{"id":10598,"date":"2018-09-29T08:11:43","date_gmt":"2018-09-29T07:11:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=10598"},"modified":"2018-09-29T08:11:43","modified_gmt":"2018-09-29T07:11:43","slug":"ist-das-dein-schmetterling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=10598","title":{"rendered":"Ist das dein Schmetterling?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Das Gef\u00fchl von Gerechtigkeit hat etwas Merkw\u00fcrdiges an sich.<br \/>\nSchon in fr\u00fcher Kindheit rieselt es in uns hinein, eine feine, staubige Saat, die jedes Wort der Mutter umgibt. Wir nehmen sie auf, schlucken sie herunter, und ehe wir uns versehen, bricht etwas auf, w\u00e4chst und \u00f6ffnet sich, bl\u00fcht in sanften oder grellen Farben. In Anna sah es blauviolett aus wie die B\u00fccher, die in den Wohnzimmerregalen standen.<\/p>\n<p>In den ersten Klassen sammelte sie kleine, glitzernde Plastikteilchen in verschiedenen Formen. Fast jedes Kind besa\u00df eine Schatzdose, die t\u00e4glich mit in die Schule genommen wurde, um untereinander zu tauschen.<br \/>\nSo herausfordernd Anna auch in Gegenwart ihres Bruders war, so zur\u00fcckhaltend und sch\u00fcchtern verhielt sie sich allein. Da ihre Freundinnen zudem alle \u00e4lter oder j\u00fcnger waren und die Buben aufgeh\u00f6rt hatten mit ihr zu spielen, stand sie am ersten Schultag beinahe verloren im Klassenzimmer herum. Die Lehrerin wies ihr in der ersten Reihe einen Platz zu, und zwar neben einem M\u00e4dchen, das sich mit dem Namen Eva vorstellte. Schon nach wenigen Tagen zeigte Eva ihre Glitzerteilchen und schenkte Anna einige besonders sch\u00f6ne davon.<br \/>\nSo begann auch sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte ihr eine Holzdose gegeben. Immer wenn sie ihr Zimmer aufr\u00e4umte, erhielt sie als Belohnung einen kleinen, goldenen Stern. Diese Sterne verblassten jedoch neben den Glanzst\u00fccken von Eva. Mit der Zeit gelang es Anna, ihre Sammlung weiter auszubauen, mehr Sterne gegen Bunteres, Interessanteres einzutauschen.<br \/>\nEines Tages kam Jan, ein Junge aus Annas Klasse, wortlos auf sie zu und dr\u00fcckte ihr seine Dose in die Hand. Vielleicht hatte er die Glitzerteilchen schon als \u00fcberholte Mode eingestuft. M\u00f6glicherweise war er damit zu seiner Mutter gegangen und sie hatte gesagt: \u201eSchenk sie doch einem M\u00e4dchen\u201c. Was auch immer sich f\u00fcr eine Geschichte hinter seiner Geste verbarg, auf einmal besa\u00df Anna den gr\u00f6\u00dften Reichtum und Dinge, die sie aus Mangel an Ebenb\u00fcrtigem wohl niemals h\u00e4tte eintauschen k\u00f6nnen. Eigentlich ein Grund zur Gl\u00fcckseligkeit, jedenfalls f\u00fcr ein siebenj\u00e4hriges M\u00e4dchen. Vielleicht war sie auch gl\u00fccklich; ganz bestimmt war sie das. Doch da gab es noch etwas anderes in ihr, ein dumpfes Gef\u00fchl, das sie in ihrem L\u00e4cheln erstarren lie\u00df: Diese Dose durfte sie nicht besitzen.<br \/>\nAnna sprach mit dem Jungen nicht dar\u00fcber. Sie fragte ihn nicht,\u00a0 ob er sich sicher war, dass er diesen Schatz ausgerechnet ihr vermachen wollte und wie sie ihm daf\u00fcr danken konnte. Stattdessen behielt sie die Dose in der Hand, wenn sie das Klassenzimmer verlie\u00df, und warf auf dem Flur einzelne Schmetterlinge oder Blumen auf den Boden. Dabei bem\u00fchte sich Anna, dass sie niemand bemerkte. Auf diese Weise, dachte sie, k\u00f6nnte sie den unrechtm\u00e4\u00dfig erworbenen Besitz wieder ausgleichen. Denn unrechtm\u00e4\u00dfig war er, so ihre \u00dcberzeugung: Nicht einmal eine Freundschaft hatte sie mit dem Jungen verbunden. Was gab ihr also das Recht, von ihm auserw\u00e4hlt zu werden?<br \/>\nJedes Plastikst\u00fcckchen, das unbemerkt herunterfiel, lie\u00df sie aufatmen, war gleichzeitig ein Stein, der sich von ihrem R\u00fccken l\u00f6ste. Alle diese Teile, die sie nun nicht mehr besa\u00df, gaben ihr das Gef\u00fchl, wieder quitt zu sein.<br \/>\nNicht immer verliefen solche Versuche unbemerkt. Manchmal war die Menschentraube nicht dicht genug, um ungesehen zu bleiben. Dann stie\u00df eine Klassenkameradin Anna an der Schulter an: \u201eEntschuldigung, du hast hier etwas verloren.\u201c Sie b\u00fcckte sich, hob den Plastikschmetterling wieder auf, bedankte sich vielleicht sogar, wahrscheinlich sagte sie aber nur \u201eoh\u201c oder \u201eups\u201c und versuchte, \u00fcberrascht auszusehen. Die Schwere kehrte auf ihre Schultern zur\u00fcck.<br \/>\nEines Tages f\u00fcllte Anna den Rest Glitzer, wie die Kinder es nannten, in ihre eigene Dose und begann, damit zu tauschen. Doch das Gef\u00fchl, kein Recht auf dieses Geschenk zu haben, blieb. Vielleicht sah man auf ihr f\u00fcr einen Augenblick eine Farbe aufblitzen, ein Wort, einen Ausdruck im Gesicht. Niemand wei\u00df, wann die staubige Saat in Anna hineingefallen war, doch mit Sicherheit konnte man sagen, dass sie aufgebrochen war, wie wild angefangen hatte zu wachsen, so sehr, dass sie von innen an Annas Haut stie\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Gef\u00fchl von Gerechtigkeit hat etwas Merkw\u00fcrdiges an sich. Schon in fr\u00fcher Kindheit rieselt es in uns hinein, eine feine, staubige Saat, die jedes Wort der Mutter umgibt. Wir nehmen sie auf, schlucken sie herunter, und ehe wir uns versehen, bricht etwas auf, w\u00e4chst und \u00f6ffnet sich, bl\u00fcht in sanften oder grellen Farben. 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