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Tante Hilde oder Alle sind verdächtig

Sonntag, Juni 28th, 2020

Tante Hilde in Gelb oder Alle sind verdächtig
[Anfang einer] Krimisatire

 

1

Es sind die letzten Wochen der Krise, der Krise des Krieges, den wir begonnen haben und der schon lange währt. In diesen letzten Wochen scheint die Sonne so eifrig, wie Preußen es lange nicht gesehen hat, und die Hauptstadt ist blüten- und bombenüberzogen, wunderschön, voller Wunden, viel mehr Wunden verschuldend an anderen Enden der Welt und schön, dass es der Frühling ist, der sie – die Stadt und das Reich, das sie zum Wahnsinn bringt – in den Anfang des Untergangs stößt.

So sehr blitzt die Sonne, so wolkenlos ist der April, scharf wie ein Schwert fährt der Himmel in die Praxis und meine Tante Hilde – Dr. Hilde Kampf – lässt die Klapperjalousie herunter, damit sie besser in Himpis Mund schauen kann. Falls das Licht sich nämlich in ihrem kleinen runden Zahnarztspiegel bricht und ihr ins Auge fällt, muss sie selbiges zukneifen und dann verschiebt sich der Fokus, dann beginnen die kleinen Viecher zu tanzen in Himpis Rachen, die sie eben noch versucht hat zu streicheln. Zum Zweck der Narkose, wie sie Himpi beruhigt und belügt. Narkosemittel sind an der Heimatfront nicht mehr vorhanden und Himpi hat sowieso Angst vorm Zahnarzt, deswegen kommt er zu ihr. Streicheln muss sie die Tierchen, um in Wahrheit unauffällig einen Abstrich von ihnen zu machen, den ihre Freundin – meine Oma – nachher mitnehmen kann ins Gesundheitsamt oder das, was davon noch steht. Hoffentlich kommt der Abstrich noch vorm Untergang ins Labor.

Ein Labor, ein Labor, ein eigenes Labor…

Gleich ist es vorbei, sagt Tante Hilde, ich nehme jetzt die Zange – sie hält Himpi die Zange vors Gesicht, das hat er bestimmt gern -, greift entschlossen den zerfressenen Zahn und zieht ihn mit einem Ruck raus.

Bevor Himpi wimmern kann, brüllt er bereits.

Hilde ist eine sportliche Frau von 35 Jahren, die im weißen Tennisrock durch ihre Praxis turnt. Die roten Wangen glühen bei dem Kraftakt und das männertreublaue Oberteil steht ihr famos. Doch das kann Himpi nicht sehen. Er kneift die Augen zu vor Schmerz und brüllt noch nach, dann fängt er an zu weinen wie ein Kind, das hingefallen ist, hält wieder den Mund auf, damit Hilde die Wunde reinigt und desinfiziert.

Streicheln, so so, murmelt Himpi danach.

Wir hätten doch das Cocain nehmen sollen, mein Himpi, aber Sie wollten ja nicht. Früher hat man es so gemacht, es funktioniert einwandfrei und die Nebenwirkungen kann man vernachlässigen. Das Bisschen Abhängigkeit…

… ist sowieso schon vorhanden, ergänzt Himpi und hat seinen knarzenden Tonfall wiedererlangt. Er legt sich das schweißfettige Haar quer über die Stirn und streicht sich das Blut aus dem Bärtchen. Ich werde Ihnen für den Rest meines Lebens dankbar sein. Also nicht mehr sehr lange. Bitte bezeugen Sie meinen Mut.

Sie müssen in einer Woche wiederkommen, ich muss die Wunde noch einmal sehen.

In einer Woche, da bin ich schon tot, sagt Himpi glasig.

Ach was, wenn der Feind erst besiegt ist, nehmen wir uns den anderen Zahn vor.

Sind Sie verheiratet?

Das hat noch Zeit.

Aber ich werde heiraten, Fräulein Dr. Kampf, und zwar schon bald. Ich habe nämlich – sagen wir so – keine Zeit mehr.

Gratuliere, sagt Hilde ohne Bedacht.

Sie können es sich wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich bin sehr sentimental, jedenfalls wenn es um mich geht. Ich fühle mich nahe dem Tod.

Tante Hilde verspürt einen Brechreiz und wirft den blutigen Zahn in den Eimer.

Sie werden uns doch jetzt nicht verlassen, sagt Hilde automatisch; dabei streift sie unbemerkt Himpis Rachenextrakt von der Pipette.

Im Gehen sagt Himpi: Hunderttausend Tulpen wurden in Japan abgemäht, damit die Feinde kein Ziel haben. Als ob noch ein Flugzeug bis dahin fliegt.

Ihre Augen…, sagt Hilde, denn Himpi macht schon wieder ganz kleine Schlitze.

Sind trocken. Selbst wenn ich weine. Ich vertrage kein Licht mehr. Ich sehe Sie völlig in Gelb, Fräulein Doktor.

Das sind die Forsythien draußen vorm Fenster. Sie leben zu lange im Bunker, mein -!

Wiedersehen, sagt Himpi.

Der Mann ist ein Wrack, denkt Hilde und es zieht sie zu dem Reagenzglas. Sie nimmt das Glas hoch, schaukelt es ein wenig, öffnet das Fenster, um im Gegenlicht die unbestimmbare Mitte in der klareren Flüssigkeit besser zu sehen. Wer wenn nicht Himpi hat den Infekt? Der Mensch mit den schlechtesten Immunkräften, der am ungesündestes lebt, derjenige, der die größte Schuld auf sich geladen hat, infolgedessen der angegriffenste Mensch überhaupt? Der noch dazu konsequent seit Jahren im Dunkeln lebt und sich von Kartoffelbrei ernährt. Es könnte die Wunderwaffe sein, aber das hier im Glas ist Himpis Schnodder. Hilde ist gar nicht an Waffen interessiert und auch nicht an Himpi. Hilde ist Zahnärztin, sie hält die Stellung für Notfälle in schlimmster Zeit, und Infektionskrankheiten sind ihr Hobby.

Ein detektivisches Hobby, das sie mit meiner Oma teilt seit der Zeit, als sie zusammen die Sanitätsausbildung machten. Ein Hobby, das Hilde im Geheimen betreibt, damit es ihr nicht entrissen, damit ihr leidenschaftliches Interesse für die Wissenschaft nicht ein Raub des Krieges wird. Infektiologie geht über einzelne faulige Münder hinaus und betrifft das Wohl der ganzen Menschheit. Meine Oma, die als Angestellte des Gesundheitsamtes sowieso verstrickt ist in Politik, sieht die Dinge ganz nüchtern. Wir sind die einzig wahre Hygienepolizei, du und ich, sagt sie. Alle anderen verstehen jetzt etwas Entartetes darunter. Entartet, sagt meine Oma, ist die Hygiene.

