{"id":1089,"date":"2011-10-02T11:40:14","date_gmt":"2011-10-02T10:40:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1089"},"modified":"2011-10-02T11:40:14","modified_gmt":"2011-10-02T10:40:14","slug":"fruhlingserwachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1089","title":{"rendered":"Fr\u00fchlingserwachen"},"content":{"rendered":"<p>Es war kalt.<br \/>\nUnd be\u00e4ngstigend langweilig.<br \/>\nTemotas hatte nicht  erwartet, dass die Ewigkeit derart \u00f6de sei. Wie lange er bereits unter  der Erde lag, wusste er selbst nicht, jetzt nicht mehr. Hunderte,  tausende von Jahren waren vergangen. Vielleicht addierten sich die  Zeitr\u00e4ume zu unendlichen Vielfachen, vielleicht stellte sich jeden  Augenblick heraus, dass es sich lediglich um Bruchteile von Sekunden  handelte. F\u00fcr ihn spielte weder die eine noch die andere Alternative  eine Rolle. Seine Entscheidung war endg\u00fcltig gewesen. Endg\u00fcltig und  unverr\u00fcckbar.<br \/>\nSeine Trauer \u00fcberw\u00e4ltigend genug, seine Flucht eine logische Konsequenz.<br \/>\nNiemals  wieder wollte er zur\u00fcckkehren an die Oberfl\u00e4che, in eine Welt, die ihm  alles versagte. All das, was f\u00fcr ihn Bedeutung hielt.<br \/>\nDass er nicht  immer so empfunden hatte, geh\u00f6rte zu dem, was er als die Trag\u00f6die seines  Lebens bezeichnete, bes\u00e4\u00dfe er noch den Ehrgeiz, der ihn in seinen  jungen Jahren, im Anschluss an seine Erschaffung, angetrieben hatte.  Einen Wahn, so nannte er es sp\u00e4ter. Den Rausch, der ihn dazu trieb,  immer wieder weiter zu gehen, als erlaubt, weiter, als die mit der  Verwandlung zwangsl\u00e4ufig auf kaum erkennbare Spuren ihrer selbst  geschrumpfte Moral, ihm zu seinen Lebzeiten erlaubt hatte.<br \/>\nUnd  sp\u00e4ter, als der Rausch verflogen war, stand er starr und stumm vor den  Tr\u00fcmmern, die er zur\u00fcckgelassen, die er aus heilen Welten erschaffen  hatte.<br \/>\nVergessen war die Poesie, an die er sich in seinem Wahn  geklammert hatte. Ins Nichts sank der Machtrausch, der nicht enden  wollende Ehrgeiz, immer wieder von neuem angestachelt durch die  Erkenntnis seiner eigenen Unbesiegbarkeit. Wie besessen hatte er seine  Jugend verschwendet, im \u00dcberschwang der Kr\u00e4fte, die sich in ihm  entfalteten und die zu beschreiben, ihm auch jetzt noch die Worte  fehlten.<br \/>\nDamals stand er am Anfang, so wie die Menschheit sich an  ihren Anf\u00e4ngen befand. Weder wusste er, was er war, was ihn trieb, noch  war er in der Lage, seine Bed\u00fcrfnisse zu steuern. Er wusste nur, dass  sich keiner der Sonnenwandler mit ihm messen konnte. Durch ihre  sch\u00e4bigen Ansiedlungen fuhr er wie ein Gewitter, nur schneller und  verheerender. Seine eigene St\u00e4rke, die Geschwindigkeit begl\u00fcckten ihn  und die Zeit verflog in einem Strom aus warmem Blut, k\u00f6stlichen D\u00fcften  und schrillen Schreien. Als er zur Ruhe kam, war er sich immer noch  seiner St\u00e4rke und seiner Macht bewusst. Er begann zu beobachten. Die  minderwertigen Lebensformen, die Sonnenwandler, ver\u00e4nderten sich.  