{"id":12251,"date":"2020-03-19T23:22:52","date_gmt":"2020-03-19T22:22:52","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12251"},"modified":"2022-01-29T10:11:09","modified_gmt":"2022-01-29T09:11:09","slug":"parabeln-auf-die-pandemie-1-der-notorisch-aengstliche-richter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=12251","title":{"rendered":"Der notorisch \u00e4ngstliche Richter"},"content":{"rendered":"<p>Es war ein Richter, der eine notorische Angst vor L\u00fcgnern hatte. Wenn er einen Dieb traf, der sagte \u201eIch hab nichts gestohlen\u201c, so \u00fcberf\u00fchrte er ihn der L\u00fcge und verurteilte ihn. Wenn er einen Betr\u00fcger traf, der sagte \u201eIch habe niemanden betrogen\u201c, so \u00fcberf\u00fchrte er ihn der L\u00fcge und verurteilte ihn \u2013 und in diesem Fall hatte er recht. Wenn er einen Schl\u00e4ger traf, der sagte, \u201eIch habe nicht geschlagen\u201c, so \u00fcberf\u00fchrte er ihn der L\u00fcge und verurteilte ihn. Wenn er einen M\u00f6rder traf, der sagte \u201eIch war es nicht, ich habe niemanden ermordet\u201c, so \u00fcberf\u00fchrte er ihn der L\u00fcge und verurteilte ihn. Alle Beschuldigten wurden ins Gef\u00e4ngnis abgef\u00fchrt. Der Richter sprach: \u201eNicht weil sie B\u00f6ses getan haben, m\u00fcssen sie ins Gef\u00e4ngnis, sondern weil sie l\u00fcgen.\u201c Ein Aufsehen erregendes Spektakel war das: ein Gef\u00e4ngnis voller L\u00fcgner. Nun kamen Forscher, untersuchten die Gefangenen mit L\u00fcgendetektoren und stellten fest: \u201eTats\u00e4chlich: In diesem Gef\u00e4ngnis gibt eine \u00fcberdurchschnittlich hohe Anzahl von L\u00fcgnern! Der Richter hat richtig geurteilt.\u201c Reporter reisten an, schrieben Artikel f\u00fcr die Zeitung\u00ad und sendeten Nachrichten im Fernsehn \u00fcber ein spektakul\u00e4res Anschwellen der L\u00fcgenquote im Gef\u00e4ngnis. Die Regierung setzte sich zusammen und bereitete ein Gesetz vor, das L\u00fcgen k\u00fcnftig unter Strafe stellte. Kaum war es verabschiedet, begann ein hektisches Bauen und Werkeln im Land, genauer gesagt: im halben Land. Von diesem Tag an n\u00e4mlich, wurden Tausende neue Gef\u00e4ngnisse gebraucht. Wer h\u00e4tte gedacht, da\u00df es soviele L\u00fcgner gibt? Die halbe Nachbarschaft, die H\u00e4lfte der Arbeits\u00adkollegen, die H\u00e4lfte der Polizisten, eigentlich alle M\u00e4rchen- und Ge\u00adschichtenerz\u00e4hler in den Kinderg\u00e4rten, ja sogar die H\u00e4lfte der Politiker im Parlament \u2013 \u00fcberall lauerten L\u00fcgner. F\u00fcr all diese Leute mu\u00dfte Platz geschaffen werden in den Gef\u00e4ngnissen. Und bevor es soweit war, durfte jeder, der einen L\u00fcgner \u00fcberf\u00fchrte, Selbstjustiz \u00fcben und den L\u00fcgner mit einer Fu\u00dfkette an den K\u00fcchenherd fesseln. So konnte sich der L\u00fcgner selbst noch das Essen kochen, bis er endlich eingesperrt werden konnte. Der \u00e4ngstlich notorische Richter, der mit seinen Aufsehen erregenden Urteilen das Ganze ins Rollen gebracht hatte, lehnte sich zum ersten Mal in seinem Leben entspannt zur\u00fcck, verga\u00df seine Angst und murmelte: \u201eBald werden keine L\u00fcgner mehr frei herumlaufen!