{"id":12511,"date":"2020-04-10T20:42:35","date_gmt":"2020-04-10T19:42:35","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12511"},"modified":"2022-01-29T10:04:54","modified_gmt":"2022-01-29T09:04:54","slug":"parabeln-zur-pandemie-5-die-blaupause-finale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12511","title":{"rendered":"Die Blaupause \u2013 Finale"},"content":{"rendered":"<p>Ein Wunder war geschehen: So pl\u00f6tzlich, wie die hochgef\u00e4hrlichen Mehlw\u00fcrmer in den ukrischen Salamibroten aufgetaucht waren, so rasch verschwanden sie wieder, genauer gesagt, so schnell verwandelten sie sich in normale, ekelerregende Mehl\u00adw\u00fcr\u00admer, wie wir sie schon immer kannten. In dem Ameisenbau, den sich die K\u00f6nigin nach der Flucht ihres Volkes gesucht hatte, kannte man die Kunlun-Milben nicht, kein Tierchen rannte mit geknickten F\u00fchlern herum. Auch von der schreckliche Wuche\u00adrungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit, die in Italien gew\u00fctet hatte, war pl\u00f6tzlich nichts mehr zu sehen. Stattdessen hatten manche Menschen sportliche blaue Flecken am Knie, leichte Bluterg\u00fcsse am Hals nach einem leidenschaftlichen Ku\u00df oder Pubert\u00e4tspickel im Gesicht \u2013 ein Anblick, der uns nicht erfreute, aber an den wir gew\u00f6hnt waren. Schlie\u00dflich wurde auch die L\u00fcgen-Pandemie geheilt: Wie durch ein Wunder kehrten die Menschen zur Wahrheit zur\u00fcck, genauer gesagt, zu den Halb-Wahrheiten, mit denen sie seit Jahrhunderten gelernt hatten zu leben. Nun durfte auch der auf L\u00fcgner allergisch reagierende Richter aus seiner un\u00adbequemen Position halb innerhalb und halb au\u00dferhalb des Gef\u00e4ngnisses freigelassen werden \u2013 er sa\u00df wieder in seinem B\u00fcro. Zuvor jedoch legte er den feierlichen Eid ab, nie wieder einen Menschen wegen L\u00fcgnerei zu verurteilen, sondern seine richterlichen Urteile so zu f\u00e4llen, wie es das Gesetz dem Geist nach vor\u00adsah: f\u00fcr Ver\u00adbrechen.<\/p>\n<p>Die Mikroorganismen und die sonstige Tierwelt, die Ukrier, Italien und die Menschenwelt insgesamt \u2013 alle kehrten zu ihrem vorherigen, nat\u00fcrlichen Leben zur\u00fcck. Die Dramatik der letzten Tagen, der Ausnahmezustand von Natur und Gesellschaft war nach kurzer Zeit wie weggeblasen. Die Freude \u00fcber die wiedergewonnene Frei\u00adheit \u00fcberspielte alles. So schien es zumindest. Die Ameisenk\u00f6nigin, die nun schon alt und leicht verge\u00dflich geworden war, entdeckte in der N\u00e4he ihres neuen Staates mitten im Wald niedrig wachsende Str\u00e4ucher, aus denen blaue Beeren hervorlugten. Doch nicht die Blaubeeren hatten es ihr angetan, sondern die kleinen gr\u00fcnen Bl\u00e4tter, die an den Str\u00e4uchern hingen: Stapelweise lie\u00df sie die Bl\u00e4ttchen herbeischaffen und begann auf ihnen, ihre <i>Geschichte gegen das Vergessen<\/i> niederzuschreiben: Wie sie den Kampf gegen die b\u00f6sartigen Kunlun-Milben auf\u00adge\u00adnom\u00admen und mit ihrem Befehl, die F\u00fchler einzuknicken, gewonnen hatte. Ihr neues Ameisenstaatsvolk wu\u00dfte noch nichts von den Milben und lauschte gespannt den abenteuerlichen Geschichten der