fcr Kontakte?<\/p>\n<p>Diskrete, seit vorgestern. Es war eine kleine OP, ich habe den Mann selber auf dem Motorrad wieder zur Arbeit gefahren. Englischer Akzent, stell dir vor.<\/p>\n<p>Grete seufzt: Der Spion, den sie liebte!<\/p>\n<p>Im HGSL sind sie ausgestattet mit allem. Er hat sich sein eigenes Bet\u00e4ubungsmittel mitgebracht. Das war klug, denn einen Mann unter Schmerzen kann man nicht k\u00fcssen. Ich bin sicher, er wird den Test f\u00fcr uns auswerten. Und dann beweisen wir: Himpi ist infiziert.<\/p>\n<p>Hilde, du solltest das K\u00fcssen jetzt lassen. Es ist nicht die Zeit daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Doch, doch, es ist eine wunderbare Zeit. Wenn du k\u00fcsst, bist du gl\u00fccklich und du bist immun. Es ist Fr\u00fchling, du musst dich verlieben.<\/p>\n<p>Hilde hat sich wieder gefangen, die Fledermaus ist aus ihrem Hirn. Mit Sex kann man sich sch\u00fctzen, erkl\u00e4rt sie.<\/p>\n<p>Ich bringe die Probe ins Gesundheitsamt, sagt meine Oma sachlich.<\/p>\n<p>Nein, ich bringe sie ins HGSL.<\/p>\n<p>Es ist die Probe von Himpi, erwidert meine Oma jetzt etwas scharf. Darauf habe ich ein Anrecht. Ich verf\u00fcge es hiermit, ich beschlagnahme sie. Zuwiderhandlungen werden geahndet.<\/p>\n<p>Hilde lacht. Sie lacht und lacht und dann lacht auch meine Oma. Die Freundinnen und ihr Hobby und die M\u00e4nner und der Krieg. Sie fahren gemeinsam mit der BMW durch die Spandauer Neustadt, Hilde vorn, meine Oma hinten mit dem Schild um den Hals \u201eHygienepolizei\u201c.<\/p>\n<p>Der englische Liebhaber ist sehr charmant. Er bittet die Damen zum Tee, auf dem Rasen vorm Eingang zum Heeresgasschutzlabor, das eigentlich Heeresgiftgaskampf- und versuchslabor hei\u00dfen m\u00fcsste. Das Labor liegt innerhalb der Mauern der Zitadelle, Berlins Trutzburg der Renaissance. Angreifende Truppen hat das Bauwerk schon viele gesehen, und vor Bomben ist man jetzt sicher, gerade weil es hier so explosiv ist. Drei St\u00fchlchen werden aufgestellt. Der Engl\u00e4nder k\u00fcsst Tante Hilde leidenschaftlich und lange, trotz Infektrisiko. Er gibt ihr noch etwas Rizin mit, \u201efor emergency\u201c. Im Labor wird es nicht mehr gebraucht, sie haben ja Sarin und Tabun und Zyklon B und er m\u00f6chte den Rizinrest sinnvoll verschenken. Der Engl\u00e4nder h\u00e4lt Himpi f\u00fcr einen Feigling, versteckt er sich nicht seit Jahren in den ostpreu\u00dfischen W\u00e4ldern? Bei Wildschweinen und Rehen, samt seiner Kommandozentrale? Grete ist pikiert \u00fcber die K\u00fcsserei aber auch etwas erregt. In ein paar Tagen gibt es Himpis Ergebnis. Viele Gr\u00fc\u00dfe an deinen Mann, fl\u00fcstert Hilde der Freundin beim Abschied ins Ohr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>2<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen f\u00fcllt sich die Praxis. Hilde kann nicht anders, sie streift nachts durch die Stra\u00dfen, die dunkel sind, Restaurants, Kneipen, Kinos, Theater, die L\u00e4den, alles geschlossen. Sie liest die Leute vom Gehweg auf, und wenn sie nicht laufen k\u00f6nnen, kommt sie noch einmal gefahren. Es gibt Menschen, die wohnen in zwei B\u00fcschen, um einen Infekt haben sie sich noch niemals gek\u00fcmmert. Als Grete die Freundin wieder besucht, sind das Wartezimmer, das Privatzimmer und ein zweiter Behandlungsraum provisorisch belegt. Es riecht ungut. Alles Zahnarztnotf\u00e4lle, entschuldigt sich Hilde.