{"id":12285,"date":"2020-03-22T23:21:32","date_gmt":"2020-03-22T22:21:32","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12285"},"modified":"2022-01-29T10:10:43","modified_gmt":"2022-01-29T09:10:43","slug":"parabeln-zur-pandemie-2-2-die-einaeugige-alte-oder-vom-glueck-im-eigenen-bett-sterben-zu-duerfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12285","title":{"rendered":"Die ein\u00e4ugige Alte oder vom Gl\u00fcck, im eigenen Bett sterben zu d\u00fcrfen"},"content":{"rendered":"<p>Eine alte Frau verbrachte ihre letzten Tage im Pflegeheim. Sie war mit einem biblischen Alter von 86 Jahren gesegnet, hatte Mussolini, die deutsche Besatzung und schlie\u00dflich die Nachkriegszeit durchlebt. Ihre r\u00fcstige Tochter, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte, besuchte sie beinahe t\u00e4glich. Die Alte war \u2013 soweit sie sich erinnern konnte \u2013 zufrieden. Sie war noch imstande gem\u00e4chlich herumzulaufen, genauer gesagt: zu schlurfen,\u00a0 und sich selbst anzukleiden, f\u00fchlte sich umsorgt und hegte nur noch einen Wunsch im Herzen: im eigenen Bett zu sterben. Tats\u00e4chlich dachte ihre Tochter zuweilen ernsthaft dar\u00fcber nach, sie wieder zu sich nach Hause zu holen, um ihrer Mutter diesen letzten Wunsch zu gew\u00e4hren.<\/p>\n<p>Mitten im Sommer geschah etwas Eigenartiges: Von der Hitze bildeten sich rote Blasen auf der Haut der Alten, besonders auf den Wangen, die so sehr anschwollen, da\u00df sie auf der linken Seite ein Auge zudr\u00fcckten. Die Pfleger k\u00fcmmerten sich r\u00fchrend, legten Kompressen auf, es n\u00fctzte nichts. Als die Schwellung nach drei Tagen nicht verschwand, riefen sie den Arzt, der stets ins Altenheim kam, wenn es gesundheitliche Probleme gab \u2013 das war praktisch jeden Tag der Fall. Die Blasen blieben und \u00fcberwucherten das linke Auge. Die alte Frau \u00e4hnelte einer Leprakranken, doch es war kein Lepra. Eine neuartige, eine unbekannte Krankheit, raunte der Arzt und ordnete die Verlegung der Alten ins Krankenhaus an.<\/p>\n<p>Die ein\u00e4ugige Alte wurde nun vom Hautarzt, von der Augen\u00e4rztin, vom Internisten und schlie\u00dflich vom Chefarzt inspiziert \u2013 niemand konnte eine klare Diagnose stellen, allen stand das R\u00e4tsel als Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Am folgenden Tag nahm die Haut\u00e4rztin eine Gewebeprobe und schickte sie ins Labor. Es dauerte drei Tage, ehe ein Eilkurier die Ergebnisse der Untersuchung pers\u00f6nlich dem Chefarzt \u00fcberbrachte, drei Tage, in denen die Blase unterm linken Auge der alten Frau weiter und weiter wucherte. Nun bildete er bereits einen Auswuchs, der mit der Stirn zu verwachsen schien.<\/p>\n<p>Der Laborbericht enthielt im Telegrammstil folgende Mitteilung: \u201eNeuartiger Bakterienstamm, aus der Famile der Mykobakterien, aber mit bisher unbekannter DNA, im Unterschied zu anderen Mykobakterien offenbar schnell ansteckend und mit kurzer Inkubationszeit.\u201c Der Bericht war per eMail zeitgleich ans Gesundheitsministerium in die Hauptstadt geschickt worden. Dort landete er jedoch mit etwa dreitausend weiteren eMails vom selben Tag im Postfach der Pressestelle und wurde nicht weiter beachtet.