{"id":12323,"date":"2020-03-25T15:12:12","date_gmt":"2020-03-25T14:12:12","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12323"},"modified":"2022-01-29T10:10:07","modified_gmt":"2022-01-29T09:10:07","slug":"parabeln-zur-pandemie-3-die-vergessliche-ameisenkoenigin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12323","title":{"rendered":"Die verge\u00dfliche Ameisenk\u00f6nigin"},"content":{"rendered":"<p>Von einer Brutpflegerin, die sich einsam im Sand eine sonnige Stelle gesucht hatte, h\u00f6rten wir heute Mittag folgende Geschichte: Unser Volk hatte an einem Fu\u00dfweg, der sich zwischen Wald und Feld hindurch schl\u00e4ngelte, seinen H\u00fcgel errichtet. Wir waren \u2013 wie alle Ameisenv\u00f6lker \u2013 flei\u00dfig, hatten den Bau bereits mehrfach umgeschichtet und weitergetragen, an sonnigere und ruhigere Pl\u00e4tze. Seit sechzehn Jahren wurde unser Staat von einer klugen K\u00f6nigin regiert. Sie legte ausdauernd in jedem Fr\u00fchjahr zwei- bis dreitausend Eier, damit es unserem H\u00fcgel gut ging.<\/p>\n<p>Im Laufe ihrer langen Amtszeit hatte die K\u00f6nigin schon zahlreiche Unw\u00e4gbarkeiten erlebt. Ihre gr\u00f6\u00dfte Herausforderung war einst eine Milbenart namens Antennophorus. Diese stammte aus einem entlegenen Tal im fernen Kunlun-Gebirge.&nbsp; Jene seltsamen Tiere, die auf nur zwei Beinen herumstaksen \u2013 unsere gefl\u00fcgelten M\u00e4nnchen bemerken sie in letzter Zeit immer h\u00e4ufiger in der N\u00e4he unseres H\u00fcgels \u2013 hatten die Milben in einem Ding, das sie Flugzeug nennen, mitgebracht. Die Milben kitzelten uns Brutpflegerinnen im Bau, streichelten unsere F\u00fchler und irritierten uns, so da\u00df wir nicht aufh\u00f6ren konnten zu kichern, unsere eigentliche Aufgabe verga\u00dfen und stattdessen tr\u00f6pfchenweise eine z\u00e4he, wei\u00dfliche Fl\u00fcssigkeit absonderten, an der sich die Milben labten.<\/p>\n<p>Ihr k\u00f6nnt euch vorstellen, wie er\u00adsch\u00fcttert die Ameisenk\u00f6nigin war, als sie ihre wertvollen Eier ungepflegt in den Brutkammern herumkullern sah, w\u00e4hrend wir Brut\u00adpflegerin\u00adnen auf dem R\u00fccken lagen, mit den Beinchen strampelten und grinsten. Eilends befahl die Ameisenk\u00f6nigin, an einen sonnigeren Ort umzuziehen, denn W\u00e4rme behagte den Milben nicht, ab 27 Grad konnten sie nicht einmal mehr schl\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Emsiges Treiben begann und \u00fcber Nacht war der ganze Ameisenstaat mitsamt seiner 80 Millionen Bewohner auf eine h\u00f6her gelegene Lichtung umgezogen, eine Lichtung, die von jenen Zweibeinern neulich geschlagen worden war \u2013 sicherlich um mehr Sonnenlicht, auf die Erde fallen zu lassen.<\/p>\n<p>Diese Zweibeiner \u2013 ihr wi\u00dft sicherlich, welche merkw\u00fcrdigen Lebewesen ich meine \u2013 waren von der Natur nicht gerade beschenkt worden: Wir haben sechs Beine, mit denen wir unglaubliche Gewichte eilends davon tragen k\u00f6nnen. Dabei benutzen wir vier Beine zum Trippeln, die anderen beiden zur Transportsicherung. Oben wackelt auf dem Rumpf der Zweibeiner eine Kugel, die sie Kopf nennen, aber nicht einmal um 360 Grad drehen k\u00f6nnen. Mit ihren beiden Augen \u2013 wie l\u00e4cherlich im Vergleich zu unseren Kom\u00adplexaugen \u2013 k\u00f6nnen sie sich gerade einmal grob in der Landschaft orientieren. Nicht einmal infrarotes und ultraviolettes Licht nehmen sie wahr. Ihr Geruchssinn ist beinahe v\u00f6llig ver\u00adk\u00fcmmert. Deswegen m\u00fcssen sie sich Hunde halten, eine Vierbeinerart, die in vielerlei Hinsicht