<\/p>\n<p>Meine Oma sch\u00fcttelt den Kopf, denn das Infektrisiko steigt, mittlerweile auch f\u00fcr Hilde selbst. Seit Hilde ausgebombt ist, wohnt sie in der Praxis, jetzt hat sie ihr Feldbett in der Teek\u00fcche aufgestellt. Schmutzige Handt\u00fccher an einer Leine schirmen sie ab vor den Blicken. Grete glaubt, die knurrenden M\u00e4gen der M\u00e4nner zu h\u00f6ren, aber Hilde sagt: das Haus h\u00e4lt zusammen, jede Etage kocht an einem anderen Tag. Und wenn der Untergang kommt, bin ich nicht allein.<\/p>\n<p>Die beiden Freundinnen d\u00fcsen mit dem Motorrad Richtung Juliusturm. Die Zitadelle liegt rotschimmernd unter strahlendem Licht, und da die Sonne nicht so hoch steht wie im Sommer, werfen die B\u00e4ume irritierende Schatten. Die Frauen warten am Eingang. Der Engl\u00e4nder kommt nicht.<\/p>\n<p>Stattdessen kommt ein Deutscher. Mit ihm zieht ein kalter Hauch aus dem Gew\u00f6lbe. Der Deutsche zeigt auf meine Oma. Sie sind vom Amt, sagt er. Ich habe einen Auftrag f\u00fcr Sie, streng vertraulich.<\/p>\n<p>Bitte nicht, sagt meine Oma.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen dies hier nach Adlershorst bringen.<\/p>\n<p>Er dr\u00fcckt meiner Oma ein Beh\u00e4ltnis in die Arme, in dem etwas lebt. Durch kleine Schlitze h\u00f6rt man es flattern. Meine Oma guckt zweifelnd. Sie soll einen Vogel durch den Krieg tragen? Erkl\u00e4rungen sind nicht zu erwarten.<\/p>\n<p>Adlershorst? fragt sie. Wo ist das?<\/p>\n<p>Aus der Stadt Richtung Osten, in der N\u00e4he von Falkenhagen. Sie werden es finden, wenn Sie dort sind. Es handelt sich um Informationen.<\/p>\n<p>Bitte nicht Richtung Osten, sagt meine Oma leise. Ich komme gerade aus Posen, vor der anr\u00fcckenden Armee sind wir geflohen, meine Tochter und ich. Wir haben es nur geschafft durch den Pferdewagen, und den hatten wir nur, um das Eugenik-Archiv zu transportieren.<\/p>\n<p>Sie werden es schaffen, einer allein kommt immer durch, besonders die Frauen, schnarrt der Forscher. Also: Adlershorst, bei Falkenhagen.<\/p>\n<p>Bitte, ich bin Mutter, ich habe ein Kind\u2026<\/p>\n<p>Die Welt ist voll von Kadavern, ich meine, Kavalieren, das haben Sie doch sicher gemerkt, sagt der Mann. Nur diesen Kasten, den verlieren Sie nicht!<\/p>\n<p>Grete guckt, als w\u00e4re ihr Kopf in dem Kasten, verlorene Freiwillige in einem magischen Zirkus.<\/p>\n<p>Und was ist mit dem Testergebnis? ruft Hilde.