<\/p>\n<p>Die alte Frau im Krankenhaus erfuhr nichts von den Laborergebnissen. Ihr wurde gesagt, es handele sich um eine seit langem bekannte, heilbare Krankheit, sie bekomme jetzt Medikamente und in ein paar Tagen werde die Blase wieder abschwellen. Die Alte sch\u00f6pfte Hoffnung, da\u00df ihr langgehegter Wunsch, zu Hause bei ihrer Tochter sterben zu k\u00f6nnen, nun doch in Erf\u00fcllung gehen k\u00f6nne. Sie bat um das Rezept und wollte sich nach Hause bringen lassen. Da erschien der Chefarzt pers\u00f6nlich zur Visite an ihrem Bett und erkl\u00e4rte ihr, das sei nicht m\u00f6glich, sie m\u00fcsse bleiben.<\/p>\n<p>In der Zwischenzeit hatte ein Pfleger beim Feierabendbier mit einem Freund \u00fcber die ungew\u00f6hnliche Alte mit dem zugeschwollenen Auge gesprochen. Dieser Freund war von Natur aus neugierig und h\u00f6rte aufmerksam zu \u2013 er arbeitete bei der Lokalzeitung. Er entwickelte eine lebhafte Vorstellung von der Monsterkrankheit der Alten, stellte sich vor, wie nicht nur das Auge, sondern bald schon die Stirn und dann der ganze Kopf von der Blase \u00fcberwuchert und eingeh\u00fcllt sein w\u00fcrden \u2013 eine schauderhafte, Grausen erregende Vorstellung. Am folgenden Morgen streifte er sich einen gr\u00fcnen Kittel \u00fcber, setzte sich einen Mundschutz auf und begleitete den Pfleger zur Arbeit ins Krankenhaus, lie\u00df sich ans Bett der Alten f\u00fchren, die nichts argw\u00f6hnte. Dort scho\u00df er heimlich eine ganze Fotoserie von der Alten, genauer gesagt: von der Blase, die ihr Auge \u00fcberw\u00f6lbt hatte. Er kniete sich neben das Krankenbett, um aus schr\u00e4ger Perspektive von unten ein besonders eindrucksvolles Bild von der Gr\u00f6\u00dfe der Blase einzufangen. Am Computer k\u00f6nnte er mittels der Auto\u00adkorrekturfunktion die r\u00f6tlichen Stellen blutrot erscheinen lassen \u2013 es w\u00fcrde ein auf\u00adsehendes Bild ergeben. Mit etwas Gl\u00fcck, genauer gesagt: wenn sich an diesem Tag kein anderes Ungl\u00fcck ereignete, w\u00fcrde das Bild auf der Titelseite landen.<\/p>\n<p>So ge\u00adschah es: der Reporter hatte Gl\u00fcck, das Bild wurde auf Seite eins abgedruckt. Der Chef\u00adredakteur feuerte die Redaktion an, die Geschichte weiterzuverfolgen. Nun erhielt die alte Frau in ihrem einsamen Krankenzimmer dreimal t\u00e4glich Besuch von jenem umtriebigen Redakteur, der nun noch eine Assistentin und einen profes\u00adsionellen Fotografen im Schlepptau mitf\u00fchrte. In einem Tagebuch, das der Reporter als Blog im Internet vorab ver\u00f6ffentlichte und das in Ausz\u00fcgen nun eine eigene Kolumne der Lokalzeitung bildete, berichtete er von den Ver\u00e4nderungen und Wucherungen der Blase. Er schilderte die Gedanken der alten Frau, ihr Leid und ihre Schmerzen. Genauer gesagt schilderte er, wie er sich die Gedanken, das Leid und die Schmerzen der alten Frau vorstellte, denn sie sprach nicht mit ihm, hielt ihn in ihrer Gutm\u00fctigkeit weiterhin f\u00fcr eine Krankenpfleger, der sich um sie k\u00fcmmere.<\/p>\n<p>Inzwischen hatten die Zeitungsberichte auch die Hauptstadtpresse erreicht und das spektakul\u00e4re erste Bild, das der Reporter selbst noch auf Knien von der Blase ge\u00adschos\u00adsen hatte, schaffte es in die Abendnachrichten. Nun fiel auch im Gesund\u00adheits\u00administerium unter all den zahllosen eMails die Kurzmitteilung des Labortests in die richtigen H\u00e4nde. Der zust\u00e4ndige Ministerialdirigent f\u00fcr subtropische Medizin nahm sich des Berichts an, hakte nach und lie\u00df \u2013 gut gek\u00fchlt in diesem hei\u00dfen Sommer \u2013 die Gewebeprobe in die Hauptstadt transportieren.