\u201c Nur mit einem hatte niemand gerechnet: mit dem Gesetz der Gro\u00dfen Zahl. Nachdem die eine H\u00e4lfte der Menschheit gl\u00fccklich als L\u00fcgner \u00fcberf\u00fchrt worden war und die ehrliche H\u00e4lfte der Menschheit gerade aufatmen wollte, das Problem endg\u00fcltig gel\u00f6st zu haben, da stellte sich heraus, da\u00df es in der ehrlichen H\u00e4lfte der Menschheit neue L\u00fcgner gab, L\u00fcgner, die ihre Ehrlichkeit vorget\u00e4uscht hatten, in Wirklichkeit waren sie L\u00fcgner eines neuen Typs. Rasch mu\u00dften neue L\u00fcgendetektoren erfunden und diese b\u00f6swilligen Individuen \u00fcberf\u00fchrt werden \u2013 es stellte sich heraus, da\u00df genau die H\u00e4lfte der in der ersten Welle noch ehrlich wirkenden Menschen L\u00fcgner neuen Typs waren. Nun hatte die Regierung bereits aus der ersten L\u00fcgenwelle gelernt und war auf die zweite Welle vorbereitet: Die Gef\u00e4ngnistore brauchten nur kurz ge\u00f6ffnet werden und die L\u00fcgner neuen Typs konnten sogleich weggesperrt werden \u2013 welch ein Segen. Doch gefehlt: kaum war die H\u00e4lfte der H\u00e4lfte identifiziert und inhaftiert, breitete sich die L\u00fcgenkrankheit weiter aus: Neue Formen tauchten auf, diesmal waren es die Phantastologen, die sich einfach Tatsachen ausdachten und den verbleibenden ehrlichen Teil der Menschheit damit erschreckten. Schnell wurde gegen sie ein L\u00fcgenschutzgesetz verabschiedet und sie konnten abgef\u00fchrt werden. Kaum war die Menschheit auch von dieser H\u00e4lfte der H\u00e4lfte der H\u00e4lfte erl\u00f6st, erschien eine neue Spielart des L\u00fcgens auf der B\u00fchne: die Phraseologen, die einfach erz\u00e4hlten, was ihnen durch den Kopf ging, ohne sich um den Wahrheitsgehalt zu scheren. Nun wir wissen, genauer gesagt: wir ahnen, welche Erfolgsstrategie im Kampf, genauer gesagt: im Krieg gegen den L\u00fcgend\u00e4mon angewandt wurde. Die Gef\u00e4ngnisse quollen vor lauter L\u00fcgnern \u00fcber, die Zahl der freien Menschen aber halbierte und halbierte sich, bis nur noch einer \u00fcbrig blieb: der notorisch \u00e4ngstliche Richter. Vorsichtig, wie er war, ging er nun \u2013 zum ersten Mal in seinem Leben \u2013 in sich und stellte sich selbst inquisitorische Fragen: Konnte es sein, da\u00df vielleicht eine H\u00e4lfte in ihm stets L\u00fcgen verbreitete, w\u00e4hrend die andere H\u00e4lfte in ihm best\u00e4ndig die Wahrheit suchte. Es war ein schauerliches Bild, das unser armer, notorisch \u00e4ngstlicher Richter bot: Er rang mit sich, wand sich auf der einsamen Parkbank, auf der er sich niedergelassen hatte. Eine H\u00e4lfte in ihm wollte die andere H\u00e4lfte in ihm verurteilen, festnehmen und einsperren, aber unm\u00f6glich konnte er sich auf diese Weise selbst ins Gef\u00e4ngnis abf\u00fchren \u2013 was w\u00fcrde dann aus seiner ehrlichen H\u00e4lfte werden? Es w\u00e4re ungerecht, wenn auch sie eine Strafe absitzen m\u00fc\u00dfte! In seiner Verzweiflung kettete sich der notorisch \u00e4ngstliche Richter an das Gef\u00e4ngnistor, so da\u00df ein Fu\u00df drinnen war und der andere drau\u00dfen. Die anderen Insassen \u2013 immerhin die gesamte Menschheit bis auf einen \u2013 erbarmten sich seiner, kurz bevor er am Verhungern war. Indem der Richter das Tor halboffen stehen lassen mu\u00dfte, um seine Mission zu erf\u00fcllen, nutzten sie die Gelegenheit, in die Freiheit zu schl\u00fcpfen. Dort kochten sie f\u00fcr den armen, notorisch \u00e4ngstlichen Richter, buken Brot f\u00fcr ihn und brachten im Wasser. An den hohen Feiertagen besuchten sie ihn und steckten ihm, obwohl es verboten war, eine Flasche Wein zu, indem sie sagten: \u201eDa ist nur Wasser drin.\u201c Auf diese Weise erfreute sich die Menschheit \u2013 bis auf einen, genauer gesagt: einen halben Menschen \u2013 an ihrer Freiheit und hatte wieder ihre alte, unlautere Lust am L\u00fcgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein Richter, der eine notorische Angst vor L\u00fcgnern hatte. Wenn er einen Dieb traf, der sagte \u201eIch hab nichts gestohlen\u201c, so \u00fcberf\u00fchrte er ihn der L\u00fcge und verurteilte ihn. 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