<\/p>\n<p>Aber der Deutsche ist schon wieder weg und die Stahlt\u00fcr verschlossen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>3<\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten Himpi sowieso mehrmals testen m\u00fcssen. Wenn er heute nicht positiv ist, dann vielleicht morgen? Dieses Testen\u2026 ich glaube, um ehrlich zu sein\u2026, wenn es eine Epidemie ist, dann geht es nicht nur um Himpi.<\/p>\n<p>Die Frauen schweigen betroffen. Abwesend sagt Hilde: Schade um den Engl\u00e4nder, er war so britisch. Zwei Dinge haben wir bekommen, das Rizin und die Fledermaus. Das eine hat uns ein Engl\u00e4nder gegeben, das andere ein Deutscher. Das muss etwas bedeuten.<\/p>\n<p>Eine Fledermaus? Bist du sicher?<\/p>\n<p>Um das Tier wirst du dich k\u00fcmmern. Und ich\u2026 um das Rizin.<\/p>\n<p>Ich werde mich um das Tier nicht k\u00fcmmern, sagt meine Oma rigoros und so gef\u00e4llt sie Hilde am besten, auch wenn sie ihr widerspricht. Ich werde mich um dich und mich und meinen Mann und meine Tochter und eventuell um deine Zahnarztnotf\u00e4lle und um das Archiv k\u00fcmmern\u2026<\/p>\n<p>Ach ja, das Archiv.<\/p>\n<p>Aber was immer in diesem Kasten ist, ich lasse es fliegen. Und Grete steigt aus dem Behandlungsstuhl, dem einzig freien Platz in der Praxis.<\/p>\n<p>Auf keinen Fall, sagt Hilde und stellt sich vor die Forsythien ins Fenster. Im Namen der Wissenschaft: die Fledermaus birgt Informationen! Welche geheimen Informationen produziert das HGSL sonst au\u00dfer Gift? Die Fledermaus ist wie Himpi, sie ist wahrscheinlich infiziert, aber nicht erkrankt. Und wie Himpi ist sie hochinfekti\u00f6s.<\/p>\n<p>Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht, sagt Grete kleinlaut. Warum ist sie hochinfekti\u00f6s? Es hat sich doch noch niemand angesteckt.<\/p>\n<p>Du hast deinen Robert Koch nicht gelesen! sagt Hilde streng.<\/p>\n<p>Falls nicht nur Himpi einen Infekt hat, und das ist anzunehmen, brauchen wir viel mehr Daten, Daten in Standard und Qualit\u00e4t. Statistik ist die Realit\u00e4t des Regierens, sagt meine Oma.<\/p>\n<p>Allerdings, das ist logisch. Die Frauen schweigen.<\/p>\n<p>Ich werde mich in Zukunft darum k\u00fcmmern, sagt meine Oma. Aber mit Himpi sollten wir anders verfahren.<\/p>\n<p>Sie schweigen erneut.<\/p>\n<p>Was wollen sie mit diesem Tier in Adlershorst? Dort wird es ein geheimes Labor geben und sie werden sie untersuchen. Keine Ahnung mit welchem Ziel.<\/p>\n<p>Doch! Hilde rei\u00dft die Augen auf. Sie testen die Infektion an Menschen, und wenn die armen Probanden krank werden, ist die Wunderwaffe gefunden. Die Fledermaus fungiert dann als Viren- oder Bakterien-Gef\u00e4\u00df.<\/p>\n<p>Das tun sie doch l\u00e4ngst.<\/p>\n<p>Was?<\/p>\n<p>Menschen infizieren, sagt meine Oma ruhig. Das wei\u00dft du. Seit vielen Jahren.<\/p>\n<p>Hilde guckt irritiert. Also\u2026 die Fledermaus\u2026 Es muss sich um eine besonders ansteckende, besonders verheerende Infektion handeln, die die Fledermaus transportiert. Eine, die man in den letzten Tagen des Krieges entscheidend in Stellung bringen kann.