W\u00e4hrend er der Gleiche blieb, unver\u00e4ndert jung und hart, entwickelten  sie Form, Gestalt und Manieren. Und als sie nicht mehr dabei verharrten,  \u00e4ngstliche Zeichen in schmutzige H\u00f6hlenw\u00e4nde zu kratzen, als sie  Sch\u00f6nheit entdeckten und ihren Welten Farbe verliehen, da sp\u00fcrte Temotas  seine Macht auf eine g\u00e4nzlich andere Art und Weise. Sein Leben  ver\u00e4nderte sich. Er war gezwungen, Vorsicht walten zu lassen. Worte  wurden zu Nachrichten, verbanden die Menschen miteinander und forderten  ihn heraus. Er genoss das Spiel mehr als je zuvor. Er genoss es, aus dem  Verborgenen heraus zu operieren, genoss es, sie hinters Licht zu f\u00fchren  und zugleich zu beeindrucken. Niemand, dem er je begegnet war, konnte  Temotas f\u00fcr den Rest seines Lebens aus seinem Verstand verbannen.  Niemand zeigte sich gegen\u00fcber seiner Wirkung immun.<br \/>\nDoch er wollte  mehr. Seine Gier kannte kein Ende und so suchte er den Ruhm, obwohl er  wusste, dass seine Suche nur zu st\u00e4rkeren Ausbr\u00fcchen von Wahnsinn,  Ehrgeiz und letztendlich roher Gewalt f\u00fchrte. Vielleicht auch genau aus  diesem Grund.<br \/>\nDie Sch\u00f6nheit, die er im Aneinanderreihen von Worten,  in der Sprache entdeckte, befriedigte ihn auf lange Sicht ebenso wenig  wie die in der Musik enthaltene oder in jeglicher anderen Kunst  erreichbare. Und \u00fcber kurz oder lang fielen den Menschen, die mit den  Jahrhunderten auch an Verstand zu gewinnen schienen, die Kleinigkeiten  auf, die er sowohl zu verbergen, als auch zu verdr\u00e4ngen suchte. Nie  zuvor hatte ihn seine Unf\u00e4higkeit, den Tag zu sehen, gest\u00f6rt. Er hegte  die Erinnerung an die Sonne aus den Tagen, bevor er erwacht war, wie  einen Schatz. Jedoch einen, der unangetastet bleiben sollte.<br \/>\nEr  versuchte zu kompensieren, t\u00f6tete \u00f6fter, w\u00fctete haltloser in den  inzwischen gesichtslosen Mengen seiner Bewunderer. Doch nur, um  aufzuwachen und sich wieder auf der Flucht zu befinden.<br \/>\nDie Welt ver\u00e4nderte sich und sie schrumpfte zusehends.<br \/>\nTemotas  stellte fest, dass seine Worte leere H\u00fclsen blieben, dass er nichts in  sie hineinlegen konnte, bald auch nicht mehr wollte.<br \/>\nEr suchte das,  was die Sonnenwandler Gef\u00fchle nannten und begann zu glauben, dass ihre  F\u00e4higkeiten, die Geheimnisse, die er sich als unf\u00e4hig erwies zu  entschl\u00fcsseln, in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Sonnenlicht  standen.<br \/>\nUnd im Laufe der Jahrzehnte, der Jahrhunderte verfestigte  sich diese \u00dcberzeugung, wuchs sich aus zu einer regelrechten  Besessenheit.<br \/>\nEr beobachtete interessiert Entstehung und Verfall  immer wieder anderer und doch gleich auftretender Religionen,  Philosophien und der vergeblichen Versuche, Sinn und Unsinn der Welt,  des Universums zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nIn keiner von ihnen fand sich ein Platz  f\u00fcr ihn, in keiner entdeckte er einen Grund, der ausreichte, sein Dasein  verl\u00e4ngern zu wollen.<br \/>\nNun wurde ihm seine Unverwundbarkeit zum Fluch.<br \/>\nDer  Vampir suchte nach Seinesgleichen, er jagte nach einem Wesen, das ihn  erg\u00e4nzte, das ihm die Kraft lieferte, gegen die Sinnlosigkeit zu  k\u00e4mpfen, die ihn umgab, die von allen Seiten auf ihn zu kroch, ihn  umfing und in sich einschloss.<br \/>\nAllm\u00e4hlich musste er erkennen, dass  ihm die F\u00e4higkeit zur Liebe fehlte, zu jenem Ma\u00df an gleichzeitiger  Selbstaufgabe und Lust am Miteinander, welches die Menschen zu tr\u00f6sten  schien, wenn die Jahre, die aus seiner Sicht nur so im Flug vergingen,  sich ausdehnten, mit Elend und jenen entsetzlichen Schmerzen f\u00fcllten,  von denen er keine mehr Vorstellung besa\u00df. Und es begann eine Zeit, in  der er die Menschen um den Schmerz beneidete, dessen schwacher Nachklang  aus seiner Erinnerung verschwunden war. Denn er begann zu glauben, dass  Schmerz und Liebe sich erg\u00e4nzten, und dass er, dem beides fehlte, einen  Verlust erlitt, der \u00fcber die Jahrtausende nur schwerer zu ertragen war.