{"id":11675,"date":"2019-10-03T12:01:59","date_gmt":"2019-10-03T11:01:59","guid":{"rendered":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11675"},"modified":"2019-10-03T12:01:59","modified_gmt":"2019-10-03T11:01:59","slug":"steine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11675","title":{"rendered":"steine"},"content":{"rendered":"<p>Ein paar steine fehlten bereits, fehlten schon lange, nur hatte es bis dahin keiner bemerkt. Konnte es nicht bemerkt haben, weil der blick in eine andere richtung gelenkt war, nicht auf die steine in der mauer, die unsichtbaren und die sichtbaren, sondern nach westen, nicht nach osten, wo der feind stand. Wir hatten uns gew\u00f6hnt an die stacheldr\u00e4hte, die elektroz\u00e4une, die gitter, die mauern, die selbstschussanlagen, die minenfelder. Und die wacht\u00fcrme waren unsere eigenen wacht\u00fcrme, die unsere gedanken bewachten. Die grenzen waren unsere eigenen grenzen. Alles war in uns, kam aus uns heraus, um wieder in uns zu verschwinden. Manche hatten ursache und wirkung verwechselt, und so hatten wir, was wir verdient hatten. Aber das ist vorbei. Vorbei?<br \/>\nUnd pl\u00f6tzlich, eines tages im november, waren alle steine in der mauer weg. Nicht lange, und die ganze mauer war nicht mehr da. Verschwunden waren die stacheldr\u00e4hte, die elektroz\u00e4une, die gitter, die mauern, die selbstschussanlagen, die minenfelder. Alles war aus uns heraus, um wieder in uns zu verschwinden. Ein paar verwechselten von neuem ursache und wirkung, und nicht lange, und wir hatten wieder, was wir verdient hatten. Aber das ist &#8230; Kein stein blieb auf dem anderen!<\/p>\n<p>Verkehrsprojekt deutsche einheit hatte als \u00fcberschrift auf dem baustellenschild gestanden, das ich ein paar kilometer zuvor passiert hatte, irgendwo in der gegend von Bayreuth. Ich wunderte mich auf einmal dar\u00fcber. Hatte ich doch seit langem aufgeh\u00f6rt, mich zu wundern, aufgeh\u00f6rt, mir fragen zu stellen, die ich mir fr\u00fcher gestellt hatte und die immer die falschen fragen gewesen waren. Ich war nicht der einzige gewesen. Ich hatte im trend gelegen, keine antworten zu suchen, nicht zu fragen, falsche fragen zu fragen und falsche antworten zu erhalten. Ich hatte die situation hin zu nehmen, wie sie war, nicht nach der versprochenen verfassungsreform zu fragen, die l\u00e4ngst \u00fcberf\u00e4llig, hinf\u00e4llig war, von der niemand mehr redete, das land hatte andere sorgen, dreizehn jahre nach dem fall der mauer.<br \/>\nHimmelkron, Marktschorgast, Gefrees, M\u00fcnchberg, Hof: die namen der autobahnausfahrten. Rechts einordnen tempo 100, rechts abbiegen tempo 80, einspuriger baustellenbereich tempo 60 in der \u00fcberleitung. Und dann bergauf, bergab, weit geschwungene kurve rechts, weit geschwungene kurve links, bergauf, bergab, rechts, links.<\/p>\n<p>Seit dem fall der mauer war ich nicht mehr im osten gewesen, das hei\u00dft, so ganz genau stimmte das nicht. Einmal, im mai f\u00fcnfundneunzig, war ich mit dem auto durch die ehemalige DDR gefahren, die neuen bundesl\u00e4nder, von N\u00fcrnberg-Hof kommend \u00fcber Plauen, Chemnitz, Dresden, G\u00f6rlitz weiter nach Kattowitz und Krakau. An einer autobahnrastst\u00e4tte im Vogtland hatte ich getankt und bei dieser gelegenheit gleich mittagspause gemacht. Das mobiliar in dem rasthof, die bedienung, das geschirr und das essen hatten alle noch von vor der wende gestammt, nur der belag auf den stra\u00dfen war neu gewesen: eben, glatt, ohne schlagl\u00f6cher.