{"id":1051,"date":"2011-09-01T19:40:42","date_gmt":"2011-09-01T18:40:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1051"},"modified":"2011-09-01T21:27:57","modified_gmt":"2011-09-01T20:27:57","slug":"revolution-by-airmail","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1051","title":{"rendered":"revolution by airmail"},"content":{"rendered":"<p><font face=\"Arial\">Dornr\u00f6schen sind wir doch alle. <\/font><font face=\"Arial\">Weniger oder mehr.<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Wir lagen hinter der Hecke <\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">In Tr\u00e4umen, bang und schwer.<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Friedrick Dieckmann, <\/font><font face=\"Arial\">November 1989<\/font><font face=\"Arial\">\u00a0<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Meine Revolution begann im Sommer 1988. Ich bekam einen Studienplatz zugeteilt. Es war nicht mein Traumstudium, aber getr\u00e4umt habe ich damals schon lange nicht mehr. Die Stadt war also eine willkommene Abwechslung,\u00a0in vollsten Z\u00fcgen von mir genossen. Tag und Nacht flossen ineinander, f\u00fcr Seminare und Vorlesungen gab es gutm\u00fctige Kommilitonen und Blaupapier. In der dritten Studienwoche verliebte ich mich Hals \u00fcber Kopf. Beim Tanzen im <em>Druschba<\/em>.\u00a0Mein Herz war getroffen, ich liebte das Leben und diese Stadt!<\/font><font face=\"Arial\">\u00a0<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Herbstferien. J. fuhr in den Urlaub mit seinen Eltern. \u201e<em>Eine Woche, dann bin ich wieder da\u201c.<\/em> Ich sa\u00df\u00a0sieben Tagen erwartungsvoll im <em>Druschba<\/em>.\u00a0Drei Tage ertrug ich dies mit Contenance. Dann fuhr ich zu J. Die Rollos an seinem Haus waren runtergelassen. Ich schlich am Zaun entlang, ein Mann sprach mich an, fragte nach dem Woher und Wohin.\u00a0Unsicheren Schrittes ging ich zur\u00a0Stra\u00dfenbahn. <\/font><font face=\"Arial\">Ich wei\u00df nicht mehr, wie viele Tage ich mit z\u00e4hen Vorlesungen und Seminaren verbrachte, bis die Katharsis eintrat. Ich stand vor meinem kleinen Briefkasten im Wohnheim, hielt in der Hand diesen rot-blau ger\u00e4nderten Luftpostbriefumschlag.\u00a0 Irgendwann im Treppenhaus aufgewacht, der Pf\u00f6rtner \u00fcber mir: \u201eGeht\u2019s?\u201c. Er half mir auf die Beine, stellte mich in den Aufzug und dr\u00fcckte die 12. <\/font><font face=\"Arial\">Ein zweiter bunter Brief kam an, ich war noch beim Verdauen des ersten. <em>\u201eBin jetzt zwar ein paar tausend Kilometer von Dir entfernt, doch was soll\u2018s. Hoffe, Du stehst zu mir und berichtest mir, was so abgeht in old GDR.\u201c<\/em> Klar, mach\u2019 ich gern. Ich erz\u00e4hle Dir vom Besuch der grauen M\u00e4nner: <em>Kommen Sie schon, Sie haben doch was gewusst! <\/em>Oder vom netten Dozenten: <em>Was wollen Sie denn jetzt tun? Auch fl\u00fcchten? Ich kann Ihnen helfen. Aber berichten Sie mir doch mehr<\/em>. Und vom\u00a0Gyn\u00e4kologen: <em>Ach,\u00a0lernt ihrs denn nie?<\/em> Die Tage in E.\u00a0waren m\u00fchsam, die \u00a0N\u00e4chte\u00a0\u00a0leer. Abends verkroch ich mich mit meinem Cora-Radio ins Bett und betrachtete das Gewusel meiner Mitbewohnerinnen. Emotionslos stellte ich den Inhalt meines Kleiderschrankes f\u00fcr deren Streifz\u00fcge zur Verf\u00fcgung. <\/font><font face=\"Arial\">\u00a0<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Januar 1989. Drei Monate dauerte nun meine Trauerzeit, dann fand ich wieder zur\u00fcck und schrieb\u00a0nach Kanada. Im Fr\u00fchjahr \u00fcber Ausreise und Wahlen. Im Sommer \u00fcber Freiheit und Verantwortung. Im Herbst \u00fcber Aufbruch und dem verwirrenden Zustand der Angstfreiheit. J. war froh. Kanada macht eben einsam. Er schrieb, dass er nicht wissen m\u00f6chte, wie ich meine N\u00e4chte verbringe. Er sprach von Liebe \u00fcber Grenzen hinweg. Andere hatten Brieffreunde in der Sowjetunion, ich hatte einen Brieffreund im kapitalistischen Ausland. Ich unterrichtete J. bis ins Detail, schickte Zeitungsausschnitte und Flugbl\u00e4tter, schrieb von zweifelnden Studenten und verzweifelnden Dozenten. In allen Briefen schwang der Stolz, hautnah am Puls der Zeit zu sein. J.s Erlebnisse aus Kanada verglich ich mit der Filmgeschichte der <em>Waltons \u2013 \u201eSchlaf gut, John Boy\u2026.