Wir

Beruhige dich doch! Du hast ja recht. Aber hör bitte auf mich deshalb so anzuschrei’n. Es mag nicht richtig sein wie wir dich behandeln. Aber es ist genauso wenig richtig deine Wut über all jene, die auf eine Weise mit dir sprechen die dir zuwider ist, gerade an mir auszulassen. Es stimmt, auch ich habe dich gelegentlich, ja, du hast Recht, schon häufiger in Situationen gebracht, die dich offenbar zur Weißglut bringen. Zum Kotzen? Das tut mir wirklich leid. Ja, meist versuchen wir, uns mit dir ein- und abzugrenzen. Dich ins Feld zu führen. Lager zu bilden. Uns mit dir gegen das Ihr zu verbünden. Die Welt in irgendeine Ordnung zu bringen indem wir Zäune, Hecken, Wände, Mauern und Grenzen errichten. Als wäre der wichtigste Schutz dessen wir bedürfen nicht der Schutz vor uns selbst! Während der Mensch sich in früheren Zeiten inmitten seiner Sippe am Feuer wärmte, hat sein Stammestreiben heute die Gestalt verschiedener Communities angenommen deren soziale Zugangscodes und Erkennungsmerkmale mitunter kaum hinter der Strenge früherer Stammeszugehörigkeiten zurückbleiben. Welche Qualität aber Gemeinschaften zukommt, die sich über gemeinsame Interessen, Ziele oder Feindbilder definieren, mag jeder selbst herausfinden wenn es einmal zum Schwur kommt. Dient ein derart verzwergtes Wir-Gefühl etwas anderem als der gegenseitigen Bestätigung und Bestärkung seiner egozentrischen Teile? Macht es uns zu besseren Menschen, unsere Schäfchen nicht allein, sondern gemeinsam ins Trockene zu bringen, ein gutes Team zu sein? Und nicht wenige von uns halten ihre Fenster und Türen so fest verschlossen, dass ihnen die Bekanntschaft mit dir gleich ganz erspart bleibt. Vielleicht winken sie dir gelegentlich einmal höflich zu um nicht allzu egoistisch zu erscheinen. Zu ihrem persönlichen Wortschatz würden sie dir jedoch niemals Zutritt gewähren, ist doch das letzte was sie sich vorstellen können, ihn mit anderen zu teilen.

Du lässt niemanden außen vor. Weist niemanden zurück. Ein- und Auszuteilen ist dir vollkommen fremd. Alle dürfen mitspielen. Nicht nur das Ich, das Du, das Er, das Sie, das Es und das Ihr, sondern auch alle übrigen Worte sind deine Schwestern und Brüder. Du weißt dich allen Worten gleichermaßen verbunden. Keine Leidenschaft, sei es für einen bestimmten Glauben, eine bestimmte Sache, eine Idee, eine Überzeugung, ein Land, eine Musikrichtung oder Sonstwas veranlasst dich, die Angehörigen anderer Glaubens- oder Musikrichtungen gering zu schätzen oder gar zu bekämpfen. Du suchst nicht nach Anerkennung oder Bestätigung. Welcher Anerkennung solltest du bedürfen, wo dir jedes Wort genauso lieb ist wie du dir selbst und du dich nie über, nie unter andere Worte stellst? Sie sind ein Teil deiner selbst. Warum solltest du dich selbst ausgrenzen oder ablehnen? Nicht aus Eigenliebe also, nicht zur Vermeidung eigener Nachteile, allein aus Liebe sind dir auch alle Arten von Netzwerken, Bündnissen oder Rivalitäten fremd. Du handelst stets so, dass die Maxime deines Handelns nicht nur für bestimmte Wortarten, nicht nur für einzelne Sprachen, sondern für alle Worte als allgemeines Gesetz gelten könnte, ja so grenzenlos ist deine Liebe dass sie die ganze Welt in ihren größten wie kleinsten Verästelungen und Erscheinungen gleichermaßen umfasst. Nicht nur deine Familie, die Personalpronomen, nicht nur die Sprache sondern auch die Menschen, die Tiere, die Pflanzen, Wolken, Steine und Flüsse. Du weißt die belebte der unbelebten Materie als ihrem Entstehungsgrund und Lebensraum verbunden. Unsere Erde als Teil des Universums. Dich selbst gäbe es nicht wenn es die anderen Worte, die anderen Worte nicht wenn es uns nicht gäbe. Uns gäbe es nicht wenn es die Tiere, die Tiere nicht wenn es die Pflanzen, die Pflanzen nicht wenn es die Erde, die Erde nicht wenn es den Himmel, den Himmel nicht wenn es das Licht, das Licht nicht wenn es die Sonne, die Sonne nicht wenn es das Feuer, das Feuer nicht wenn es die Luft, die Luft nicht wenn es das Wasser nicht gäbe.

Und sie alle, wir, 
sind ein klitzekleiner Teil von dir.

Groß bist du, Wir, und höchsten Lobes würdig.
Groß ist dein Herz und deine Weisheit kennt keine Grenzen.

Jens Rudolph
geb. 1976 in Leipzig, Jurastudium in Dresden. Lebt und arbeitet als Familienrichter in Berlin und Potsdam.

8 Kommentare

  1. Guten Tag.
    Das mit den Grenzen und der Welt, die dann vielleicht in Ordnung kommt ist ein schöner Satz. Den hätten wir damals nicht schreiben dürfen. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass ich mich dann in Bautzen wiedergefunden hätte. Geht es hier um Gott? Mit dem habe ich zwar nichts am Hut. Aber es ist schon so, wie Sie schreiben. Die Demut fehlt vielen. Viele halten sich für Sonstewas und sollten eher sehen, dass sie ein klitzekleiner Teil vom ganzen sind. Darauf wurden wir ja in der DDR regelrecht getrimmt. Wir waren ja alle nur ein Teilchen, dass zu dienen hatte. Und es gab große Tiere. Es gibt eben immer welche, die gleicher sind als andere.
    Gruß, Kreon

  2. Ein Meter Gedankenstoff bitte, von dem feinen dahinten. Es kann ruhig auch etwas mehr sein. Ich will mir was schönes nähen davon. Oder harte Nüsse einwickeln. Es ist ja bald Nikolaus…

    Jens Rudolph, wenn oder was Sie damit auch immer meinen, es sprudelt aus Ihnen raus, greift an, lobt und steht sprachlos davor. Vor wem oder was eigentlich???

  3. hab die Kommata jetzt nicht durchgezählt, aber sind nicht genügend dabei? Dann muss mir wohl hin und wieder eins durchgerutscht sein. Ist nicht immer ganz einfach, Ordnung zu halten 😉

  4. He, das ist auch eine super Lösung: „Wir haben 18 Kommata versteckt. Findest du sie?“
    Mmh. Meinem Kind würde ich jetzt die Ohren langziehen. ????
    Der Text ist es wert, gut gegliedert zu werden mit Ansätzen und eben der richtigen Zeichensetzung. Dann liest er sich nicht nur besser, sondern die starken Kerngedanken kommen zutage.

  5. Zwei große Absätze reichen. Soll schließlich alles schön im Fluss bleiben … aber stimmt schon, die Kommasetzung ist vielleicht etwas zu frei …

  6. … und der vorletzte Satz des 2. Absatzes lautete besser: „Dich selbst gäbe es nicht wenn es die anderen Worte, euch (!) Worte nicht wenn es uns nicht gäbe.“

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.