Tante Hilde öffnet ihren Privatschrank und nimmt eine Gasmaske heraus. Das gute Stück aus dem vorigen Krieg gehörte ihrem verstorbenen Vater und liegt jetzt wieder griffbereit, denn die herabfallenden Bomben könnten auch kurz vor dem Ende noch giftgefüllt sein. Sie zieht den Rüssel über, denkt nach, ob sie die Sprechstundenhilfe schon in den Feierabend geschickt hat, dann fällt ihr ein, dass die Assistentin zu ihrer Mutter nach Bayern gefahren ist. Hilde befällt eine seltene Beklemmung. Ihre eigene Mutter ist weit weg in Amerika, und hier gibt es niemanden, der sich um sie kümmert und niemanden, der sie am Ende des Tages vermisst. Hier ist angeblich die Heimat, aber was heißt das? Man kann alles noch so gut organisieren, noch so gut kontrollieren, man kann der Assistentin all die Tage frei geben, die sie verlangt, am Ende ist man allein.

In die Gasmaske hat sie sich, zur Belustigung des ausführenden Optikers, statt der Augengläser ein Mikroskop einsetzen lassen. So kann sie unauffällig im Schatten des Zivilschutzes einen Rachenabstrich in Vergrößerung sehen. Der Gesichtskreis ist mit der Mikroskop-Maske allerdings sehr eingeschränkt, sie haut mit dem Rüssel das Reagenzglas fast um.

In diesem Moment stößt durch das halb geöffnete Fenster ein hässlicher schwarzer Tierkopf. Ein aufgerissenes Spitzmaul voll scharfer Zähne, darüber böse starrende Augen. Mit vernehmlichem Klatschen schlagen zwei sehnige, weit ausladende, belappte Arme oder Pfoten gegen den Fensterrahmen. Riesig ist das Geschöpf. Es weicht zurück, um einen weiteren Anflug gegen die Öffnung zu unternehmen und knickt dabei die Forsythien. In Hilde kommt Leben, sie rast mit hämmerndem Puls zum Fenster und schließt es, lässt sofort auch die Jalousie runter, um nichts mehr zu sehen. Das riesige Tier, das in ihre Praxis eindringen wollte, war eindeutig eine Fledermaus.

Von Adrenalin durchflutet, stellt Hilde endlich das Reagenzglas in den Schrank. Sie setzt sich auf den Rand des Behandlungsstuhls und sinkt in die Lehne, schließt die Augen hinter der Maske, öffnet sie aber gleich wieder, denn meine Oma steht in der Tür, ebenfalls mit einer Gasmaske vor dem Gesicht, neueres Modell. Hilde kann die Freundin im Moment hauptsächlich hören.

Warum ist die Haustür auf? fragt meine Oma.

Himpi war da, sagt Hilde tonlos so als sei das eine Erklärung. Und nicht nur er. Was hast du da auf dem Kopf?

Das Neueste vom Amt. Manchmal können sie was. Es ist schick, oder?

Die Freundinnen schauen sich durch die Gasmasken an, Hilde beginnt zu zittern und Grete beugt sich über sie und nimmt sie fest in den Arm.

Du arbeitest zu viel, dann diese Krise… Und obendrein Himpi… Kommt er wieder?

Ich habe seinen Abstrich. Du solltest dich freuen, dass er mich für die beste Zahnärztin der ganzen Stadt hält.

Oh, das tue ich! sagt Grete. Ich nehme den Abstrich mit, und morgen früh geht das Glas ins Labor.

Ich überlege, ob ich es nicht selbst ins Labor bringen sollte, jetzt gleich, und zwar in das andere.

Hilde schiebt Grete beiseite und nähert sich vorsichtig dem Fenster. Sie hebt die Jalousie ein wenig hoch. Auf dem Fensterbrett summt eine große Fliege, auf dem Rücken, die gekrümmten Beine nach oben.

Das Heeresgasschutzlaboratorium?

Wir haben dort neue Kontakte.

Grete zieht fragend die Augenbraue hoch. Was für Kontakte?

Diskrete, seit vorgestern. Es war eine kleine OP, ich habe den Mann selber auf dem Motorrad wieder zur Arbeit gefahren. Englischer Akzent, stell dir vor.

Grete seufzt: Der Spion, den sie liebte!

Im HGSL sind sie ausgestattet mit allem. Er hat sich sein eigenes Betäubungsmittel mitgebracht. Das war klug, denn einen Mann unter Schmerzen kann man nicht küssen. Ich bin sicher, er wird den Test für uns auswerten. Und dann beweisen wir: Himpi ist infiziert.

Hilde, du solltest das Küssen jetzt lassen. Es ist nicht die Zeit dafür.

Doch, doch, es ist eine wunderbare Zeit. Wenn du küsst, bist du glücklich und du bist immun. Es ist Frühling, du musst dich verlieben.

Hilde hat sich wieder gefangen, die Fledermaus ist aus ihrem Hirn. Mit Sex kann man sich schützen, erklärt sie.

Ich bringe die Probe ins Gesundheitsamt, sagt meine Oma sachlich.

Nein, ich bringe sie ins HGSL.

Es ist die Probe von Himpi, erwidert meine Oma jetzt etwas scharf. Darauf habe ich ein Anrecht. Ich verfüge es hiermit, ich beschlagnahme sie. Zuwiderhandlungen werden geahndet.

Hilde lacht. Sie lacht und lacht und dann lacht auch meine Oma. Die Freundinnen und ihr Hobby und die Männer und der Krieg. Sie fahren gemeinsam mit der BMW durch die Spandauer Neustadt, Hilde vorn, meine Oma hinten mit dem Schild um den Hals „Hygienepolizei“.

Der englische Liebhaber ist sehr charmant. Er bittet die Damen zum Tee, auf dem Rasen vorm Eingang zum Heeresgasschutzlabor, das eigentlich Heeresgiftgaskampf- und versuchslabor heißen müsste. Das Labor liegt innerhalb der Mauern der Zitadelle, Berlins Trutzburg der Renaissance. Angreifende Truppen hat das Bauwerk schon viele gesehen, und vor Bomben ist man jetzt sicher, gerade weil es hier so explosiv ist. Drei Stühlchen werden aufgestellt. Der Engländer küsst Tante Hilde leidenschaftlich und lange, trotz Infektrisiko. Er gibt ihr noch etwas Rizin mit, „for emergency“. Im Labor wird es nicht mehr gebraucht, sie haben ja Sarin und Tabun und Zyklon B und er möchte den Rizinrest sinnvoll verschenken. Der Engländer hält Himpi für einen Feigling, versteckt er sich nicht seit Jahren in den ostpreußischen Wäldern? Bei Wildschweinen und Rehen, samt seiner Kommandozentrale? Grete ist pikiert über die Küsserei aber auch etwas erregt. In ein paar Tagen gibt es Himpis Ergebnis. Viele Grüße an deinen Mann, flüstert Hilde der Freundin beim Abschied ins Ohr.