K\u00f6nigin. Die Brutpflegerinnen lasen die Bl\u00e4tter, dichteten Lieder daraus und sangen sie den Eiern vor, aus denen die neuen Ameisen noch nicht geschl\u00fcpft waren. Das ganze Volk war so fasziniert, da\u00df sie die Bl\u00e4tter abschrieben und kopierten. Die findigen Tierchen ent\u00addeckten, da\u00df sich der Saft der Blaubeere vorz\u00fcglich als Tinte eignete. Und bald er\u00adfanden sie eine Vervielf\u00e4ltigungsmethode, die die Welt ver\u00e4ndern sollte: die Blau\u00adpause. Indem sie die Bl\u00e4tter sorgf\u00e4ltig mit Blaubeerensaft einrieben, in der Sonne trocknen lie\u00dfen und dann erst die Bl\u00e4tter \u00fcbereinander stapelten, gelang es ihnen, die Geschichte ihrer K\u00f6nigin zu kopieren, indem sie nur das obere Blatt beschrieben, sich dabei aber mit ihren F\u00fc\u00dfchen von oben derart gegen den Stapel stemmten, da\u00df sich die Buchstaben auch noch auf dem untersten Blatt in die getrocknete Blau\u00adbeeren\u00adsaft\u00adschicht ein\u00adkratzten.<\/p>\n<p>Um ihrer K\u00f6nigin Anerkennung zu zollen, knickten die Ameisen freiwillig und ohne Bedr\u00e4ngnis durch feindliche Milben ihre F\u00fchler ein und verzichteten auf die \u00fcberholten Br\u00e4uche der Betrillerung. Die K\u00f6nigin war so entz\u00fcckt von ihrem neuen Volk, da\u00df sie einen Freudentanz \u00fcber dem Bau flog und damit den Befehl verk\u00fcndete: Tragt die Blaupausenbl\u00e4tter zu allen anderen Ameisenstaaten im Wald und lest ihnen meine Geschichte vor. Die Ameisen marschierten divisionsweise \u00fcber St\u00f6cklein und Moose, um dem Auftrag gerecht zu werden. Die K\u00f6nigin aber zog sich zufrieden ins Innere des Baues zur\u00fcck und legte sich zur Ruhe. Kurz darauf gab es im ganzen Wald nur noch Ameisen mit geknickten F\u00fchlern, die auf dem R\u00fccken ein bekritzeltes Blaubeerbl\u00e4ttchen wie einen Panzer mit sich herumschleppten und niemals fallen lie\u00dfen \u2013 das ist unsere Bibel, sagten sie zu sich selbst. Als \u201eSchildameisen\u201c gingen sie in die Biologie-Lehrb\u00fccher ein. Sicherlich habt ihr sie gesehen, wenn ihr in eurem Leben schon einmal die Gelegenheit hattet, durch einen Wald zu spazieren.<\/p>\n<p>Nicht nur die Ameisen waren der wundersamen Kunst des Lesens und Schreibens m\u00e4ch\u00adtig, nicht nur die Ameisen hatten die Erfindung der Blaupause lieb\u00adge\u00adwon\u00adnen. Auch die Menschen h\u00f6rten davon und schauten sich von den vorbildlichen, flei\u00dfigen Tierchen die Technik ab, um ihre <i>Geschichten gegen das Ver\u00adgessen<\/i> festzuhalten f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen.<\/p>\n<p>Der schlaue Orfin lie\u00df sich von Staatsdichtern eine geheime Geschichte des ukri\u00adschen Volkes in Knittelversen verfassen. Darin sangen sie Loblieder auf den heiligen Mehlwurm, der es Orfin erm\u00f6glicht hatte, ein Kr\u00f6nchen mit Haarspangen an seiner d\u00fcnner und sch\u00fctter werdenden Kopfbehaarung zu befestigen. Damit gelang es Orfin nicht nur, seine Altersglatze auf geschickte Weise zu verstecken. Das Volk himmelte ihn, als er einmal mit diesem glitzernden Kopfschmuck auf dem Balkon seines Regie\u00adrungs\u00adsitzes erschien, als K\u00f6nig