Und

Wie bescheiden es da steht. Gänzlich ungeübt darin, groß geschrieben und allein im Rampenlicht einer Überschrift zu stehn, kommt es sich ganz verloren vor. Und doch ist es an der Zeit, es endlich einmal angemessen zu würdigen. Also halte durch, kleines großes Und. Du wirst sehen wie gut es tut, einmal ein wenig Anerkennung für deinen unschätzbaren Dienst zu erhalten. So viele Worte vermögen mit ihrer Bedeutung Bilder, Assoziationen und Erinnerungen auszulösen oder uns und andere mit der Schönheit ihres Klanges, ihrem Humor, ihrer Dynamik oder Tiefe für oder gegen sich einzunehmen. Einigen von ihnen werden wir auf den kommenden Seiten begegnen. Du hingegen verfügst über keine solchen Reize und doch will mir dein Wirken für unsere Sprache noch viel bedeutsamer erscheinen als mancher Begriff, der uns mit seiner eindrucksvollen Bedeutung besticht. Welches Wort wäre schließlich so wie du in der Lage, andere Worte, Dinge, Gedanken, Menschen, ja Welten selbst über größte Unterschiede und Gegensätze hinweg miteinander zu verbinden? Nur dank dir können wir so unterschiedliche Beziehungen wie die zwischen Sonne und Mond, Romeo und Julia, laut und leise, Pat und Patachon, Tag und Nacht, Kraut und Rüben oder Leben und Tod zum Ausdruck bringen. In vollkommener Neutralität stellst du deine Beziehungsfähigkeit allem und jedem zur Verfügung, ohne je eines der durch dich verbundenen Worte oder Glieder eines Satzes zu bewerten oder zu beurteilen. Du bist eines jener oft unscheinbaren Wesen, die selbst verschiedenste Worte und Geschöpfe in ein Miteinander, ins Gespräch zu bringen vermögen, ganz unabhängig davon, ob sie in einer innigen Liebesbeziehung leben oder sich ganz unversöhnlich gegenüber stehen. Ohne dich wäre unsere Sprache ein beziehungsloser, von vereinsamten Einzelexistenzen bevölkerter Raum aus Aufzählungen und Aneinanderreihungen. Romeo, Julia, Tag, Nacht, laut, leise, Zucker, Salz. Unser verbaler Austausch nähme den Duktus einer To-do-Liste an. Du bist damit nicht nur das Beziehungsgenie unter den Worten. Du ermöglichst auch erst den fließenden Rhythmus unserer Sprache.

Gewiss, auch die übrigen Wörter aus dem Kreis deiner Familie, die wir als Binde- und Fügewörter oder Konjunktionen bezeichnen, tragen einen beträchtlichen Teil dazu bei, dass wir Beziehungen sprechen und in ihren unterschiedlichen Gestaltungen denken und bewerten können. Doch vermag kein anderes Wort sie wie du von jeglicher Bewertung frei zu gestalten und den so Verbundenen eine unvoreingenommene Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen. Nicht selten gelingt es dir dadurch, ungeahnte Gemeinsamkeiten zu fördern, die jene Wenns, Abers und Entweder-Oders unserer Welt beim besten Willen nicht zu erkennen vermögen. Ihnen fehlt jene zugewandte Offenheit, mit der wir all den Worten und Dingen begegnen, denen wir mit dir entgegen sehen. Manch vermeintlicher Gegensatz, manche Polarität stellte sich so schon als gedankliche Chimäre heraus. Mancher Streit löste sich in Wohlgefallen auf. Und lassen sich nicht erst so jene Einsichten erschließen, die wir mit Wunsch und Willen, die wir denkend und bewertend nie zu finden vermögen?

