{"id":11678,"date":"2019-10-04T16:04:37","date_gmt":"2019-10-04T15:04:37","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11678"},"modified":"2019-10-04T16:04:37","modified_gmt":"2019-10-04T15:04:37","slug":"sand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11678","title":{"rendered":"sand"},"content":{"rendered":"<p>Jedes korn in der sanduhr des lebens ein traum. Sie rieseln langsam und best\u00e4ndig, nach jedem umdrehen des glases neu. Reiben sich aneinander, reiben sich ab, gegenseitig, nach jedem umdrehen des glases, langsam und best\u00e4ndig, jeder mensch ein korn. Und der sand ist der sand im getriebe der geschichte, ist der sand, auf den wir tr\u00e4ume bauen, der sich abreibt nach jedem umdrehen des glases, ist treibsand, flie\u00dfsand, der zerschwimmt unter dem druck der geschichte, die \u00fcber ihn hinweg flie\u00dft, langsam, best\u00e4ndig, immer wieder neu, nach jedem umdrehen des glases.<br \/>\nDies waren meine gedanken, als ich knietief im nassen sand stand, der unter den f\u00fc\u00dfen zerrann. Ich stand bis zu den h\u00fcften im sand, stand im wasser, der sand wurde unter meinen f\u00fc\u00dfen zu wasser, wurde wieder zu sand, je mehr ich strampelte und k\u00e4mpfte, um mich zu befreien. Wasser und sand um mich herum. Was zun\u00e4chst wie fester boden ausgesehen hatte, entpuppte sich mehr und mehr als fl\u00fcssigkeit, als treibsand, flie\u00dfsand, in den ich einbrach, in dem ich versank, in dem ich unterzugehen drohte.<\/p>\n<p>Erich hatte uns damals am bahnhof abgeholt, es war schon dunkel gewesen. Er hatte uns mit dem alten wartburg zu dem dorf gebracht, wo die mutter meiner mutter geboren worden war, die aber nicht mehr gelebt hatte, die jahre vor meiner geburt gestorben war, und wo die urgro\u00dfmutter noch gelebt hatte, bei ihrer tochter Ella, der frau von Erich, der schwester meiner gro\u00dfmutter. Ella war eine nachz\u00fcglerin gewesen, nur zwei jahre \u00e4lter als meine mutter. Gro\u00dfmutter, die in der nahen kleinstadt verheiratet gewesen war, hatte sich damals gesch\u00e4mt, dass ihre mutter mit Ella zur gleichen zeit schwanger gewesen war wie sie mit meinem onkel, dem \u00e4lteren bruder von mutter. So hatte es mir mutter sp\u00e4ter einmal erz\u00e4hlt.<br \/>\nEs war ein sehr kleines dorf gewesen, 500 seelen hatten dort gelebt: eine l\u00e4ndliche gegend. Ich erinnere mich an das plumpsklo \u00fcber dem hof.<br \/>\nEinmal war Ella mit uns auf besuch zu anderen verwandten gegan\u00acgen, zwei d\u00f6rfer weiter in einen anderen landkreis. Unser aufenthaltsvisum hatte dort nicht mehr gegolten. Mutter und ella hatten deshalb angst gehabt. Das h\u00e4tte schwierigkeiten geben k\u00f6nnen, hatte mutter sp\u00e4ter gesagt, wenn man ohne g\u00fcltiges visum erwischt worden w\u00e4re. Man hatte sich immer und \u00fcberall polizeilich zu melden, selbst wenn man bei verwandten \u00fcbernachtete. Aber gottseidank war nichts passiert.<br \/>\nUnd keine zehn jahre sp\u00e4ter \u2014 Erich war inzwischen gestorben, ein unfall, eine rauchvergiftung beim verbrennen von feuchtem holz im garten \u2014 hatte Ella, weil sie rentnerin gewesen war, fr\u00fchrentnerin, uns jedes jahr f\u00fcr ein paar wochen im westen besucht.<\/p>\n<p>Die republik wuchs und zerschwamm wie der sand unter meinen f\u00fc\u00dfen, der treibsand, flie\u00dfsand war.<\/p>\n<p>Rin in die kartoffeln, raus aus die kartoffeln! Fernsehantenne \u00fcber die balkonbr\u00fcstung, fernsehantenne unter die balkonbr\u00fcstung! Heute h\u00fch, morgen hott! So \u00e4hnlich k\u00f6nnte man den zustand und die entwicklung der republik beschreiben. Immer getreu dem alten motto der partei \u2013 und die hat ja bekanntlich immer recht! \u2013 und ihres gro\u00dfen vorsitzenden: den westen ein- und \u00fcber-holen! Und was wir schon zu \u00fcberholmann\u00f6vern ansetzten. Aber im grunde genommen wurden wir bereits beim start abgeh\u00e4ngt, das war ein glatter fehlstart, wir kamen einfach nicht aus den startl\u00f6chern. Auf der ersten geraden, der gegengeraden, sahen wir euch im westen nur noch ganz klein und von hinten. Und dann standen auf unserer bahn immer wieder hindernisse, h\u00fcrden, w\u00e4hrend bei euch alles glatt, geebnet war, einer lief immer voraus und machte den weg frei. Inzwischen sind wir mehrfach \u00fcberrundet.