Späte Jahre

Von | 14. Mai 2021

Wir haben eine Katze und einen Regenschirm. Wir haben einen Raum für glückliche Momente und einen Raum für die Einsamkeit. Vom Fenster aus kann man die schneeverhangenen Berge sehen. Zu weit, sagst du manchmal, viel zu hoch für so kleine Leute wie wir. Dann nimmst du den Schirm und machst eine Runde ums Haus. Du bist genau 2 Minuten und 17 Sekunden draußen. Jeden Tag. Dreihundertfünfundsechzig Mal im Jahr. Während ich dastehe und auf die Uhr schaue und warte, bis ich die schweren Schuhe im Flur höre. Dein Kreischen, wenn du dich auf die Garderobenbank setzt, um die Schuhe auszuziehen. Die Katze spitzt die Ohren und läuft in den Flur. Sie schaut dir zu, wie du die Pantoffeln wieder anlegst und dir nach, wenn du dich in den Raum für die Einsamkeit zurückziehst.
Wir hatten einen Raum für glückliche Momente. In den ersten Jahren haben wir darin Bücher gelesen, von der Zukunft geträumt und zum Fenster raus gesehen. Die Berge waren näher und wir wollten hoch hinaus. Hoch über die Berge, sagtest du, dahinter beginnt das Meer.
Das Meer haben wir nie gesehen und auch nicht den Gipfel des Berges. Was dahinter wirklich ist, werden wir wohl nie erfahren.

Kategorie: Realitätsschatten

Über Christa Issinger

geb. 1963 in Brixen (Südtirol), wohnhaft in Natz-Schabs, verheiratet, ein Sohn. Veröffentlichungen in versch. Anthologien und Literaturzeitschriften, 2014 Preisträgerin des Hildesheimer Lyrikwettbewerbes, Autorin des Buches: Die Liebe ist nicht rot.

4 Gedanken zu „Späte Jahre

  1. Maximaler frischer Wind

    Da muss ich an diesen Bankangestellten denken. Aus Graf Öderland. Erst Montag. Dann Dienstag. Mittwoch. Donnerstag. Freitagabend ist der Höhepunkt der Woche. Der Sonntag – der wird schon vom Montag überschattet.

    Graf Öderland, mit der Axt in der Hand…

    Auf nach Santorin!

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