an. Nun konnte er nach Belieben schalten und walten, ohne jemanden fragen zu m\u00fcssen. W\u00e4hrend er vom Balkon aus Reden \u00fcber den Schutz des Vol\u00adkes vor gef\u00e4hrlichen Mehlw\u00fcrmern hielt \u2013 eine dichterische Meisterleistung \u00fcbri\u00adgens, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht \u2013 wackelte er mit dem Hintern und gab damit seinen Lakeien und Ministern Anweisungen, was sie zu tun hatten. Es war eine besondere Form der Geb\u00e4rdensprache, die sich der schlaue Orfin angeeignet hatte. Das Volk warf aus Angst und Abscheu gegen\u00fcber den gef\u00e4hrlichen W\u00fcrmern s\u00e4mtliche Brote und Br\u00f6tchen in den M\u00fcll. Die Diener von K\u00f6nig Orfin I. lie\u00dfen sie nachts aus den M\u00fclltonnen wieder einsammeln, in Wasser einweichen, zu Papp\u00adsoldaten formen und in der qu\u00e4lend hei\u00dfen, ukrischen Sommersonne trocknen, bis die Figuren knochenhart waren. Nun erteilte der schlaue Orfin den in die Arbeitslosigkeit gest\u00fcrzten Malern und Lackiereren einen lukrativen Staatsauftrag: Sie durften heimlich in den Palast kommen und gegen Bezahlung in Form von Logis und Kost den knochenharten Pappsoldaten aus recyceltem Semmelmehl bunte Uniformen an\u00admalen. Sicher habt ihr schon von den magischen F\u00e4higkeiten der Maler geh\u00f6rt: Wenn sie ihre Kunst gut beherrschen, verleihen sie den Gesch\u00f6pfen auf der Leinwand Leben. Fr\u00fcher, als die Menschen noch Museen und Galerien besuchten, standen sie ber\u00fchrt oder begeistert vor ein paar Klecksen bunter Farbe, die sie \u201eGem\u00e4lde\u201c nannten, und glaubten, lebendig in ferne Zeiten und L\u00e4nder einzutauchen, w\u00e4hrend sie sich in Wirklichkeit nur im Hier und Jetzt befanden. Mit diesem Aberglauben, so predigte der schlaue Orfin nach vorn zum Volk von seinem Balkon aus, werde nun aufger\u00e4umt. Nach hinten aber wackelte er mit dem Popo und befahl den Malern mit dieser Geb\u00e4rde, ein H\u00f6chstma\u00df ihrer Kunst beim Bemalen der Pappsoldaten an den Tag zu legen. Binnen kurzem wimmelte es im Palast von farbenfroh anzusehenden, friedlich l\u00e4chelnden Soldaten und Offizieren und Gener\u00e4len, die t\u00e4nzelnd durch die S\u00e4le schritten. Dabei kr\u00fcmelte es ein wenig von ihren Schultern und Gelenken, aber das k\u00fcmmerte niemanden. Der schlaue Orfin hatte es dank seines unerm\u00fcdlichen Krieges gegen die Mehlw\u00fcrmer geschafft: Er hatte den Ukriern die m\u00e4chtigste Streitmacht seit den Mongolen geschenkt. Davon k\u00fcndete seine <i>Geheime Geschichte der Ukrier<\/i> in hymnischen Versen.<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte in Italien hatten die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit er\u00adfolg\u00adreich &#8222;einged\u00e4mmt&#8220; (ein Wort, als handelte es sich um eine Flut&#8230;), indem sie den Menschen gesichts\u00adbe\u00addeckende Heilpflaster ver\u00adordneten. Anfangs waren die Heilpflaster Mangelware, mu\u00dften aus Fernost ein\u00adge\u00adflo\u00adgen werden, was ein logistisches Kunstst\u00fcck war angesichts des beinahe kom\u00adplett eingestellten Flugverkehrs. So wunderte es nicht, da\u00df ganze Flug\u00adzeugb\u00e4uche