 

2

In den nächsten Tagen füllt sich die Praxis. Hilde kann nicht anders, sie streift nachts durch die Straßen, die dunkel sind, Restaurants, Kneipen, Kinos, Theater, die Läden, alles geschlossen. Sie liest die Leute vom Gehweg auf, und wenn sie nicht laufen können, kommt sie noch einmal gefahren. Es gibt Menschen, die wohnen in zwei Büschen, um einen Infekt haben sie sich noch niemals gekümmert. Als Grete die Freundin wieder besucht, sind das Wartezimmer, das Privatzimmer und ein zweiter Behandlungsraum provisorisch belegt. Es riecht ungut. Alles Zahnarztnotfälle, entschuldigt sich Hilde.

Meine Oma schüttelt den Kopf, denn das Infektrisiko steigt, mittlerweile auch für Hilde selbst. Seit Hilde ausgebombt ist, wohnt sie in der Praxis, jetzt hat sie ihr Feldbett in der Teeküche aufgestellt. Schmutzige Handtücher an einer Leine schirmen sie ab vor den Blicken. Grete glaubt, die knurrenden Mägen der Männer zu hören, aber Hilde sagt: das Haus hält zusammen, jede Etage kocht an einem anderen Tag. Und wenn der Untergang kommt, bin ich nicht allein.

Die beiden Freundinnen düsen mit dem Motorrad Richtung Juliusturm. Die Zitadelle liegt rotschimmernd unter strahlendem Licht, und da die Sonne nicht so hoch steht wie im Sommer, werfen die Bäume irritierende Schatten. Die Frauen warten am Eingang. Der Engländer kommt nicht.

Stattdessen kommt ein Deutscher. Mit ihm zieht ein kalter Hauch aus dem Gewölbe. Der Deutsche zeigt auf meine Oma. Sie sind vom Amt, sagt er. Ich habe einen Auftrag für Sie, streng vertraulich.

Bitte nicht, sagt meine Oma.

Sie müssen dies hier nach Adlershorst bringen.

Er drückt meiner Oma ein Behältnis in die Arme, in dem etwas lebt. Durch kleine Schlitze hört man es flattern. Meine Oma guckt zweifelnd. Sie soll einen Vogel durch den Krieg tragen? Erklärungen sind nicht zu erwarten.

Adlershorst? fragt sie. Wo ist das?

Aus der Stadt Richtung Osten, in der Nähe von Falkenhagen. Sie werden es finden, wenn Sie dort sind. Es handelt sich um Informationen.

Bitte nicht Richtung Osten, sagt meine Oma leise. Ich komme gerade aus Posen, vor der anrückenden Armee sind wir geflohen, meine Tochter und ich. Wir haben es nur geschafft durch den Pferdewagen, und den hatten wir nur, um das Eugenik-Archiv zu transportieren.

Sie werden es schaffen, einer allein kommt immer durch, besonders die Frauen, schnarrt der Forscher. Also: Adlershorst, bei Falkenhagen.

Bitte, ich bin Mutter, ich habe ein Kind…

Die Welt ist voll von Kadavern, ich meine, Kavalieren, das haben Sie doch sicher gemerkt, sagt der Mann. Nur diesen Kasten, den verlieren Sie nicht!

Grete guckt, als wäre ihr Kopf in dem Kasten, verlorene Freiwillige in einem magischen Zirkus.

Und was ist mit dem Testergebnis? ruft Hilde.

Aber der Deutsche ist schon wieder weg und die Stahltür verschlossen.

 

3

Wir hätten Himpi sowieso mehrmals testen müssen. Wenn er heute nicht positiv ist, dann vielleicht morgen? Dieses Testen… ich glaube, um ehrlich zu sein…, wenn es eine Epidemie ist, dann geht es nicht nur um Himpi.

Die Frauen schweigen betroffen. Abwesend sagt Hilde: Schade um den Engländer, er war so britisch. Zwei Dinge haben wir bekommen, das Rizin und die Fledermaus. Das eine hat uns ein Engländer gegeben, das andere ein Deutscher. Das muss etwas bedeuten.

Eine Fledermaus? Bist du sicher?

Um das Tier wirst du dich kümmern. Und ich… um das Rizin.

Ich werde mich um das Tier nicht kümmern, sagt meine Oma rigoros und so gefällt sie Hilde am besten, auch wenn sie ihr widerspricht. Ich werde mich um dich und mich und meinen Mann und meine Tochter und eventuell um deine Zahnarztnotfälle und um das Archiv kümmern…

Ach ja, das Archiv.

Aber was immer in diesem Kasten ist, ich lasse es fliegen. Und Grete steigt aus dem Behandlungsstuhl, dem einzig freien Platz in der Praxis.

Auf keinen Fall, sagt Hilde und stellt sich vor die Forsythien ins Fenster. Im Namen der Wissenschaft: die Fledermaus birgt Informationen! Welche geheimen Informationen produziert das HGSL sonst außer Gift? Die Fledermaus ist wie Himpi, sie ist wahrscheinlich infiziert, aber nicht erkrankt. Und wie Himpi ist sie hochinfektiös.

Ich verstehe es ehrlich gesagt nicht, sagt Grete kleinlaut. Warum ist sie hochinfektiös? Es hat sich doch noch niemand angesteckt.

Du hast deinen Robert Koch nicht gelesen! sagt Hilde streng.

Falls nicht nur Himpi einen Infekt hat, und das ist anzunehmen, brauchen wir viel mehr Daten, Daten in Standard und Qualität. Statistik ist die Realität des Regierens, sagt meine Oma.

Allerdings, das ist logisch. Die Frauen schweigen.

Ich werde mich in Zukunft darum kümmern, sagt meine Oma. Aber mit Himpi sollten wir anders verfahren.

Sie schweigen erneut.

Was wollen sie mit diesem Tier in Adlershorst? Dort wird es ein geheimes Labor geben und sie werden sie untersuchen. Keine Ahnung mit welchem Ziel.

Doch! Hilde reißt die Augen auf. Sie testen die Infektion an Menschen, und wenn die armen Probanden krank werden, ist die Wunderwaffe gefunden. Die Fledermaus fungiert dann als Viren- oder Bakterien-Gefäß.

Das tun sie doch längst.

Was?

Menschen infizieren, sagt meine Oma ruhig. Das weißt du. Seit vielen Jahren.

Hilde guckt irritiert. Also… die Fledermaus… Es muss sich um eine besonders ansteckende, besonders verheerende Infektion handeln, die die Fledermaus transportiert. Eine, die man in den letzten Tagen des Krieges entscheidend in Stellung bringen kann.

Wir können die Fledermaus ignorieren, sagt meine Oma. Wir lassen sie sterben in ihrem Kasten und graben sie ein.

