Das Vöglein

Ein Vöglein lieb ich dessen Lieder
Erst klingen wenn die Welt verstummt,
Das, wenn die Lerche im Gefieder
Längst schlummert, weiter singt und summt.
Schon manchen langen Abend lauschte
Ich seiner Stimme Lust und Leid,
Mitunter war es als berauschte
Sie sich am Duft der Dunkelheit.
Einmal ging sie mit mir auf Reisen,
Weit folgte ich ihr in die Nacht,
Fast hätt‘ die Schönheit ihrer Weisen
Mich da um den Verstand gebracht.

Wie dieses Vöglein singst auch du
Der Nacht mich und der Liebe zu.

Jens Rudolph
geb. 1976 in Leipzig, Jurastudium in Dresden. Lebt und arbeitet als Familienrichter in Berlin und Potsdam.

13 Kommentare

  1. Da ist ein Grammatikfehler: das Gedicht beginnt mit „Ein Vöglein“, also „es/ das“. Der Dichter meint hier sicher die Nachtigall, also „sie“. Da das Tier aber nicht direkt benannt wird, darf auch kein weibl. PP auftauchen. Also: „Mitunter war es als berauschte ES sich am Duft der Dunkelheit. Einmal ging ES mit mir auf Reisen…Weit folgte ich IHM in die Nacht…Fast hätt‘ die Schönheit SEINER Weisen…“

    Es ist ein hübsches romantisches Gedicht.

  2. Ach so. Da hab ich wohl gleich des Rätsels Lösung mitgedacht ähnlich wie beim Männlein, dass im Walde steht…
    Die Stimme wars und nicht die Nachtigall…

  3. Lieber Jens Rudolph,

    wenn es um die Liebe geht, wird es romantisch, ja, ist geradezu das Feld, auf dem sich die Gefühligkeit so richtig ausleben kann. „Es war die Nachtigall und nicht die Lerche.“ Shakespeare durfte das, der himmelte die Nachtigall ja auch nicht an, sondern sagte mit Nachtigall und Lerche: „Romeo, mach, dass du nach Hause kommst, sonst erwischt uns die Amme in meinem Bett.“ Ist immer ein bisschen deplatziert, wenn man einen anderen Autor bemüht. Ein bisschen Shakespeare, ein bisschen Eichendorff, ein bisschen Heine. Nur dass Heine gewusst hatte, dass man mit der Nachtigallen-Geschichte sehr leicht im Kitsch landen kann, weshalb er ihn immer wieder sprachlich aufgelöst (ironisch gebrochen) hat. Das machst du leider nicht in deinem weltenfernen Gedicht, das in nostalgischer Romantik schwelgt. Eigentlich schade. Auch wenn du mir mit diesem Nachtigallengesang ziemlich unglaubwürdig rüberkommst.

    Übrigens, das „Vöglein“ Nachtigall singt auch tagsüber.

  4. Guten Abend, Antigone.

    Ja, wir leben in prosaischen Zeiten. Wer da über seine Gefühle schreibt, noch dazu über die Liebe und die Nachtigall und dies auch noch ernst meint, der handelt sich natürlich Hohn und Spott ein. Und er muss sich natürlich auch alle Geistesgrößen vorhalten lassen, denen zu diesem Thema schon mal was Kluges eingefallen ist. Sie haben in Ihrem Kommentar nun dankenswerterweise zusammengetragen, was man gegen Gedichte, die weder der Form noch dem Inhalt nach „neu“ erscheinen, so vorbringen kann. Ich fasse das mal zusammen: Gefühligkeit, Kitsch, „ein bisschen Shakespeare, ein bisschen Eichendorff, ein bisschen Heine“, „weltenfern“, Gedicht, das in „nostalgischer Romantik schwelgt“ um dem Verfasser am Ende auch noch per Du mitzuteilen, dass er Ihnen mit „diesem Nachtigallengesang ziemlich unglaubwürdig“ „rüberkomme“. Und dem kleinen Vöglein werden natürlich auch noch die unvermeidlichen Gänsefüßchen umgeschnallt (wie konnte es anders sein).

