{"id":12405,"date":"2020-04-01T00:05:16","date_gmt":"2020-03-31T23:05:16","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12405"},"modified":"2022-01-29T10:05:24","modified_gmt":"2022-01-29T09:05:24","slug":"parabeln-zur-pandemie-4-der-schlaue-orfin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12405","title":{"rendered":"Der schlaue Orfin"},"content":{"rendered":"<p>Vor langer Zeit liebten die Menschen das Wandern und Reisen. Sie zogen quer durch Europa, die Grenzen waren durch farbig bemalte Steine in den W\u00e4ldern markiert, aber hielten niemanden auf, mochte er sich der Arbeit wegen an einen anderen Ort begeben oder weil ihn die Sonne in den S\u00fcden oder der Schnee in den hohen Norden lockte. Heutzutage hocken die Menschen die meiste Zeit zu Hause in ihren vier W\u00e4nden, starren auf flackernde Rechtecke in ihren H\u00e4nden und raffen sich nicht einmal mehr bis zur Ostsee auf. Genauer gesagt: der Weg dorthin wird ihnen versperrt. Von einem, der es geschafft hat, mehrere undurchdringliche Grenzen zu \u00fcberwinden, habe ich folgende Geschichte geh\u00f6rt:<\/p>\n<p>Ich bin zu Fu\u00df den Wegen gefolgt, die ich bereits als Kind mit meinen Eltern gewandert bin, als die Grenzen trotz Eisernem Vorhang noch weitaus durchl\u00e4ssiger waren als heute. Also auf dem Grenzpfad am Prebitschtor unbemerkt in die B\u00f6hmische Schweiz, dann per Anhalter durch Tschechien. Im S\u00fcden erreichte ich schlie\u00dflich Ukrien, ein traumhaftes Land, wo zwischen den Pfirsischb\u00e4umen herrliche Salamis wachsen. Welche Wonne, dachte ich, und wollte mir gerade ein Pl\u00e4tzchen zum Schlemmen suchen, als ich eine Stimme im Lautsprecher vernahm. Die Polizei fuhr umher und lie\u00df ausrufen: \u201eVorsicht, Vorsicht! Ein neuartiger Mehlwurm wurde entdeckt! Gef\u00e4hrlicher als alle bisher bekannten Mehlw\u00fcrmer! Wer in der \u00d6ffent\u00adlichkeit beim Kauen eines Salamibrotes angetroffen wird, wird bestraft.\u201c Tats\u00e4chlich beobachtete ich, wie die Ukrier gleichsam auf Befehl ihre Salamibrote wegwarfen. Genauer gesagt, a\u00dfen sie schnell noch die Salami und warfen nur das Brot in den M\u00fcll. Einige alte M\u00fctterchen traf ich, die murmelten: \u201eBrot wegwerfen, das gibts doch nicht! Mehlw\u00fcrmer gab es schon, als ich klein war. Damals herrschte Krieg. Und wir haben unsere Brote doch nicht wegen ein paar Mehlw\u00fcrmern weggeschmissen.\u201c Diese Jammerei wollte aber niemand h\u00f6ren und bald schon hatte ich die Gelegenheit, eine Ansprache des neuen K\u00f6nigs, Orfin I., genannt der Schlaue, zu seinen ukrischen Untertanen auf einer Gro\u00dfbildleinwand anzuschauen. Mit einem rotgold schillernden Kr\u00f6nchen auf dem Kopf trat er vor die Kamera. \u201eLiebe Ukrier!\u201c, sprach der schlaue Orfin, \u201eihr seht, der neuartige Mehlwurm trachtet uns nach dem Leben und er wird unser aller Leben \u00e4ndern. Bald wird es keinen Ukrier mehr geben, der wei\u00df, was ein Brot ist. Stattdessen werden wir saubere, wissenschaftlich gepr\u00fcfte Lebensmittel zu uns nehmen und unsere Feinde werden uns nicht besiegen.\u201c<\/p>\n<p>Die Ukrier ringsumher standen staunend mit offenen M\u00fcndern vor der Gro\u00df\u00adbild\u00adleinwand. Es dauerte nicht lange und ich h\u00f6rte ihre M\u00e4gen knurren. \u201eUkrier\u201c, fl\u00fcsterte ich, \u201ewer sind eure Feinde?\u201c Statt einer Antwort trafen mich stumme Blicke, ihr wi\u00dft schon, Blicke von denen man sagt, da\u00df sie t\u00f6ten k\u00f6nnten. Nun, das vermochten sie nicht. Aber ich sah, wen diese stechenden stummen Blicke trafen: diesen und jenen, den Nachbarn, den Vater, die Schwester&#8230; \u201aAha\u2019, dachte ich, \u201aes sind die inneren Feinde gemeint, \u00fcber die keiner spricht, und doch wei\u00df jeder Bescheid.