<\/p>\n<p>Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. T\u00e4glich berichtete die Pressestelle des Ministeriums. Die Meldungen wurden sofort von allen gro\u00dfen Sendern \u00fcbernommen. Ohne da\u00df es einer Anweisung bedurfte, \u00fcberpr\u00fcfte das Personal in s\u00e4mtlichen Pflegeheimen, ob weitere alte Menschen \u00e4hnliche Symptome zeigten. Tats\u00e4chlich \u2013 niemand h\u00e4tte es gedacht: der hei\u00dfe Sommer hatte auch bei anderen Senioren zu Schwellungen aller Art gef\u00fchrt. Bei einem alten Mann war das linke Knie geschwollen, da\u00df es einem Medizinball glich. Einer weiteren alten Frau\u00a0 war die eigentlich schon schlaffe linke Brust aufgebl\u00e4ht, da\u00df es schien, sie erwarte mit ihren 74 Jahren ein Kind.<\/p>\n<p>Eines aber hatten alle Schwel\u00adlungen, Wucherungen und Ausw\u00fcchse gemeinsam: Sie waren stets auf der linken K\u00f6rperh\u00e4lfte zu finden. Nun kamen die Neurologen und Hirnforscher ins Spiel. Sie verk\u00fcndeten, da\u00df es sich um eine Anomalie der rechten Hirnh\u00e4lfte handeln m\u00fcsse, denn diese steuere die Vorg\u00e4nge auf der linken K\u00f6rperh\u00e4lfte. Man m\u00fcsse das Gehirn untersuchen, m\u00fcsse den Stoffwechsel testen und mit radioaktiven Markern in Echtzeit die Blutstr\u00f6me zur Gro\u00dfhirnrinde unter die Lupe nehmen. Ein findiger Forscher entwickelte eine Methode, die Anomalien der Gro\u00dfhirnrinde mit Hilfe des EEG zu diagnostizieren, was den technischen und finanziellen Aufwand um ein Vielfaches minderte. Noch bevor der findige Forscher sein neuartiges Testverfahren kreuzvalidieren und ver\u00f6ffentlichen konnte, erging vom Ministerium der Erla\u00df, in allen Pflegeheimen, EEG-Elekroden anzuschaffen, das Personal zu schulen und s\u00e4mtliche Bewohner der Heime zu \u00fcberwachen.<\/p>\n<p>Von nun an wurden t\u00e4glich neue Alte in den Pflegeheimen aufgesp\u00fcrt, die auch ohne jede Schwellungs-, Wucherungs- und Blasen\u00adsymptomatik eine Anomalie auf der rechten Gro\u00dfhirnh\u00e4lfte aufwiesen. Wegen der Bef\u00fcrchtung, den Gefahren, die von der St\u00f6rung ausgingen, nicht gewachsen zu sein, veranla\u00dfte das Pflegepersonal instinktiv bei der kleinsten Auff\u00e4lligkeit, ja beim geringsten H\u00fcpfer im rechtsseitigen EEG den Notarzt zu rufen. Der Notarzt war durch die t\u00e4glichen, genauer gesagt: nunmehr st\u00fcndlichen Sondernachrichten zu Schwellungen und Ausw\u00fcchsen, bereits gut vorbereitet, genauer gesagt: gebrieft. Er \u00fcberwies den Patienten sofort in die Intensiv\u00admedizin. Dies geschah, wie man sich denken kann, in allen Pflegeheimen gleichzeitig, denn keines wollte seiner Verantwortung und F\u00fcrsorgepflicht f\u00fcr die alten Menschen nicht gerecht werden.<\/p>\n<p>Also hie\u00df es handeln, ohne zu z\u00f6gern, keine kostbare Zeit verstreichen zu lassen. Die \u00c4rzte auf den Intensivstationen wunderten sich. Sie f\u00fchlten sich dem Ansturm nicht gewachsen, wollten zugleich aber ihren jahrhundertelang gepflegten Hippokratischen Eid erf\u00fcllen \u2013 also schlugen sie Alarm. Mehrere hundert Chef\u00e4rzte riefen am selben Tag den Gesundheitsminister an, die Telefondr\u00e4hte gl\u00fchten. Der Minister war jung und forsch, sp\u00fcrte den Tatendrang in seiner Brust. W\u00e4re er doch eigentlich selbst Mediziner &#8211; in Wirklichkeit war er ein Kaufmann &#8211; und stellte sich vor, was es hei\u00dfen w\u00fcrde, helfen zu wollen, aber nicht zu k\u00f6nnen, weil die Umst\u00e4nde katastrophal erschienen \u2013 dem mu\u00dfte vorgebeugt werden. Vorbeugung war schon immer die beste Medizin.