Natürlich ist es gerade auch die Fähigkeit, zu bewerten und zu beurteilen, die uns Menschen ausmacht. Schon um Dinge und Wesen strikt voneinander getrennt halten zu können, die sich partout nicht miteinander verstehen. Nur so vermögen wir ein friedliches Zusammenleben zu gestalten und uns die Welt denkend und argumentierend zu erschließen. Ohne die Bereitschaft, Position zu beziehen und sich abzugrenzen, gibt es keine Freiheit. Und wo diese Freiheit, wo Menschlichkeit und Toleranz gar bedroht sind, sei es etwa durch Rassismus, Antisemitismus, Extremismus oder Gewalt und Hetze, ist die Grenze jeder Neutralität und Akzeptanz erreicht. Doch wie schwer fällt es uns Menschen oft, die Welt in all ihren Schattierungen überhaupt erst einmal frei von eigenen Bewertungen und Emotionen wahrzunehmen. Ihr unvoreingenommen und offen zu begegnen. Wo aber die Bereitschaft fehlt, zunächst einmal inne-, ja an sich zu halten; die Fähigkeit, zwischen der äußeren Welt in all ihrer Komplexität und unserer Wahrnehmung, zwischen Tatsachen und Bewertungen zu unterscheiden, beginnt die Sprache unseren Blick mehr zu vernebeln als ihn zu erhellen. Ohne ein Bemühen, die Welt in ihrer Streitbarkeit, Gedanken und Positionen in ihrer Gegensätzlichkeit zunächst einmal anzunehmen und auszuhalten, wird es schwer fallen, Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu finden.

Dies ist dir, liebes Und, wiederum ein Leichtes. Du lässt selbst schärfste Gegensätze da sein, ohne sie durch eigene Bewertungen oder Emotionen einzuschränken oder gar noch anzuheizen. Ganz als wüsstest du, dass wir die Welt in ihrer Vielfalt mit all den verschiedenen Wörtern unserer Sprache nur dann zu finden und zu erkennen vermögen, wenn wir sie in ihrer Verbundenheit begreifen und verstehen. Dass all die einfachen, vermeintlich klaren Formeln, Abgrenzungen, Begriffe und Bewertungen, mit denen wir die Welt so gerne auf das Maß unseres Geistes zusammenfalten, bestenfalls Halbheiten bleiben. Dass mindestens zwei Seiten, das Für und das Wider, oft aber eine schier unendliche Zahl an Faktoren und Facetten gleichzeitig miteinander vorhanden und zu bedenken sind. So führst du uns wie kaum ein anderes Wort vor Augen wie wichtig es ist, jede Einseitigkeit zu vermeiden. Dass nur dort Licht, wo auch Schatten ist. Das Verbindende zu denken und nicht das Trennende. Türen zu öffnen, statt sie zu schließen. Auch den schmerzlichen Erfahrungen und Empfindungen, die das Leben für uns bereit hält offen entgegen zu gehen, geben sie ihm doch erst seine Würze und Fülle. Bekanntlich vergrößern wir sie nur, wenn wir sie verdrängen oder bekämpfen. Unserem Zusammenleben und unseren Beziehungen den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie benötigen, und sie immer wieder neu zu bedenken. Und mit deinem Beziehungstalent wirst du mir hoffentlich auch verzeihen, wenn ich hier den ein oder anderen Ausflug in fernliegende gedankliche Gefilde unternehme, ja abenteuerliche Abschweifungen, überraschende Sprünge und auch längere Umwege müssten eigentlich ganz in deinem Sinne und nach deinem Geschmack sein. Mögen also Denken und Phantasie in diesem Stück, in dem du die ersten Töne spielst, nur immer frei und lustig aufspielen und sich vor allzu engen Gehegen hüten.

So still du nun aber zu wirken verstehst, so unersetzlich du für das Miteinander all der vielen anderen Worte auch bist, so leicht wirst du auch übersehen. Nicht nur in der Welt der Sprache fehlt uns oft der Blick für all die kleinen Wörtchen, die Beziehungen stiften und deren Schönheit im Inneren und ihrem fast unmerklichen Wirken liegt. Auch alle Menschen, die dadurch Sympathie und Verständnis füreinander fördern, dass sie für andere da sind, die sich persönlich und ohne Ansehen der Person um das Wohlbefinden anderer und aller, um das Miteinander all der so unterschiedlichen Wesen auf unserem Planeten kümmern, werden von uns leicht übersehen. Als wüssten wir nicht, dass ihr, dass dein Wirken im Kleinen das Große oft erst ermöglicht. Wie häufig denken wir, wenn wir die Architektur eines Hauses bewundern noch an das Werk der Maurer, die es Stein für Stein zusammenfügten? An das unermüdliche Wirken all der Pflegerinnen und Pfleger, die sich Tag und Nacht um Alte, Kranke und Menschen mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen, die sich um das Wohl der Tiere oder schon in den frühen Morgenstunden um Pflanzen, Parks und Gärten kümmern? An die Krankenschwestern und -pfleger, Rettungssanitäterinnen und Sanitäter, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten die anderen dabei helfen, Krankheiten und Krisen zu überwinden? Streetworker und Sozialarbeiterinnen? An Mütter und Väter, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Kraft und Zeit dem Wohlbefinden und der Bildung unserer Kinder und nicht selten auch uns Eltern widmen? Die Gastwirte und Wirtinnen, Kellnerinnen und Kellner die uns an ihren Tischen und Stühlen und all die anderen Künstlerinnen und Künstler die uns Beziehungs- und Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen?

