{"id":11680,"date":"2019-10-04T16:05:28","date_gmt":"2019-10-04T15:05:28","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11680"},"modified":"2019-10-04T16:06:34","modified_gmt":"2019-10-04T15:06:34","slug":"choebuz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11680","title":{"rendered":"Ch\u00f3sebuz"},"content":{"rendered":"<p>Ich sa\u00df im Lauterbach und wartete. Nicht im hauptgesch\u00e4ft in der Sprem, sondern in der filiale in der F\u00fcrst-P\u00fcckler-Passage, gegen\u00fcber dem bahnhof, gleich neben dem schwedischen hotel, in dem ich wohnte. Ich wartete auf P, wir waren verabredet. Ich war zu fr\u00fch. Ich nahm sein manuskript und las.<\/p>\n<p>Wir haben den krieg schon lang vergessen, das ist wahr. Und wahr ist auch, dass ich die menschen liebe, ich habe viel f\u00fcr sie \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Ich hatte mich entschlossen, den fotoband zu machen. Die idee stammte von Gary, und eigentlich auch wieder nicht. Gary hatte auf der party davon gesprochen. Ihm schwebte ein band mit schwarz-wei\u00dffotos vor, nur schwarz-wei\u00dffotos. Man m\u00fcsse einfach eine kamera nehmen und damit durch die stadt laufen, \u00fcberall gebe es motive. Ich hatte Gary auf der party von meinen spazierg\u00e4ngen erz\u00e4hlt. Tagelang hatte ich mich in den gassen und winkeln der historischen altstadt herum getrieben, hatte die au\u00dfenbezirke durchstreift, war \u00fcber die gel\u00e4nde der stillgelegten tuchfabriken gestolpert.<\/p>\n<p>Warst du schon im Museum f\u00fcr Neue Kunst? fragte Corinna und fuhr fort, die haben da ein irres gem\u00e4lde! Und dann beschrieb sie es in allen einzelheiten, ich kannte das bild. Gary meinte, ich m\u00fcsse gleich am n\u00e4chsten tag die ersten aufnahmen machen. Fotografiere alles, was dir vor die linse kommt, und \u00fcberlege nicht lang, w\u00e4hle nicht aus! Einfach draufhalten und abdr\u00fccken, das gen\u00fcge f\u00fcr den anfang. Aber ich hatte da meine eigenen ideen.<\/p>\n<p>Das bild f\u00fchrt die verg\u00e4nglichkeit vor augen. Im linken bildvordergrund sieht man die grablegung Christi. Wei\u00dfe t\u00fccher umh\u00fcllen den leichnam des Heilands, des erl\u00f6sers der welt, den sein vater in der stunde des todes verlie\u00df. Der verdrehte kopf Christi mit dem vom betrachter abgewandten gesicht weist in den rechten bildhintergrund. Eine stillende mutter mit kind wohnt dort einer kreuzigungsszene bei. Eine menschenmenge aus soldaten in kampfuniformen, alten herren im frack, badeg\u00e4sten und freizeitsportlern bindet eine nackte, farbige frau an einen holzpfahl und peitscht sie aus. Die geschlechtsteile der frau sind \u00fcberdeutlich abgebildet. \u00dcber allem schwebt eine riesige dornenkrone mit der aufschrift vita e morte! Den leichnam Christi tr\u00e4gt ein nacktes paar. In der bildmitte sieht man eine gr\u00f6\u00dfere, unregelm\u00e4\u00dfige stelle, die unbemalt ist. Die rohe leinwand bildet dort einen markanten fleck. Vielleicht wollte der k\u00fcnstler damit das unausdr\u00fcckbare nichts ausdr\u00fccken? Seitlich rechts und links von dem gem\u00e4lde befinden sich gro\u00dfe fotocollagen aus fetzen von werbeplakaten, illustrierten, modejournalen, politischen magazinen, tageszeitungen und anderen schriftst\u00fccken. Das gesamte ensemble gleicht einem tryptichon. Der titel des kunstwerkes lautet dreieinigkeit oder der sechste sch\u00f6pfungstag.