\u00a0In Wirklichkeit standen die Mediziner bei \u00e4lteren Patienten immer schon vor der Entscheidung, ob eine intensive Behandlung das Leid eher vergr\u00f6\u00dfere oder viel\u00admehr eine Schmerzlinderung angezeigt sei. Dieses Dilemma gab es, seitdem es den Arztberuf gab \u2013 nichts daran war neu.<\/p>\n<p>Unser junger Minister bat also den Ministerpr\u00e4sidenten, eine Kabinettsrunde ein\u00adzuberufen. Auf dieser Sitzung wurde der nationale Gesund\u00adheits\u00adnotstand ausgerufen. Die Krankenh\u00e4user m\u00fc\u00dften ausgebaut, neue Inten\u00adsivstationen er\u00f6ffnet, alle sonstigen Operationen vertagt und alles auf die Rettung der alten Menschen aus den Pflegeheimen, die dem Schwellungs- und Wucherungstod nahe standen, ausgerichtet werden \u2013 koste es was es wolle, das gebiete unsere Menschlichkeit und Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich offen\u00adbarten sich auf den Intensivstationen schwerste F\u00e4lle von sterbens\u00adkranken 82-, 78- und 89j\u00e4hrigen. Den in Transportern eilends hergekarrten Alten aus den Pflegeheimen bekam der Umzug auf die Intensivstationen, sagen wir es diplomatisch, nicht gerade gut. Sie vermi\u00dften ihre vertrauten Pfleger, die vor wenigen Tagen noch kleine Scherze, Sp\u00e4\u00dfe und nette Bemerkungen f\u00fcr sie \u00fcbrig hatten. Stattdessen wurden nun blinkende Me\u00dfger\u00e4te um sie herum aufgebaut. Viele wurden an den Tropf gehangen, erhielten prophylaktisch einen k\u00fcnstlichen Darmausgang. Jeder menschliche Kontakt war durch Mundschutz und Plexiglasbrille auf der Nase der \u00c4rzte und Krankenschwestern vorbeugend gesch\u00fctzt. Denn die Patienten schleppten ihre langwierigen Krankheiten, an denen sie schon seit Jahren laborierten, auf die Intensivstationen, Krankheiten, die bei ihnen als unheilbar galten: Krebs, Lungenentz\u00fcndungen, Schlaganf\u00e4lle, Diabetes, In\u00adkon\u00adtinenz. Die Intensivstationen mutierten landesweit zu Geronto-Intensivstationen. Doch die Patienten ver\u00admi\u00dften die Palliativ\u00e4rzte, die ihnen wenigstens den Schmerz zu lindern vermochten. Allein der Ortswechsel verursachte bei manchen einen Schock, von dem sie sich nicht erholten.<\/p>\n<p>Es kam, wie es kommen mu\u00dfte \u2013 auf den Geronto-Intensivstationen stieg die Todesrate rasant an, ein Umstand, der sich nicht verheimlichen lie\u00df, denn die Sozial\u00adar\u00adbeiter der Krankenh\u00e4user waren nun fortlaufend damit besch\u00e4ftigt, Be\u00adstat\u00adtungs\u00adinstitute anzurufen und mit der Abholung der Verstorbenen zu be\u00adauftragen. Schlie\u00dflich traten die Bestatter wegen \u00dcberlastung in einen Streik und wandten sich an die Presse. Eine \u00fcberaus alarmierende Schlagzeile machte die Runde: \u201eIn der Gruppe der \u00fcber 80-J\u00e4hrigen ist die h\u00f6chste Sterblichkeitsrate zu ver\u00adzeichnen.