\u201c.\u00a0 <\/em><\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">4. November 1989. Gro\u00df-Demo in Berlin. Pressefreiheit wollten wir oder auch nur einfach dazugeh\u00f6ren. Ich las Parolen wie <em>Junge Leute an die Macht <\/em>und<em> Wir sind das Volk <\/em>und<em> Demokratie \u2013 jetzt oder nie.<\/em> Ich h\u00f6rte Ullrich M\u00fche und Johanna Schall, f\u00fchlte mich zu ihnen emporgehoben. Stunden sp\u00e4ter fand ich mich eingekeilt zwischen Menschenmassen am Berliner Hauptbahnhof wieder. \u00dcber meinem Kopf tanzten Windelpakete, prall gef\u00fcllte Plastet\u00fcten und sogar ein Baby. Im Zug traf ich einen Schulfreund in Uniform. Er zitterte und stammelte: <em>Ich will nicht schie\u00dfen!<\/em> <\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">9. November 1989.<em> Wir unterbrechen f\u00fcr eine aktuelle Meldung. <\/em>Im Halbschlaf h\u00f6rte ich Satzfetzen. Die Mauer ist auf. Welche Mauer? Erst Jahre sp\u00e4ter wurde mir bewusst, dass ich den \u201ehistorischen Augenblick\u201c verschlief. Am Morgen des 10. Novembers sa\u00df ich mit einer Handvoll Kommilitonen im Seminarraum. Die anderen waren dr\u00fcben.\u00a0 Irritiert vernahm ich in den n\u00e4chsten Tagen das Verschwinden um mich herum.\u00a0Mein politischer Stolz erwachte. Oder war es wohl doch eher meine renitente Art? Ich war nicht <em>Alle<\/em>\u00a0, ich fuhr nicht\u00a0r\u00fcber. Vielmehr schloss ich mich den politisierenden Studenten an, rannte von Demo zu Demo, rauchte konsequent <em>Club<\/em> und berauschte mich an st\u00e4ndig neuen Prophezeiungen zum weiteren Werdegang unseres Landes. <\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Erster Weihnachtstag 1989. Ein\u00a0\u00fcberf\u00fcllter Zug in den Westen. Sieben Stunden sa\u00df ich auf meinem Rucksack neben dem Klo, die T\u00fcr im R\u00fccken. Eine Tante lud mich ein. Sie stand mit Schild um den Hals am Bahnhof: <em>Herzlich Willkommen! Ich bin Tante R. und suche S.<\/em> Mit butterweichen Knien ging ich zu dieser Frau. Ich setzte mich vorsichtig in die Autopolster, betrat z\u00f6gernd das Haus und schlief unruhig im fremden Bett. Am Fr\u00fchst\u00fcckstisch nahm ich diese pelzige Kartoffel neben meinem Teller wahr. Kiwi. Ach so. Das Gastgeschenk meiner Mutter \u2013 ein brikettbraunes Sofakissen mit Lurexstreifen \u2013 lie\u00df ich im Rucksack. Abends schauten wir die Hinrichtung der Ceauscescus im Fernsehen. <\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Silvester 1989. Einladungen nach Berlin sagte ich ab und fuhr zu meinen Eltern. Ich hatte Angst. Gegen zehn ging ich zu Bett und war so ziemlich die Einzige in der Stadt, die am Neujahrsmorgen 1990 ausgeschlafen zwischen verkohlten Knallern und leeren Flaschen aufs Feld hinter unserem Block stolperte.<\/font><font face=\"Arial\">\u00a0<\/font><\/p>\n<p><font face=\"Arial\">Wenige Monate sp\u00e4ter kam J. aus Kanada zur\u00fcck. Ich lebte zwei Jahre mit ihm zusammen. Unsere einhundertzweiunddrei\u00dfig Briefe sind alle verbrannt. <\/font><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dornr\u00f6schen sind wir doch alle. Weniger oder mehr. Wir lagen hinter der Hecke In Tr\u00e4umen, bang und schwer. Friedrick Dieckmann, November 1989\u00a0 Meine Revolution begann im Sommer 1988. Ich bekam einen Studienplatz zugeteilt. Es war nicht mein Traumstudium, aber getr\u00e4umt habe ich damals schon lange nicht mehr. 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