{"id":10693,"date":"2018-10-27T17:18:55","date_gmt":"2018-10-27T16:18:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=10693"},"modified":"2018-10-29T09:21:14","modified_gmt":"2018-10-29T08:21:14","slug":"youth-of-today-flucht-und-wiederkehr-xxvii","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=10693","title":{"rendered":"Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)"},"content":{"rendered":"<p>Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und bei\u00dfen, werden mit Abf\u00e4llen gem\u00e4stet und schlie\u00dflich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Br\u00f6tchen schmeckt heute ungew\u00f6hlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der Qualit\u00e4t des Fleisches zuzuschreiben ist.<\/p>\n<p>In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn f\u00e4hrt, sitzen zwei Jungen, denen dieser Genu\u00df bisher wohl verwehrt blieb. Ihr aufgeregtes Gespr\u00e4ch thematisiert, dass sie 12 und 13 Jahre alt sind. Einer von ihnen hei\u00dft Mo und der andere Mu. Sie tauschen sich in einer alters\u00fcblichen, ungef\u00e4hr f\u00fcnf Satzbauteile umfassenden Sprache mit einem sch-lastigen, Zweit- oder Drittgenerationsakzent aus. Jenseits von ununterbrochenen, gegenseitigen Drohscherzgeb\u00e4rden sind ihre Themen der Deutschlehrer, der den Eltern von ihrem Rumh\u00e4ngen berichtet hat, Boxtraining (&#8222;Diesmal aba auf Kopf, isch schw\u00f6r!&#8220;) und Musik. Hier z\u00e4hlt f\u00fcr sie insbesonders, welches Lied schon 35 Millionen Aufrufe erreicht hat, um dessen Signifikanz nachzuweisen und am Abglanz ein klein wenig teilzuhaben. Sie reden laut, sehr laut, da ihre Kopfh\u00f6hrer, die die Umgebung\u00a0 mit der disputierten Retortendancemusik unangenehm passivbeschallen, die Kommunikation untereinander ziemlich erschweren.<\/p>\n<p>Die deutliche, allzudeutliche mundwinkelverzogene Ignoranz im Sinne eines unendlich lauten Schweigens der sie Umgebenden ihnen gegen\u00fcber l\u00f6st keine sichtbare Reaktion aus &#8211; sp\u00fcren sie wirklich nicht, wie die Mitmenschen im gef\u00fcllten Waggon sie wahrnehmen und, wie sie zurecht vermuten d\u00fcrften, angewidert gew\u00e4hren lassen?<\/p>\n<p>Wenn doch, dann lassen sie es sich in keiner Weise anmerken, sie m\u00fcssen verdammt gute Schauspieler sein und latent nur darauf warten, dass jemand die Geduld verliert und sie anspricht, um sie so noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. So oder so, ihr den Ertr\u00e4glichkeitskodex \u00f6ffentlicher Verkersmittel brechendes Verhalten verleiht ihren nach Zuspruch lechzenden Egos in Kombination mit Undercutfrisuren und Trainingsanz\u00fcgen eine teerige Ersatzsubstanz zu psychosozialem Anpassungsdruck.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meine Gedanken die Mos und Mus dieser Erde reflektieren und den ihnen gemeinen, die soziale Entkoppelung kaschierenden Kit &#8211; mit nationalistischen und religi\u00f6sen Zus\u00e4tzen versehener, kapitalistischer Kulturfastfood &#8211; kommt mir in den Sinn, wie sehr sie sich gleichen, von Hamburg bis Wien, Marseille bis Manchester und Atlanta bis Guadalajara. So indokritniert wie sie sind, brauchen sie, bereit sich die K\u00f6pfe einzuschlagen, kein Sparring mehr, um nach althergebrachtem, spartanischen Ritus ihren Platz in der Gesellschaft zu erk\u00e4mpfen. Nichts, verinnerlichten sie, wird geschenkt, alles muss verdient werden; Rechte, welche Rechte? Dog-matismus, Hunde wir, alles Hunde.<\/p>\n<p>Und Hypokriten. Als ich jung war, habe ich manchmal die Beine auf Sitze gelegt und auf meinem Diskman laute Rockmusik geh\u00f6rt. Ende der Neunziger rauchte meine Clique sp\u00e4tnachts in einem fast leeren Waggon weit hinten einen Joint und (unsere nach Zuspruch lechzenden Egos) hofften, die Mittvierziger am anderen Ende w\u00fcrden zu uns r\u00fcberkommen und um einen Zug bitten, so viel zum &#8222;Ertr\u00e4glichkeitskodex \u00f6ffentlicher Verkehrsmittel&#8220;, naja, in einem gef\u00fcllten Abteil h\u00e4tten wir das wohl nicht durchgezogen. Damals wollte ich ein Hippie sein, da ich daf\u00fcr aber \u00fcber dreizig Jahre zu sp\u00e4t geboren war und da kognitive Dissonanz keines meiner Talente darstellt, konnte ich die Erkenntnisse der Folgezeit nicht aus meinem Denken ausblenden &#8211; was mich dieser Tage zu einem relativ schlechten Alternativen (in Deutschland) macht &#8211; und eine gleichgeschal&#8230;gepolte Interaktion mit der heutigen, urbanen Szene erschwert.