Wir sind leider schon mitten im Krimi, sagt Hilde. Ignorieren geht jetzt nicht mehr.

Und das Rizin? Soll ich es aufbewahren, damit nichts Schlimmes passiert?

Was soll denn noch Schlimmeres passieren? Weißt du was? Wenn Himpi wiederkommt, und angemeldet ist er für morgen -

Dann?

Ach nichts. Wir werden sehen.

Die Freundinnen verabschieden sich fahrig.

 

4

Tatsächlich dauert es noch einige Tage, bis Himpi wieder erscheint. Inzwischen hat meine Oma ernst gemacht mit der Datenerhebung und Hilde testet, wo immer sie kann. Die Zahnarztnotfälle werden der Reihe nach behandelt und jedesmal kitzelt sie die Patienten zufällig am Gaumen. Das könnte Hildes Markenzeichen werden, man lacht schon darüber. Hilde mikroskopiert nun auch selbst, denn wozu hat sie die umgearbeitete Maske? Das Heeresgasschutzlaboratorium ist zu gefährlich, und aufgeben ist keine Option. Sie arbeitet den ganzen Tag, und meine Oma lässt abends ihre Tochter allein, um neue Notfälle von der Straße zu rauben. Morgens, gleich wenn sie aufsteht, schaut Hilde ins Wartezimmer: da liegen sie über- und nebeneinander. Alle sind verdächtig, sagt Hilde befriedigt und zieht sich den Tennisrock an.

Meine Oma residiert im stickigen Flur und fragt die Menschen nach Beruf, Familienstand, Alter, Krankheiten, aber nicht nach der Gesinnung. Sie hat ein Formular erfunden und füllt für jeden eines aus. Es betrübt sie, dass alle Test-positiv haben. Aber das liegt natürlich am schnöden Leben.

Wer weiß, ob sie überhaupt die Wahrheit sagen, wenn du sie befragst, sagt Tante Hilde.

Sie trauen mir, sagt meine Oma. Sie freuen sich, dass sich jemand für sie interessiert. Das sind arme Leute, sie sind allein, haben die Orientierung verloren, manche sagen gar nichts, denn sie sprechen kein Deutsch.

Das meine ich, sagt Tante Hilde.

Geh in dein Labor, sagt meine Oma verärgert. Mach deine Arbeit und ich mache meine.

Jetzt sollten wir ihnen die Wahrheit sagen, sagt meine Oma, als nach drei Tagen die Praxis so voll ist, dass man nicht mehr atmen kann. Dass sie infiziert sind, und dass sie gehen müssen, und dann kommen die nächsten. Ich finde heraus, wie viele wir für unsere Studie benötigen, ich weiß aber noch nicht, wie lange wir brauchen.

Gehen? Wo sollen sie denn hin?

Ja, wohin… Sie können zu mir, sagt Grete dann mutig. Vielleicht ist es ja nicht so ansteckend. Ich denke, die Fledermaus wäre viel ansteckender.

Die Fledermaus!! Die Frauen sehen sich entgeistert an. Die Fledermaus haben sie völlig vergessen. In diesem Moment klopft es und eine bekannte Stimme knarzt durch die Tür.

Fräulein Kampf, ich bin es!

Einen Augenblick! ruft meine Oma schrill und scheucht die zerlumpten Gestalten aus dem Flur. Wie es hier riecht. Wie sauer gegoren und nass zusammengelegt, wie modrig geschrubbt und nicht richtig abgewischt mit Toilettenpapier. Die Leute müssen sich in den zwei Zimmern und der Küche zusammendrängen, da ist jetzt nichts zu machen. Tür zu und Ruhe, verdammt! Himpi, du liebe Güte…

Ist da noch jemand? fragt Himpi. Ich dachte, ich hätte jemanden gehört.

Wir sind ganz für uns, mein -, sagt Hilde zuvorkommend und bugsiert Himpi flott ins Behandlungszimmer und auf den Stuhl. Sie schließt schwungvoll die Tür, aber öffnet das Fenster, denn dass es schlecht riecht, sieht sie Himpis gekräuselter Nase an. Himpi ist sehr empfindlich.

Erstmal die Wunde, sagt Hilde freundlich.

Himpi öffnet den Mund.

Sehr schön. Und nun – nehmen wir uns den anderen Zahn vor.

Himpi schließt seine Öffnung. Ich glaube, es lohnt nicht mehr, Fräulein Hilde, flüstert er ängstlich.

Herr Himpi, Sie wollen doch nicht mit Zahnschmerzen sterben, sagt Hilde bestimmt. Ich habe außerdem – ein neues Narkosemittel.

Hilde erschrickt plötzlich vor sich selbst. Da Himpi mehrere Tage zu spät zum Termin gekommen ist, hat sie ihren Plan fast vergessen. War es denn ein Plan? Tatsächlich ist sie nicht vorbereitet. Aber kann man denn auf alles im Leben vorbereitet sein?!

Einen Moment, ich muss es nur holen… Hilde kramt nervös in ihrem Privatschrank. Da ist die Dose. Der Engländer fällt ihr ein und wie er sie küsste. Hilde wird es ganz warm.

Als sie sich umdreht, prallt sie zurück. Himpi ist aufgestanden und steht dicht vor ihr.

Ich möchte lieber nicht, sagt er düster und schaut ihr auf die Schulter.

Das kann ich verstehen, sagt sie. Aber es tut immer nur weh, wenn man Angst hat.

Ich habe Angst, sagt Himpi und lässt sich sanft wieder setzen.

Jetzt muss Hilde die Strategie wechseln. Das muss sie in der folgenden halben Stunde noch öfter.

Tatsächlich ist es so, sagt sie, dass Sie vor der Behandlung weniger Angst haben müssen als vor der Narkose. Die Narkose ist neu, ein neues Mittel. Wenn wir es an Ihnen ausprobieren, könnten Sie zum Helden für viele Verwundete werden.

Die Verwundeten sind mir egal, murmelt Himpi. Also… Wenn es nicht funktioniert, dann tut es halt weh, und wenn es funktioniert, dann merke ich nichts?

Möglicherweise wird Ihnen etwas schlecht. Aber das dauert höchstens drei Tage.

Wissen Sie, ich finde, sagt Himpi plötzlich heftig, dass Sie diese Experimente an denen machen können, die dafür vorgesehen sind. Das habe ich doch alles geregelt. Wozu gibt das lebensunwerte Leben? Damit man es vernichten kann. Aber doch nicht mich, bitte.

Es geht doch nicht um vernichten, Herr Himpi.

Schon gut, schon gut. Meinetwegen. Aber bitte: bezeugen Sie meinen Mut!

Frau Doktor Kampf, meine Tante, rückt nun vor. Zurück geht es nicht mehr, es ist begonnen. Der Untergang nimmt seinen Lauf.