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen die Fledermaus ignorieren, sagt meine Oma. Wir lassen sie sterben in ihrem Kasten und graben sie ein.<\/p>\n<p>Wir sind leider schon mitten im Krimi, sagt Hilde. Ignorieren geht jetzt nicht mehr.<\/p>\n<p>Und das Rizin? Soll ich es aufbewahren, damit nichts Schlimmes passiert?<\/p>\n<p>Was soll denn noch Schlimmeres passieren? Wei\u00dft du was? Wenn Himpi wiederkommt, und angemeldet ist er f\u00fcr morgen &#8211;<\/p>\n<p>Dann?<\/p>\n<p>Ach nichts. Wir werden sehen.<\/p>\n<p>Die Freundinnen verabschieden sich fahrig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>4<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich dauert es noch einige Tage, bis Himpi wieder erscheint. Inzwischen hat meine Oma ernst gemacht mit der Datenerhebung und Hilde testet, wo immer sie kann. Die Zahnarztnotf\u00e4lle werden der Reihe nach behandelt und jedesmal kitzelt sie die Patienten zuf\u00e4llig am Gaumen. Das k\u00f6nnte Hildes Markenzeichen werden, man lacht schon dar\u00fcber. Hilde mikroskopiert nun auch selbst, denn wozu hat sie die umgearbeitete Maske? Das Heeresgasschutzlaboratorium ist zu gef\u00e4hrlich, und aufgeben ist keine Option. Sie arbeitet den ganzen Tag, und meine Oma l\u00e4sst abends ihre Tochter allein, um neue Notf\u00e4lle von der Stra\u00dfe zu rauben. Morgens, gleich wenn sie aufsteht, schaut Hilde ins Wartezimmer: da liegen sie \u00fcber- und nebeneinander. Alle sind verd\u00e4chtig, sagt Hilde befriedigt und zieht sich den Tennisrock an.<\/p>\n<p>Meine Oma residiert im stickigen Flur und fragt die Menschen nach Beruf, Familienstand, Alter, Krankheiten, aber nicht nach der Gesinnung. Sie hat ein Formular erfunden und f\u00fcllt f\u00fcr jeden eines aus. Es betr\u00fcbt sie, dass alle Test-positiv haben. Aber das liegt nat\u00fcrlich am schn\u00f6den Leben.<\/p>\n<p>Wer wei\u00df, ob sie \u00fcberhaupt die Wahrheit sagen, wenn du sie befragst, sagt Tante Hilde.<\/p>\n<p>Sie trauen mir, sagt meine Oma. Sie freuen sich, dass sich jemand f\u00fcr sie interessiert. Das sind arme Leute, sie sind allein, haben die Orientierung verloren, manche sagen gar nichts, denn sie sprechen kein Deutsch.<\/p>\n<p>Das meine ich, sagt Tante Hilde.<\/p>\n<p>Geh in dein Labor, sagt meine Oma ver\u00e4rgert. Mach deine Arbeit und ich mache meine.<\/p>\n<p>Jetzt sollten wir ihnen die Wahrheit sagen, sagt meine Oma, als nach drei Tagen die Praxis so voll ist, dass man nicht mehr atmen kann. Dass sie infiziert sind, und dass sie gehen m\u00fcssen, und dann kommen die n\u00e4chsten. Ich finde heraus, wie viele wir f\u00fcr unsere Studie ben\u00f6tigen, ich wei\u00df aber noch nicht, wie lange wir brauchen.<\/p>\n<p>Gehen? Wo sollen sie denn hin?<\/p>\n<p>Ja, wohin\u2026 Sie k\u00f6nnen zu mir, sagt Grete dann mutig. Vielleicht ist es ja nicht so ansteckend. Ich denke, die Fledermaus w\u00e4re viel ansteckender.