    Nun lasse ich mir den Vorwurf, dass dieses Gedicht sehr „herkömmlich“ daherkommt, gerne gefallen. Allerdings fragt sich, ob Ihre gesammelten Einwände wirklich greifen. Dürfen Gedichte heute nicht mehr romantisch sein? Ist Romantik dasselbe wie Gefühligkeit? Ist es heute schon „gefühlig“, wenn man eine literarische Liebeserklärung schreibt und sich erdreistet, sie nicht ironisch gebrochen daherkommen zu lassen? Was ist Kitsch? Ist es schon Kitsch, ungebrochen über die Liebe zu schreiben? Wie kommen Sie darauf, dass einer der von Ihnen zitierten Autoren in dem Gedicht „bemüht“ werde? Wo wird in dem Gedicht jemand oder etwas „angehimmelt“? Wie passt es zusammen, mir den wunderbaren Heine als besseres Beispiel vorzuhalten, zugleich aber zu behaupten, das Gedicht enthalte „ein bisschen Heine“? Was soll an einer literarischen Liebeserklärung für einen sehr (Nachtigall, ick hör dir trapsen) musikalischen Menschen bitte „weltenfern“, was könnte daran „unglaubwürdig“ sein? Ist Glaubwürdigkeit überhaupt ein geeigneter Maßstab, literarische Texte zu beurteilen? Ist es nicht ziemlich dreist, ein Liebesgedicht leichthin für „unglaubwürdig“ zu halten (sollten Sie diese Beurteilung nicht lieber der Adressatin des Gedichtes vorbehalten?) Halten Sie es allen Ernstes für angebracht, anhand einiger literarischer Texte die „Glaubwürdigkeit“ ihres Verfassers zu beurteilen? Was soll an einem Gedicht, das ein Erleben im Hier und Jetzt beschreibt, „nostalgisch“ sein? Wo sehen Sie in dem Gedicht etwas „Schwelgendes“?

    Wenig überzeugend das alles. Dabei ließen sich viele interessante Fragen aufwerfen. Vielleicht gibt es ja einen triftigen Grund für Form und Inhalt? Verlangen Liebe und Nachtigall vielleicht auch heute noch nach Gesanglichkeit? Begegnet man ihnen nicht zu recht auch einmal ironiefrei? Macht es nicht Sinn, dass ein Gedicht, das von natürlichen, wiederkehrenden Dingen singt, sich einfach reimt und so gewissermaßen herkömmlich, liedhaft bleibt? Könnte dies vielleicht der Musikalität seines Gegenstandes geschuldet sein? Darf man heute nicht mehr „Vöglein“ schreiben, ohne sofort als gestrig abgestempelt und bespöttelt zu werden, noch dazu von jemandem, der selbst „fürderhin“ schreibt und mit seinen Texten auch eher in hergebrachten Fahrwassern treibt?

    Sie haben eine sehr flotte Schreibe und sie werden sich sicher schon gedacht haben, dass ich keine „Schulung“ erhalten habe (und das wird auch so bleiben!). Deshalb werde ich auch weiterhin so singen und schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, denn eins weiß ich: Literatur „darf“ immer alles, völlig egal, wann sie verfasst wird und wie ihr Verfasser heißt. Und Sie haben offenbar ein anderes Gedicht gelesen als meins.

  5. sicher „darf“ literatur alles, was möglich ist. die kombinatorik der silben und worte ist unerschöpflich. und ist bei schwierigkeitsstufe 0 auch vollkommen irrelevant. ab stufe 1 kommt ab und zu ein kritiker vorbei und zwickt – unverhofft – zu – gleich einem wadenbeißer. die meisten der hiesigen schreiber sind jedoch relativ unempfindlich dieser stufe gegenüber.

    ab stufe 2 wird’s langsam bissiger. inskriptionen hat bislang 3 stufen. an stufe 4 wird hart gearbeitet.

  6. Lieber Jens Rudolph,

    zunächst: Es geht nicht um Romantik, es geht um Kitsch. Was zur Rolle der Romantik zu sagen ist, wurde vielfach schon gesagt, ich will nichts wiederholen, nur das Wichtigste: dass sie sich aus den Kämpfen ihrer Zeit heraushalten wollte, weshalb sie die „Vöglein“ und die „Bächlein“, die Burgen und die Burgfräulein besang, um nur ja nicht in den Verdacht zu geraten, der Autor könnte ein Demagoge sein. Die Romantik war also reaktionär, rückwärtsgewandt und propagierte eine Traumwelt, die so nicht existierte. Gut, das war die Romantik als überlebte literarische Stilrichtung. Lassen wir es dabei.

    Sie glauben aber, wenn sie ein „romantisches“ Gedicht schreiben, als Erneuerer der Lyrik auftreten zu können, wenn ich Ihre Replik auf meine Gedichte richtig deute. Der Irrtum ist verständlich, denn wenn man sich zumindest ansieht, was so in den Lyrikenforen im Internet veröffentlicht wird, kriegt man das kalte Grausen, man schwimmt in aufgesetzten Gefühlen, dass nur so die Zähren fließen, und glaubt, die Zeit sei seit Eichendorff aus unerfindlichen Gründen stehengeblieben. Eichendorff! Der hat ja so schön geschrieben! Das ist mal die wahre, die echte Lyrik!

    In Ihrem Gedicht geht es aber um die Liebe. Anzunehmen, dass es nicht um die Liebe zu Eichendorffs Zeiten geht, sondern um eine der Jetztzeit. Aber selbst zu Eichendorffs Zeiten hat man zwischen echtem, starkem Gefühl und Kitsch zu unterscheiden gewusst, nicht nur in der Realität, sondern auch in der Lyrik. Dass es sich bei Ihrem Gedicht um Kitsch reinsten Wassers handelt, ist für mich unbestritten. Ich habe Ihnen das zwischen den Zeilen mitgeteilt, ich dachte, Sie hätten es verstanden. Offensichtlich nicht, denn nun verteidigen Sie Ihr Werk, indem Sie meine Person angehen. Ich aber habe mich ganz und gar nur auf Ihr Gedicht konzentriert, und so soll es auch sein.