mit den rettenden Gesichtspflastern bei einer Zwischen\u00adlandung im Kongo von Ureinwohnern gepl\u00fcndert oder CIA-Agenten beschlagnahmt wurden, wer genau, wu\u00dfte niemand. Endlich aber trafen die ersten Lieferungen in Rom ein und konnten auf Eselskarren sicher bis ins reiche, aber von der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit besonders heimgesuchte Norditalien transportiert werden. Die Menschen nahmen die Rettung dankbar an und atmeten unter ihren Pflastern erleichtert auf. Au\u00dfer der ber\u00fchmten italienischen Streicheis- und Waffelindustrie konnten nun Produktion und Handwerk wieder hochgefahren werden. Einzig die Gelaterien erhielten Berufsverbot, denn der Verzehr von Stra\u00dfeneis h\u00e4tte massenhaft zu dem unverantwortbaren Ph\u00e4nomen gef\u00fchrt, da\u00df die B\u00fcrger mitten im Sommer \u2013 in Italien war er \u00e4hnlich qu\u00e4lend hei\u00df wie in Ukrien \u2013 ihr rettendes Gesichtspflaster kurzzeitig abgerissen h\u00e4tten, um sich eine Kugel Eis in den Mund zu stopfen. Derart \u00fcberholte, unhygienische Ern\u00e4hrungs\u00adge\u00adwohn\u00adheiten mu\u00dften konsequent ausgemerzt werden. Zu diesem Zweck befahl das Hygiene\u00administerium, das nach dem Sieg \u00fcber die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit das alte Gesundheitsministerium abgel\u00f6st hatte, in den Unabh\u00e4ngigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten, abgek\u00fcrzt USRA, weiterhin st\u00fcndlich die garstigen Bilder von den Wucherungen, Schwellungen und Blasen zu zeigen \u2013 nicht weil sich die Krank\u00adheit weiterhin ausbreitete, sie war besiegt und drohte dem Ver\u00adgessen anheim zu fallen. Zur erwachsenenp\u00e4dagogisch wertvollen Abschreckung der sorglosen, egoi\u00adstischen und auf Kosten der Allgemeinheit schlemmenden Eisesser liefen die Bilder weiterhin \u00fcber die Fernseher und wurden noch mit weit finsteren Bil\u00addern aus fernen L\u00e4ndern, die weiterhin unter Wucherungen, Schwellungen und Bla\u00adsen litten als unser sch\u00f6nes Italien, angereichert.<\/p>\n<p>Zum Erfolgsrezept der Hygiene\u00adbeh\u00f6rde geh\u00f6rten nicht nur die Gesichtspflaster, die bald schon in modischen Formen vertrieben wurden, und das generelle Eisessverbot, sondern die Isolation der \u00e4lteren und \u00e4ltesten Teile der Bev\u00f6lkerung in speziell f\u00fcr sie eingerichteten \u201eAlten-Camps\u201c. In sicheren Heimen, fernab der gro\u00dfen St\u00e4dte mit ihrem langsam wieder in Betrieb genommenen, hochansteckenden Theatern, Opern und Museen, konnten die Alten ihren Lebensabend genie\u00dfen, blieben von l\u00e4stigen Besuchen ihrer Kinder und Enkel verschont, wurden vom Pflegepersonal liebevoll sozialp\u00e4dagogisch umsorgt \u2013 die pflegerische F\u00fcrsorge wurde \u00fcbrigens per Stechuhr gerecht auf alle Bewohner der Camps verteilt und bei der Krankenkasse abgerechnet. Die b\u00f6se Natur, die ihnen mit dem t\u00e4glichen \u00c4lterwerden an den Leib zu r\u00fccken drohte, konnte den \u00c4lteren und \u00c4ltesten nun nichts mehr anhaben. Der \u00dcbergang in eine neue \u00c4ra \u2013 das Zeitalter des ewigen Lebens \u2013 stand unmittelbar bevor. Die Beamten des Hygieneministeriums sahen schon Jesus vom Kreuz herunterklettern und f\u00fcr ewig auf die Erde zur\u00fcck\u00adkehren \u2013 eine Phantasie, die in Italien und nicht zuletzt im Vatikan helle Begeisterung ausl\u00f6ste.