{"id":11227,"date":"2019-05-24T22:44:05","date_gmt":"2019-05-24T21:44:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=11227"},"modified":"2023-08-06T17:04:41","modified_gmt":"2023-08-06T16:04:41","slug":"hulyet-hulyet-kinderlekh","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=11227","title":{"rendered":"hulyet hulyet, kinderlekh"},"content":{"rendered":"<p>Dieses Buch ist ein Lebenswerk \u00fcber ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen f\u00fcllen zwei Seiten, wie der Abspann eines gro\u00dfen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, \u00dcberlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdh\u00f6rnchen, auch Dichterinnen wie <a href=\"https:\/\/l-lv.de\/autoren\/keff.htm\" title=\"Keff\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bozena Keff<\/a>, die den Antisemitismus in Polen auf die B\u00fchne gebracht hat (&#8222;St\u00fcck \u00fcber Mutter und Vaterland&#8220;). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.<\/p>\n<p>Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in Rum\u00e4nien, Litauen, Wei\u00dfru\u00dfland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Stra\u00dfe, beim Fris\u00f6r und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wu\u00dfte, wer ihr Sch\u00f6pfer war.<\/p>\n<p>Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig &#8211; bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgef\u00fchrt wird: er enth\u00e4lt auch die postumen Ver\u00f6ffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverst\u00e4ndlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig &#8211; eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die B\u00fccher, die sich nicht etwa verselbst\u00e4ndigen, sondern das Leben ihres Sch\u00f6pfers weiterleben und verl\u00e4ngern, \u00fcber den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und M\u00f6rdern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es \u00fcberwindet das Martyrium und \u00fcberlistet die Zeit.<\/p>\n<p>Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von f\u00fcnf T\u00f6chtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der \u00d6ffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu ver\u00f6ffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine M\u00f6belwerkstatt aufzugeben, zum Gl\u00fcck nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein Gesch\u00e4ft auf. Es folgte der Gro\u00dfe Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger &#8211; der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: <em>kinder-yorn<\/em> und <em>hulyet hulyet, kinderlekh<\/em>, die auf Liederabenden und in Operetten aufgef\u00fchrt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.<\/p>\n<p>Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und T\u00f6chtern in ein Dorf vor der Stadt zur\u00fcck, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im M\u00e4rz ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate sp\u00e4ter auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen T\u00f6chtern gerettet: sie \u00fcbergaben sie Freundinnen, die mit gef\u00e4lschten Papieren au\u00dferhalb des Ghettos \u00fcberlebten.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/homunculus-verlag.de\/produkt\/es-brennt-mordechai-gebirtig\/\" title=\"Gebirtig\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes<br \/>\nhomunculus verlag, Erlangen, 2019<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Buch ist ein Lebenswerk \u00fcber ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). 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