den Zweibeinern \u00fcberlegen ist. Die Zweibeiner benutzen ihren Geruchssinn nur noch zur Nahrungsaufnahme, um herauszufinden, ob etwas eklig schmecken w\u00fcrde, w\u00fcrden sie es in den Mund nehmen. Wir dagegen k\u00f6nnen tausende Duftsekrete aussondern, mit denen wir uns \u00fcber weite Entfernungen verst\u00e4ndigen. Vor allem aber fehlen den Zweibeinern die F\u00fchler, ich meine unsere genialen Antennen, mit denen wir nicht nur tasten, riechen und schmecken, sondern auch die Lufttemperatur und den Luftdruck, ja sogar den CO<sub>2<\/sub>-Gehalt in der Luft feststellen k\u00f6nnen. Das \u00fcberrascht euch, nicht wahr? Auch die Zweibeiner wollen all das nicht glauben und halten sich selbst f\u00fcr die Kr\u00f6nung der Natur. Tats\u00e4chlich besteht ihre einzige Begabung darin, kleine Schachteln zu erfinden, mit denen sie alles m\u00f6gliche messen und z\u00e4hlen, was ihnen die Natur nicht verg\u00f6nnt hat zu empfinden\u2026<\/p>\n<p>Kaum hatte die K\u00f6nigin unseren Staat gl\u00fccklich auf die Lichtung umgesiedelt, wo wir den Milben besser begegnen konnten, drohte das n\u00e4chste Ungemach: Im Herbst tauchten die Zweibeiner mit F\u00e4ssern auf, aus denen sie einen schwarzen z\u00e4hfl\u00fcssigen Brei auf den Feldweg sickern lie\u00dfen, wo er erstarrte. Ein paar Tage sp\u00e4ter rollten die Zweibeiner in Schachteln auf vier R\u00e4dern vorbei. Sie zischten geschwind auf der schwarzen Bahn entlang, beinahe ger\u00e4uschlos, und verpesteten die Luft. Unsere F\u00fchler verklebten, wenn wir in die N\u00e4he der ger\u00e4derten Schachteln auf der schwarzen Bahn gekrabbelt waren.<\/p>\n<p>Unsere K\u00f6nigin war alt und weise, sie wiegte lange ihren Kopf von links nach rechts und von rechts nach links, ehe sie beschlo\u00df, da\u00df wir \u2013 zun\u00e4chst einmal \u2013 auf der Lich\u00adtung bleiben sollten. Seit langem schon \u00fcberlegte unsere K\u00f6nigin, von ihrem Amt abzutreten und eine Jungk\u00f6nigin heranzuziehen, damit frische Kr\u00e4fte den Staat regierten. Die schwarze Bahn, die nun seit kurzem neben unserem Bau verlief, beunruhigte sie jedoch.<\/p>\n<p>Daher trommelte sie f\u00fcrs erste einen Beraterstab zusammen. Das hei\u00dft, sie versammelte alle gefl\u00fcgelten M\u00e4nnchen, die sich mit der Lage au\u00dferhalb unseres H\u00fcgels am besten auskannten sowie jeweils die f\u00e4higste Vertreterin der Brutpflegerinnen, Arbeiterinnen und Soldatinnen. Unter den Beratern befanden sich mehrere Experten f\u00fcr Milbenkunde \u2013 denn diese winzigen, beinahe unsichtbaren Parasiten \u2013 waren unser \u00e4rgster Feind. Au\u00dferdem geh\u00f6rten Architektinnen und Bau\u00adingeneure, \u00c4rzte und seit neuestem auch Forscher auf dem Gebiet der Anthropologie oder Zwei\u00adbeiner\u00adkunde zum engeren Kreis um unsere alternde K\u00f6ni\u00adgin. Was hielt sie davon ab, zum Hochzeitsflug zu blasen, die M\u00e4nnchen los\u00adfl\u00fcgeln zu lassen, um endlich eine der begabten Jungk\u00f6niginnen zu begatten? Unsere K\u00f6nigin vermi\u00dfte eine w\u00fcrdige, nein, eine f\u00e4hige Nachfolgerin. Daher z\u00f6gerte sie.<\/p>\n<p>Vielleicht habt ihr noch nie davon geh\u00f6rt, da\u00df Ameisenk\u00f6niginnen von Natur aus mit einer besonderen Begabung aus dem Ei schl\u00fcpfen: Sie k\u00f6nnen instinktiv mit gro\u00dfen Zahlen umgehen, sie lernen weder das Permutationsgesetz noch Wahr\u00adschein\u00adlich\u00adkeits\u00adlehre in der Ameisenschule \u2013 die Ameisenk\u00f6nigin kommt mit diesem mathematischen Geheimwissen auf die Welt und st\u00fctzt darauf ihre monogyne Macht \u00fcber den Staat. Wie sollte sie ohne die Souver\u00e4nit\u00e4t im Hantieren mit gro\u00dfen Zahlen den Umzug von 80 Millionen Individuen in einer Nacht dirigieren? Seit es Ameisen gab, also seit 130 Millionen Jahren, als von den Zweibeinern noch nicht mal ein Zwerg auf der Erde zu sehen war, beherrschen unsere K\u00f6niginnen die mathematische Kunst.