<\/p>\n<p>Die tage wurden k\u00fcrzer, die n\u00e4chte k\u00e4lter, das wetter schlecht, es war november. Genau die richtige jahreszeit f\u00fcr die fotos, grau und k\u00e4lte standen der stadt gut. Da waren das nasse kopfsteinpflaster in der Bautzener, dort, wo sie die bahngleise querte, das gras neben dem bordstein, die letzten hundeblumen bl\u00fchten zwischen den ritzen der pflastersteine, da waren die spiegelungen in den pf\u00fctzen. Nichts in der stadt war eben und glatt. Da gab es verfallende fassaden der b\u00fcrgerh\u00e4user aus der gr\u00fcnderzeit gleich neben neu herausgeputzten fassaden.<br \/>\nKontraste, licht und schatten, ideal f\u00fcr schwarz-wei\u00dfaufnahmen, rauhe oberfl\u00e4chen, gebrochene strukturen. Mauerwerk ohne m\u00f6rtel, putz, der nicht haftete, ornamente bis zur unkenntlichkeit verwittert. Gehwege aus fest getretenem erdboden neben neu asphaltierten stra\u00dfenbel\u00e4gen. Ich fotografierte alles, arbeitete konventionell, altmodisch: eine sucherkamera, manuelle belichtungsmessung, grobk\u00f6rniges filmmaterial, unscharfe konturen. Die besten motive wollte ich in einem zweiten gang mit einer mittelformatkamera, makroobjektiv, blitzschirm und feinstem filmkorn noch einmal aufsuchen. Jede einzelne ecke, rauhigkeit wollte ich wie in studioatmosph\u00e4re festhalten.<br \/>\nDie Friedrich-Ebert-Stra\u00dfe und die beiden kirchen, die kleine wenden- oder landkirche des ehemaligen klosters und die gro\u00dfe b\u00fcrger- oder stadtkirche, hatten es mir als motive besonders angetan. Es schneite, als ich in die Sprem einbog, die mit matten, hellen granitplatten neu ausgelegt worden war. Futuristische stra\u00dfenlaternen mit graphitfarbenen masten aus hohlprofilstahlblechen s\u00e4umten die fu\u00dfg\u00e4ngerzone. Gary war fasziniert von meinen bildern, Corinna wollte mit mir schlafen.<br \/>\nWarst du schon im fu\u00dfballstadion? Gary meinte, dass ich da unbedingt bei einem heimspiel hin m\u00fcsse, die idee hatte ich vor seinem vorschlag auch schon gehabt. Ich wollte die menschen in der stadt fotografieren, die gesichter, mit einem normalobjektiv. Nur kein tele! Ich wollte den menschen ganz nah sein, ihnen auf die pelle r\u00fccken. Ich wollte ihre k\u00f6rpertemperatur und ihren atem einfangen, die hautf\u00e4ltchen unter den augen und auf den handr\u00fccken festhalten.<\/p>\n<p>Gary tupfte sich mit einem in gesichtswasser getr\u00e4nkten wattebausch die schminke aus dem gesicht, ich stand hinter ihm und beobachtete ihn im spiegel. Die ganze garderobe roch nach isopropylalkohol, schwei\u00df und vaseline. Hast du mich gesehen?<br \/>\nIch wollte l\u00fcgen und ja sagen, aber Garys gesichtsausduck merkte ich an, dass er mich durchschaut hatte.<br \/>\nDu warst nicht in der vorstellung, sag es frei heraus!<br \/>\nIch schwieg.<br \/>\nGary beendete das schweigen: was h\u00e4ltst du von Corinna, gef\u00e4llt sie dir, hast du bemerkt, dass sie in dich verknallt ist, verknallt ist nicht der richtige ausdruck, dass sie versucht, dich anzumachen, und mit dir schlafen will?<br \/>\nHast du schon die probeabz\u00fcge der fotos aus dem stadion angeschaut, wie findest du sie?<br \/>\nGary schminkte sich weiter ab und sagte nur: jetzt lenk nicht ab!<\/p>\n<p>Er begann, sich auszuziehen.<br \/>\nNat\u00fcrlich habe ich bemerkt, dass Corinna es auf mich abgesehen hat! Und, weil ich Gary nicht bel\u00fcgen wollte, sagte ich es frei heraus: es ist auch schon passiert zwischen uns, zwischen Corinna und mir!