\u2019 Kaum war ich zu dieser Erkenntnis gelangt, meldete sich der schlaue Orfin auf der Gro\u00dfbildleinwand im Stadtpark zur\u00fcck: \u201eB\u00fcrger!\u201c schrie er und hustete, \u201eder neuartige Mehlwurm verursacht ein t\u00f6dliches Husten. Wir haben zu eurer Sicherheit Q-Lager eingerichtet. Ihr wi\u00dft, wof\u00fcr der Buchstabe Q steht, das mu\u00df ich euch nicht erkl\u00e4ren. Meldet euch freiwillig, wenn ihr einmal gehustet habt, und geht ins Lager. Wenn ihr euren Nachbarn, eure Mutter oder euren Bruder husten h\u00f6rt \u2013 sagt dem Gesundheitsamt Bescheid, damit es sie ins Lager geleite.\u201c Hier wurde die \u00dcbertragung f\u00fcr eine halbe Minute unterbrochen. Im Hintergrund, d.h. ohne Bild, h\u00f6rte man das heisere H\u00fcsteln des schlauen Orfins. \u201eIhr seht, meine Lieben\u201c, meldete sich der schlaue Orfin mit vollem Bild zur\u00fcck, \u201eich habe f\u00fcr euch bestens gesorgt und sch\u00fctze eure Gesundheit. Geht ins Lager und vertraut mir!\u201c Tosender Beifall brach aus. Er \u00fcbert\u00f6nte das Magenknurren im Park. \u201eUkrier!\u201c, fuhr der schlaue Orfin fort, \u201enachdem mich heute das Parlament f\u00fcr alle Ewigkeit zum Alleinherrscher \u00fcber euch bestimmt hat, habe ich ein Gesetz erlassen: Jeder, der euch eine beunruhigende Nachricht \u00fcberbringt, wird mit f\u00fcnf Jahren Gef\u00e4ngnis bestraft. Denn ich allein bin der Garant f\u00fcr eure Sicherheit und Gesundheit.\u201c<\/p>\n<p>Schade, dachte ich, schade um die Millionen Salamibrote, die nun in der Tonne landeten, w\u00e4hrend den Ukriern im Stadtpark der Magen knurrte. Wenn sie noch im Stadtpark sein durften und noch nicht ins Lager abtransportiert worden waren. Denn kurz nach der Ansprache Orfin I., genannt der Schlaue, verbreiteten sich epidemisch die Denunziationen im Land. Man mu\u00dfte bef\u00fcrchten, da\u00df bald ein Zehntel, genauer gesagt, die H\u00e4lfte der Untertanen \u2013 sie nannten sich nicht einmal mehr &#8222;Volk&#8220;, geschweige denn &#8222;Bev\u00f6lkerung&#8220; \u2013 in den neu errichteten Q-Lagern einsa\u00df. Doch davon sah ich nicht viel. Die Lager waren mit bunten Graffiti bespr\u00fcht, so da\u00df sie nach au\u00dfen hin wirkten wie Jugendherbergen \u2013 also konnte es doch nicht so schlimm sein.<\/p>\n<p>Nach ein paar Tagen bemerkte ich, was der schlaue Orfin mit \u201ebeunruhigenden Nachrichten\u201c meinte: Es war das Gemurmel der alten M\u00fctterchen, das ihm auf die Nerven ging. Von wegen, fr\u00fcher habe es auch schon Mehlw\u00fcrmer gegeben. Diese t\u00f6dliche Gefahr war brandneu. Wenn also jemand, sei er nun alt oder jung, sagte: \u201eLeute, es sind nur Mehlw\u00fcrmer, habt keine Angst\u201c, so galt er in den Augen des schlauen Orfin \u2013 und bald auch der Mehrheit der Untertanen \u2013 als \u201eBeunruhiger\u201c. Nun, ihr wi\u00dft, was den Beunruhigern bl\u00fchte \u2013 sie durften nicht ins Q-Lager gehen, sondern wurden ins Gef\u00e4ngnis gesperrt, mindestens f\u00fcnf Jahre. Und weil das Brot vom b\u00f6sartigen Mehlwurm infiziert war, wurde ihnen nur noch Wasser zum Essen gereicht, nicht mehr Wasser und Brot, wie es fr\u00fcher, in alter Zeit einmal \u00fcblich war. Darin konnte man doch wirklich einen wissenschaftlich fundierten Fortschritt zum Wohle der politischen Gefangenen erblicken.<\/p>\n<p>Wer dagegen, begleitet von hysterischen Schreien, laute Kampfparolen gegen den t\u00f6dlichen Mehlwurm ausstie\u00df, wurde von Orfin I. als \u201eHeld\u201c bezeichnet und mit Orden geehrt. \u201eKrieg dem Wurm! Krieg dem Wurm!