{"id":1013,"date":"2011-08-17T16:43:35","date_gmt":"2011-08-17T15:43:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=1013"},"modified":"2023-08-06T17:12:06","modified_gmt":"2023-08-06T16:12:06","slug":"die-provinz-eines-poeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=1013","title":{"rendered":"Die Provinz eines Poeten"},"content":{"rendered":"<p>Dichter bleiben Dichter, ob sie dichten oder nicht. Viele Dichter bleiben nicht lebenslang auf Gedichte geeicht. Gern wird die Prosa geprobt. Ralph Gr\u00fcneberger macht da keine Ausnahme. Er hat seine Leser mit hintersinnig-heiteren Geschichten gut unterhalten.<br \/>\nJetzt hat sich der nunmehr 60-j\u00e4hrige zum Jubil\u00e4um mit Gedichten beschenkt. Nicht mit neuesten Gedichten! Ralph Gr\u00fcneberger hat eine wohlbedachte Auswahl von Gedichten auflegen lassen. Mit der ihm eigenen Ironie hei\u00dft die Lyriksammlung \u201eBunte Pleite\u201c und vereint f\u00fcnfzig Gedichte aus f\u00fcnfundzwanzig Jahren. Versprochen sind \u201eNachrichten aus der Provinz\u201c, was nicht sonderlich originell ist, doch f\u00fcr die Poesie von Gr\u00fcneberger von eigenem und besonderem Wert. Dem Poeten ist die Provinz der Mittelpunkt des Lebens und der Welt. Und sage ihm einer, dass das so nicht ist. Jedes seiner f\u00fcnfzig Gedichte beweist: Jeder provinzielle Ort ist ein zentraler Ort der Welt und ihrer Geschichten, also der Weltgeschichte. Das mu\u00df man nur sehen k\u00f6nnen, wie Ralph Gr\u00fcneberger zu sehen vermag.<br \/>\nFolgerichtig macht die Sammlung mit dem Gedicht \u201eFahrt in die Provinz\u201c den Anfang. Es geht in keine stille, lauschige, idyllische Landschaft. Das \u201eKreischen der Reifen\u201c schrillt in den Ohren. Es schreckt auf, was rechts und links der Stra\u00dfen liegt und wohin sie f\u00fchren. Die \u201eFahrt in die Provinz\u201c ist eine Ouvert\u00fcre, die auf das Kommende einstimmt und es zusammenfa\u00dft. Da d\u00fcrfen die Leser neugierig sein oder sofort passen und dann einiges vers\u00e4umen. Vor allem deutsche Gedichte \u2013 oder sollte besser gesagt werden deutschsprachige Gedichte \u2013 die voll der deutschen Geschichte insbesondere des 20. Jahrhunderts sind. Bravo! Da dr\u00fcckt sich ein Lyriker mal nicht, was sovielen in den letzten Jahrzehnten mit ihren s\u00e4uselnden Selbstbetrachtungen gelungen ist.<br \/>\nGr\u00fcneberger ist bevorzugt in der ostdeutschen Landschaft unterwegs, die sein Heimathaus ist. Und, wer in dem gro\u00df wurde, formuliert keine beliebigen Geschichtsgef\u00fchle als Geschwafel \u00fcber und zur Geschichte. Als Wissender und Wertender ist er kein pamphletischer Eiferer, kein ideologischer Propagandist. Sein Geschichtsbewu\u00dftsein l\u00e4\u00dft ihn f\u00fchlen, was vers\u00e4umt, was vergessen wurde und wird in der Geschichtsbetrachtung. Den Dichter st\u00f6rt die Verge\u00dflichkeit, die die Vergangenheit verachtet. Gescheit genug, verzichtet er darauf, die Vergesslichen mit der Nase auf die Vergangenheit zu sto\u00dfen. Diese Haltung macht das Politische poetisch. Gr\u00fcneberger ist ein empfindsamer, aufgest\u00f6rter Beobachter, der die Vergesslichen aufst\u00f6rt. Die so besch\u00e4mten Leser werden sich nicht verstockt verstecken. Der Lyriker zieht sie mit seinen exponierten, poetisierten politischen Gedichten aus seine Seite. Statt blo\u00df besch\u00e4mt, f\u00fchlen sich die Leser vom Autor aufgerichtet und gest\u00e4rkt in dem Willen, achtsamer zu sein. So l\u00e4\u00dft man sich Lektionen zur deutschen Geschichte leicht und gern gefallen. In den Gedichten wird die Geschichte zum Denkmal, das mehr als einmal zum Denken anregt. Das Prinzip der Gr\u00fcnebergschen Poetik ist, \u00fcber das Existenzielle nicht nur zu philosophieren, sondern das Existenzielle in anschaulich-philosophischen Bildern beim Namen zu nennen. So werden konkrete Ursachen und ihre geistigen Wirkungen begreifbar. Auch, weil die Lyrik stets etwas Episch-Erz\u00e4hlerisches hat und dadurch die Zug\u00e4nglichkeit, sprich Verst\u00e4ndlichkeit, erleichtert. Auch ein Grund daf\u00fcr, es nicht dabei zu belassen, die Geschichte von Ralph Gr\u00fcneberger nur einmal zu lesen. Die Freude beim ersten Lesen ist zugleich die Vorfreude aufs Wiederlesen.<br \/>\nUm in seiner Ganzheit ein sch\u00f6nes Buch zu sein, das \u201eBunte Pleite\u201c wahrlich ist, gibt\u2019s sechs Zeichnungen von Karl-Georg Hirsch nicht nur als beliebige Zugabe. Dem K\u00fcnstler ist die deutsche Geschichte so wenig gleichg\u00fcltig wie dem Lyriker. Hirschs Arbeiten sind irdisch-kr\u00e4ftig und kraftvoll, wie das Leben an sich ist.<br \/>\nRalph Gr\u00fcneberger: Bunte Pleite. Notizen aus der Provinz. Edition Ornament Bd. 7 quartus Verlag: Jena 2011, 72 Seiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dichter bleiben Dichter, ob sie dichten oder nicht. Viele Dichter bleiben nicht lebenslang auf Gedichte geeicht. Gern wird die Prosa geprobt. Ralph Gr\u00fcneberger macht da keine Ausnahme. Er hat seine Leser mit hintersinnig-heiteren Geschichten gut unterhalten. Jetzt hat sich der nunmehr 60-j\u00e4hrige zum Jubil\u00e4um mit Gedichten beschenkt. Nicht mit neuesten Gedichten! 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