<\/p>\n<p>Die Fledermaus!! Die Frauen sehen sich entgeistert an. Die Fledermaus haben sie v\u00f6llig vergessen. In diesem Moment klopft es und eine bekannte Stimme knarzt durch die T\u00fcr.<\/p>\n<p>Fr\u00e4ulein Kampf, ich bin es!<\/p>\n<p>Einen Augenblick! ruft meine Oma schrill und scheucht die zerlumpten Gestalten aus dem Flur. Wie es hier riecht. Wie sauer gegoren und nass zusammengelegt, wie modrig geschrubbt und nicht richtig abgewischt mit Toilettenpapier. Die Leute m\u00fcssen sich in den zwei Zimmern und der K\u00fcche zusammendr\u00e4ngen, da ist jetzt nichts zu machen. T\u00fcr zu und Ruhe, verdammt! Himpi, du liebe G\u00fcte\u2026<\/p>\n<p>Ist da noch jemand? fragt Himpi. Ich dachte, ich h\u00e4tte jemanden geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Wir sind ganz f\u00fcr uns, mein -, sagt Hilde zuvorkommend und bugsiert Himpi flott ins Behandlungszimmer und auf den Stuhl. Sie schlie\u00dft schwungvoll die T\u00fcr, aber \u00f6ffnet das Fenster, denn dass es schlecht riecht, sieht sie Himpis gekr\u00e4uselter Nase an. Himpi ist sehr empfindlich.<\/p>\n<p>Erstmal die Wunde, sagt Hilde freundlich.<\/p>\n<p>Himpi \u00f6ffnet den Mund.<\/p>\n<p>Sehr sch\u00f6n. Und nun \u2013 nehmen wir uns den anderen Zahn vor.<\/p>\n<p>Himpi schlie\u00dft seine \u00d6ffnung. Ich glaube, es lohnt nicht mehr, Fr\u00e4ulein Hilde, fl\u00fcstert er \u00e4ngstlich.<\/p>\n<p>Herr Himpi, Sie wollen doch nicht mit Zahnschmerzen sterben, sagt Hilde bestimmt. Ich habe au\u00dferdem \u2013 ein neues Narkosemittel.<\/p>\n<p>Hilde erschrickt pl\u00f6tzlich vor sich selbst. Da Himpi mehrere Tage zu sp\u00e4t zum Termin gekommen ist, hat sie ihren Plan fast vergessen. War es denn ein Plan? Tats\u00e4chlich ist sie nicht vorbereitet. Aber kann man denn auf alles im Leben vorbereitet sein?!<\/p>\n<p>Einen Moment, ich muss es nur holen\u2026 Hilde kramt nerv\u00f6s in ihrem Privatschrank. Da ist die Dose. Der Engl\u00e4nder f\u00e4llt ihr ein und wie er sie k\u00fcsste. Hilde wird es ganz warm.<\/p>\n<p>Als sie sich umdreht, prallt sie zur\u00fcck. Himpi ist aufgestanden und steht dicht vor ihr.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte lieber nicht, sagt er d\u00fcster und schaut ihr auf die Schulter.<\/p>\n<p>Das kann ich verstehen, sagt sie. Aber es tut immer nur weh, wenn man Angst hat.<\/p>\n<p>Ich habe Angst, sagt Himpi und l\u00e4sst sich sanft wieder setzen.<\/p>\n<p>Jetzt muss Hilde die Strategie wechseln. Das muss sie in der folgenden halben Stunde noch \u00f6fter.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist es so, sagt sie, dass Sie vor der Behandlung weniger Angst haben m\u00fcssen als vor der Narkose. Die Narkose ist neu, ein neues Mittel. Wenn wir es an Ihnen ausprobieren, k\u00f6nnten Sie zum Helden f\u00fcr viele Verwundete werden.<\/p>\n<p>Die Verwundeten sind mir egal, murmelt Himpi. Also\u2026 Wenn es nicht funktioniert, dann tut es halt weh, und wenn es funktioniert, dann merke ich nichts?