Kakao

Zweite Klasse Grundschule. Ich musste mit zu den wöchentlichen Einkäufen ins Metro-Center, sollte aber nicht in die Verkaufszone. Also wurde ich in der Cola-und-Fanta-Zone geparkt, durfte mich am Automaten bedienen – und bekam neue Stifte zum Malen. Die Eltern wussten, dass sie mich so für zwei Stunden ruhig stellen konnten.

Ich freute mich, dass ich einen Tisch zum Malen ergattert hatte. Dass keine fremden Kinder auftauchten, sei es um mich zu bewundern, zu ärgern, oder mir die Stifte wegzunehmen. Die meisten von ihnen wollten keine Stifte. Bockwürste wollten sie, schmissen sich auf den Boden und heulten. Nicht so ich. Ich erkannte den Platz, den ich mir selbst zugeteilt hatte, ging zielstrebig den Automaten an, wählte ebenso schnell das viel zu süße, kribbelige Getränk aus. Klappte das Etui auf. Stifte sind Waffen. Ich zeichnete Gondeln und Häuser, elektrische Leitungen und Plastiksäcke voller Unrat. Dicke Wolken und Hubschrauber. Rennende Menschen, oder solche, die ihre Gärten umgruben. Ich hatte mich tatsächlich zwei Stunden lang nicht vom Fleck bewegt – außer, um ein Gummitier in grün in eines in rot zu tauschen.

Ich strahlte vor Freude. Wie ein Atomkraftwerk. In der zweiten Klasse hatte ich noch nicht gelernt, das Wort Depression zu buchstabieren, geschweige denn, die dicken Wolken in meinen Zeichnungen als Auftakt schlechter Stimmung zu begreifen. Allerdings hatte ich bei Mutters wieder Auftauchen die Contenance verloren. Ich zeigte ihr eine Zeichnung, die mehr Schrift als Bild war. Und war nicht in der Lage gewesen, das Wort Kakao zu schreiben. Ich hatte also improvisiert. Das Ergebnis war verheerend.

Noch heute reagiere ich gelassen, wenn mich jemand in Grund und Boden kritisiert. Hat es mir doch schon damals den Antrieb gegeben, mich zu geistigen Höhenflügen aufzuschwingen.

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