Wie heißt das Mittel? fragt Himpi. Und kennen Sie die Dosis?

Es heißt… Zirin, antwortet Hilde.

Himpi seufzt. Vielleicht lebe ich ja doch noch länger. Wer weiß. Und dann lohnt sich das Leiden. Fräulein Kampf, vielleicht haben Sie Recht.

Hilde lächelt und Himpi lächelt jetzt auch. Es ist das erste und letzte Mal, dass beide so lächeln.

Hilde wird nun leider beinahe zu kühn. Es treibt sie der Teufel, ich glaube, es hat mit dem Engländer zu tun, dass er fort ist, nicht mehr da. Was haben sie mit ihm gemacht, ihrem kühlen Spion? Hilde sagt betont lustig: Nach dem Gesetz, das Sie erlassen haben, ist – mit Verlaub – Ihr eigenes Leben nichts mehr wert.

Was? macht Himpi entgeistert.

Sie vegetieren dahin, Ihre Haut ist Papier und Sie haben die Hoffnung verloren.

Himpi schnappt nach Luft, aber Hilde ist noch nicht fertig.

Sie werden sterben in ein paar Tagen, das ist gewiss. Eine Behandlung ist daher nicht mehr angezeigt. Auch wenn Sie die schlimmsten Schmerzen hätten, ich könnte Sie getrost verrecken lassen, denn Sie haben vor sich selbst zu töten. Um sich nicht verantworten zu müssen, habe ich recht?

Himpi zuckt mit allen Wimpern. Ich werde Sie liquidieren lassen, krächzt er.

Aber Herr Himpi! Warum sind Ihre Zähne so schlecht?

Wie bitte? Himpi ist total überfragt.

Das erste Zeichen mangelnder Verantwortung sind die eigenen fauligen Zähne. Ich werde Ihnen diesen Zahn ziehen, sonst kommen Sie niemals zur Ruh.

Nie zur Ruh -, Himpi liegt jetzt auf dem Rücken.

Hilde beugt sich über seinen grässlichen Rachen. Noch nie hat sie so viele Tierchen herumlaufen sehen, all die Toten, Verwundeten, Vergasten, Verstümmelten, Gefolterten, Ermordeten, sie alle gehen in Himpis Rachen spazieren.

Hilde sticht hinein, in der Spritze ist Rizin.

Aua, macht Himpi.

 

5

Es war also nicht so, wie Hitlers Sekretärin erzählt, dass Hitler sich selbst umgebracht hätte, und es war auch nicht so, wie sein Chauffeur berichtet, der ihn nach seinem Sicher-ist-Sicher-Doppelselbstmord – erst vergiften, dann erschießen – verbrannt haben will. Meine Oma sagt immer, dass Himpi vielleicht nur bis zu den Forsythien kam. Denn Hilde erzählte, dass es ihm sofort sehr schlecht ging, den Forsythien in den Folgejahren aber sehr gut. Himpi wankte nach der Behandlung aus der Praxis, vorgeschädigt wie er war, und brauchte vielleicht nicht so lange wie andere, um dem Rizin zu erliegen. Normal sind drei bis vier Tage, sagt meine Oma. Die könnte er natürlich noch in der Reichskanzlei verbracht haben. Theoretisch ist es möglich, dass er sich trotz der tödlichen Dosis, von der er nichts wusste, zusätzlich selbst vergiftete und auch noch erschoss, meinetwegen. Aber es gibt nichts daran zu deuteln, sagt meine Oma, dass es Hilde war, die für die amtliche Sicherheit dieses Todes verantwortlich ist. Und dabei ist es egal, ob Himpi die letzten Tage in den Forsythien oder in den Armen von Eva Braun verbracht hat. Der Stoff, den der Engländer Hilde gab, war ganz ausgezeichnet.

Meine Oma war später auf Hilde sehr stolz, denn es ist doch ein Unterschied, ob irgendwem noch ein Anschlag auf Himpi gelang oder ob erst der Untergang kommen musste. Besser ein gelungener Anschlag einer Zahnärztin als misslungene Anschläge von Generälen. Tante Hilde hat niemals Berühmtheit erlangt; die andere Schlussversion war bald in der Welt. Offenbar hatten die Freundinnen kein Interesse, als Hitlers Verderberinnen in die Annalen einzugehen. Der große Verdächtige war weg, die Ansteckung durch den Infekt entscheidend gemindert. Das war es, was für sie zählte.

Wie ich das fand? Nun, meine Oma, die in den nächsten Stunden noch Kriegswitwe wird, hatte keine Zeit, Zeitzeugin zu werden, erklärte sie mir. Und Hilde hätte sich ja selbst melden können beim Heldenregister. Aber das tat sie nicht und als ich sie kennenlernte, war sie schon eine betagte Dame mit einer riesigen Brille und dunkelbrauner Perücke. Sie trug lila Kostüm, saß bei meiner Oma im Wohnzimmer, trank Kaffee und Likör, meine Oma hatte Kuchen gebacken und von Hitler war niemals die Rede. Um ehrlich zu sein, ich glaube, Tante Hilde hatte ihn völlig vergessen.

Jetzt aber, April `45 – Himpi ist raus aus der Praxis, die Meute in den Nebenzimmern, deren Anwesenheit Hilde vielleicht ermutigt hat, quillt wieder auf den Flur – ist Grete damit beschäftigt, die Leute mit einer warmen Mahlzeit abzuspeisen. Eintopf mit Speck! Sie schleppt den dampfenden Kessel aus dem oberen Stockwerk, über die Treppe hinunter und durch die Praxis zum Herd. Niemand fragt nach dem hochrangigen Gast, der vorhin ungesehen kam und wieder ging. Es riecht gut, und im Moment haben alle nur Hunger.

Da Grete mit so vielen Verdächtigen in Berührung kommt, was sich gar nicht vermeiden lässt, möchte sie zur Sicherheit auch endlich getestet werden. So viel Zeit muss sein. Hilde verschwindet mit Gretes Abstrich im Labor, das heißt sie setzt sich im Behandlungszimmer die Gasmaske auf. Sie starrt auf den Speichel im Reagenzglas und lehnt den Kopf zwischendurch schwer an die Wand. Sie hat Himpi vergiftet. Etwas muss jetzt geschehen, auch wenn die Gegenwart zäh und dickflüssig ist vor lauter Problemen. Etwas Suppe schwimmt darin. Was sie sieht: Grete ist positiv.

Du musst weg, sagt sie zu Grete, die neben ihr steht.

Aber die Meute ist auch noch da.

Dann muss ich weg und ihr bleibt, in Quarantäne.

Wie soll das gehen… Und wie kannst du sicher sein, dass du nicht auch positiv bist?

Einer muss den Maßstab bilden, sagt Hilde verärgert. Aber meine Oma ist eisern, und positiv sein muss man erstmal verdauen.