<br \/>\nEr sackte bei meinen worten innerlich zusammen.<\/p>\n<p>Nach einer weile sagte er: hast du alles vergessen?<br \/>\nEr war nackt und stand direkt vor mir. Ich sch\u00e4mte mich und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte.<br \/>\nSchau mich nur an, schau mich an! schrie Gary.<br \/>\nFr\u00fcher hast du es oft getan, und noch mehr, du hast dich nie gesch\u00e4mt! Es hat dir sogar gefallen!<\/p>\n<p>Wei\u00dft du, dass Corinna es mit jedem und jeder treibt? Und nach einer kurzen pause: warum wirfst du dich so weg?<\/p>\n<p>Und dann fiel er \u00fcber mich her wie ein tier, wie ein d\u00fcrstendes und ausgehungertes tier, genau wie damals, beim ersten mal, und ich hatte nicht die kraft, mich zu wehren, erinnerte mich an damals, an unseren sommer, der nicht enden wollte und dann doch geendet hatte. Auf einmal hatten wir genug voneinander gehabt und uns schlie\u00dflich sogar gehasst.<\/p>\n<p>Als wir aus unserem taumel aufwachten, beide nackt am boden dieser sch\u00e4bigen garderobe eines drittklassigen provinztheaters, stand Corinna in der t\u00fcr. Sie musste schon eine weile dort gestanden haben.<br \/>\nDie fotos sind gro\u00dfartig, sagte sie, drehte sich um und ging.<\/p>\n<p>Auf dem weg zur\u00fcck in mein hotel wartete ich lange vor der geschlossenen schranke des bahn\u00fcbergangs an der Bautzener und stierte \u00fcber das nasse kopfsteinpflaster. Der mann im stellwerk beobachtete mich. Nass vom regen erreichte ich das hotel.<\/p>\n<p>Erinnerung und vergessen liegen manchmal ganz nah beieinander, manchmal sind sie aber auch sehr weit voneinander entfernt.<\/p>\n<p>Ich legte das manuskript beiseite und schaute aus dem fenster: grau. P kam noch immer nicht. Ich bestellte einen kaffee. Ein theaterst\u00fcck fiel mir ein, das ich vor jahren verlegt hatte.<\/p>\n<p>In dem ersten bild des st\u00fccks, einem vorspiel im paradies, war es auf der b\u00fchne zuerst ganz dunkel gewesen. Eine m\u00e4nner- und eine frauenstimme hatten im wechsel freiheit, die ich meine, gleichheit f\u00fcr alle, br\u00fcderlichkeit, schwesterlichkeit gesagt. Beim spielen der Marseillaise war das licht angegangen: eine aufrecht gehende, nackte frau hatte einen gebeugt gehenden, nackten mann an einem lederhalsband mit leine \u00fcber die b\u00fchne gef\u00fchrt. Der mann hatte versucht, sich aufzurichten, war aber mit peitschenhieben von der frau daran gehindert worden. Auch seine hilferufe hatten ihm nichts gen\u00fctzt. Dann war das licht erloschen, und \u00fcber lautsprecher hatte man den John-Lennon-Song woman is the nigger of the world geh\u00f6rt.<br \/>\nIm weiteren verlauf des st\u00fccks war eine inzestgeschichte zwischen vater und tochter vorgekommen. Die tochter hatte \u00fcber ihr seelisches leiden gesprochen, der vater war in form eines geistes, eines gespenstes erschienen.<\/p>\n<p>Gespenster, \u00fcberall gespenster. Geister.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich sa\u00df im Lauterbach und wartete. Nicht im hauptgesch\u00e4ft in der Sprem, sondern in der filiale in der F\u00fcrst-P\u00fcckler-Passage, gegen\u00fcber dem bahnhof, gleich neben dem schwedischen hotel, in dem ich wohnte. Ich wartete auf P, wir waren verabredet. Ich war zu fr\u00fch. Ich nahm sein manuskript und las. 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