Archive for April, 2020

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Mittwoch, April 29th, 2020

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Dienstag, April 28th, 2020

Ich vermisse

das Geprassel und Geplätscher

des Regens.

spurend

Montag, April 27th, 2020

nachts offenen auges
hinterm fenster des kalten traums
die luft voller salz und moll

ins augenweiß
gestürzte stunden
kein kerzenlicht
überm scheitelsims

verschüttet die frühen tage
über allem ein welkes braun das zittert
sich warm

fremd im wind
der gegerbte leib
schwer vor angst
die stimme

gebrochen gesänge übereinander
gestapelt aus gelbem gestein enthauptet
der finger

zeigt auf den mond

I l o I l o I l o

Donnerstag, April 23rd, 2020

Mein Geistes Tropfen (bist du)
Ewige Zuversicht strahlt (dein Lachen)
Deine Aura wärmt (den Raum goldgelb)
Lebendigkeit sprudelt (Bahnen)
meinen unauslöschlich (ruhelos rasend)
en Will en
Das reinste Edelauge (im widerwilligsten Glauben)
Falke, der Turm (ist ungebrochen)

Uns (er) ist die Wiederkehr

tagebuchnotiz

Mittwoch, April 22nd, 2020

und es gab tage
da schrieb ich dir gedichte
schrieb ich
schrieb
mir die tinte aus dem leib
und was zurückkam
wenn was kam
kam
meist zu spät
oder hatte keinen bezug

die zeit enthäutet sich

Mittwoch, April 22nd, 2020

wir tragen mundschutzmasken
lass mich nicht die worte verlieren
die stille fühlt sich an
wie ein lauer sommerregen
der die fenster streift

zugesperrte münder
ich kann dein lachen nicht sehen
und die hand
die ich dir reiche
fällt ins leere

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Dienstag, April 21st, 2020

Zeichen

sind

Masken.