<\/p>\n<p>Nur die Kriminalpolizei, weiterhin Kripo genannt \u2013 das sei am Rande vermerkt, da es in der \u00f6ffentlichen Diskussion in den Unabh\u00e4ngigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten (USRA) nicht vorkam, hier aber die ganze Wahrheit berichtet werden soll \u2013 nur die Kriminalpolizei \u00e4u\u00dferte Bedenken gegen die Einf\u00fchrung der rettenden Gesichtspflaster, denn sie erschwere die Suche nach Einbrechern und Dieben, wie sich denken l\u00e4\u00dft. Im Schutze des Pflasters konnte geklaut und vergewaltigt werden wie nie zuvor. Die Opfer oder wie es nun hie\u00df, die Gesch\u00e4digten dieser schrecklichen Verbrechen waren nicht einmal imstande, laut zu schreien und Hilfe herbeizurufen. Auch die Schilderungen der Zeugen, die die Polizei zur Vernehmung ins Revier lud, beschr\u00e4nkten sich auf die Augen- und die Haarfarbe sowie den Satz: &#8222;Trug ein gesichtsbedeckendes Pflaster.\u201c Tausendfach wurden Ermittlungsver\u00adfah\u00adren eingestellt. Noch nie sahen sich die Mafia und die Camorra so wirksam vom Staat unterst\u00fctzt wie von der Einf\u00fchrung der Gesichtspflaster durch das Hygie\u00adne\u00administerium. Die Schrecken der Verbrechen waren an die Stelle der schrecklichen Krankheit getreten \u2013 aber die Gesundheit war, das wu\u00dfte jedes Kind auswendig, wichtiger als alles andere.<\/p>\n<p>Die Rechtsstaatliche Staatspolizei, abgek\u00fcrzt Restapo, lobte die Gesichtspflaster in hohen T\u00f6nen. Nach dem Sieg \u00fcber die Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit waren Versammlungen und Demonstrationen wieder erlaubt. Insbesondere die Um\u00adweltsch\u00fctzer hatten die F\u00fc\u00dfe w\u00e4hrend der Quarant\u00e4ne kaum stillhalten k\u00f6nnen und die Zahl der Petitionen im Internet war flutartig angeschwollen. Nun durften sie wieder auf Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen treten. Doch in der neuen Zeit erinnerten ihre Demonstrationen dank der Ge\u00adsichtspflaster eher an Schweigem\u00e4rsche. Sie wedelten ihre phantasievoll gestalteten Transparente durch die Luft, spielten zu Hause am Re\u00adkorder eingesprochene Reden ab \u2013 die Demonstrationen waren gemein\u00adschaft\u00adliche H\u00f6r\u00adbuchnachmittage. Ja, die Umweltsch\u00fctzer&#8230; Sie hatten w\u00e4hrend des W\u00fctens der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erlebt, wie radikal die Regierung zu einer \u00c4nderung der Lebens- und Wirtschaftsweise zu bewegen war. Nun sch\u00f6pften sie Hoffnung: eine bessere Welt ist m\u00f6glich, lie\u00dfen sie auf den Demos durch Lautsprecher verk\u00fcnden. Tats\u00e4chlich konnte man die Reden hinterher auf <em>Audible<\/em> nach\u00ad\u00adh\u00f6ren, so da\u00df es sich eigentlich gar nicht lohnte, wegen einer Demo auf die Stra\u00dfe zu gehen. Nicht einmal die Beamten der Restapo mu\u00dften ihre B\u00fcros verlassen. Sie konnten gem\u00fctlich im Zimmer bei einem Espresso, den