\u201c zu skandieren, bot die beste Aussicht auf Bef\u00f6rderung zum Pappsoldat. Denn bald schon besann sich der schlaue Orfin, da\u00df er allein \u2013 und der Rest seiner Untertanen im Lager \u2013 kaum eine Chance h\u00e4tte gegen den \u00e4u\u00dferen Feind. Wer war denn das?, fragte ich mich und fand tief im Keller einen verborgenen Freak, der an seinem alten PC noch Zugang zum weltweiten Netz besa\u00df: Mit zitternden H\u00e4nden tippten wir \u201eOrfin\u201c in die Suchmaschine ein und wir fanden: \u201eSp\u00e4ter Nachfahre des m\u00e4chtigen Dschingis Khan. Schon als Sch\u00fcler war Orfin an der Orga\u00adnisation von Massenbewegungen interessiert. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab ihm dazu die erste Gelegenheit. Als Studentenf\u00fchrer forderte er un\u00adeingeschr\u00e4nkte Reisefreiheit f\u00fcr alle B\u00fcrger Ukriens. Seitdem er die absolute Mehrheit im Parlament errungen hat, setzt er sich zunehmend f\u00fcr die W\u00fcrde und Gr\u00f6\u00dfe des ukrischen Volkes ein.\u201c In alter Zeit gab es eine Tugend, die \u201ezwischen den Zeilen lesen\u201c genannt wurde. Was bedeutete die \u201eW\u00fcrde und Gr\u00f6\u00dfe des ukrischen Volkes\u201c? Nichts anderes, als da\u00df die Ukrier tats\u00e4chlich eine winzige Minorit\u00e4t innerhalb Europas darstellten, und die freien Europ\u00e4er des Westens in ihrer h\u00e4uslichen Quarant\u00e4ne nicht einmal bemerkt hatten, da\u00df sich Orfin I. inmitten ihrer liberalen Union als k\u00f6niglicher Alleinherrscher ausgerufen hatte. Wen interessierten die Ukrier \u00fcberhaupt? Im Westen spielten die B\u00fcrger weiter auf ihrer Playstation und es war ihnen einfach egal, was in der Welt geschah.<\/p>\n<p>So konnte der schlaue Orfin ungest\u00f6rt walten. Kurz nachdem er die \u201eBeunruhiger\u201c bei Wasser und sonst nichts eingesperrt hatte, baute er eine m\u00e4chtige Armee von Pappsoldaten auf. Denn noch immer bohrte der Stachel des Ersten Weltkriegs in ihm. Nicht der Vertrag von Verseilles \u00e4rgerte ihn, sondern der Vertrag von Trianon: der schlaue Orfan versp\u00fcrte Lust, sich einen Namen in der Geschichte zu verschaffen, indem er all die verlorenen L\u00e4ndereien in Transylvanien, der Slowakei sowie in Slowenien, Kroatien und Serbien heim ins ukrische Reich holte. Nein, all dies gen\u00fcgte ihm nicht. Der schlaue Orfin wu\u00dfte, da\u00df ihn ein sprachliches Band mit den Finnen im hohen Norden verband. Also sollte sich sein neuer Staat bis nach Helsinki erstrecken. Leider erhielt er auf all seine Depeschen \u2013 per eMail, SMS oder Whatsapp \u2013 an die finnische Pr\u00e4sidentin nie eine Antwort, geschweige denn eine Einladung in die Sauna. Also besann sich der schlaue Orfin auf seine ferneren Vorfahren. Der m\u00e4chtige Dschingis Khan, kann er nicht als einziger wahrer Weltherrscher bezeichnet werden, der Orient und Okzident gleicherma\u00dfen unter seiner Fuchtel wu\u00dfte? Gedacht, getan.<\/p>\n<p>Der schlaue Orfin stellte seine unbesiegbare Armee aus Pappsoldaten auf in Reih und Glied. Nun ging es dem \u00e4u\u00dferen Feind an die W\u00e4sche. Zuerst w\u00e4re Siebenb\u00fcrgen dran, dann der Balkan. Leider nur konnten die ukrischen Bauern, die Orfin als Pappsoldaten rekrutierte, nicht mehr auf den Feldern flei\u00dfig Salamis z\u00fcchten. \u201aZum Gl\u00fcck gibt es Mehlw\u00fcrmer\u2019, dachte sich der schlaue Orfin im Stillen. Dann rief er die alten M\u00fctterchen herbei. Sie kauten ihm vor, wie man in Kriegszeiten Brot i\u00dft, das von Mehlw\u00fcrmern durchsetzt ist. Ob t\u00f6dlich oder nicht, spielte nun keine Rolle. Hauptsache nahrhaft. Den Ukriern fehlten ja die glorreichen Salamis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor langer Zeit liebten die Menschen das Wandern und Reisen. 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