Parabeln zur Pandemie 6: Kleiner Engpaß

Samstag, April 18th, 2020

Fern in Ostasien brach einst eine rheumatische Krankheit aus, die dazu führte, daß die Arbeiter ihre Ellbogen nicht mehr bewegen konnten. Auf den Fließbändern rauschten die Produkte unbearbeitet hinweg und fielen am Ende auf wilde Haufen. Niemand war in der Lage, sich darum zu kümmern. Die Gelenkschmerzen waren einfach zu groß. Die Arbeiter standen wie erstarrt an ihren Plätzen und verzogen die Gesichter. Die Bilder gingen um die Welt, ihr erinnert euch… Zum Glück war die rheumatische Ellbogenerkrankung keine Pandemie – sie blieb auf das ferne Ostasien beschränkt, auch wenn sie dort das ganze Land lähmte. Die Arbeiter zogen es vor, sich in die Parks zu begeben und mit Qigong, Kongfu und Taiji die Gelenke allmählich wieder zu lockern. Davon sahen wir keine Bilder… Hierzulande waren alle heilfroh, daß das Ellbogen-Rheuma nicht über die Ländergrenzen hinwegschwappte, hatten wir doch noch genug mit den Folgen der letzten Pandemie zu tun, die Schwellungen und Blasen im Gesicht hervorgerufen hatte und dank der gesichtsbedeckenden Heilpflaster nun wirksam „eingedämmt“ war, wie es hieß. Wir schnappten uns also unsere Pflaster und wollten uns gerade ins Auto schwingen, um ins nahe gelegene Umland in den Jahresurlaub aufzubrechen – da bekamen wir es doch mit den Folgen des Ellbogen-Rheumas zu tun: der Stillstand der fernöstlichen Fließbänder unterbrach die „Lieferketten“. Was ist denn das? Haben sie etwas mit Radfahren zu tun? Na, nicht ganz: Es kam kein Nachschub mehr und es fehlte plötzlich an allem. An den Anblick halbleerer Regale hatten wir uns längst gewöhnt und waren im Grunde nicht sehr überrascht. Der Engpaß betraf nun die Gurte, ja richtig, die Anschnallgurte in den Autos konnten nicht mehr eingebaut, repariert und ausgewechselt werden. Über die Fernsehbildschirme flackerten am folgenden Tag die finster dreinblickenden Gesichter der Minister, aufgelockert nur von einer lächelnden Ministerin für Gesundheit, die mit ihrem tieflila Kleid für einen dezenten Farbakzent zwischen den schwarzen Zwei­reihern sorgte. Das Wort führte der Verkehrsminister, dessen buschige Augenbrauen dunkel über die Stirn stachelten: „Anschnallgurte im Auto“, sprach er langsam, um seinen Worten Gewicht zu verleihen, „Anschnallgurte dienen im Auto der Sicherheit. Daher heißen sie in der Fachsprache auch Sicherheitsgurte. Die Regierung wird alles Erdenkliche tun, um den Mangel an Sicherheitsgurten so schnell wie möglich zu beheben.“ Damit endete seine Rede, und er blickte sich fragend in der Ministerrunde um. Bevor die Schweigepause unerträglich wurde, meldete sich der Innenminister zu Wort. Sein schlohweises Haar zeugte von Weisheit, was hatte er in seinem langen Berufspolitikerleben nicht alles schon beobachten müssen. Ein Engpaß bei der Lieferung von Sicherheitsgurten war aber noch nie passiert. Schnell ergriff er das Wort: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, zu Ihrer Sicherheit wird heute im Innenministerium das Sicherheitskabinett tagen. Wir werden Beschlüsse fassen, die zu Ihrer Sicherheit bei fehlendem Sicherheitsgurt beitragen werden.“ Nun wurde es schwarz auf den Fernsehbildschirmen, der Ton aber war weiterhin zu hören. Es erklang der Trauermarsch von Chopin, ihr erinnert euch, diese schöne Melodie, zu Stalins Beerdigung wurde sie zum letzten Mal im Rundfunk ausgestrahlt. Endlich durften wir sie wieder hören. Zur Einstimmung auf die Millionen Verkehrstoten, die ohne Sicherheitsgurt mit Sicherheit einem qualvollen Ende auf der Autobahn oder in einer viel zu schmalen Landstraßenkurve entgegen sahen. Wir konnten uns die künftigen Bilder des drohenden Leids bereits vorstellen: zwischen die splitternde Frontscheibe und dem geborstenem Lenkrad eingeklemmte Köpfe mit halb geöffneten röchelnden Mündern. Natürlich floß Blut über all diese Szenen, kein Ketchup odr Theaterblut, sondern echtes wohlgemerkt. Die Titelseiten der Zeitungen würden voll davon sein. Eine schreckliche Perspektive. Unbedingt mußte verhindert werden, daß es soweit kam. Am folgenden Tag, kurz nachdem sich das Sicherheitskabinett zusammen gefunden hatte, trat der Innenminister wieder vor die Kamera. Diesmal war er allein und trug einen tiefblauen Anzug, der seinem schlohweisen Haar noch mehr einen Hauch von Weisheit verlieh, während das Anzugblau kosmisch in höhere Sphären zu strahlen schien. Seine Beliebtheitswerte in der Bevölkerung wuchsen bei diesem Anblick sprunghaft. Ach, könnte die Wahl nicht rasch auf heute vorgezogen werden, dachte der Innenminister im Stillen. In die Kamera aber sprach er: „Liebe Bürgerinnen und Bürger, wir haben sehr gründlich und alle Seiten bedenkend und abwägend im Kabinett beraten und beschlossen, den Autoverkehr in unserem Land solange zu untersagen, bis wieder Sicherheitsgurte geliefert oder hierzulande hergestellt werden können. Sicherlich liegt auch Ihnen allen die Sicherheit eines jeden Autofahrers am Herzen, ob er nun noch über einen alten Sicherheitsgurt in seinem Fahrzeug verfügt oder ohne Gurt fahren müßte. Wir zeigen uns solidarisch! Wir gehören zusammen! Daher ist es nur billig und recht, wenn auch die Autofahrer, die noch einen Gurt haben für die Dauer des Engpasses auf das Autofahren verzichten. Nur so kann die Sicherheit aller gewährleistet werden. Sicherlich können Sie diese Sicherheitsmaßnahme verstehen. Um Sie in Ihrer Einsicht in die Notwendigkeit zu unterstützen, hat mein Ministerium mit sofortiger Gültigkeit eine Rechtsverfügung erlassen. Da die Abgeordneten aufgrund dieser Verfügung nicht mehr ins Parlament fahren konnten, haben sie freiwillig auf ihr Stimmrecht verzichtet und stimmen für die Dauer des Engpasses bereits vorsorglich allen Entscheidungen der Regierung zu. Die Verfügung lautet: ‚Ab dem heutigen Tage und auf unbestimmte Dauer ist das Führen eines Automobils untersagt. Ausnahmen können beim örtlichen TÜV beantragt werden.’ Ich wünsche Ihnen allen eine sichere Zeit, bleiben Sie gut zu Fuß!“ Mit diesen Worten verabschiedete sich der Innenminister, setzte sich ein grünes Filzhütchen mit Feder auf das schlohweise Haupt und warf sich eine ebenso fichtennadelgründe Joppe mit Hornknöpfen über die Schultern. Er schickte sich – ein Vorbild wollte er dem Volke sein – zu einer Wanderung an. In seinem Alter! Da schwenkte die Kamera weg. Wieder hörten wir Chopin, diesmal sahen wir sogar das Orchester spielen.