sie sich mittels wiederverwendbarer Strohhalme aus \u00f6kologischem Bambus durch ihr Gesichtspflaster hindurch einfl\u00f6\u00dften, ermitteln, welche staatsgef\u00e4hrdenden Gedanken von welchen Umweltsch\u00fctzern herausposaunt wurden. Auch die Ver\u00adh\u00f6re lie\u00dfen sich dank der Gesichtspflaster wirksamer gestalten als fr\u00fcher: die Ver\u00adnommenen hatten keine Chance zu erkennen, wer sie vernahm \u2013 da konnte die eine oder andere Folterpraxis wie Fingerbrechen oder Arm\u00adauskugeln, die seit dem seligen Mussolini in Vergessenheit ge\u00adraten war, un\u00adge\u00adstraft in die Verh\u00f6rkeller zur\u00fcckgeholt werden. Aber damit driften wir ins <i>Reich der ge\u00adheimen Blaupause<\/i> ab, das eigentlich dem schlauen Orfin vorbehalten war. Mit dem wollte nat\u00fcrlich niemand etwas zu tun haben, diesem Wahnsinnigen, der sich f\u00fcr einen modernen Dschingis Khan hielt, schon gar kein Repr\u00e4sentant unseres sauberen Italien&#8230;<\/p>\n<p>Die Banken schrieben eine Blaupause, die sie in Form eines Forderungskataloges \u00f6ffentlich an die Regierung herantrugen: Sie forderten \u2013 wie schon w\u00e4hrend der Krank\u00adheit \u2013 die Fortzahlung nichtr\u00fcckzahlbarer F\u00f6rdergelder, genannt Zusch\u00fcsse, aus dem Staatshaushalt. Dank der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasen\u00adkrankheit wu\u00dften sie nun, wie das Staatss\u00e4ckel gepl\u00fcndert werden konnte, wenn den Mini\u00adstern der Boden unter den F\u00fc\u00dfen wankte. Ihre Hoffnung, der Regierung weitere Billi\u00f6nchen zu entlocken, war nicht besonders gro\u00df, aber versuchen sollte man es. Vielleicht sprangen am Ende ein paar Milli\u00f6nchen heraus.<\/p>\n<p>Die Grenzsch\u00fctzer schlie\u00dflich schrieben ihre eigene Blaupause f\u00fcr den Grenzschutz der neuen Zeit und spuckten sich vor Freude in die H\u00e4nde: Standen vor Ausbruch der Krankheit noch alle Grenzen offen, das hie\u00df, waren die Grenzsch\u00fctzer st\u00e4ndig von Arbeitslosigkeit bedroht, so hatten sie voll Erstaunen mit angesehen, wie schnell es m\u00f6glich ist, alle Grenzen zu schlie\u00dfen, nicht nur die Landesgrenzen, auch die Grenzen der Bezirke und Provinzen innerhalb der L\u00e4nder waren verschlu\u00dff\u00e4hig \u2013 das h\u00e4tten sie sich nie zu tr\u00e4umen gewagt. Neue Grenzpolizisten mu\u00dften ausgebildet werden, die sogenanne Innere Grenzschutzpolizei, genannt Igspo, die die genesenen B\u00fcrger nun davon abhielt, Ausflugsziele, Natur-und Kulturdenkmale aufzusuchen, sollte sich doch weiterhin jeder nur in seiner Bannmeile aufhalten, die auf 33 km vom Haupt\u00adwohnsitz festgelegt worden war. Die neugeschaffene Igspo hatte Tag und Nacht zu tun, vor allem nachts sogar, denn besonders widerspenstige und asoziale Elemente suchten den Schutz der Dunkelheit, um sich \u00fcber den Radius ihrer Bannmeile hinaus zu bewegen.