Sinnvolle Aufgabe

Von | 8. Dezember 2021

Zweite Klasse Grundschule. Die Eltern ließen sich wieder etwas Neues einfallen. Ich musste mit zu den wöchentlichen Einkäufen ins Metro-Center, sollte aber nicht in die Verkaufszone. Ich wurde also in der Cola-und-Fanta-Zone geparkt, durfte mich am Automaten bedienen und bekam neue Stifte zum Malen. Die Eltern wussten Bescheid. Sie wussten, dass sie mich so für mindestens zwei Stunden ruhig stellen konnten.

Und ich war ruhig gestellt. Ich freute mich, dass ich einen Tisch zum Malen ergattert hatte. Dass keine fremden Kinder auftauchten, sei es um mich zu bewundern, zu ärgern, meine Nähe zu suchen oder mir die Stifte wegzunehmen. Bockwürste wollten sie, schmissen sich auf den Boden und heulten. Nicht so ich! Ich erkannte den Platz, den ich mir selbst zugeteilt hatte, ging zielstrebig den Automaten an, wählte ebenso schnell das viel zu süße, viel zu kribbelnde Getränk aus. Ich klappte das Etui auf. Stifte sind Waffen. Die Eltern hatten ihre Ruhe. Ich zeichnete Gondeln und Häuser, elektrische Leitungen und Plastiksäcke voller Unrat. Dicke Wolken und Hubschrauber. Rennende Menschen, oder solche, die ihre Gärten umgruben. Mutter war begeistert, ich hatte mich zwei Stundenlang tatsächlich nicht vom Fleck bewegt – außer, um ein Gummitier in grün in eines in rot zu tauschen.

Ich strahlte vor Freude wie ein Atomkraftwerk. In der zweiten Klasse hatte ich, obwohl in Ausdruck und Konversation perfekt und in Schale, noch nicht gelernt, das Wort Depression zu buchstabieren, geschweige denn schwarze Umhänge, die übrigens fleißig gezeichnet wurden, als Auftakt von schlechter Stimmung zu verstehen. Irgendwie hatte ich jedoch bei Mutters wieder Auftauchen die Contenance verloren. Ich zeigte ihr eine Zeichnung, die mehr Schrift als Bild aufwies. Mutters Blick wurde streng. Ich war tatsächlich nicht in der Lage gewesen, das Wort „Kakao“ korrekt zu schreiben. Ich hatte frisch und fröhlich drauf los improvisiert. Das Ergebnis war verheerend.

Noch heute goutiere ich es milde lächelnd, wenn mich jemand, der mich gerade zwei Stunden am Stück los sein wollte und daher ruhig gestellt hatte, anschließend in Grund und Boden kritisiert. Hat es mir doch schon damals den Antrieb gegeben, mich zu geistigen Höhenflügen aufzuschwingen.

Fazit: Flügel benutzen!

Ein Gedanke zu „Sinnvolle Aufgabe

  1. Setzen!

    Frau Kleist! Bitte Wiederholungen möglichst vermeiden!

    „Zum dritten Mal schwinge ich mich nun auf mit lahmen Flügeln (muss man die vielleicht aufpumpen wie den Fahrradschlauch? […]“ (Frau Kleist, September 2011)

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