{"id":10459,"date":"2018-09-05T17:02:58","date_gmt":"2018-09-05T16:02:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=10459"},"modified":"2023-08-06T17:06:52","modified_gmt":"2023-08-06T16:06:52","slug":"dr-zsaesegs-mind-machine-flucht-und-wiederkehr-xxv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=10459","title":{"rendered":"Dr. Zs\u00e4segs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)"},"content":{"rendered":"<p><em>Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein. <\/em><\/p>\n<p><em>Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktion\u00e4rer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird &#8211; <\/em><\/p>\n<p><em>eine Geschichte vielleicht, in der Klarabella ihre Milch an den Nachwuchs der f\u00fcrsorglichen, gleichgeschlechtlichen Partner von nebenan verschenkt, Ulrike etwas sucht, das sie niemals finden wird, w\u00e4hrend sich das Idealismuskarussell immer weiter um ihre vielen Identit\u00e4tsmerkmale dreht, obwohl das nat\u00fcrlich positiv ist, da sie es immerhin versucht, das Kopfverdrehen; <\/em><\/p>\n<p><em>eine Handlung, in der Ruth einst Kevin war, jetzt aber total happy und Markus fr\u00fcher Marion, sich nun aber wieder nach ihrem alten K\u00f6rper sehnt. Irre-relevant, da Inklusivit\u00e4t selbstverst\u00e4ndlich allumfassend ist und auf detailliertere Ausf\u00fchrungen aus Triggergefahr verzichtet wird. <\/em><\/p>\n<p><em>Ein Text also, dessen Safe Space Ihnen selbstbewu\u00dft ins Gesicht faucht, wie eine Kampflesbe einex transgender Homophobex, dex eine Antidiskriminierungsbeauftragte, welche leidenschaftlich die Anschaffung von Gartenzwergen verteidigt, vergeblich liebt. <\/em><em>Gut, vergessen Sie das Letzte bitte ganz schnell wieder, es klingt wohl alles noch ein wenig zu privilegiert.<\/em><\/p>\n<p>Dr. Zs\u00e4seg blickte von dem Manuskript auf. Braunlich verd\u00f6rrten die Kastanienb\u00e4ume vor seinem Fenster und verschandelten ihm die ansonsten so erquicklich gedeihende Aussicht.<\/p>\n<p>Die Einsendung faszinierte ihn nur auf eine spezielle Weise, rechtfertigte er sich. Etwa wie schwarzer Humor zuweilen die eigene Borniertheit erfrischend entlarvt und transzendiert &#8211; Satire darf, nein sollte! immerhin alles. Und doch stie\u00df ihn dieser dahingerotze Dreck zugleich wie selbstverst\u00e4ndlich ab. Er fragte sich&nbsp; kurz, ob es sich nur um seine fingerzeigende, \u00fcbergestreifte, gesellschaftliche Moral handelte, der er &#8211; nicht zu vergessen &#8211; seine Position zum Teil verdankte, nein schuldete! &#8211; und unterlie\u00df eine Antwort.<\/p>\n<p>H\u00e4tte er ohne die Exotik seines Namens die Position erklimmen k\u00f6nnen, aus der heraus er heute richtete &#8211; W\u00e4chter \u00fcber die Verbeitung&nbsp; gehaltvoller Texte, Verfechter der reinen Lehre?<br \/>\nAber da war etwas. Dieses Fight-Club-Gef\u00fchl, das sich, wie er erinnerte, aus lauten Sommern\u00e4chten, aus Wut und Frust, Hoffnung im Verbund mit Abenteuerlust, aus Durst und \u00dcberdurst sch\u00f6pfte. Jugend, ewige&nbsp; Jugend und neu mach die Welt.<br \/>\nUnwirklich milde und zynisch zugleich blickte er auf die Seiten. Oldschool per Post. Wahrscheinlich ein 25j\u00e4hriger Retro-Knirps, der weder Menschen verachtete, noch Diskriminierung verteidigen wollte. Ihn st\u00f6rte wohl die g\u00e4ngelnde In-Your-Face-Mentatlit\u00e4t einer permanenten Sprachregelung durch doppeldenk Gleichstellungszombies.