\u201c Kaum zu glauben! Tats\u00e4chlich berichtete ein Magazin nach dem anderen \u00fcber dieses ph\u00e4nomenale Ph\u00e4nomen. Starben nicht in normalen Zeiten schon mehr als zweitausend Menschen am Tag eines nat\u00fcrlichen Todes, ohne da\u00df au\u00dferhalb der eigenen Familie dar\u00fcber gesprochen wurde? Die Regierung bem\u00fchte sich redlich, das Erschreckende dieser Nachricht klein zu halten \u2013 auch f\u00fcr eine einstmals demokratisch gew\u00e4hlte Regierung empfiehlt sich eine gewisse Strategie der Volksverdummung, damit die Panik nicht anschwelle, genauer gesagt: in die richtige Richtung gelenkt werde.<\/p>\n<p>Um die Ausbreitung der hoch ansteckenden, bisher unbekannten Schwel\u00adlungs- und Wucherungskrankheit einzud\u00e4mmen, erlie\u00df die Zentralregierung Tag f\u00fcr Tag neue Gesetze: Schulen und Hochschulen zu besuchen, sich in ein Caf\u00e9 zu setzen, seiner Arbeit nachzugehen, ja selbst sich die Haare schneiden zu lassen, wurde kurzerhand verboten. Eine Diskussion zu all diesen Dekreten, die der Form nach den Dekreten Lenins nach der Oktoberrevolution im fernen Petrograd, einem alten Freund unseres seligen Mussolini, nicht un\u00e4hnlich waren, blieb der Regierung Gott sei Dank erspart. Denn wegen der Bef\u00fcrchtung, sich mit der hochansteckenden Schwellungs- und Wucherungskrankheit zu infizieren, hatte das Parlament \u2013 in Abwesenheit der Abgeordneten \u2013 einstimmig beschlossen, s\u00e4mtliche Sitzungen f\u00fcr die kommende Zeit auszusetzen und dem Ministerpr\u00e4sidenten, er nannte sich nun in alter Tradition wieder Duce, s\u00e4mtliche Vollmachten zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Den Krankenh\u00e4usern blieb angesichts des Streiks der Bestattungsinstitute nichts anderes \u00fcbrig, als die Armee zu bitten, die Leichen, die sich in den K\u00fchlkellern stapelten, abzutransportieren \u2013 was der Ministerpr\u00e4sident kraft seiner pr\u00e4sidialen Machtf\u00fclle mit einem Federstrich genehmigte. Die Bilder vom Milit\u00e4rkonvoi voller Leichen in Friedens-, aber Krisenzeiten gingen um die Welt. Kurzerhand wurden in allen zivi\u00adlisierten Staaten EEG-Elektroden f\u00fcr die Alters- und Pflegeheime angeschafft. In manchen Staaten wurden auch die geschlossenen Psychiatriestationen und Hochsicherheitsgef\u00e4ngnisse in die diagnostische Pr\u00e4ventionsma\u00dfnahme integriert.<\/p>\n<p>Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Weltgesundheitsverein (WGV e.V.) gab welt\u00adweit anerkannte Empfehlungen heraus, die in der weiten Welt der vern\u00fcnftigen und aufgekl\u00e4rten Re\u00adgierungen in Gesetze und Verordnungen umgewandelt wurden. Manchem Autokraten half diese Ma\u00dfnahme, die Menschen mit Verweis auf die Ge\u00adsund\u00adheitsrisiken von Protesten und Demonstrationen gegen eine verfassungswidrige Ver\u00adl\u00e4ngerung der Amtszeit abzuhalten \u2013 wer h\u00e4tte gedacht, da\u00df sich die grassierende Infektion, die schauderhaft anzusehenden Wucherungen und Schwellungen, vor allem aber die unsichtbaren Anomalien auf der rechten Hirnh\u00e4lfte, die gl\u00fccklicherweise nun mit Hilfe des EEG sichtbar wurden, derart f\u00f6rderlich von den bestehenden Eliten ausnutzen lie\u00dfen?