Märchen

bluten,
wer hat den schönsten Zerrspiegel?
verteilt sich

Märchen nehmen so viel auf,
damit überhaupt was drin ist,
an Märchensubstanzen

ein Uppercut? ein Nagel quer durch die Stirnhaut?

Märchen rinnen,
ziehen durch Nase, Mund- & Rachenraum

Märchen im Blut wollen sich erzählt wissen

(Märchen)

Mariusz Lata
geb. 1981, in Polen. Lebt im Ruhrgebiet. Veröffentlicht Lyrik und Prosa in Literaturzeitschriften. Zuletzt: Gedichte in manuskripte 221, Graz 2018.

18 Kommentare

    1. Hinter den Spiegeln, dem gelegentlichen Glanz der Märchen, da ist die Gewalt allgegenwärtig, in verschiedensten Formen: als List (eine Form der intellektuellen Gewalt, etwa der Hinterhalt) oder als schlichte Tötung einer Greisin, die im Ofen zu verrecken hat.
      Nicht zuletzt ist der moderne Drogenkonsum – mitsamt all seinen Konsequenzen – ein Märchen-, ein Existenzsurrogat.

      Dennoch bitte ich Sie, mir die Verletzung Ihres Feingefühls zu entschuldigen.

      Grüße,
      Mariusz.

      1. … moderner Drogenkonsum – … ein Existenzsurrogat.

        1. Nur der moderne? Das wollte der Sprecher wohl so nicht sagen. Bliebe:

        … Drogenkonsum – ein Existenzsurrogat.

        2. Ein Surrogat, ein Ersatz. Für die Existenz. Also existiert, wer Drogen konsumiert, nicht. Wer dagegen keine nimmt, existiert. Wie das? — Gemeint ist offenbar eine bürgerliche Existenz. Wer als Bürger existiert, existiert. Die anderen nicht, die zählen wir nicht mit.

        „War es das, was Sie sagen wollten?“ – „Ich glaube, nicht.“ – „Dann wäre das die Gelegenheit für den Sprecher, seinen Gedanken unter Vermeidung obiger Fußangeln noch einmal zu formulieren.“

  1. „da ist die Gewalt allgegenwärtig“ – das ist aber doch eine Abstraktion. Da gibt es doch mindenstens ein Märchen ohne Gewalt.

    1. Ohne Zuspitzung wäre doch das Begriffliche eine Unmöglichkeit.
      Sofern Episches oder Lyrisches sich nicht zuspitzt, nicht auch das Randständige & Abseitige zum Akteur werden lässt, weiß ich nicht, wer es sonst tun sollte. Ob fern jeglicher Radikalität & Utopie irgendein Handeln sich noch lohnt?
      Nicht für die Zuspitzung wollte ich mich entschuldigen.

      Grüße,
      Mariusz

    1. Zwar tut die Erbse der Prinzessin keine Gewalt an, aber die Prinzessin der Erbe am Ende doch: Missbrauch im Namen der Musealisierung dessen, was einmal Kultur war, Musenkult…

  2. Interessant. Dass Sie diese 2 Autoren erwähnen. Ich höre da eine unterschwellige Kritik am l’art pour l’art heraus. Aber es gab doch auch Rimbaud, den Krachdichter des fin des siècle? Nun, ich glaube, märchen hat der keine geschrieben. Bitte belehrt mich eines Besseren, so Ihr könnt.

    1. Das Märchenhafte ist überhaupt nicht zu kritisieren.
      Seit Homer ist das Erzählen märchenhaft, gibt es die Ausfahrt & die Heimkehr & dort, wo Stagnation, die Nichtbewegung sich ereignet, bleibt der Leerraum, ein Ziehen der Sprache nach draußen, ins Hinaus.

      Liebe Grüße,
      Mariusz.

  3. Was so eine kleine Erbse auslösen kann, merken wir ja in der „Prinzessin auf der Erbse.“ Doch Sie machen weiter, nach dem Motto: Was kümmert mich der Sack, der gerade in China umfällt, auch wenn er Reis enthält und vielleicht unter diktatorischen Umständen gefüllt wurde? Nein, Sie meinen, alles kann so bleiben wie es war und ich kann weiter fressen, schlafen, pupsen. Erzählen Sie doch keine Märchen, selbst Aschenputtel musste sich anstrengen, um die Schuhe anzukriegen. Die ging zur Fußpflege.

  4. Tschuldigung, war im Urlaub…also das Oscar Wildes Märchen gewaltfrei wären, will ich widerlegen: Die Nachtigall und die Rose bspw. ist brutal. Das arme Vöglein erweckt die Rose mit seinem Herzblut. Ein Selbstmord. Ein Dorn ins Herz. Was, bitteschön, ist daran gewaltfrei? Mein sanftes Herz krampft sich zusammen. Wie abgestumpft muss man sein, um hierüber wegzugehen?
    Ich bleibe dabei, Gewalt muss nicht mit einem pompösen Beil oder einer kinderfressenden Hexe herbeikommen. Ein Dorn allein reicht aus. In des Vögleins Brust.

    1. Liebe Rapunzel,

      Vielleicht habe ich mich undeutlich ausgedrückt: gegen Gewalten, ob nun Listen, Fallen oder die rohen, habe ich mich gar nicht ausgesprochen; mein Einwurf war nur, diese nicht zu übersehen; denn das Happy End ist sozusagen das Ideologische an & für sich, steht fast schon synonym für das Märchenhafte, ist – in der vulgären Bedeutung des Wortes – dessen Ferment.

      Zuletzt habe ich vor etlichen Jahren Wildes Märchen gelesen, insofern traue ich mich gar nicht, Ihnen zu widersprechen.

      Ein schönes Wochenende,
      Mariusz.

  5. Der Frühling ist ein Kind des Wetters. Wie schön wäre es, einfach nur im Wind zu flattern und sich hin und wieder, bei Gelegenheit nur so hängen zu lassen.

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