<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise wird Ihnen etwas schlecht. Aber das dauert h\u00f6chstens drei Tage.<\/p>\n<p>Wissen Sie, ich finde, sagt Himpi pl\u00f6tzlich heftig, dass Sie diese Experimente an denen machen k\u00f6nnen, die daf\u00fcr vorgesehen sind. Das habe ich doch alles geregelt. Wozu gibt das lebensunwerte Leben? Damit man es vernichten kann. Aber doch nicht mich, bitte.<\/p>\n<p>Es geht doch nicht um vernichten, Herr Himpi.<\/p>\n<p>Schon gut, schon gut. Meinetwegen. Aber bitte: bezeugen Sie meinen Mut!<\/p>\n<p>Frau Doktor Kampf, meine Tante, r\u00fcckt nun vor. Zur\u00fcck geht es nicht mehr, es ist begonnen. Der Untergang nimmt seinen Lauf.<\/p>\n<p>Wie hei\u00dft das Mittel? fragt Himpi. Und kennen Sie die Dosis?<\/p>\n<p>Es hei\u00dft\u2026 Zirin, antwortet Hilde.<\/p>\n<p>Himpi seufzt. Vielleicht lebe ich ja doch noch l\u00e4nger. Wer wei\u00df. Und dann lohnt sich das Leiden. Fr\u00e4ulein Kampf, vielleicht haben Sie Recht.<\/p>\n<p>Hilde l\u00e4chelt und Himpi l\u00e4chelt jetzt auch. Es ist das erste und letzte Mal, dass beide so l\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Hilde wird nun leider beinahe zu k\u00fchn. Es treibt sie der Teufel, ich glaube, es hat mit dem Engl\u00e4nder zu tun, dass er fort ist, nicht mehr da. Was haben sie mit ihm gemacht, ihrem k\u00fchlen Spion? Hilde sagt betont lustig: Nach dem Gesetz, das Sie erlassen haben, ist \u2013 mit Verlaub \u2013 Ihr eigenes Leben nichts mehr wert.<\/p>\n<p>Was? macht Himpi entgeistert.<\/p>\n<p>Sie vegetieren dahin, Ihre Haut ist Papier und Sie haben die Hoffnung verloren.<\/p>\n<p>Himpi schnappt nach Luft, aber Hilde ist noch nicht fertig.<\/p>\n<p>Sie werden sterben in ein paar Tagen, das ist gewiss. Eine Behandlung ist daher nicht mehr angezeigt. Auch wenn Sie die schlimmsten Schmerzen h\u00e4tten, ich k\u00f6nnte Sie getrost verrecken lassen, denn Sie haben vor sich selbst zu t\u00f6ten. Um sich nicht verantworten zu m\u00fcssen, habe ich recht?<\/p>\n<p>Himpi zuckt mit allen Wimpern. Ich werde Sie liquidieren lassen, kr\u00e4chzt er.<\/p>\n<p>Aber Herr Himpi! Warum sind Ihre Z\u00e4hne so schlecht?<\/p>\n<p>Wie bitte? Himpi ist total \u00fcberfragt.<\/p>\n<p>Das erste Zeichen mangelnder Verantwortung sind die eigenen fauligen Z\u00e4hne. Ich werde Ihnen diesen Zahn ziehen, sonst kommen Sie niemals zur Ruh.<\/p>\n<p>Nie zur Ruh -, Himpi liegt jetzt auf dem R\u00fccken.<\/p>\n<p>Hilde beugt sich \u00fcber seinen gr\u00e4sslichen Rachen. Noch nie hat sie so viele Tierchen herumlaufen sehen, all die Toten, Verwundeten, Vergasten, Verst\u00fcmmelten, Gefolterten, Ermordeten, sie alle gehen in Himpis Rachen spazieren.<\/p>\n<p>Hilde sticht hinein, in der Spritze ist Rizin.<\/p>\n<p>Aua, macht Himpi.