<br \/>\nDennoch suchte er weiter nach ihr, nach dem Schl\u00fcssel, der ihm ein  neues Reich er\u00f6ffnen sollte, das Reich, von dem Mythen und Legenden  sprachen, w\u00e4hrend er durch die Dunkelheit schlich, ausgesto\u00dfen und  einsam.<br \/>\nAus seinem Zeitalter gefallen und unf\u00e4hig, in dem neuen zu erkennen, was andere Wesen in ihm sahen.<br \/>\nMag  sein, dass er bereits zu lange existierte, dass jede Verbindung mit dem  Rest der Welt, wenn denn je eine existiert hatte, unterbrochen war.<br \/>\nDie  Besessenheit wurde zu der Suche nach seiner Liebe als letzten Ausweg.  Gepr\u00e4gt von den Geschichten, denen er von Anbeginn der Zeit an, beim  Vor\u00fcbergehen an Lagerfeuern, Festen der M\u00e4chtigen und der Ohnm\u00e4chtigen  gelauscht hatte, glaubte er sich verloren ohne einen Konterpart zu  seiner eigenen Person. Eine fixe Idee, die der immer wiederkehrenden  Romantik, marterte ihn und dennoch erlaubte er sich nicht, die Flamme  erl\u00f6schen zu lassen, als handele es sich bei ihr um die letzte Faser,  die ihn an sein Universum band.<br \/>\nManches Mal stand er kurz davor zu  erkennen, dass die Poesie, der er sich einst verschrieben hatte, dass  jegliche Kunst die Wurzel des \u00dcbels bedeutete. Dass er seiner Obsession  nur nicht entfliehen konnte, weil er an sie glauben wollte.<br \/>\nDaran  glauben, dass es mehr gab, als den Durst und diesen zu l\u00f6schen. Mehr als  die Selbsterhaltung, als das instinktive Bed\u00fcrfnis, die eigene Existenz  soweit auszudehnen, wie es nur m\u00f6glich sein sollte.<br \/>\nEr  durchstreifte die Kontinente, vergeblich. Selbst wenn einst Kreaturen  existiert hatten, die ihm glichen, so war es keiner von ihnen gelungen,  den Wandel der Zeiten zu \u00fcberstehen.<br \/>\nDie Erkenntnis traf ihn nicht  pl\u00f6tzlich. Sie wuchs langsam in ihm, verfestigte sich, je \u00f6fter er einer  Gestalt hinterher jagte, die mit ihrer Bl\u00e4sse, der hochgewachsenen  Figur und der Angewohnheit unauff\u00e4llig wie ein Schatten durch ihr Leben  zu gehen, Hoffnungen in ihm entfachte, die zwangsl\u00e4ufig wieder  entt\u00e4uscht werden mussten.<br \/>\nEs waren traurige, einsame Seelen, denen  er folgte, denen er auflauerte, und von denen er sich ern\u00e4hrte, als sie  seine Erwartungen nicht erf\u00fcllen konnten. Schwache Sonnenwandler, die  sich ihrer eigenen Bestimmung widersetzten und die Nacht suchten, obwohl  ihnen so viel mehr offenstand.<br \/>\nErkannte er ihr Innerstes, so brandete \u00c4rger in ihm auf, erhitzte f\u00fcr einen kurzen Augenblick die K\u00e4lte, die ihn umschloss.<br \/>\nEr  fl\u00fcchtete sich in Raubz\u00fcge, in Bluttaten und Massenmorde, die Wellen  schlugen, vor deren Auswirkungen er sich noch lange in Acht nehmen  musste.<br \/>\nDoch nichts mehr konnte ihm die Begeisterung seiner Jugend  zur\u00fcckgeben, die Hoffnung entfachen, die er vergeblich gehegt hatte. Und  als ihm klar war, wie verloren, wie allein und wie erb\u00e4rmlich seine  Existenz in den Augen der Welt, aller Welten erscheinen musste, da  begann er zu bereuen.<br \/>\nDie Reue \u00fcberfiel ihn grausam und er floh vor ihr, indem er weiter mordete.