Wie sehr sind wir auch darauf angewiesen, uns gegenseitig mit einem herzlichen Lächeln oder Scherz, einer kleinen Geste oder einem Gespräch zu bezeugen, dass wir im All nicht allein, sondern Mensch unter Menschen sind? Geben wir unseren Mitmenschen oft genug Gelegenheit, dies mit uns zu empfinden? Kümmern wir uns genug um all diejenigen, die krank oder einsam sind, die mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben, die nicht arbeiten können, keine Arbeit finden oder gar auf der Straße leben? Zeigen wir ihnen allen, all unseren Mitmenschen, dass wir sie wahrnehmen? Zeigen wir all jenen, die Tag um Tag, manche Nacht und viele Feiertage und Wochenenden unermüdlich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und unsere Gemeinschaft, unser Zusammenleben und unsere Gesundheit im Kleinen tätig und verantwortlich sind oft genug jene Wertschätzung, die sie verdienen? Den Landwirten und -wirtinnen? Putzfrauen und -männern, Briefträgerinnen und Paketboten? Fensterputzern, Stadtreinigern und Straßenfegern? Verkäuferinnen und Verkäufern? Den Friseuren und Friseusen, Feuerwehrfrauen und -männern, Bus- und S-Bahnfahrern? Polizistinnen und Polizisten, Soldatinnen und Soldaten die Demokratie und Frieden sichern? Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Jobcentern, die anderen dabei zu helfen versuchen, wieder Arbeit zu finden? Die sich um die Integration von Menschen anderer Herkunft und Geflüchteter bemühen? Unseren Hausmeistern, Pförtnerinnen und Pförtnern? Wäscherinnen und Wäschern, Bauarbeitern, Stadt-, Müll- und all den anderen Handwerkern und -werkerinnen? Und was ist mit all den Vielen, die ehrenamtlich und außerhalb des Berufslebens für andere da sind? Wären wir ohne sie und all jene, die mir hoffentlich verzeihen dass ich hier versäume, sie ausdrücklich zu erwähnen, um nicht völlig den Faden zu verlieren, wären wir ohne dich, liebes Und, nicht gänzlich aufgeschmissen?

Und so verwundert es wenig, dass wir ungeachtet all der Worte und Wesen, die sich mit Vorwitz, Dünkel, forschen und großen Tönen, Rang und Namen oder langen Ahnentafeln ins rechte Licht zu rücken wissen nur die Worte „die“ und „der“ noch häufiger verwenden als dich. Wenn wir dir also bislang auch viel zu selten die Achtung und Wertschätzung entgegen gebracht haben, die du verdient hättest, so belegt dies immerhin, wie sehr wir Worte und Wesen wie dich brauchen. Wie wenig ohne dich wohl von der inneren Schönheit unserer Sprache bliebe. Und, ich verspreche, nicht länger gedankenlos über dich hinwegzupreschen und nie mehr die Achtung und Aufmerksamkeit für deine Beziehungsarbeit zu verlieren, so leise und unmerklich du sie auch zu verrichten vermagst, sind es doch erst und eigentlich die Beziehungen, die uns zu Menschen und eine Sprache zu der unseren machen.

Dieser Beitrag wurde von Jens Rudolph am 9. Juni 2020 um 13:49 Uhr geschrieben.

Genre: Erinnerungsbrösel, Gemütstiefe, Realitätsschatten, Trauersymmetrie, Wortmysterien

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