<br \/>\nWarum konnte der sich blo\u00df nicht damit abfinden? Es war doch nicht allzu schwer, sich der Leere anheimzugeben. Dr. Zs\u00e4seg verfiel in leichte Trance.<\/p>\n<p>Mindsetting.. Sprache, nur Sprache.. aber ohne Einflu\u00df auf Gef\u00fchle?.. f\u00fchl wie du willst.. nimm alles offen an.. alles Offene ist gut.. wir..<br \/>\nEr k\u00e4mpfte sich ruckartig hoch, griff hastig den Mauszeiger und \u00f6ffnete seine Mails, um sich abzulenken, obgleich ihn wegen des Abruchs des Clearings ein schlechtes Gewissen plagte. Zwei neue Mails, bestenfalls Strandgut, miesepeterte er.<\/p>\n<p><em>Ein Fingerhut<br \/>\n<\/em><br \/>\n<em>Es ist Sommer &#8211; ein Sommer ohne Frischeperioden. Hitze, Schwei\u00df, l\u00fcsterne Gedanken den lichten Tag lang. Obgleich der Alltag stattfindet, scheint das Land seit Monaten wie nach einem ersch\u00f6pfenden Akt langsam vor sich dahinzuw\u00e4lzen. Die Themen dieses Sommers sind unter-, die S\u00fc\u00dfe der Fr\u00fcchte hingegen \u00fcberirdisch &#8211; wohl dem, der Zugang zu G\u00e4rten hat. Meine Urgro\u00dfeltern verloren vor f\u00fcnfundsiebzig Jahren im Feuersturm ihr Gesch\u00e4ft. Kleinwaren, Stoffe, Kn\u00f6pfe Nadeln. Ein \u00fcberkommenes Gesch\u00e4ftsmodell, das Gedenken?<\/em><\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich nicht, aber irgendwie verd\u00e4chtig. Weiter.<br \/>\nDie n\u00e4chste Mail, ein kurzes Gedicht, lie\u00df ihn innehalten. Er las vorsichtig, als ob eine alte Melodie aus dem Nichts in seine Eingeweide gefahren w\u00e4re und seine Gesichtsmuskeln erweckt h\u00e4tte.<\/p>\n<p><em>Herbstgeburt<\/em><\/p>\n<p><em>Am Ende aller Wellen steh&#8217;n Welten, wenn es spricht:<\/em><br \/>\n<em>von riesenhaften Flatterfarnen, Ruinen bei der Au,<\/em><br \/>\n<em>von Kronengr\u00fcn und Wiesengelb, von Schollenbraun <\/em><br \/>\n<em>und tausendfachem Blau.<\/em><\/p>\n<p><em>Auf liebevolle Weise verf\u00fchrt das Sommerlicht, <\/em><br \/>\n<em>zieht reifend Kreise, bis es<\/em><br \/>\n<em>err\u00f6tend bricht.<\/em><\/p>\n<p>Dr. Zs\u00e4seg erging sich in Gedanken. Lie\u00df sie laufen, spazierte dahin, schwebte, staunte, l\u00e4chelte, w\u00fctete, schnaubte, Dr. Zs\u00e4seg weinte und schmiss ihnen jene entgegen, die er gefangengehalten hatte, ohne sie je vergessen zu k\u00f6nnen, halbverfaulte, zerlumpte Gedanken, Proletarierprologe, Faschofragmente und Mittem\u00e4ander verklumpten und bildeten das Epizentrum des schwarzen Loches, das in seinem Geist rotierte. Wie gut es tat loszulassen. Wie wunderbar sich Freiheit anf\u00fchlte. Obsz\u00f6n? Nein ehrlich, falsch und doch wahr. Insanity? Unsanity! Dreckig aber wohlgemut, lebendig. Er badete im Mist und wusch sich mit Liebe. Er verstand.<\/p>\n<p>In eine Sanit\u00e4rdenkblase gepresst dahin zu vegitieren, Verdenkmaschine, nicht Mensch zu bleiben war zukunftslos; nur eine solche, wusste er, k\u00f6nnte das kleine Gedicht verachten, und nur ein jenes k\u00f6nnte sie von sich selbst befreien.<\/p>\n<h6>[Untermalung <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=iulKQQ5IPRU\">1<\/a>,<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=em0ltkJRKUc\">2<\/a>,<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CUtFXmS9FmA\">3<\/a>]<\/h6>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein. 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