    Was aber die Glaubwürdigkeit angeht, so dürfte Ihnen nicht entgangen sein, dass es sich nicht darum handelt, dass ich IHNEN glaube oder nicht, sondern darum, dass Ihr GEDICHT unglaubwürdig ist, eben weil es kitschig und unwahr ist. Vom Heine lassen Sie am besten die Finger, da haben Sie meiner Ansicht nach nun gar nichts verstanden. Es geht nicht darum, dass man über die Liebe nur ironisch schreiben sollte, sondern es geht darum, dass man die Liebe nicht für kitschige Gedichte missbrauchen sollte. Sie ist das größte, das menschlichste Gefühl des Menschen, und so sollte sie auch behandelt werden: schlicht und wahrhaftig.

    Ich habe überhaupt nichts dagegen, dass Sie nicht in die tieferen Geheimnisse der Lyrik eintauchen wollen, bleiben und schreiben Sie, wie Sie wollen, wenn es Ihnen reicht? Manch einer braucht eben nicht viel. Lernen ist sowie ein vermeidbares Übel, Sie bekräftigen ja, dass Sie nichts über Lyrik zu wissen brauchen, wenn Sie Lyrik schreiben. Sollte das aber ein zufälliges Gedichtlein sein, das aus lauter Liebe entstanden ist, vergessen Sie meine Ansichten zu Ihrem Gedicht, das nächste wird vielleicht davon handeln, dass Sie aus dem Himmel der Liebe wieder auf der Erde angekommen sind. Und da wird es dann zur Sache gehen. Und das wird dann vielleicht sogar lesbar sein.

    Liebe Grüße, Antigone

  7. @Antigone
    Sie irren und verwechseln Romantik mit Biedermeier. Nicht die Romantiker haben sich aus der politischen Gesellschaft herausgehalten, die Biedermeier waren es. Denken Sie an den Wiener Kongress und an sein Ergebnis: Viele Menschen in Deutschland wollten ein geeeintes Land und sahen stattdessen die Kleinstaaterei (das Fürstentum) gestärkt. In den Gedichten der Romantik (gerade hier Eichendorff) wird immer wieder der Wunsch nach Einheit des Landes ausgesprochen.
    Also: vorher kundig machen, dann austeilen.
    PS: Meinen Sie, dass Ihr nachfolgendes Liebegedicht „Ohne Zucker“ glaubwürdiger rüberkommt?

  8. ps: in texten geht es nicht ums glauben, sondern ums lesen. und da ist das vögelein vorne mit dabei. beim lesen dieser zeilen werden ähnliche endorphine im gehirn ausgeschüttet wie es kurz vorm eintreten des todes der fall ist.

  9. Frau Kleist, das obenstehende Gedicht ist eines jener intimen Gedicht, die man durchaus schreiben kann, warum nicht? Man überreicht sie der Angebeteten, und das war es. Man stellt sie aber nicht in der Öffentlichkeit zur Diskussion. Das ist der Punkt. Aber wenn er das tut, muss sich der Autor nicht wundern, dass andere Autoren nicht so hellauf begeistert ist wie er selbst und dass er eine Reaktion kriegt. Das wäre dazu zu sagen. Soll er doch schreiben, was er will, ist doch seine Privatsache, dies aber nicht mehr dann, wenn er damit in die Öffentlichkeit geht. Das ist doch nicht schwer zu verstehen. Oder doch?

  10. Liebes „literarische“ Forum, das musste ja kommen. Es verwundert mich nicht im geringsten, dass Sie nicht wissen, dass die Zeit der literarischen Romantik eine Folge der Unterdrückung der Beschlüsse des Wiener Kongresses war. Mit Brille wäre Ihnen das vielleicht nicht passiert, dazu hätten Sie aber zumindest ins Geschichtsbuch sehen müssen. Nun ja.

    Was aber nun das Biedermeier angeht: Auch dies eine Folge der Beschlüsse des Wiener Kongresses. Das deutsche Bürgertum verspießerte zusehends, es zog sich in seine vier Wände zurück, man wollte nicht in Verdacht geraten, etwa zu den Demagogen zu gehören, und wer nichts tut, tut auch nichts Schlechtes, sagte man sich. Von den Demagogenverfolgungen hatten Sie in der Schule nichts gehört? Büchner kein Begriff? „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ kein Begriff?
    Nun ja, man kann nicht alles wissen.

  11. „Kitschig“ ist hier lediglich die Conclusio. Alles andere evoziert die Erinnerung an eine uns bereits fremde Epoche ferner Vergangenheit. Und ist damit in sich selbst aufgegangen und geschlossen.

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