Archive for August, 2020

migration

Sonntag, August 23rd, 2020

im gerodeten auge speicheln die töne
(zerfurcht) wie gras
sage ich: lied singe dich selbst da mir die worte entblutet
entkernt entblättert die früchte vom lippenrand
tödlich dies murmeln (zusammen-
gerottet):

iss von den klängen!
im schweigen verborgen (so sprachst du)
ein taumeln schlingernd zurück
zum urgrund sprache mit flammen-
schwertern vorm tor

(überm feuer) zischen die jahre
tage stunden wie einst dieser biss in verbotene äpfel

riss ich die kette von unsren lippen
küsste den stein vom ufergeröll –
vom kerzenrand schlänge mir einer den (flackernden) docht
um den fliehenden hals … diese trunkenen augen
(von alters her)

sie mit glühendem eisen (auf ewig) zu blenden
entfernteste worte (unausgesprochen) begegneten sich
in rasendem lauf

ein stummer gesang

wir hätten verlieren können

Samstag, August 22nd, 2020

Windfelder liegen zwischen uns
der Schimmer nächtlichen Gerölls
zwei oder drei Schritte weiter: da
waren keine Worte mehr

vergnügungen

Mittwoch, August 19th, 2020

der sommer hat ausgeatmet
der dunst der tage legt sich
auf mein gemüt
wir hatten die felder bestellt
und den regen besungen

nun werfen wir uns schatten zu
gedüngt sind die momente
des letzten jahres
halte meine hand
nur noch ein einziges mal

vater

Mittwoch, August 19th, 2020

im unterhemd saßt du
mit dem bleistift in der hand
eine geschichte im kopf
mich auf dem schoß
und in diesem augenblick
flog die sehnsucht über den horizont
das blei des stiftes
kratzte am papier
der schweiß deines körpers
roch nach einem harten tag
und ich auf deinem schoß
der baum auf dem papier
ragten äste in die luft
du warst so leise oder müde
und ich war dein kind
bis dahin

zeichensprache

Mittwoch, August 19th, 2020

im späten licht des tages
fallen regenstriche zwischen uns
wir falten wortfragmente zusammen
und legen sie zur erinnerung
eines tages sagst du
wirst du dankbar sein
über die beschirmenden worte
und den regen in meinem blick

Urlaub, Schule, Wellenangst

Dienstag, August 18th, 2020

oder Das neue Virus wird harmloser

Eine der für medizinische, aber auch juristische Gesichtspunkte entscheidenden Fragen betrifft die Entwicklung des neuen Coronavirus: Wird es im Laufe der Zeit, d.h. im Zuge der für RNA-Viren typischen zahllosen Mutationen, für den Menschen gefährlicher oder harmloser?

Vermeintlich liegen uns dazu keine Erkenntnisse vor. Die Erfahrung mit SARS-1 und MERS aus den letzten Jahren legt nur nahe, daß das neue Virus wahrscheinlich im Laufe der Zeit harmloser wird. Es hat evolutionsbiologisch wenig Sinn, wenn es seine Wirtsorganismen vermehrt umbringt. So resümierte Christian Drosten in seinem „Corona-Update 47“ vom 11.6.2020: „Und dieses An­passen, das kann eben durch zueinander Zufügen von unterschiedlichen Mutationen in unter­schiedlichen Populationsabteilungen passie­ren. Und die phänotypischen Veränderungen, die dabei entstehen können, wären zum Beispiel, dass das Virus noch besser in der Nase repliziert und besser über­tragen wird. Aber in der Nase werden wir nicht allzu krank davon. Das heißt, das Ganze wird auf lange Sicht zu einem Schnupfen, der sich für die Lunge gar nicht mehr interessiert. So etwas könnte passieren.“ Drosten relativiert dieses Szenario auf seine gewohnt flapsige Art im nächsten Atemzug und kehrt es in sein direktes Gegenteil um: „Das Virus optimiert sich auf die Nase und sagen wir mal, lässt die Lunge außer Acht, dann wird das ein Vorteil für das Virus sein. Im anderen Fall, wenn das Virus in seiner Evolution das allgemeine Replikationsniveau steigert, dann haut das überall so richtig rein – in der Nase, aber auch in der Lunge. Und wir fühlen uns dann schneller krank oder viel mehr von uns fühlen uns krank.“