<br \/>\nAber freut euch nicht zu fr\u00fch, bis zum ziel ist es noch lang. Nicht, dass es euch am ende so geht wie dem hasen mit dem igel, dass wir schon dastehen im ziel, oder einer von uns, der sagt: bin schon da!<br \/>\nReginald, lass doch den jungen in ruhe damit, das versteht der sowieso nich! Gell? Ihr im westen seid doch alle ein bisschen bl\u00f6d, und wir hier sind die einz\u2019schen gescheiten! Naldi, was mussde dem jungen immer die ohrn volljammern, mehr als fressen und schei\u00dfen k\u00f6nnen die da dr\u00fcben ooch nich!<br \/>\nDarauf trinken wir erst mal einen, und sp\u00fcln den ganzen sozialismus runter! Und dann trinken wa noch een, und sp\u00fcln euern kapitalismus gleich hinterher!<br \/>\nJetzt lang aber mal ordentlich zu, sonst sagsde dr\u00fcben im westen noch, bei uns hier gibt\u2019s nischt zu essen! Nimm nur kr\u00e4ftig viel, das sind gr\u00fcne kl\u00f6\u00dfe! Gell, die macht dir deine mutter nich? Die is ja ooch schon zwanz\u2019sch jahre weg von zuhaus. Wahrscheinlich w\u00fcrden die th\u00fcringer kl\u00f6\u00dfe mit euren schw\u00e4bischen, oh pardong, badischen kartoffeln sowieso nich gelingen. Ihr esst ja am liebsten sp\u00e4tzle oder maultaschen, und trinkt dazu sauren schprudel!<br \/>\nJa liebes patentantchen, das werd ich daheim erz\u00e4hlen, wie ich hier verhungert bin und keinen sauren schprudel gekriegt habe.<br \/>\nSelters! Hei\u00dft das, selters! Nicht saurer schprudel!<br \/>\nNu setz dich mal, Karin, und iss auch was mit, und lauf nich immer nur in der k\u00fcche rum!<br \/>\nDie gr\u00fcnen kl\u00f6\u00dfe waren hervorragend gewesen. Keine hatte sie so gut wie Karin kochen k\u00f6nnen. Und dazu hatte es hasen gegeben, richtigen, keinen falschen. Naldi hatte ihn bei sich zu hause im vogtland extra f\u00fcr uns westbesuch organisiert. Es hatte auch gestimmt, dass meine mutter, seit sie r\u00fcber gemacht hatte, keine th\u00fcringer kl\u00f6\u00dfe mehr gekocht hatte. Aber sie war ohnehin keine begeisterte k\u00f6chin gewesen und haushalt nicht ihr ding. Nur meine schwester hatte beim essen die nase ger\u00fcmpft. So derbe kost war sie nicht gew\u00f6hnt gewesen.<br \/>\nAm nachmittag hatten wir alle zusammen einen bummel in die stadt gemacht und kaffee im interhotel getrunken, gegen westgeld, mutter hatte bezahlt.<br \/>\n\u00dcberall in der stadt waren spruchb\u00e4nder mit politischen parolen aufgeh\u00e4ngt, es war kurz vor dem ersten mai gewesen:<br \/>\nKampftag der internationalen arbeiterklasse, f\u00fcr den aufbau des sozialismus, seite an seite mit dem sowjetischen br\u00fcdervolk, kampftag der befreiung vom faschismus, die werkt\u00e4tigen aller l\u00e4nder, die soundsovielte internationale, die jugend der welt, die fdj, veb, die partei, der staatsrat, das zk, die sed &#8230; Und so weiter, und so weiter &#8230; !<br \/>\nDa kann einem schon mal ein klo\u00df im halse stecken bleiben, vielleicht ein echter th\u00fcringer, ein gr\u00fcner &#8230; Wie ihn der gute alte herr geheimrat (gott hab ihn selig!) Seinerzeit auch gegessen haben mag!<br \/>\nLang leuchte der sozialismus, lang lebe die halde von ronneburg, wismut, missmut, mit mut! Solang noch ein kumpel einf\u00e4hrt in den schacht, solang bleibt die hoffnung, dass er auch wieder ausf\u00e4hrt, drunten bleibt nur das uran, das deutsch-sowjetische!<\/p>\n<p>In Cottbus angekommen, fuhr ich sofort in mein hotel. Es war leicht zu finden, lag beim bahnhof, und au\u00dferdem hatte ich einen stadtplan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jedes korn in der sanduhr des lebens ein traum. Sie rieseln langsam und best\u00e4ndig, nach jedem umdrehen des glases neu. Reiben sich aneinander, reiben sich ab, gegenseitig, nach jedem umdrehen des glases, langsam und best\u00e4ndig, jeder mensch ein korn. 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