<\/p>\n<p>Und unsere K\u00f6nigin hatte sie sechzehn Jahre lang k\u00fchl und konsequent bewiesen. Also w\u00fcrde es schon richtig sein, was unsere einzige Zahlenk\u00fcnstlerin ent\u00adschied, dachten wir \u2013 doch nun war sie sich selbst nicht mehr ganz sicher. In ihrem Expertenstab tummelten sich frische Geister, aufgeweckte und mit ihren Antennen hoch\u00adsensible Berater \u2013 allein der Umgang mit dem Gesetz der Gro\u00dfen Zahl fiel ihnen schwer. Daher z\u00f6gerte unsere weise und umsichtige K\u00f6nigin, den Hoch\u00adzeitsflug auszurufen und eine neue K\u00f6nigin zu bestimmen.<\/p>\n<p>Noch lie\u00df uns der Winter in Starre verharren, da fl\u00fcsterte ein besonders kecker und aufgeweckter Berater: \u201eAntennophoren! Hilfe, Antennophoren, eine neue Art, wieder aus China her\u00fcber\u00adgesegelt \u2013 Hilfe!\u201c Unsere K\u00f6nigin war noch im Winterschlaf versunken und regte sich erst einmal gar nicht. Keine Panik, dachte sie, was ist das f\u00fcr ein junger, aufgeregter Kerl, warten wir das Fr\u00fchjahr ab. Die Tage vergingen, die Berater tuschelten und tauschten sich aus. Fast jeder hatte das ber\u00fchmte Kribbeln auf den F\u00fchlern versp\u00fcrt, sie kicherten und kippten auf den R\u00fccken, um mit ihren sechs Beinchen in der Luft zu zappeln. Zugleich war es ihnen \u00fcberaus peinlich, denn in jedem Augen\u00adblick konnte die K\u00f6nigin erwachen, und sicher w\u00fcrde sie erz\u00fcrnen, wenn sie ihr h\u00f6chstes Gremium bei einer Kicherparty erwischte. Also knickten die Berater ihre Antennen ein, um nicht mehr so empfindlich zu sein und ganz besonders ernst drein zu schauen.<\/p>\n<p>Die Verhaltens\u00e4nderung zeigte Wirkung. Die K\u00f6nigin regte sich, krabbelte aus ihrer Kammer, sonnte sich ein paar Tage und begann mit ihrem Fr\u00fchjahrsgesch\u00e4ft, d.h. sie legte Eier \u2013 Dutzende, Hunderte, bis es in die Tausende ging. Die Berater waren weiterhin unruhig. Sie trauten der Sonne und dem sch\u00f6nen Fr\u00fchlingswetter nicht, irgendetwas lag in der Luft \u2013 eine neue, bisher unbekannte Antennophorus-Art. W\u00e4hrend die K\u00f6nigin noch ein Ei nach dem anderen aus ihrem Unterleib dr\u00fcckte und in die Brutkammer schob, wo das Arbeitervolk sie sortierte und wir Brutpflegerinnen unserer Arbeit nachgingen, bildeten die Berater einen geschlossenen Ring um die K\u00f6nigin und sonderten synchron den Duftstoff aus, der h\u00f6chste Gefahr signalisierte. Nun hob die K\u00f6nigin langsam ihren Buckel, drehte ihren Kopf einmal um die Runde und fragte: \u201eWas wollt ihr?\u201c \u2013 \u201eSch\u00fctze uns, gro\u00dfe K\u00f6nigin, sch\u00fctze uns vor dem neuen, b\u00f6sen Antennophorus, der sich in unseren Bau eingeschlichen hat und sich zu vermehren beginnt, w\u00e4hrend du Eier legst. Siehst du nicht, wie schwach die Arbeiterinnen und Soldatinnen schon sind? Manche wackeln auf ihren sechs Beinen, statt stabil und akrobatisch \u00dcberlasten umherzuschleppen wie sonst.