Bevor wir beginnen, auf Grundlage von Spekulationen auf Molekülebene gesundheitspolitische Horrorvisionen zu entwickeln, lohnt es sich, einen Blick auf die tatsächliche Entwicklung der Fallzahlen der Patienten mit Covid-19 in den Intensivstationen zu werfen. Während zu Beginn des Lockdown die befürchtete Überlastung des Gesundheitssystems zum Rechtfertigungsgrund für die grundrechtseinschneidenden Maßnahmen herangezogen wurde, ist es medial in den letzten Monaten bemerkenswert still um die Situation der ITS geworden. Nun neigen sich die Sommerferien des Jahres 2020 dem Ende zu, etliche Urlaubsrückkehrer haben mit PCR-Positivbefunden für Aufsehen  gesorgt. Weiterhin wird – genau wie im März und April – im Halbstundentakt die Absolut­zahl der Infizierten berichtet, als handele es sich um eine valide und interpretierbare Größe.  In einigen Bundesländern hat die Schule bereits begonnen und das Bekanntwerden einzelner Infek­tionen – hier ein Schüler, dort eine Lehrerin – genügte, um ganze Schulen vorübergehend zu schließen.

Tatsächlich beobachten wir eine Schere zwischen der Zahl der PCR-Positivbefunde und der Schwere der Krankheitsverläufe. Ein aussagekräftiges Maß für diese Entwicklung ist der Anteil der ITS-Patienten an der Zahl der aktiven Fälle. Betrachten wir die vom RKI zusammengeführten Angaben der deutschen Gesundsämter, so ist von Mitte April bis Mitte Juli eine kontinuierliche, ja dramatische Abnahme der aktiven Fälle um das Zehnfache, von ca. 50000 auf ca. 5000, festzustellen. Die Zahl der Positivbefunde war zum Anfang des Sommers so gering, daß Gesundheitsminister Spahn bereits auf die Gefahr hinwies, Falsch-Positiv-Befunde könnten zu einer Überinterpretation der Fallzahlen beitragen: „Weil die Tests ja nicht 100 % genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben noch eine Fehlerquote haben. Und wenn sozusagen insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht und sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben sie auf einmal viel mehr falsch-positive als tatsächlich positive.“ (in: „Bericht aus Berlin“ vom 14.6.2020)

Von Mitte Juli bis Mitte August 2020 zog die Zahl der (Falsch-) Positiv-Befunde wieder an, im übrigen synchron zur gesteigerten Testaktivität, mit der die Urlaubsrückkehrer willkommen ge­heißen wurden. Was geschah im selben Zeitraum mit der Zahl der wegen Covid-19 auf einer ITS behandelten Patienten? Diese Gruppe scheint aus dem Fokus der Medien beinahe vollkommen verschwunden zu sein, obwohl es doch ursprünglich vor allem um die ITS-Kapazitäten, so die Vorgabe, ging. Für den totalen Verlust an öffentlicher Aufmerksamkeit für die coronainfizierten ITS-Patienten ist ein triftiger Grund zu nennen: Ihre Zahl nimmt, ungeachtet der Urlaubsreisen und Schul­öffnungen, seit Mitte Mai stetig ab! Wir haben auf der einen Seite also in der zweiten Sommerhälfte wieder moderat steigende (Falsch-) Positivbefunde, auf der anderen Seite kontinuierlich sinkende Coronafallzahlen auf den ITS. Der Quotient zwischen der Zahl der ITS-Patienten mit Corona und der aktiven Fällen drückt diesen Sachverhalt plastisch aus:

ITS vs aktive Fälle

Abbildung: Verhältnis der Zahl der in Zusammenhang mit Covid-19 auf der ITS behandelten Patienten zur Zahl der aktiven Fälle in %  (Daten laut RKI).