<br \/>\nFr\u00fcher, vor der wende, war ich \u00f6fters dr\u00fcben gewesen, auf besuch bei verwandten. Heute? Heute fahre ich nicht mehr hin, S\u00fcditalien reizt mich mehr.<\/p>\n<p>Wie ich den fall der mauer erlebt hatte? Rotz und wasser hatte ich geheult!<br \/>\nIch hatte damals im ausland gearbeitet, in der Schweiz. Genau am tag der ersten grenz\u00f6ffnung war ich mit dem auto unterwegs gewesen, in einem vorort von Bern. In der mittagspause war ich nach hause gefahren. Aus den zw\u00f6lf-uhr-nachrichten im autoradio hatte ich von der grenz\u00f6ffnung geh\u00f6rt und sofort am stra\u00dfenrand gehalten. Die gef\u00fchle waren aus mir heraus gebrochen, den ganzen k\u00f6rper hatte es gesch\u00fcttelt.<br \/>\nDaheim hatte ich zu meiner frau gesagt: du, die mauer ist offen! Sie hatte es erst gar nicht geglaubt. Nach dem essen hatten wir die ein-uhr-nachrichten geh\u00f6rt und alles noch einmal, dass die mauer offen w\u00e4re. Abends, in der tagesschau im fernsehen, hatten wir dann die bilder gesehen: wie sie aus dem osten mit ihren Trabbis in den westen gefahren waren und von den menschen im westen gefeiert und beklatscht worden waren. Alle hatten getanzt und gesungen und gelacht und geweint und gerufen: die mauer ist weg!<br \/>\nIch hatte an meine verwandten gedacht, dr\u00fcben, ob sie wohl auch dabei waren? Wie lange hatten wir alle auf diesen augenblick gewartet!<br \/>\nAm n\u00e4chsten tag auf arbeit, im b\u00fcro, hatte ich erst einmal nichts zu meinen schweizer kollegen gesagt. Zwei slowaken aus Bratislava, die kurz nach dem prager fr\u00fchling in die Schweiz geflohen waren, hatten sich mit mir gefreut. Die meisten schweizer hatten auf die ereignisse in Deutschland mit angst reagiert und ge\u00e4u\u00dfert, dass das wiedervereinte Deutschland zu stark und zu einer gefahr f\u00fcr die nachbarl\u00e4nder, besonders zu einer gefahr f\u00fcr die Schweiz werden k\u00f6nnte. Zwei jahre nach dem mauerfall waren meine frau und ich wieder nach deutschland zur\u00fcck gekehrt.<br \/>\nMeine verwandten aus dem osten, die nach der wende dr\u00fcben geblieben waren, hatten mich nie in der Schweiz besucht. Ich hatte sie erst vor vier jahren bei der hochzeit meiner schwester wieder gesehen. Sie hatten mich auch im westen nie besucht, bis heute nicht.<\/p>\n<p>Er stand unauff\u00e4llig, wenige zig meter links neben der fahrbahn, auf einer anh\u00f6he, bei einer gruppe str\u00e4ucher in freiem feld. Fast w\u00e4re er mir nicht aufgefallen: der ziemlich vollst\u00e4ndig erhaltene \u00fcberrest einer vergangenen zeit, ein schmuckloser grauer betonbau mit quadratischem grundriss, ohne fensterrahmen und -scheiben in den aussparungen. Seine fr\u00fchere funktion war mir sofort gegenw\u00e4rtig und warf mich weit zur\u00fcck in eine zeit, die ich schon l\u00e4ngst vergessen geglaubt hatte. Und ich wunderte mich pl\u00f6tzlich, dass ich so ruhig blieb und so selbstverst\u00e4ndlich vorbei fahren konnte an dem ehemaligen wachturm, der unauff\u00e4llig neben der autobahn stand, wenige zig meter links neben der fahrbahn, auf einer anh\u00f6he, bei einer gruppe str\u00e4ucher in freiem feld. Und er sah aus wie noch in betrieb, wie wenn die mannschaft gerade auf abl\u00f6sung fort gegangen w\u00e4re, und die neue mannschaft noch nicht auf posten.<br \/>\nIch fuhr langsamer und wartete, dass die stra\u00dfensperren auftauchten, dass man mir nachsch\u00f6sse, dass die minen hochgingen, \u00fcber die ich fuhr, dass die grenzer mich stoppten im todesstreifen, im niemandsland. Aber nichts von alledem!