{"id":10117,"date":"2018-05-09T00:15:49","date_gmt":"2018-05-08T23:15:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.inskriptionen.de\/?p=10117"},"modified":"2018-05-09T09:46:15","modified_gmt":"2018-05-09T08:46:15","slug":"no-quarter-flucht-und-wiederkehr-xxiv","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=10117","title":{"rendered":"No Quarter (Flucht und Wiederkehr XXIII)"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Entschuldigen &#8218;Se bitte die St\u00f6rung!&#8220;<\/p>\n<p>Eine einge\u00fcbt akzentuierte Stimme mit berliner Zungenschlag durchbricht die vorsommergetr\u00e4nkte, sp\u00e4tnachmittagliche D\u00f6sigkeit eines halbleeren S-Bahn-Wagons zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz. J\u00fcngere Touristen-Kleingruppen, mittelst\u00e4ndische Arbeitnehmer\/Innen und zwei 55-65-j\u00e4hrige Golfclubmitgliedsehepaare r\u00e4keln sich im warmen Licht. Der Fernsehturm gl\u00e4nzt nah.<\/p>\n<p>&#8222;Bei meiner H\u00fcndin Cora wurde ein Tumor an der Lendenwirbels\u00e4ule festgestellt und ick samml&#8216; nun, um f\u00fcr ihre Operation &#8218;ufzukomm&#8217;n. Ick danke allen, die dabei helfen m\u00f6chten vielmals, allen anderen w\u00fcnsch&#8216; ick noch &#8217;nen sch\u00f6nen Tag!<\/p>\n<p>Der Mittzwanziger &#8211; er k\u00f6nnte vielleicht auch zwanzig oder dreizig sein &#8211; schulterlange Haare, blaues Trikot der Squadra Azzurra, schreitet, leicht verschlagen aus einem rundlichen Gesicht blickend, fordernd den Wagon ab. Irgendwo hinten redet er mit jemandem, es klirren ein paar M\u00fcnzen.<\/p>\n<p>Am Ostkreuz auf dem Bahnsteig der Ringbahn und anschlie\u00dfend auf dem Weg nach Neuk\u00f6lln im S-Bahn-Wagon herrscht eine bunte, enger zusammengedr\u00e4ngte Mischung, die trotzdem vor allem eindrucksvoll Relaxtheit ausd\u00fcnstet. Eine blonde, dicke Deutsche mit H\u00fcndchen, ein paar freundliche t\u00fcrkische Jungs, ein paar, etwas \u00e4ltere, prollige t\u00fcrkische Jungs &#8211; anderswo im Wagon ihre artigen, weiblichen Gegenst\u00fccke mit dezenten Kopft\u00fcchern -, etliche Vietnames\/Innen, dazu eine Ostasiatin mit Seidenkopftuch, diverse deutsche junge M\u00e4nner &#8211; kurzrothaariger Nerd mit Handy und Bauch, gestreiftes Hemd-Gel-BWler, Max Mustermann Metalfreak, HippieBackpacker123-, sich stolz als Schlampen Bezichtigende, einige Spie\u00dferinnen-Antik\u00f6rper, sowie Originale und Klischees in einem, buckelige, braunrunzlige M\u00fctterchen mit Einkaufst\u00fcten voller Gem\u00fcse hier &#8211; welch ein Leben!! -, Opis mit AfD im Kopf da &#8211; &#8222;Ach, welch ein Leben?&#8220;. Und nat\u00fcrlich der, dessen Gro\u00dfvater wohl aus Italien nach Berlin kam &#8211; vermutlich mit einer Cora in Gedanken, aber ohne kranken, imagin\u00e4ren Hund.<\/p>\n<p>Das Publikum str\u00f6mt aus der Bahn, begr\u00fc\u00dft Neuk\u00f6lln mit einem schnatternden Gemisch aus Ger\u00e4uschen, Ger\u00fcchen, Gesichtern und Gel\u00fcsten &#8211; und Neuk\u00f6lln gr\u00fc\u00dft zur\u00fcck; die Familien vor dem Gem\u00fcseladen, die Jungs beim Kebab-Grill, in der N\u00e4he davon die, die sich Schlampen nennen &#8211; und nat\u00fcrlich die Drogis. Einer von ihnen, der blau schillernde, vorgebliche Hundeliebhaber, gibt einem jungen Araber &#8211; 16 oder 18 &#8211; die Hand, sie tauschen einige, gemurmelte Worte aus, stehen nebeneinander an der Ampel, schauen sich kurz vielsagend, zustimmend an. Sie haben vereinbart, sich in K\u00fcrze an einem, beiden bereits bekannten \u00dcbergabeort zu treffen und gehen &#8211; in sich ruhend &#8211; auseinander, einer nach rechts, einer geradeaus, auf dass das Depot unendeckt bleibe, da es unwahrscheinlicher wird, dass etwaige Zivilpolizisten die Verfolgung beider gleichzeitig aufnehmen.