<\/p>\n<p>Da ich zudem des traditionellen Lamentierens der Alten \u00fcber die Jungen gewahr bin &#8211; der Titel dieses Textes ist im \u00dcbrigen ein wunderbares <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TbCYCqeZA2o\">Musikst\u00fcck<\/a> (allerdings ohne 35 Millionen Aufrufe &#8211; ebenso wie dieses <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9nnG4mww1p4\">andere St\u00fcck<\/a> der selben Band, dessen Schlussminuten genau das erkennen lassen, was m.E. fehlt)-, versuche ich jenseits eines kaum vermeidbaren, zynischen Subtextes die Frage zu stellen, ob Verrohung und die mehr oder weniger unbewu\u00dfte Reaktion darauf nicht vielleicht nur subjektiv zunimmt.<\/p>\n<p>Der Vergleich meiner Jugend mit der von Mo und Mu ist nat\u00fcrlich nicht mehr als intuitiv, Geschichte mag sich reimen, aber sie wiederholt sich nicht. Was mich wirklich st\u00f6rt, ist einerseits das von Mo und Mu unartikulierbare Gef\u00fchl von Ohnmacht der Gesellschaft und der eigenen, fragilen Substanz gegen\u00fcber und anderseits das Unverm\u00f6gen von mir, in der Lebenswelt von Mo und Mu etwas zu entdecken, woraus ich die Hoffnung auf eine gl\u00fccklichere Zukunft ableiten kann.<\/p>\n<p>Mir scheint, es ist keine Br\u00fccke m\u00f6glich. Meine Rebellion bediente sich der Symbole der idolisierten Vorg\u00e4nger, es bestand eine gewisse Kontinuit\u00e4t des Aufbegehrens &#8211; Jazz, Rock der 50er, die psychedelischen 60er, der progressive Sound der 70er, Funk, Reggae, sogar Hardrock der 80er und Grunge der fr\u00fchen 90er hatten alle eine gemeinsame, mit den Vorg\u00e4ngern kompatible Hintergrundschwingung.<\/p>\n<p>Dann, als w\u00e4re sie ein Echo des zusehends neoliberaleren Zeitgeistes, setzte mit der Technobewegung und Statussymbolhiphop der Bruch ein und wurde durch die austauschbare Dancemusik der Millenials verst\u00e4rkt, Mo und Mu sind die Kinder dieser Epoche, die mich krank machte. Ich schreibe bewu\u00dft &#8218;machte&#8216;, nicht &#8218;macht&#8216;, denn das ist seit zehn Jahren vorbei.<\/p>\n<p>Als sie jedoch Mitte der Nullerjahre geboren wurden, f\u00fchlte ich mich mehr und mehr entfremdet, sp\u00fcrte, dass die Zeit, nach der ich mich immer gesehnt hatte nicht wiederkommen w\u00fcrde, dass ich schrecklich einsam am Rand der Geschichte strandete. Ich versank f\u00fcr zwei, drei Jahre in Depressionen, bevor es einer ebenfalls aus der Zeit gefallenen Frau gelang mein Herz aus dem Sumpf zu ziehen. Interessanterweise setzte um diese Zeit die Neo-Psychedelic-Welle ein und verband, scheint es, Teile der Generationen musikalisch wieder etwas.<\/p>\n<p>Nur Mo und Mu erreichte deren Gischt nie, und nun ist es heutzutage so, dass ich Mo und Mu wie durch leichtes Milchglas wahrnehme, sie sitzen mir gegen\u00fcber und ich bin durchaus f\u00e4hig Empathie zu empfinden, doch steht etwas zwischen ihnen und mir, das un\u00fcberwindbar ist &#8211; eine aufgrund der fehlenden, gemeinsamen, kulturellen Erz\u00e4hlung unvernarbte Kluft. Sie k\u00f6nnen mich sehen, aber erkennen mich nicht, sie k\u00f6nnen mich h\u00f6ren, doch verstehen nicht, woraus ich sch\u00f6pfe, worauf ich mich beziehe.<\/p>\n<p>Auf meiner Seite hingegen herrscht die abgeschmackte Vermessenheit vor, ihr scheinbar oberfl\u00e4chliches Dasein zu durchschauen, durch die vermeintlich seichten Pf\u00fctzen ihrer Antriebe navigieren zu k\u00f6nnen. Wie falsch ich damit liege, ist mir nur allzu bewu\u00dft, denn was weiss ich von ihrer kranken Tante, von ihren liebevollen Familienritualen, von ihrer leisen Art am Abend? In Wahrheit ist der Anfang des Textes nichts als eine polemische Finger\u00fcbung, oder, nach Juvenal: \u201eda f\u00e4llt es schwer, keine Satire zu schreiben\u201c. Nein, Verachtung und Ignoranz, die wohl h\u00e4ufigste erste Reaktion der meisten Mitmenschen auf die Begegnungen mit den Mos und Mus dieser Welt, stellen ebenso wie Mitleid keine L\u00f6sung dar.<br \/>\nWas tun?<\/p>\n<p>Liebes Publikum, los, gib dir selbst nen Schuss,<br \/>\ndu stehst doch auch entt\u00e4uscht und siehst betroffen<br \/>\nden Vorwand da und alle M\u00fcnder offen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und bei\u00dfen, werden mit Abf\u00e4llen gem\u00e4stet und schlie\u00dflich geschlachtet. 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