<\/p>\n<p>Die dubiose Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erwies sich als wahrer Segen: nicht zuletzt f\u00fcr die Natur, die aufatmen konnte, auch f\u00fcr die gesunden Menschen mittleren Alters, die eingesperrt in ihren Wohnungen, sich nicht mehr mit Gedanken um die richtige Politik martern, nicht mehr t\u00e4glich zur Arbeitsstelle und von dort durch den elenden Stau zur Schule hetzen mu\u00dften \u2013 es kehrte Ruhe ein, genauer gesagt: Friedhofsruhe. Und diese bekam der \u00fcberwiegend gesunden Bev\u00f6lkerungsmehrheit sehr gut, als w\u00e4re sie eine f\u00fcr alle angeordnete Erholungskur. Die Alten st\u00fcrben sowieso, ob im Heim oder auf der Intensivstation, das war kein gro\u00dfer Unterschied. Die M\u00e4chtigen aber konnten m\u00e4chtig auftrumpfen und keiner ver\u00fcbelte es ihnen.<\/p>\n<p>Wen haben wir vergessen? Ach so, unsere alte Frau, der wegen der Blase unterm Auge vom Chefarzt verboten worden war, nach Hause zu gehen. Beinahe h\u00e4tte ich es ver\u00ads\u00e4umt zu erz\u00e4hlen, da\u00df ihre Schwellung Ende August langsam zur\u00fcckging. Vielleicht waren die etwas k\u00fchleren Temperaturen daran schuld. Der Chefarzt wollte sie dennoch nicht entlassen, war sie doch so etwas wie eine Symbolfigur geworden: Patientin Null. Ihre Tochter versuchte, mit dem Anwalt gegen die Entscheidung vorzugehen. Wenigstens sollte ihre 86j\u00e4hrige Mutter in h\u00e4usliche Quarant\u00e4ne entlassen werden. Dort w\u00fcrde sie doch f\u00fcr niemanden au\u00dfer ihre Familie eine Gefahr darstellen. Der Chefarzt lie\u00df den Anwalt mit Verweis auf das Infek\u00adtions\u00adschutzgesetz abblitzen \u2013 das sei in der heutigen Zeit nicht erlaubt. Die Alte stelle immerhin eine Gefahr f\u00fcr die Allgemeinheit dar und ihre Tochter mache sich strafbar, wenn sie ihre Mutter zu Hause beherberge. Der Anwalt wiederum erlaubte sich, das Gesetz zu erw\u00e4hnen, das k\u00fcrzlich erst verabschiedet worden war und laut Verfassung<i>\u00a0<\/i>jedem Menschen das Sterben in den eigenen vier W\u00e4nden garantiere, wenn er wolle sogar mit Beihilfe zum Suizid, z.B. bei starken Schmerzen. Da hatte der Chefarzt nur ein m\u00fcdes L\u00e4cheln \u00fcbrig, erwiderte, er m\u00fcsse sich noch um die vielen anderen Patienten auf der Geronto-Intensivstation k\u00fcmmern, leider habe er keine Zeit. Er bem\u00fc\u00dfigte sich nicht einmal, den Rechts\u00adbeistand des Krankenhaus\u00ades von diesem Einwand zu informieren. Erst als die Tochter drohte, die Krankenkasse vom sinnlosen, aber doch recht kostenintensiven Aufenthalt ihrer nunmehr symptomfreien Mutter in Kenntnis zu setzen, z\u00f6gerte der Chefarzt keine Sekunde: Er konnte wohl unterscheiden, worauf es ankam und worauf nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine alte Frau verbrachte ihre letzten Tage im Pflegeheim. Sie war mit einem biblischen Alter von 86 Jahren gesegnet, hatte Mussolini, die deutsche Besatzung und schlie\u00dflich die Nachkriegszeit durchlebt. Ihre r\u00fcstige Tochter, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte, besuchte sie beinahe t\u00e4glich. Die Alte war \u2013 soweit sie sich erinnern konnte \u2013 zufrieden. 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November 2016","format":false,"excerpt":"\"Kamerad, ich hei\u00dfe Luis Cort\u00e9s. Als die Repressalien begannen, in Tocopilla ergriffen sie mich. Sie schleppten mich nach Pisagua. Sie wissen, Kamerad, was das hei\u00dft. Viele wurden krank, andere verfielen dem Wahnsinn. Es ist das schlimmste Konzentrationslager des Gonz\u00e1les Videla. Eines Morgens sah ich Angel Veas sterben, am Herzen. 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