<br \/>\nDoch  als das T\u00f6ten seinen Reiz verlor, als er seine eigene H\u00fclle kaum noch  ertragen konnte, wie sie vor Blut triefend und mit Schuld beladen durch  eine Nacht schlich, die mit ihren neuartigen Lichtern und Ger\u00e4uschen  keinen Platz mehr f\u00fcr ihn hatte, da erkannte er die letzte Wahrheit.<br \/>\nSeinen Ausweg, den einzigen Weg, der sich ihm bot.<br \/>\nKonnte  er nicht vernichtet werden, so war er gezwungen, sich selbst zu  vernichten. So weit zu vernichten, wie es ihm m\u00f6glich war. Seinem Gram  zu gehorchen und die Strafe anzunehmen, von der er immer gewusst hatte,  dass sie auf ihn lauerte.<br \/>\nEr wanderte lange, bis er den richtigen  Ort fand, bis er durch die H\u00f6hlen schritt, die einsam und leer auf ihn  gewartet hatten. Und bis er damit begann, sich sein eigenes Grab zu  schaufeln, sich in die Tiefe zu w\u00fchlen. Und immer trug er das Gef\u00fchl in  sich, als beobachte ihn jemand. Eine Macht, gr\u00f6\u00dfer als er. Doch er  konnte nicht herausfinden, ob sie ihm wohlwollend oder ver\u00e4rgert zusah.  Und so schloss er sie aus, konzentrierte sich auf die Erde, den  Widerstand, der sich nur allzu leicht f\u00fcr ihn durchbrechen lie\u00df. Wie  durch Butter glitt er durch die Masse, rutschte tiefer, bis er nicht  mehr wusste, wo und wann er begonnen hatte.<br \/>\nErst in diesem Augenblick schloss er seine Augen und wurde still, still f\u00fcr eine Ewigkeit.<br \/>\nSein  K\u00f6rper f\u00fchlte sich starr und klamm an, tot und erloschen. Im  Widerspruch zu der K\u00e4lte, die ihn beherrschte, stand nur noch Geist,  seine Gedanken, die nicht aufh\u00f6ren konnten zu wandern.<br \/>\nWas h\u00e4tte er  darum gegeben, auch seinen Geist sterben zu sehen, die endlose Folge  sich aneinanderreihender Worte, die durch seine Nervenbahnen taumelten  zu unterbrechen, ein f\u00fcr allemal zum Schweigen zu bringen?<br \/>\nDoch es  sollte nicht sein. Der einzige Weg, der ihm blieb, lag in einem R\u00fcckzug,  dem ultimativen R\u00fcckzug, dem Selbstbegr\u00e4bnis. Es sollte den Hunger  stillen. Den Hunger nach dem, was er einst Leben genannt hatte. Nach der  Sonne, dem Licht, der Leidenschaft. Einen Hunger, den er nur noch  stillen konnte, indem er die Letzte aller unverzeihlichen S\u00fcnden beging.<br \/>\nUnd so lag er nun begraben, klaftertief unter schwerer, dunkler Erde. Stumm und reglos, der lebende Tote, der er war.<br \/>\nDer Albtraum sollte niemals enden. So sah sein Plan aus.<br \/>\nTemotas  ahnte nicht, zu keiner Zeit, dass sein so sorgf\u00e4ltig und entschlossen  gefasstes Vorhaben auf Widerst\u00e4nde traf, die er nicht voraussehen  konnte. So tief er sich auch in den Erdboden gew\u00fchlt hatte, tief genug,  um von der W\u00e4rme des Erdinneren verbrannt zu werden, es reichte nicht  aus. So unertr\u00e4glich auch das Gewicht der zahllosen Gesteins- und  Bodenschichten auf seinem K\u00f6rper lastete, ihn zusammenpresste und  verformte, es war nie genug.<br \/>\nEr dachte, er h\u00e4tte sich an die Last  gew\u00f6hnt, an die Hitze, an den Druck. Doch er wusste nichts von den  Ver\u00e4nderungen, die sich um ihn herum, mit ihm in ihrer Mitte,  abspielten. Die Erde bewegte sich, sie wanderte. Die Elemente drifteten  auseinander und wieder zusammen. Sie zogen ihn mit sich, schoben und  zerrten. Doch im endlosen Fluss der Zeit und gefangen in seiner Schuld,  sp\u00fcrte er davon nichts. Er vegetierte dahin, besessen nur von dem einen,  dem unerf\u00fcllbaren Wunsch nach dem Ende.