Bei so vielen Infizierten unter deinem Dach besteht vom Amts wegen höchster Verdacht, sagt sie strikt.

Grete, ich habe jetzt andere Probleme.

Was für schlimme Zeiten sind das, in denen es etwas Schlimmeres als Infektionen gibt! Wie schlimm sind diejenigen dran, die das Risiko nicht mehr interessiert! Andere Probleme, was soll das sein?!

Was für einen Infekt habe ich überhaupt?

Einen Infekt, irgendeinen, ich habe ihn gesehen, sagt Hilde gereizt. Genauer machen wir es nach dem Krieg, einverstanden? Du hast den Infekt, den alle jetzt haben, das liegt auf der Hand.

So, macht Grete und ist nicht zufrieden.

Ich bin negativ und ich bin beweglich, sagt Hilde. Ich klemme mir die Fledermaus auf das Motorrad und bringe das Tier nach Adlershorst. Dann ist dein Auftrag erfüllt, du wirst nicht suspendiert. Und ich werde nicht von Himpis Braut gejagt, die ihn im Bunker vermisst.

Wenn die Fledermaus die Wunderwaffe ist, wirst du zum zweiten Mal berühmt, allerdings für die andere Seite, folgert Grete mit nachdenklichem Gesicht. Gerührt von Hildes Mut überlegt sie. Natürlich, Hilde und die BMW, dagegen käme der Pferdewagen nicht an. Der Grete außerdem sofort entrissen wurde. Meine Oma müsste ihr Fahrrad nehmen, wenn es nicht bei einem Brand geschmolzen wäre. Wenn Hilde, die Strahlende, Schnelle sich an ihrer Stelle ins Abenteuer stürzte, hätte die Mission viel eher Erfolg. Einverstanden, sagt Grete.

 

[Fortsetzung folgt]

umgehung

Sonntag, Juni 28th, 2020

unbestrumpft abgebogen in die vertrauten gärten
voll der rosen kraftduftendem odem
springt flaneur träge zum wegrand hinüber
als vierrädrige staatsmacht
frech sich verirrt hat in dichters flur
grau überwölkte bewegung ist noch leicht
aus zu machen
im verzug
der eigenen courage liebevoll entsprungen
sucht
neues alte hauptstatt im langsam anhebenden takt
der djemben auf grünender wiese
unter bäumen
im zickzack hinweg und zurück
nach heftigem schauer auf rastbank in trance
lässt‘s klingen und hört bereits
was später tatsächlich gesungen

Wir sind alle

Samstag, Juni 20th, 2020

Amazonasbewohner, mehr
oder minder Traum
von Wasser oder Wasser,
das die dämmernden
Körper bewegt

Maschinenbauer und
perturbierende Stoff-
wechselzentren,
Organbesitzer und
Verlierer exklusiven Vertrags

Was sind wir noch?
Alles,
was die gefügte Ordnung
aufzulösen begehrt
und sein Begehren
fortwährend bedroht weiß

Körper und Denken
getrennt, eine Seele
aus Zweien,
die nicht weiß – woher
das alles und schon gar nicht:
wohin

Die unendliche Einsamkeit der Zahlen
auf dem Weg zu sich selbst
und über sich hinaus,
ihr Teilsein im
Überschaubaren, ihre ewige

Rätselhaftigkeit

Eine Karte im Gesicht
oder Gesichtslosigkeit,
Himmelsbegehren und
Sturzbacherzählung

delphisch

Donnerstag, Juni 18th, 2020

da war dieses weben gestalt & klang
am wimpernrand – im eisernen brustkorb ein schatten
aus rotem gefieder

dem rankten sich töne ums singende haupt
aus trockenen kehlen vom straßenstaub das elend der worte nur
ein erinnern wie fernes leuchten – kindheitsgerüche
enthäutete sommer

(zusammengewürfelt)

zerstückelte echos – einmal hört ich
sie singen ins licht (eine hymne dem erdigen traum): tritt näher
du mit geplünderten augen der blauen stirn

den blick in die nacht geschlagen … unentrinnbare nacktheit
des seins mit offenen lippen küsstest den stein
(am fuße des berges)
hattest die schreie der vögel verlernt …
mag sein

auf der anderen seite ein abend mit dreifachem mond
wo kalte hände sich strecken zur sonne –
kinder sind dort (mit großen augen) die werfen worte hoch in die luft –
ich hörte sie flüstern:

engel sind wir wissen es nicht – jedes lachen ist uns gebet
im glockengesang verewigt unsterbliches seufzen
verwaister scholle

dass zeit sei zu gehn … ein geknicktes rohr
(brachst es nicht) – ein glimmender docht im steten tropfen
ungelöscht

im sommer als wind durch die gräser fuhr – nichts war jemals so
wie du denkst

Das hier

Dienstag, Juni 16th, 2020

„Und er hat dich wirklich nicht noch einmal gemalt?“ fragte Eduard ungläubig. Das letzte Wort ging fast unter. „Dr. Motten hat ihn sicherlich davor gewarnt.”
“Nein, Eduard. Er wollte mich mittags malen, bei Tageslicht. Ich habe ihn versetzt. Er war nicht einmal böse. Ich glaube, es war etwas anderes.“
Ich fühlte eine seltsame Leere und Ratlosigkeit. Das, was Vyvyan in Eduards Rede als Diethelmisierung bezeichnet hatte, die Amputation von Gefühl und Verstand, genau das war es.
„Eduard, du mußt mir etwas erklären, ich glaube ich …“
„Was soll ich dir erklären? Du hast doch viel mehr Zeit mit Vyvyan verbracht als ich, als wir alle.“
„Gerade das ist es ja. Eduard.”
Ich merkte, daß das Gespräch zu nichts führen würde. Eduard räusperte sich umständlich, was untypisch für ihn war. Es klang nach einer sich vollsaugenden Wasserflasche.
„Nun, als ich Vyvyan kennenlernte, lebte seine Mutter noch. Du weißt, daß sie auf dieser Konzertreise verunglückt ist. Jedenfalls lebte sie damals noch. Und wir fuhren zu dritt zu diesen Vorlesungen. Vyvyans Mutter war das, was man früher eine femme fatale genannt hätte. Sie hat in ihrer Jugend einen Zirkel ins Leben gerufen. Sie hatten sich irgendwie zur Aufgabe gemacht, die Erscheinungen über das Ding an sich zu stellen.”
Mir fiel die Gauloises auf den Teppich. Das war ja Kant.

Ich hatte keinerlei Ambitionen, das hier mit Kant erklären zu wollen.

Amputationen

Mittwoch, Juni 10th, 2020

Man nahm dem Engel die Arme. Er konnte nichts mehr halten.
Man nahm dem Engel die Beine. Fortbewegung wurde fast unmöglich.
Man nahm dem Engel den Kopf. Er konnte nichts mehr hören, sehen, riechen, schmecken und denken.
Man ließ ihm die Flügel. Damit kann er fliegen.