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>5<\/p>\n<p>Es war also nicht so, wie Hitlers Sekret\u00e4rin erz\u00e4hlt, dass Hitler sich selbst umgebracht h\u00e4tte, und es war auch nicht so, wie sein Chauffeur berichtet, der ihn nach seinem Sicher-ist-Sicher-Doppelselbstmord \u2013 erst vergiften, dann erschie\u00dfen \u2013 verbrannt haben will. Meine Oma sagt immer, dass Himpi vielleicht nur bis zu den Forsythien kam. Denn Hilde erz\u00e4hlte, dass es ihm sofort sehr schlecht ging, den Forsythien in den Folgejahren aber sehr gut. Himpi wankte nach der Behandlung aus der Praxis, vorgesch\u00e4digt wie er war, und brauchte vielleicht nicht so lange wie andere, um dem Rizin zu erliegen. Normal sind drei bis vier Tage, sagt meine Oma. Die k\u00f6nnte er nat\u00fcrlich noch in der Reichskanzlei verbracht haben. Theoretisch ist es m\u00f6glich, dass er sich trotz der t\u00f6dlichen Dosis, von der er nichts wusste, zus\u00e4tzlich selbst vergiftete und auch noch erschoss, meinetwegen. Aber es gibt nichts daran zu deuteln, sagt meine Oma, dass es Hilde war, die f\u00fcr die amtliche Sicherheit dieses Todes verantwortlich ist. Und dabei ist es egal, ob Himpi die letzten Tage in den Forsythien oder in den Armen von Eva Braun verbracht hat. Der Stoff, den der Engl\u00e4nder Hilde gab, war ganz ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Meine Oma war sp\u00e4ter auf Hilde sehr stolz, denn es ist doch ein Unterschied, ob irgendwem noch ein Anschlag auf Himpi gelang oder ob erst der Untergang kommen musste. Besser ein gelungener Anschlag einer Zahn\u00e4rztin als misslungene Anschl\u00e4ge von Gener\u00e4len. Tante Hilde hat niemals Ber\u00fchmtheit erlangt; die andere Schlussversion war bald in der Welt. Offenbar hatten die Freundinnen kein Interesse, als Hitlers Verderberinnen in die Annalen einzugehen. Der gro\u00dfe Verd\u00e4chtige war weg, die Ansteckung durch den Infekt entscheidend gemindert. Das war es, was f\u00fcr sie z\u00e4hlte.<\/p>\n<p>Wie ich das fand? Nun, meine Oma, die in den n\u00e4chsten Stunden noch Kriegswitwe wird, hatte keine Zeit, Zeitzeugin zu werden, erkl\u00e4rte sie mir. Und Hilde h\u00e4tte sich ja selbst melden k\u00f6nnen beim Heldenregister. Aber das tat sie nicht und als ich sie kennenlernte, war sie schon eine betagte Dame mit einer riesigen Brille und dunkelbrauner Per\u00fccke. Sie trug lila Kost\u00fcm, sa\u00df bei meiner Oma im Wohnzimmer, trank Kaffee und Lik\u00f6r, meine Oma hatte Kuchen gebacken und von Hitler war niemals die Rede. Um ehrlich zu sein, ich glaube, Tante Hilde hatte ihn v\u00f6llig vergessen.<\/p>\n<p>Jetzt aber, April `45 \u2013 Himpi ist raus aus der Praxis, die Meute in den Nebenzimmern, deren Anwesenheit Hilde vielleicht ermutigt hat, quillt wieder auf den Flur \u2013 ist Grete damit besch\u00e4ftigt, die Leute mit einer warmen Mahlzeit abzuspeisen. Eintopf mit Speck! Sie schleppt den dampfenden Kessel aus dem oberen Stockwerk, \u00fcber die Treppe hinunter und durch die Praxis zum Herd. Niemand fragt nach dem hochrangigen Gast, der vorhin ungesehen kam und wieder ging. Es riecht gut, und im Moment haben alle nur Hunger.