<br \/>\nSo f\u00fchlte er nicht, dass  sein K\u00f6rper \u00fcber die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte in die H\u00f6he trieb.  Er sp\u00fcrte nicht, dass er der Oberfl\u00e4che n\u00e4her kam. Die neue K\u00e4lte, die  in seine Glieder kroch, akzeptierte Temotas als willkommene Qual, als  weitere Strafe f\u00fcr seine S\u00fcnden.<br \/>\nDoch die Langeweile wuchs sich zu  einem anderen, einem weitaus gr\u00f6\u00dferen Problem aus. Die Langeweile und  die Ger\u00e4usche, die von Zeit zu Zeit an seine Ohren drangen. An jene  Ohren, die verstopft von Erde und Sand, doch in ihrer \u00fcbermenschlichen  F\u00e4higkeit begannen, Laute wahrzunehmen, auf die er sich, obwohl  eingeh\u00fcllt in den Nebel seines eigenen Leids, keinen Reim machen konnte.<br \/>\nDie Jahre vergingen, und sie wurden schwieriger zu ertragen mit  jeder Minute, mit jeder Sekunde. Doch Temotas erkannte die Versuchung,  und er widerstand ihr. Wie er es dereinst geschworen hatte.<br \/>\nEr  existierte nicht, durfte nicht existieren. Sein Wesen war verloschen und  das, was davon \u00fcbrig war, sollte von niemandes Auge je wieder erblickt  werden.<br \/>\nAugen waren es auch nicht, die ihn erblickten. Anderes,  seltsames Leben bemerkte ihn dennoch. Sich tief im Inneren der Erde  windende Kreaturen von geringem Verstand. Das Hindernis, auf das sie in  ihrem \u00dcberlebenskampf stie\u00dfen, hielt sie nicht davon ab, aus ihrer Welt  das herauszuholen, was in ihrer Macht stand. Sie gaben nicht auf,  ergaben sich nicht, bis sie verendeten und wieder zu dem wurden, woraus  sie entstanden waren.<br \/>\nNur Temotas nahm nicht Teil an diesem  Kreislauf. Er \u00fcberdauerte, lag reglos in seinem Gef\u00e4ngnis, wartete, ohne  zu wissen, worauf er wartete.<br \/>\n\u201eWas bist du\u201c, fragte die Stimme.  \u201eRau und heiser erklang sie tief in Temotas Geist. \u201eWas willst du, das  ich sei?\u201c, antwortete Temotas stumm und erschrak zugleich. Viel zu lange  hatte er auf kein Zeichen mehr reagiert; was war es, das ihn nun bewog,  sich zu erkennen zu geben?<br \/>\nEr \u00f6ffnete seine gelben Augen nur einen  Spalt, genug, um sich zu vergewissern, dass er immer noch inmitten der  Erde, von Erde umgeben war.<br \/>\nEin seltsames Tier befand sich vor  seinem Gesicht. Weder wei\u00df, noch durchsichtig, in Gestalt und Farbe  dazwischen liegend, bewies es doch eine ausgekl\u00fcgelte Angepasstheit an  seinen Lebensraum. Weder Wurm, noch Made und doch die Vorz\u00fcge jedes  dieser Wesen in sich vereinend, wand es sich um Brocken versch\u00fctteten  Gesteins.<br \/>\n\u201eWas bist du?\u201c, fragte es erneut.<br \/>\n\u201eIch bin nicht\u201c, antwortete Temotas.<br \/>\n\u201eAber ich sp\u00fcre dich\u201c, sagte das Wesen. \u201eIch sp\u00fcre deine Angst.\u201c<br \/>\n\u201eIch kenne keine Angst\u201c, sagte Temotas.<br \/>\n\u201eUnd  doch versteckst du dich hier\u201c, erw\u00e4hnte die Stimme. Temotas schloss  seine Augen und verwandelte die Laute in k\u00f6rperloses Rauschen.<br \/>\nDoch  so leicht lie\u00df das Wesen sich nicht abweisen. \u201eUnd doch versteckst du  dich hier\u201c, wiederholte es und Temotas \u00f6ffnete seinen Augen wieder. Zum  ersten Mal seit unendlich langer Zeit sp\u00fcrte er ein Gef\u00fchl in sich  aufwallen. Funkelnder \u00c4rger kroch an die Oberfl\u00e4che seines K\u00f6rpers,  setzte sich auf die kalte Haut, sandte elektrische Impulse durch seine  Glieder.