Und

Dienstag, Juni 9th, 2020

Wie bescheiden es da steht. Gänzlich ungeübt darin, groß geschrieben und allein im Rampenlicht einer Überschrift zu stehn, kommt es sich ganz verloren vor. Und doch ist es an der Zeit, es endlich einmal angemessen zu würdigen. Also halte durch, kleines großes Und. Du wirst sehen wie gut es tut, einmal ein wenig Anerkennung für deinen unschätzbaren Dienst zu erhalten. So viele Worte vermögen mit ihrer Bedeutung Bilder, Assoziationen und Erinnerungen auszulösen oder uns und andere mit der Schönheit ihres Klanges, ihrem Humor, ihrer Dynamik oder Tiefe für oder gegen sich einzunehmen. Einigen von ihnen werden wir auf den kommenden Seiten begegnen. Du hingegen verfügst über keine solchen Reize und doch will mir dein Wirken für unsere Sprache noch viel bedeutsamer erscheinen als mancher Begriff, der uns mit seiner eindrucksvollen Bedeutung besticht. Welches Wort wäre schließlich so wie du in der Lage, andere Worte, Dinge, Gedanken, Menschen, ja Welten selbst über größte Unterschiede und Gegensätze hinweg miteinander zu verbinden? Nur dank dir können wir so unterschiedliche Beziehungen wie die zwischen Sonne und Mond, Romeo und Julia, laut und leise, Pat und Patachon, Tag und Nacht, Kraut und Rüben oder Leben und Tod zum Ausdruck bringen. In vollkommener Neutralität stellst du deine Beziehungsfähigkeit allem und jedem zur Verfügung, ohne je eines der durch dich verbundenen Worte oder Glieder eines Satzes zu bewerten oder zu beurteilen. Du bist eines jener oft unscheinbaren Wesen, die selbst verschiedenste Worte und Geschöpfe in ein Miteinander, ins Gespräch zu bringen vermögen, ganz unabhängig davon, ob sie in einer innigen Liebesbeziehung leben oder sich ganz unversöhnlich gegenüber stehen. Ohne dich wäre unsere Sprache ein beziehungsloser, von vereinsamten Einzelexistenzen bevölkerter Raum aus Aufzählungen und Aneinanderreihungen. Romeo, Julia, Tag, Nacht, laut, leise, Zucker, Salz. Unser verbaler Austausch nähme den Duktus einer To-do-Liste an. Du bist damit nicht nur das Beziehungsgenie unter den Worten. Du ermöglichst auch erst den fließenden Rhythmus unserer Sprache.

Gewiss, auch die übrigen Wörter aus dem Kreis deiner Familie, die wir als Binde- und Fügewörter oder Konjunktionen bezeichnen, tragen einen beträchtlichen Teil dazu bei, dass wir Beziehungen sprechen und in ihren unterschiedlichen Gestaltungen denken und bewerten können. Doch vermag kein anderes Wort sie wie du von jeglicher Bewertung frei zu gestalten und den so Verbundenen eine unvoreingenommene Begegnung auf Augenhöhe zu ermöglichen. Nicht selten gelingt es dir dadurch, ungeahnte Gemeinsamkeiten zu fördern, die jene Wenns, Abers und Entweder-Oders unserer Welt beim besten Willen nicht zu erkennen vermögen. Ihnen fehlt jene zugewandte Offenheit, mit der wir all den Worten und Dingen begegnen, denen wir mit dir entgegen sehen. Manch vermeintlicher Gegensatz, manche Polarität stellte sich so schon als gedankliche Chimäre heraus. Mancher Streit löste sich in Wohlgefallen auf. Und lassen sich nicht erst so jene Einsichten erschließen, die wir mit Wunsch und Willen, die wir denkend und bewertend nie zu finden vermögen?

Natürlich ist es gerade auch die Fähigkeit, zu bewerten und zu beurteilen, die uns Menschen ausmacht. Schon um Dinge und Wesen strikt voneinander getrennt halten zu können, die sich partout nicht miteinander verstehen. Nur so vermögen wir ein friedliches Zusammenleben zu gestalten und uns die Welt denkend und argumentierend zu erschließen. Ohne die Bereitschaft, Position zu beziehen und sich abzugrenzen, gibt es keine Freiheit. Und wo diese Freiheit, wo Menschlichkeit und Toleranz gar bedroht sind, sei es etwa durch Rassismus, Antisemitismus, Extremismus oder Gewalt und Hetze, ist die Grenze jeder Neutralität und Akzeptanz erreicht. Doch wie schwer fällt es uns Menschen oft, die Welt in all ihren Schattierungen überhaupt erst einmal frei von eigenen Bewertungen und Emotionen wahrzunehmen. Ihr unvoreingenommen und offen zu begegnen. Wo aber die Bereitschaft fehlt, zunächst einmal inne-, ja an sich zu halten; die Fähigkeit, zwischen der äußeren Welt in all ihrer Komplexität und unserer Wahrnehmung, zwischen Tatsachen und Bewertungen zu unterscheiden, beginnt die Sprache unseren Blick mehr zu vernebeln als ihn zu erhellen. Ohne ein Bemühen, die Welt in ihrer Streitbarkeit, Gedanken und Positionen in ihrer Gegensätzlichkeit zunächst einmal anzunehmen und auszuhalten, wird es schwer fallen, Gemeinsamkeiten und Kompromisse zu finden.

Dies ist dir, liebes Und, wiederum ein Leichtes. Du lässt selbst schärfste Gegensätze da sein, ohne sie durch eigene Bewertungen oder Emotionen einzuschränken oder gar noch anzuheizen. Ganz als wüsstest du, dass wir die Welt in ihrer Vielfalt mit all den verschiedenen Wörtern unserer Sprache nur dann zu finden und zu erkennen vermögen, wenn wir sie in ihrer Verbundenheit begreifen und verstehen. Dass all die einfachen, vermeintlich klaren Formeln, Abgrenzungen, Begriffe und Bewertungen, mit denen wir die Welt so gerne auf das Maß unseres Geistes zusammenfalten, bestenfalls Halbheiten bleiben. Dass mindestens zwei Seiten, das Für und das Wider, oft aber eine schier unendliche Zahl an Faktoren und Facetten gleichzeitig miteinander vorhanden und zu bedenken sind. So führst du uns wie kaum ein anderes Wort vor Augen wie wichtig es ist, jede Einseitigkeit zu vermeiden. Dass nur dort Licht, wo auch Schatten ist. Das Verbindende zu denken und nicht das Trennende. Türen zu öffnen, statt sie zu schließen. Auch den schmerzlichen Erfahrungen und Empfindungen, die das Leben für uns bereit hält offen entgegen zu gehen, geben sie ihm doch erst seine Würze und Fülle. Bekanntlich vergrößern wir sie nur, wenn wir sie verdrängen oder bekämpfen. Unserem Zusammenleben und unseren Beziehungen den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben, die sie benötigen, und sie immer wieder neu zu bedenken. Und mit deinem Beziehungstalent wirst du mir hoffentlich auch verzeihen, wenn ich hier den ein oder anderen Ausflug in fernliegende gedankliche Gefilde unternehme, ja abenteuerliche Abschweifungen, überraschende Sprünge und auch längere Umwege müssten eigentlich ganz in deinem Sinne und nach deinem Geschmack sein. Mögen also Denken und Phantasie in diesem Stück, in dem du die ersten Töne spielst, nur immer frei und lustig aufspielen und sich vor allzu engen Gehegen hüten.