Mit anderen Worten: das Corona-Virus hat seine epidemiologische Gefährlichkeit in den letzten Monaten stark eingebüßt. Obwohl es sich wieder zu verbreiten scheint (wenn es sich nicht um Meßfehler handelt), nimmt die Zahl schwerer Krankheitsverläufe ab. Dies bedeutet nicht, daß es im Einzelfall keinen schweren Verlauf geben kann. In der Summe treten schwere Verläufe jedoch viel seltener auf. Warum berichtet darüber niemand? Der beruhigende Kern dieser Erkenntnis geht unter anderem darauf zurück, daß die Zahl der ITS-Patienten eine recht valide Größe darstellt, repräsentativ für alle ITS und weitaus weniger fehleranfällig erfaßt wird als der Genomabschnitt, den wir seit Januar das neue Coronavirus nennen.

Warte : lausche : da

Donnerstag, August 13th, 2020

Manchmal möchte ich
Den Augenblick verlängern : laufe
Eine Runde oder zwei : schwimme
Warte : lausche : da
Dringt sie ein : die Zeit
Sie bleibt nicht
Stehen : sie verflüssigt sich
In meinem Blut : kreist
Zwischen Herz und Hirn
Im Sitzen trete ich
Den Wettlauf an

Langsam gewinnt

Featuring : Josif Brodskij : Von der Landschaft

Montag, August 10th, 2020

für Girolamo Marcello

Die Sonne geht unter, und die Bar an der Ecke ist dicht.

Die Laternen gehen an, haargenau ihre Augen schminkt so eine Mime
mit der lila Farbe für Schönheit und Grauen.

Kopfschmerz fällt am Fallschirm aus dem dunkelblauen
Raum zielgenau auf die Stirn des Feindes aus dem Stall Pirelli.

Und zwei Tauben im Gesims des Palazzo Minelli
vö.eln in den letzten Strahlen des Gestirns,

achtlos planschend in der Dünung des Hirns
wie unsere griesgrämigen Vorfahren unter vorsintflutlichen
Umständen, ganz ähnlichen zu heute und hier, vermutlich.

Das sind Schläge einer Glocke, vom Glockenturm purzeln
frei in den venezianischen Himmel Wurzeln,

haargenau fallende, zielbewusst wandernde
nie den Boden erreichende Früchte. Gibt es ein anderes

Leben, so wird in ihm jemand damit befasst sein,
diese Dinge zu sammeln. Und ich darf gefasst sein,

all das bald zu erfahren. Hier, wo so viel Entzücken
seinen Samen vergossen, Tränen des Glückes

und des Weins, an einer Ecke irdischen Paradieses
stehe ich am Abend, sauge diese

herbstlich-winterliche, lungengummiartig schwellende
saubere, sich von Dachziegelrot erhellende

hiesige Luft ein, von der,
wer sie atmet: braucht mehr.

Mehr und mehr – hinterher! vom Duft
sich aus Lebenszellen befreiender Luft,

sich befreiend von Zeit. Wälzt haargenau Geld um,
leckendes Wasser macht diese Welt stumm

mit seinen Azuranteilsscheinen am Palazzo, wofür es als Wechselgeld
einen zerfressenen Stein erhält

mit seiner Dermatitis
und eine bröckelnde Karyatide, die

sich den Sprechapparat mitsamt seiner Zigarette
auf ihre Schultern bettet

und, schwer in Vogel-Wahrnehmung eingetaucht,
seit sie im nach außen gewendeten Schlafzimmer raucht,

von des Anstands Sitte befreit ist,
mal aussieht wie jemand, der bereit ist,

mal – wie ein um den Verstand gekommenes römisches
Zahlzeichen, mal – Verszeilen handgeschrieben und Geflüster, böhmisches.

Herbst 1995
Casa Marcello