<\/p>\n<p>Die Regierung, das soll nicht verschwiegen werden, schuf sich ihre eigene Blaupause, in der sie ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, die zum Sieg \u00fcber die Krankheit beigetragen hatten, f\u00fcr k\u00fcnftige Eliten bewahrte. Ihre Blaupause hie\u00df <i>Strategiepapier <\/i>und trug auf jedem Blatt einen Stempel mit der Inschrift \u201eVerschlu\u00dfsache: Nur f\u00fcr den Dienstgebrauch\u201c \u2013 ja auch diese Blaupause geh\u00f6rte zum Reich der geheimen Depeschen, es sollte ja niemand verunsichert werden und an\u00adfangen, an den Regeln der Demokratie zu zweifeln. Gerade jetzt verlangte die Regierung Loyalit\u00e4t und war sich doch unsicher, ob das Volk \u00fcberhaupt noch auf sie h\u00f6rte oder jeder einfach lebte, wie er wollte. Nun hatte sie mit \u00e4ngstlicher Verwunderung beobachtet, da\u00df sie mit einer Handvoll Dekrete s\u00e4mtliche Freiheiten kassieren konnte, ohne dass sich der geringste Widerstand regte. Denn alle Ein\u00adschr\u00e4n\u00adkungen dienten nur einem Zweck: dem Schutz der Gesundheit. Was sich vorm Auge der Regierenden \u2013 die sich \u00fcbrigens bald schon Regenten nannten \u2013 abspielte, war eine <i>Generalprobe<\/i>. Aber wof\u00fcr? Die Antwort auf diese Frage \u00fcberlasse ich der Phan\u00adtasie des Lesers&#8230;<\/p>\n<p>All diese Beobachtungen und Erfahrungen wurden in den <i>Geschichten gegen das Vergessen <\/i>niedergeschrieben und festgehalten \u2013 sie galten als Blaupause f\u00fcr k\u00fcnf\u00adtige Generationen. An die Stelle der Welt, wie Tiere und Menschen sie kannten, trat eine Welt der K\u00e4mpfe und Gegens\u00e4tze: Die Polizisten der Kripo sabotierten die Beschl\u00fcsse des Hygieneministeriums, die Beamten der Restapo zersetzten die Be\u00adwe\u00adgung der Umweltsch\u00fctzer, die Banken kochten wie eh und je ihr eigenes S\u00fcppchen, nur die Grenzsch\u00fctzer handelten vereint gegen alle, die sich nicht in ihre Wohnung verbannen lie\u00dfen, jene unbelehrbaren Freiheitsk\u00e4mpfer, die nicht mehr an die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit der herrschenden Ordnung glaubten und \u2013 wie die Regierung sagte \u2013 Opfer von Verschw\u00f6rern geworden waren. Jede Gruppe folgte ihrer Blaupause und auf ihren Blau\u00adbeerbl\u00e4ttchen war kein Platz f\u00fcr die Geschichte der anderen. Es war keine Zeit der Erl\u00f6sung, wie es in den ersten Tagen nach dem Sieg \u00fcber die Krankheit noch schien, sondern eine Zeit des Chaos und der Willk\u00fcr. Keiner vertraute dem anderen, keiner konnte die Wahrheit mit den H\u00e4nden greifen. Am Ende sah sich die Regierung gen\u00f6tigt, den schlauen Orfin um Amtshilfe zu bitten. Die knochenharten, kr\u00fcmelnden Papp\u00adsoldaten marschierten aus Ukrien ein und errichteten die auch im Rest Europas Monarchien.<\/p>\n<p>Die Ameisen aber irrten mit ihren geknickten F\u00fchlern ohne Betrillerung durch den Wald und fanden nicht mehr zu ihrem Bau zur\u00fcck, wo die glorreiche verge\u00dfliche K\u00f6nigin alleinselig einschlummerte und nicht mehr zum Leben erwachte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Wunder war geschehen: So pl\u00f6tzlich, wie die hochgef\u00e4hrlichen Mehlw\u00fcrmer in den ukrischen Salamibroten aufgetaucht waren, so rasch verschwanden sie wieder, genauer gesagt, so schnell verwandelten sie sich in normale, ekelerregende Mehl\u00adw\u00fcr\u00admer, wie wir sie schon immer kannten. 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