<\/p>\n<p>Es ist kalt, sehr kalt, ein wintertag in zeiten des kalten krieges. Ein zug, der interzonenzug, f\u00e4hrt in dieser k\u00e4lte von west nach ost, ich erinnere mich noch genau, wie wenn es erst gestern war, und ich noch ein kind. Im zug sitzen meine mutter, meine kleine schwester und ich. Wir fahren auf besuch zu verwandten in die zone, wie meine mutter immer sagte. Das erste mal zur\u00fcck in den osten, seit meine eltern r\u00fcber gemacht hatten. Die mauer steht seit drei jahren, meine schwester wurde im westen geboren, vor der mauer, einen monat vor ihrem bau.<br \/>\nIch sp\u00fcre genau den geruch des zuges, z\u00fcge riechen immer so. Ein bisschen nach kaltem zigarettenrauch, nach kunstlederbez\u00fcgen der sitze, nach toilettenmief, der \u00fcber die plattformen in die g\u00e4nge dringt, in die abteile. Nach fu\u00dfboden, \u00fcber den viele menschen gegangen sind &#8230; Meine erste gro\u00dfe zugfahrt, an die ich mich erinnere.<br \/>\nUnd dann f\u00e4hrt der zug langsam, und noch langsamer, bis er schlie\u00dflich anh\u00e4lt. Und ruckartig wieder anf\u00e4hrt, ein st\u00fcck rollt und wieder stehenbleibt. Und alle m\u00fcssen aus dem zug aussteigen mit ihrem gep\u00e4ck. Die reisenden stehen auf dem bahnsteig, in dieser k\u00e4lte, es d\u00e4mmert bereits. Alle schauen, was los ist, wo sie hin m\u00fcssen, und drum herum stehen m\u00e4nner in uniformen, schmucklosen uniformen. Die m\u00e4nner tragen maschinenpistolen, und da sind sch\u00e4ferhunde, suchhunde, und wacht\u00fcrme, auf denen m\u00e4nner in uniformen stehen. Mit ferngl\u00e4sern suchen sie die gegend ab, auch den bahnsteig. Ich sehe z\u00e4une, hohe z\u00e4une, mit stacheldraht darauf, sehe masten mit scheinwerfern, die die schienen und den bahnsteig anstrahlen, obwohl es noch nicht dunkel ist, nur neblig und grau. Die reisenden m\u00fcssen in die flachen holzbaracken gehen, auch wir, mit dem gep\u00e4ck, der reihe nach, einer nach dem anderen, von den wachm\u00e4nnern begleitet. In den baracken werden die ausweise kontrolliert, ich habe schon einen eigenen, einen kinderausweis, und meine kleine schwester ist nur im pass meiner mutter eingetragen. Das visum wird kontrolliert, und meine mutter befragt. Ich schaue durch das fenster nach drau\u00dfen: der zug auf dem bahnsteig wird von den m\u00e4nnern in uniformen und von den sch\u00e4ferhunden durchsucht. Die koffer werden kontrolliert, auch innen, gerade innen, dort sehr genau. Der grenzposten, der unseren koffer durchsucht, entfernt das zeitungspapier, in das die schuhe eingewickelt sind, und gibt es dem zweiten grenzposten. Meine mutter hat angst, auch die anderen reisenden haben angst, ich beobachte alles mit neugier. Die geschenke, die wir unseren verwandten mitbringen wollen, werden ganz genau kontrolliert. Alles dauert sehr lange. Als die kontrollen vorbei sind, d\u00fcrfen wir wieder hinaus auf den bahnsteig mit unserem gep\u00e4ck, auch die anderen reisenden kehren auf den bahnsteig zur\u00fcck. Wir d\u00fcrfen wieder einsteigen, alle, und man hat die lok gewechselt, eine alte dampflok ist jetzt vor die waggons gespannt, und der zug setzt sich in bewegung und rollt eine weile, bis er richtig fahrt aufnimmt. Ich strecke den kopf aus dem fenster, schaue den zug entlang nach vorne zur lok, die ich in den kurven sehe. Ich schmecke den rauch.<br \/>\nWarum rattern und schlagen die waggons? frage ich mutter, und sie antwortet: weil die schienen alt sind und schlecht aneinander liegen!