<br \/>\n\u201eIch verstecke mich nicht\u201c, brachte er mit zusammengebissenen Z\u00e4hnen hervor. \u201eIch bin kein Feigling.\u201c<br \/>\nDas  Wesen n\u00e4herte sich. Es glitt an ihn heran, um ihn herum, befeuchtete  seine Ohrmuschel, wisperte in seinen Nacken, bis Temotas erschauerte.<br \/>\n\u201eWarum siehst du dir dann nicht an, was um dich herum vorgeht?\u201c, fl\u00fcsterte es verlockend.<br \/>\nTemotas  versteifte sich. \u201eWeiche von mir.\u201c Der ausgesandte Strahl seiner  Gedanken glich einem Schwert, bereit das Wesen zu zerteilen. Sein Herz,  das so lange gefroren in seiner Brust geruht hatte, zitterte vor  unterdr\u00fcckter Wut. \u201eDu hast kein Recht, mich in meiner Ruhe zu st\u00f6ren.\u201c<br \/>\n\u201eAber du ruhst nicht\u201c, fl\u00fcsterte das Wesen wieder. \u201eDu bist nicht tot, nicht einmal ann\u00e4hernd.\u201c<br \/>\n\u201eIch bin nicht tot\u201c, wiederholte Temotas. \u201eWoher willst du das wissen?\u201c<br \/>\nDie  Kreatur stie\u00df einen Laut aus, der beinahe einem Lachen \u00e4hnelte. \u201eWeil  ich den Tod erkenne. Ich wei\u00df, was mit dem geschieht, was verscheidet.  Ich sehe, wie es stirbt, verrottet, zerf\u00e4llt, sich verwandelt. Du  unterliegst keinem Wandel.\u201c<br \/>\nNun sp\u00fcrte Temotas, wie das Wesen \u00fcber  seine knochige Brust kroch. Er f\u00fchlte jede Rippe, die unter ihm nachgab,  jeden Muskel, jede Sehne, die durch seine Ber\u00fchrung erwachte.<br \/>\nTemotas  h\u00f6rte die Stimme wie ein Kr\u00e4chzen in seinem Kopf. \u201eSeit Jahrhunderten  bleibst du unver\u00e4ndert, l\u00e4sst dich treiben, ignorierst das Werden und  Vergehen um dich herum.\u201c<br \/>\n\u201eAlles vergeht, sobald ich es ber\u00fchre\u201c,  entgegnete Temotas. \u201eEs gibt keine Rettung, keinen Ausweg. Das Sterben  umgibt mich wie ein Mantel, es strahlt aus, vernichtet jeden Keim, der  es wagt, mir unter die Augen zu treten.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist nicht wahr\u201c,  wisperte die Kreatur. Sie glitt wieder an ihm hoch, benetzte sein  Gesicht mit schleimiger Substanz. Angeekelt wich Temotas zur\u00fcck, wand  seinen Kopf. Hei\u00dfer Schmerz schoss in ihm hoch, brachte ihm jede Faser  seines K\u00f6rpers ins Bewusstsein. Seine Wirbels\u00e4ule \u00e4chzte und sein Hals  f\u00fchlte sich an, als w\u00e4re er durch die ungewohnte Bewegung gerissen. Und  doch fiel ihm jetzt, und erst jetzt auf, dass die Erde, in der er lag,  eine andere war.<br \/>\nZu tief, zu lang hatte er in ihr geruht. Nichts war  ihm zu seiner Unterhaltung geblieben, au\u00dfer die Muster der namenlosen  Schichten, die von einer Vergangenheit sprachen, die bereits in die  Ewigkeit eingegangen war, noch bevor er geboren wurde. Nichts anderes  hatte er gewollt, au\u00dfer der toten, leeren Erde.<br \/>\nNur, dass diese  nicht mehr tot war. Etwas entstand in ihrer weichen, saftigen Masse.  Feine Wurzeln kletterten einer Zukunft entgegen, die Temotas nicht  sehen, von der er nichts wissen wollte.<br \/>\nSeine Organe, obgleich  ausgedorrt und vertrocknet, revoltierten. Sein Inneres geriet in  Bewegung. Ihm wurde schlecht von dem, was er zu sehen glaubte.<br \/>\n\u201eDas kann nicht sein\u201c, keuchte er. \u201eIch bin zu tief. Ich habe zu weit gegraben. Kein Leben darf mich st\u00f6ren.\u201c<br \/>\n\u201eDenkst du, ich sei kein Leben?