<\/p>\n<p>Aus Hamburg anreisend, erstaunt die ins Gesicht lachende Zur\u00fcckgelehnheit der verschiedenen Glieder der Gesellschaft Berlins (nicht, dass sich die eben geschilderte Szene in St. Georg nicht ebenso abgespielen w\u00fcrde, aber mit Sicherheit deutlich gehetzter)\u00a0 &#8211; und es scheint, als seien diese Merkmale nicht dem &#8218;juten&#8216; Wetter\u00a0 (welches die Effekte vielleicht besonders hervorzuheben mag, nicht jedoch zu verursachen), sondern vielmehr der berliner Weitl\u00e4ufigkeit einerseits und der trotz aller Modernisierungen vieler Stadtteile noch immer immanenten, latent klaustrophobischen, nur durch abgrundtiefe Gelassenheit der Einwohner zu konternden Morbidit\u00e4t dieser Stadt andererseits geschuldet.<\/p>\n<p>Wie Clochards, die ihre Zahnl\u00fccken l\u00e4chelnd zur Schau stellen, zeugen davon laute, r\u00fcttelnde, pissgelbe U-Bahnen mit einem arschegalen Schmunzeln, Fahrkartenautomaten, die nicht in der Lage sind Scheine anzunehmen und\u00a0zwei grau ummantelte 4:3-Fernseher am Bahnsteigende (die die L\u00e4nge des Bahnsteiges abbilden, da die Zugf\u00fchrer wahrscheinlich \u00fcber keine Monitore in ihrer vormittelalterlichen Kabine verf\u00fcgen); Ihr k\u00f6nnt uns mal, Prost!<\/p>\n<p>Am Kottbusser Tor empfangen Graffitis, dreckschwarze W\u00e4nde, Taubenschei\u00dfe, \u00dcberf\u00fchrung, Betonburgen.<\/p>\n<p>Zeitgleich findet in Mitte im &#8222;Kreativquartier&#8220;, den miteinander verbundenen Heckmann-H\u00f6fen zwischen der Tucholsky~ und der Oranienburger Stra\u00dfe, einer von zahlreichen Workshops f\u00fcr Irgendwasmitlebensfreude statt. Nebenan ein Laden mit anspruchvoller japanischer T\u00f6pferkunst, ein artsy-fartsy Cafefe, dazu Hipstershop 1, Hipstershop 2, Musikprojekt X usw. usf.<\/p>\n<p>Der Kontrast macht diese Stadt dicht, das diffuse \u00dcberleben neben dem vertr\u00e4umten Erleben neben dem sirenenhaften Nachhall preu\u00dfischer Pflichtversessenheit. Mit seinem ber\u00fchmten Bild der Erdolchung eines K\u00f6nigs wirbt die aktuelle Max-Beckmann-Ausstellung, auch Plakate der Ausstellung &#8222;Sparen &#8211; Geschichte einer deutschen Tradition&#8220; im historischen Museum h\u00e4ngen, zu zwei F\u00fcnfteln wei\u00df gehalten, aus.<\/p>\n<p>Das von Seyfried in den sp\u00e4ten siebziger~ und fr\u00fchen achtziger Jahren des mittlerweile fast zwei Jahrzente zur\u00fcckliegenden, vorherigen Jahrhunderts gezeichnete, abseitige Berlin existiert weiterhin fort, wie ein legend\u00e4rer Alligator in der Kanalisation, wie ein unsterblicher Bandwurm, eine befruchtete Bettwanze oder unheilbare Tuberkolose, es duftet nach nach anarchischer Commune, nach sozialer Aussto\u00dfung und Traditionsfamilie zugleich.<\/p>\n<p>Es ist der Abszess am Arsch und die Warze auf der Nase der Villengolfer, es ist ihre Botox-Fehlspritzung, ihre gescheiterte Ehe und der Tumor an der Lendenwirbels\u00e4ule ihrer Lieblingsh\u00fcndin. Und das ist gut so.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Entschuldigen &#8218;Se bitte die St\u00f6rung!&#8220; Eine einge\u00fcbt akzentuierte Stimme mit berliner Zungenschlag durchbricht die vorsommergetr\u00e4nkte, sp\u00e4tnachmittagliche D\u00f6sigkeit eines halbleeren S-Bahn-Wagons zwischen Hackescher Markt und Alexanderplatz. J\u00fcngere Touristen-Kleingruppen, mittelst\u00e4ndische Arbeitnehmer\/Innen und zwei 55-65-j\u00e4hrige Golfclubmitgliedsehepaare r\u00e4keln sich im warmen Licht. Der Fernsehturm gl\u00e4nzt nah. &#8222;Bei meiner H\u00fcndin Cora wurde ein Tumor an der Lendenwirbels\u00e4ule festgestellt und ick&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":603,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_seo_schema_type":"","_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[21,3,4],"tags":[],"class_list":["post-10117","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-rezensionen","category-3","category-4"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack-related-posts":[{"id":9836,"url":"https:\/\/inskriptionen.de\/?p=9836","url_meta":{"origin":10117,"position":0},"title":"Oijoijoijoijoi, wo hab ich denn jetzt blo\u00df de Brille","author":"frau kleist","date":"8. 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