\u201c<\/p>\n<p>Die K\u00f6nigin kroch durch den gesamten Bau. Auff\u00e4llig war, das in einer Ecke tats\u00e4chlich ein paar Arbeiterinnen und Soldatinnen ausgestreckt herumlagen. Nicht die M\u00fcdigkeit hatte sie au\u00dfer Gefecht gesetzt, bemerkte die K\u00f6nigin, diese armen Tiere r\u00f6chelten \u2013 sie rangen um Luft. Wenn nichts geschah, w\u00fcrden sie sterben. Die K\u00f6nigin sandte geschwind drei gefl\u00fcgelte M\u00e4nnchen aus, die Umgebung des Baus von au\u00dfen zu beobachten. Als sie zur\u00fcckkehrten, war klar, da\u00df es sich bei der gef\u00e4hrlichen Ecke um die Seite des H\u00fcgels handelte, die der seltsamen schwarzen Bahn zugewandt war, auf denen die Zweibeiner in ihren stinkenden Schachteln vorbeirollten.<\/p>\n<p>Noch bevor die K\u00f6nigin erneut einen Umzug befehlen konnte, befand sich der gesamte Staat in heller Aufregung \u2013 die Berater hatten ihr Duftsekret, das h\u00f6chste Gefahr durch einen neuartigen Antennophorus verk\u00fcndete, bereits \u00fcberall im Bau verschmiert: Es k\u00f6nne <em>im schlimmsten Fall<\/em> dazu kommen, da\u00df nicht nur 2000 Ameisen wie sonst zu dieser Jahreszeit, nein sogar noch 30 Ameisen mehr pro Tag sterben m\u00fc\u00dften, noch einmal in Worten: drei\u00dfig Tag f\u00fcr Tag zus\u00e4tzlich. Das hie\u00df sicherlich, dachten wir, binnen kurzem w\u00fcrde unser Volk aussterben. So glaubten und verk\u00fcndeten es unsere kecken und aufgeweckten Berater. Das Ungl\u00fcck war geschehen: Unsere alte, weise K\u00f6nigin hatte zum ersten Mal in ihrer langen Amtszeit das Gesetz der gro\u00dfen Zahl vergessen. Es gelang ihr nicht, uns zu beruhigen und Zuversicht zu geben, indem sie sprach: \u201eMeine lieben T\u00f6chter und S\u00f6hne, 30 sind keine 2000.\u201c<\/p>\n<p>Nun wimmelten 80 Millionen Ameisen durcheinander. Die Brutkammern wurden von zahllosen&nbsp;Beinchen \u00fcberkrabbelt und der Nachwuchs in den Eiern angekratzt. Nun mu\u00dfte die K\u00f6nigin reagieren und die Notbremse ziehen: Sie befahl dem gesamten Volk, die F\u00fchler einzuknicken, damit keine einzige Ameise, auch nicht die kleinste, j\u00fcngste, fl\u00fcgellose Arbeiterin von dem vermeintlichen Kitzeln des neuartigen Antennophorus irri\u00adtiert wird.<\/p>\n<p>Wir Ameisen nehmen Kontakt miteinander auf, indem wir unsere Antennen kreuzen. Dies war mit geknickten F\u00fchlern nicht mehr m\u00f6glich. Mit dem Antennenkreuzen verloren wir unsere kollektive Intelligenz, mit der wir eigentlich den Zweibeinern, wie die Naturgeschichte zweifelsohne zeigt, weit \u00fcberlegen sind. Indem wir uns \u201ebetrillern\u201c, so nennen wir den Kontakt durch Ber\u00fchren, l\u00f6sen wir die schwierigsten Transport- und Kommunika\u00adtions\u00adprobleme. Nun war die Betrillerung verboten. In K\u00fcrze fiel unser Bau auseinander. Die Halme und Stengel, die ihn einst kunstvoll zusammen gehalten hatten, wurden von niemandem mehr befestigt. Unser Volk lief mit geknickten F\u00fchlern in alle Himmelsrichtungen auseinander. Die K\u00f6nigin blieb zur\u00fcck. Doch sie war nicht alleine: ihre Berater umringten sie noch immer und blickten hoffnungsvoll zu ihr auf. \u201eWir m\u00fcssen uns ein neues Volk suchen\u201c, sprach die K\u00f6nigin \u00e4chzend, lie\u00df sich Fl\u00fcgel wachsen, um in den Tiefen des Waldes nach einem anderen Ameisenh\u00fcgel Ausschau zu halten, den sie auf ihre alten Tage noch regieren k\u00f6nnte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von einer Brutpflegerin, die sich einsam im Sand eine sonnige Stelle gesucht hatte, h\u00f6rten wir heute Mittag folgende Geschichte: Unser Volk hatte an einem Fu\u00dfweg, der sich zwischen Wald und Feld hindurch schl\u00e4ngelte, seinen H\u00fcgel errichtet. 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