\u201c Schmeichelnd klang die Stimme diesmal, erf\u00fcllt von unausgesprochenen Versprechungen.<br \/>\n\u201eDu bist\u2026\u201c Temotas schwieg. Er wusste nicht, welch eine Kreatur es war, die ihn aus seinem starren Schlaf zu erwecken suchte.<br \/>\n\u201eKein Leben\u201c, vervollst\u00e4ndigte er den Satz. \u201eDu bist etwas anderes.\u201c<br \/>\n\u201eWie  Recht du doch hast\u201c, zischte die Stimme in sein Ohr. \u201eIch bin etwas  anderes, ebenso wie du. Und f\u00fcr uns beide gilt die gleiche Regel, das  gleiche Schicksal.\u201c<br \/>\n\u201eDas denke ich nicht.\u201c Temotas knirschte mit  seinen Z\u00e4hnen, f\u00fchlte wie sie sein schmerzendes Zahnfleisch versuchten,  zum Bluten zu bringen. Vergeblich, da jeder Tropfen bereits in die  dunkle Erde gesackt war, jede Kraft aus ihm gestorben.<br \/>\n\u201eSieh doch!\u201c, lockte die Kreatur. \u201eEs ist nicht mehr weit. Dein Schlaf ist beendet, dein Traum ausgetr\u00e4umt.\u201c<br \/>\n\u201eIch  wei\u00df nicht, wovon du sprichst\u201c, wehrte sich Temotas und schloss wieder  die Augen. Doch er konnte nicht verhindern, dass seine Sinne erwachten,  dass er sp\u00fcrte, wie sich um ihn herum, jede Zelle teilte. Wie sich das  mikroskopisch kleinste aller Wesen an ihn schmiegte, wie Samen  aufsprangen, Keime sich in die H\u00f6he reckten, einem Ziel entgegen, das er  nicht sehen konnte.<br \/>\n\u201eWie kann das sein?\u201c, fl\u00fcsterte er. \u201eDu wei\u00dft nicht, was du tust?\u201c<br \/>\n\u201eIch  wei\u00df, was ich tun muss.\u201c Die Kreatur kroch an ihm herab, hinterlie\u00df  schmerzende Spuren auf seinem K\u00f6rper. \u201eDu bist weit genug gekommen. Nun  gibt es kein Zur\u00fcck.\u201c<br \/>\n\u201eIch habe mich nicht bewegt\u201c, sagte Temotas. \u201eSeit Jahrhunderten nicht mehr.\u201c<br \/>\n\u201eDu  nicht\u201c, wisperte das Wesen. \u201eDoch alles um dich herum befindet sich in  st\u00e4ndigem Fluss. Und nun bist du in meiner Welt. Hier musst du mir  gehorchen.\u201c<br \/>\n\u201eWer bist du?\u201c, fragte Temotas.<br \/>\nDas Wesen kicherte,  diesmal hell und schaurig. \u201eManche nennen mich Persephone\u201c, hauchte es,  bis er jede Silbe in seinen Eingeweiden sp\u00fcrte. \u201eIch bringe das, was tot  erscheint, zur\u00fcck ins Leben.\u201c<br \/>\n\u201eIch kann nicht zur\u00fcck\u201c, kr\u00e4chzte Temotas. \u201eIch darf nicht.\u201c<br \/>\n\u201eDas  ist nicht mehr unsere Entscheidung\u201c, erwiderte Persephone.  \u201eVerstorbenes verwandelt sich. Noch bevor die K\u00e4lte der W\u00e4rme weicht,  wissen die Kr\u00e4fte, die uns bestimmen, von der Aufgabe, die vor ihnen  liegt. Und aus dem Starren, Schlafenden wird Bewegung, entwickelt sich  ein neues Sein. Jedes Mal anders, jedes Mal neu und doch jedes Mal wild  und sch\u00f6n.\u201c<br \/>\n\u201eDoch bin ich kein Teil davon\u201c, sagte Temotas. \u201eWas du erschaffst, t\u00f6te ich von neuem.\u201c<br \/>\n\u201eAlles stirbt\u201c, sagte Persephone. \u201eAlles muss sterben.\u201c<br \/>\n\u201eWir nicht\u201c, antwortete Temotas. \u201eWir geh\u00f6ren nicht dazu.\u201c<br \/>\n\u201eWoher willst du das wissen?\u201c Persephone schl\u00e4ngelte sich an seinem K\u00f6rper hoch, presste ihre Weichheit gegen seine H\u00e4rte.<br \/>\n\u201eAuch wir haben unseren Teil auszuf\u00fchren. Eine Aufgabe, eine Bestimmung.\u201c<br \/>\n\u201eDu vielleicht\u201c, wisperte Temotas und umschlang sie mit seinen tauben Armen. \u201eMeine Bestimmung ist dieses ewige Grab.