<\/p>\n<p>Da Grete mit so vielen Verd\u00e4chtigen in Ber\u00fchrung kommt, was sich gar nicht vermeiden l\u00e4sst, m\u00f6chte sie zur Sicherheit auch endlich getestet werden. So viel Zeit muss sein. Hilde verschwindet mit Gretes Abstrich im Labor, das hei\u00dft sie setzt sich im Behandlungszimmer die Gasmaske auf. Sie starrt auf den Speichel im Reagenzglas und lehnt den Kopf zwischendurch schwer an die Wand. Sie hat Himpi vergiftet. Etwas muss jetzt geschehen, auch wenn die Gegenwart z\u00e4h und dickfl\u00fcssig ist vor lauter Problemen. Etwas Suppe schwimmt darin. Was sie sieht: Grete ist positiv.<\/p>\n<p>Du musst weg, sagt sie zu Grete, die neben ihr steht.<\/p>\n<p>Aber die Meute ist auch noch da.<\/p>\n<p>Dann muss ich weg und ihr bleibt, in Quarant\u00e4ne.<\/p>\n<p>Wie soll das gehen\u2026 Und wie kannst du sicher sein, dass du nicht auch positiv bist?<\/p>\n<p>Einer muss den Ma\u00dfstab bilden, sagt Hilde ver\u00e4rgert. Aber meine Oma ist eisern, und positiv sein muss man erstmal verdauen.<\/p>\n<p>Bei so vielen Infizierten unter deinem Dach besteht vom Amts wegen h\u00f6chster Verdacht, sagt sie strikt.<\/p>\n<p>Grete, ich habe jetzt andere Probleme.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr schlimme Zeiten sind das, in denen es etwas Schlimmeres als Infektionen gibt! Wie schlimm sind diejenigen dran, die das Risiko nicht mehr interessiert! Andere Probleme, was soll das sein?!<\/p>\n<p>Was f\u00fcr einen Infekt habe ich \u00fcberhaupt?<\/p>\n<p>Einen Infekt, irgendeinen, ich habe ihn gesehen, sagt Hilde gereizt. Genauer machen wir es nach dem Krieg, einverstanden? Du hast den Infekt, den alle jetzt haben, das liegt auf der Hand.<\/p>\n<p>So, macht Grete und ist nicht zufrieden.<\/p>\n<p>Ich bin negativ und ich bin beweglich, sagt Hilde. Ich klemme mir die Fledermaus auf das Motorrad und bringe das Tier nach Adlershorst. Dann ist dein Auftrag erf\u00fcllt, du wirst nicht suspendiert. Und ich werde nicht von Himpis Braut gejagt, die ihn im Bunker vermisst.<\/p>\n<p>Wenn die Fledermaus die Wunderwaffe ist, wirst du zum zweiten Mal ber\u00fchmt, allerdings f\u00fcr die andere Seite, folgert Grete mit nachdenklichem Gesicht. Ger\u00fchrt von Hildes Mut \u00fcberlegt sie. Nat\u00fcrlich, Hilde und die BMW, dagegen k\u00e4me der Pferdewagen nicht an. Der Grete au\u00dferdem sofort entrissen wurde. Meine Oma m\u00fcsste ihr Fahrrad nehmen, wenn es nicht bei einem Brand geschmolzen w\u00e4re. Wenn Hilde, die Strahlende, Schnelle sich an ihrer Stelle ins Abenteuer st\u00fcrzte, h\u00e4tte die Mission viel eher Erfolg. Einverstanden, sagt Grete.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[Fortsetzung folgt]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tante Hilde in Gelb oder Alle sind verd\u00e4chtig [Anfang einer] Krimisatire &nbsp; 1 Es sind die letzten Wochen der Krise, der Krise des Krieges, den wir begonnen haben und der schon lange w\u00e4hrt. 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