<\/p>\n<p>Ich schaute in den r\u00fcckspiegel, war schon lange vorbei an dem wachturm, sah nur landschaft, autobahn, keine grenze. Und der wachturm war der wachturm, war nicht der wachturm, der meine gedanken bewacht hatte, der die grenze bewacht hatte und wieder nicht, die meine eigene grenze gewesen war, sie nicht gewesen war. Alles war in mir gewesen, aus mir heraus gekommen und wieder in mir verschwunden. Ein \u00fcbrig gebliebener, schmuckloser grauer betonbau.<br \/>\nWo war die wachmannschaft? Wohin waren die offiziere gegangen, die der mannschaft befohlen hatten? Kein stein war auf dem anderen geblieben. Ich fuhr weiter auf der A 72 in richtung osten.<\/p>\n<p>Es ist kalt, ein kalter wintertag. Eine frau sitzt im zug, der von ost nach west f\u00e4hrt. Bei sich hat sie ihr kleines kind, ein s\u00e4ugling noch. Alles ist vorbereitet und genau durchdacht. Es gibt nichts, das sie im osten h\u00e4lt. Die frau ist im besitz einer erlaubnis zum besuch ihres bruders, sie hat ein visum f\u00fcr sich und ihr baby. Sie wird die r\u00fcckfahrkarte nicht mehr brauchen und erst einmal f\u00fcr eine weile bei ihrem bruder bleiben, bis sie eine arbeit und eine wohnung im westen gefunden hat.<br \/>\nIhr mann wird wenig sp\u00e4ter \u00fcber Berlin nachkommen. Er wird im ostsektor der stadt in die s-bahn steigen und im westsektor aussteigen. Ja, gef\u00e4hrlich ist es schon, es ist nicht erlaubt. Die bahnh\u00f6fe werden kontrolliert. Man muss aufpassen, dass man nicht erwischt wird und ins gef\u00e4ngnis kommt, es ist republikflucht. Aber alles geht gut.<br \/>\nSp\u00e4ter, beim bau der mauer werden sich die frau und der mann an ihre flucht erinnern. Dann werden sie froh sein \u00fcber ihren schritt. Als fl\u00fcchtlinge werden sie nie anerkannt werden, sie waren nicht verfolgt gewesen. Sie h\u00e4tten genauso gut dr\u00fcben bleiben k\u00f6nnen, es gab keinen grund zum weggehen, ihr leben war nicht bedroht, werden sie w\u00e4hrend des antragsverfahrens auf den beh\u00f6rden zu h\u00f6ren bekommen.<\/p>\n<p>Und die autobahn f\u00fchrte mich weiter auf meiner reise, vorbei an Plauen, Zwickau, Chemnitz, Dresden. Wilde Sau, Wilder Mann, Dresden Flughafen, dann nach norden auf der A 13, richtung Berlin, und rechts hinter den kiefern- und birkenw\u00e4ldern tauchte der erste tagebau auf, man sah nur die obere spitze des auslegers, ahnte nur den dazu geh\u00f6rigen, riesigen bagger und das gigantisch gro\u00dfe loch, in dem er stand. Neben der autobahn lagen die stahlrohre f\u00fcr das viele wasser, das weg muss aus dem loch, und am himmel der formationsflug von kranichen, die nach s\u00fcden zogen, in w\u00e4rmere gefilde. Dreieck Spreewald war erreicht, rechts einordnen tempo 100, rechts abbiegen tempo 80 in der \u00fcberleitung. Irgendwo links in der ferne musste der Spreewald liegen.Und nicht lange, da tauchte der n\u00e4chste tagebau auf, diesmal ganz nahe der autobahn. Davor, in freiem feld, der neu errichtete nachbau einer slawenburg, sie war noch nicht er\u00f6ffnet, wie ich sp\u00e4ter erfuhr. Die autobahn in richtung Polen war fast leer, mein ziel Cottbus ganz nah.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar steine fehlten bereits, fehlten schon lange, nur hatte es bis dahin keiner bemerkt. Konnte es nicht bemerkt haben, weil der blick in eine andere richtung gelenkt war, nicht auf die steine in der mauer, die unsichtbaren und die sichtbaren, sondern nach westen, nicht nach osten, wo der feind stand. 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