\u201c<br \/>\n\u201eDann hat deine Bestimmung sich ver\u00e4ndert\u201c, murmelte Persephone und ihr mundloser K\u00f6rper k\u00fcsste seinen Hals.<br \/>\n\u201eDas ist nicht m\u00f6glich\u201c, dachte Temotas. \u201eDas will ich nicht, ich kann nicht.\u201c<br \/>\n\u201eDoch, du kannst\u201c, antwortete Persephone. \u201eDu bist stark. Du bist wieder jung, du wirst die Welt mit neuen Augen sehen.\u201c<br \/>\n\u201eMeine  Augen sind der Welt m\u00fcde\u201c, erwiderte Temotas. \u201eEs existiert nichts auf  Erden, das sie nicht schon zu oft gesehen, zu oft vernichtet haben.\u201c<br \/>\n\u201eDu  erinnerst dich nicht an den Zauber der Nacht\u201c, schmeichelte Persephone.  \u201eDu erinnerst dich nicht an die bet\u00e4ubenden D\u00fcfte der ersten Bl\u00fcten des  Jahres. Wei\u00dft du nicht mehr, wie das junge Gr\u00fcn deine Sinne erf\u00fcllt,  wie der Regen zarter Apfelbl\u00fcten dein Herz zum Schlagen brachte? Kurz  nur, so kurz. Ein widernat\u00fcrliches Ergebnis \u00fcbersch\u00e4umender Emotion.  Wei\u00dft du nicht mehr, wie das milchige Mondlicht die zarten Opfer erster  Fr\u00fchlingsn\u00e4chte umflie\u00dft? Wie ein funkelnder Stern, wie die Hoffnung,  der Trieb die Menschen aus ihrem Schutz lockt? Wei\u00dft du nicht mehr, wie  herrlich es ist, zur Jagd zu erwachen?\u201c<br \/>\nTemotas Brust hob sich.  Seine Lungen rasselten. Beinahe schmeckte er die S\u00fc\u00dfe dieser ersten  Tage, in denen die K\u00e4lte vergeblich um ihre Vorherrschaft k\u00e4mpfte, doch  dann weichen musste, der Kraft einer lebenerschaffenden Sonne. Einer  Sonne, die er nie sehen w\u00fcrde.\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, sagte er. \u201eIch wei\u00df noch, wie es war. Wird es wieder so sein?\u201c<br \/>\n\u201eBesser\u201c, versprach ihm Persephone. \u201eViel besser.\u201c<br \/>\nUnd  mit ihr in seinen Armen grub er sich der Nacht entgegen. In seinen  Ohren rauschten der Hunger, die Sehnsucht, das Wissen um den Tod, den  seine R\u00fcckkehr brachte.<br \/>\nUnd als der Vampir unter der Kuppel des  dunklen Himmels verharrte und seine gelben Augen zu den Gestirnen  wandern lie\u00df, da roch er st\u00e4rker noch, als jede Ahnung fr\u00fchlingshaften  Erwachens, das pulsierende Blut der Menschen, die ihm zur willigen  Nahrung werden sollten. Er lie\u00df Persephone los, die mit einem heiseren  St\u00f6hnen an ihm herabglitt.<br \/>\n\u201eDu hattest Recht\u201c, sagte der Vampir zu  ihr. \u201eWir alle m\u00fcssen sterben.\u201c Und seine Z\u00e4hne blitzten auf, bevor er  sie in ihr versenkte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war kalt. Und be\u00e4ngstigend langweilig. Temotas hatte nicht erwartet, dass die Ewigkeit derart \u00f6de sei. Wie lange er bereits unter der Erde lag, wusste er selbst nicht, jetzt nicht mehr. Hunderte, tausende von Jahren waren vergangen. Vielleicht addierten sich die Zeitr\u00e4ume zu unendlichen Vielfachen, vielleicht stellte sich jeden Augenblick heraus, dass es sich lediglich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":108,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1089","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-5"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":9153,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=9153","url_meta":{"origin":1089,"position":0},"title":"Sand aus der Wand","author":"Eleadora Stein","date":"8. 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