So still du nun aber zu wirken verstehst, so unersetzlich du für das Miteinander all der vielen anderen Worte auch bist, so leicht wirst du auch übersehen. Nicht nur in der Welt der Sprache fehlt uns oft der Blick für all die kleinen Wörtchen, die Beziehungen stiften und deren Schönheit im Inneren und ihrem fast unmerklichen Wirken liegt. Auch alle Menschen, die dadurch Sympathie und Verständnis füreinander fördern, dass sie für andere da sind, die sich persönlich und ohne Ansehen der Person um das Wohlbefinden anderer und aller, um das Miteinander all der so unterschiedlichen Wesen auf unserem Planeten kümmern, werden von uns leicht übersehen. Als wüssten wir nicht, dass ihr, dass dein Wirken im Kleinen das Große oft erst ermöglicht. Wie häufig denken wir, wenn wir die Architektur eines Hauses bewundern noch an das Werk der Maurer, die es Stein für Stein zusammenfügten? An das unermüdliche Wirken all der Pflegerinnen und Pfleger, die sich Tag und Nacht um Alte, Kranke und Menschen mit körperlichen oder seelischen Beeinträchtigungen, die sich um das Wohl der Tiere oder schon in den frühen Morgenstunden um Pflanzen, Parks und Gärten kümmern? An die Krankenschwestern und -pfleger, Rettungssanitäterinnen und Sanitäter, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten die anderen dabei helfen, Krankheiten und Krisen zu überwinden? Streetworker und Sozialarbeiterinnen? An Mütter und Väter, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Kraft und Zeit dem Wohlbefinden und der Bildung unserer Kinder und nicht selten auch uns Eltern widmen? Die Gastwirte und Wirtinnen, Kellnerinnen und Kellner die uns an ihren Tischen und Stühlen und all die anderen Künstlerinnen und Künstler die uns Beziehungs- und Gemeinschaftserlebnisse ermöglichen?

Wie sehr sind wir auch darauf angewiesen, uns gegenseitig mit einem herzlichen Lächeln oder Scherz, einer kleinen Geste oder einem Gespräch zu bezeugen, dass wir im All nicht allein, sondern Mensch unter Menschen sind? Geben wir unseren Mitmenschen oft genug Gelegenheit, dies mit uns zu empfinden? Kümmern wir uns genug um all diejenigen, die krank oder einsam sind, die mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen leben, die nicht arbeiten können, keine Arbeit finden oder gar auf der Straße leben? Zeigen wir ihnen allen, all unseren Mitmenschen, dass wir sie wahrnehmen? Zeigen wir all jenen, die Tag um Tag, manche Nacht und viele Feiertage und Wochenenden unermüdlich für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen und unsere Gemeinschaft, unser Zusammenleben und unsere Gesundheit im Kleinen tätig und verantwortlich sind oft genug jene Wertschätzung, die sie verdienen? Den Landwirten und -wirtinnen? Putzfrauen und -männern, Briefträgerinnen und Paketboten? Fensterputzern, Stadtreinigern und Straßenfegern? Verkäuferinnen und Verkäufern? Den Friseuren und Friseusen, Feuerwehrfrauen und -männern, Bus- und S-Bahnfahrern? Polizistinnen und Polizisten, Soldatinnen und Soldaten die Demokratie und Frieden sichern? Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Jobcentern, die anderen dabei zu helfen versuchen, wieder Arbeit zu finden? Die sich um die Integration von Menschen anderer Herkunft und Geflüchteter bemühen? Unseren Hausmeistern, Pförtnerinnen und Pförtnern? Wäscherinnen und Wäschern, Bauarbeitern, Stadt-, Müll- und all den anderen Handwerkern und -werkerinnen? Und was ist mit all den Vielen, die ehrenamtlich und außerhalb des Berufslebens für andere da sind? Wären wir ohne sie und all jene, die mir hoffentlich verzeihen dass ich hier versäume, sie ausdrücklich zu erwähnen, um nicht völlig den Faden zu verlieren, wären wir ohne dich, liebes Und, nicht gänzlich aufgeschmissen?

Und so verwundert es wenig, dass wir ungeachtet all der Worte und Wesen, die sich mit Vorwitz, Dünkel, forschen und großen Tönen, Rang und Namen oder langen Ahnentafeln ins rechte Licht zu rücken wissen nur die Worte „die“ und „der“ noch häufiger verwenden als dich. Wenn wir dir also bislang auch viel zu selten die Achtung und Wertschätzung entgegen gebracht haben, die du verdient hättest, so belegt dies immerhin, wie sehr wir Worte und Wesen wie dich brauchen. Wie wenig ohne dich wohl von der inneren Schönheit unserer Sprache bliebe. Und, ich verspreche, nicht länger gedankenlos über dich hinwegzupreschen und nie mehr die Achtung und Aufmerksamkeit für deine Beziehungsarbeit zu verlieren, so leise und unmerklich du sie auch zu verrichten vermagst, sind es doch erst und eigentlich die Beziehungen, die uns zu Menschen und eine Sprache zu der unseren machen.

Hotspot

Dienstag, Juni 9th, 2020

Die Humboldts
trafen sich mit
anderen im Salon
der Familie Herz.

Medizin

Dienstag, Juni 9th, 2020

einander
helfen,

auch den
Vögeln,

gemeinsam
gehen,

Radio
hören,

Klavier
spielen,

miteinander
reden,

Karten,
Briefe,

Gedichte
lesen,

besonders
Goethes

Wie weiter

Dienstag, Juni 9th, 2020

schreiben, angesichts
der täglich wachsenden

Zahlen, zu denen uns
bereits die Namen fehlen?

Märchen

Montag, Juni 8th, 2020

aus dem Tschad:
Bis zu dem Augen-
blick, wenn wir einem
Menschen oder Tier
ins Gesicht schauen
und darin unsere
Brüder und Schwestern
erkennen umgibt uns
noch dunkle Nacht.

Im Netz

Samstag, Juni 6th, 2020

unter den dicken,
dünnen, großen und
kleinen Kartoffeln
auch ein Herz aus
biologischem Anbau.