Da saßen wir nun mit unseren gepackten Koffern vorm Auto, wollten eigentlich raus in die Heide vor der Stadt, der Jahresurlaub lockte. Jetzt war uns das Autofahren verboten worden. Betrübt blickten wir uns an und verfolgten, was um uns herum geschah: Wie von Zauberhand gestoppt, blieben die eben noch rollenden Fahrzeuge stehen, wo sie gerade waren. Die Insassen stiegen aus und wie von Zauberhand ausgestattet, trugen sie alle einen knorrigen Wanderstab in der Hand. Filzhüte mit Federn und Joppen mit Hornknöpfen waren wieder in Mode gekommen. Alt und jung, alles schleppte sich, lief und schlurfte auf den autoleeren Straßen hinaus aus der Stadt. Offenbar hatten alle den gleichen Gedanken: ‚Jahresurlaub! Raus in die Heide!’ Wir waren nicht allein. Der Innenminister behielt recht: Alle zeigten sich solidarisch. Die Schüler, die einst an freitags die Schule geschwänzt und  gegen die Luftverschmutzung demonstriert Schule hatten – habt ihr das etwa schon vergessen, manche von ihnen bekamen Disziplinarstrafen und Verweise wegen des Fernbleibens von der Schule, manche Eltern mußten wegen ihrer umweltbewußten Zöglinge mit Ordnungsgeld büßen, bevor der Staat dankenswerterweise für alle die Schulpflicht aufhob, aber das ist eine alte, lange zurückliegende Geschichte, ich habe sie, glaube ich, von meiner Oma gehört… – die freitags einst schwänzenden Schüler jubelten. Sie klatschten Beifall und trugen den Innenministern über ihren Köpfen auf Händen in den Wald. Auch die Gewerbetreibenden und Einzelhändler waren begeistert: Soviel Laufpublikum hatten sie seit Jahrzehnen nicht mehr gesehen. Die Zulieferer in den „Lieferketten“ hatten für ihrer LKW-Fahrer schnell Ausnahmegenehmigungen beim TÜV besorgt. Damit dem Volk nicht auffiel, daß der Lastwagenverkehr ungehindert weiter rollte, wurde er in die U-Bahn-Tunnel verlegt. Alle erfreuten sich an den freien Tagen bei sauberer Luft in der nahen Umgebung, unserer schönen, blühenden Heide. Nur die alleinerziehenden Mütter, diese undankbaren, egoistischen Elemente, die es gewohnt waren, ihre heißgeliebten Sprößlinge im Van zum Klavierunterricht, Tennis oder Freibad zu chauffieren, stöhnten laut auf. “Was sollen wir tun?”, riefen sie, und formierten sich in ihren gepanzerten Limousinen zu einem Autokorso, der laut hupend vor dem Innenministerium demonstrierte. Doch der Minister lag längst auf einer Lichtung im Wald zwischen Blaubeersträuchern, die auf seinem tiefdunklen Anzug, den er unter der Filzjoppe trug, nicht einmal Flecken hinterließ. Ach, träumte er, hätte nicht heute schon Neuwahl sein können?, dachte er träumend, während sein Blick sich in persilweißen Schäfchenwolken verlor. Da wurde er von einer Fahrradklingel auf seiner Waldlichtung aufgeschreckt. Eine der egoistischen, nur auf den eigenen Nachwuchs bedachten, alleinerziehenden Mütter war vom Auto aufs Rad umgestiegen und dem Innenminister tief in den Wald gefolgt. “Hätte, hätte Fahrradkette”, krähte ein Dreijähriger von seinem Kindersitz in die Ohren des Ministers. Dann fügte der Dreijährige haspelnd hinzu: “Hätte es nicht genügt, daß alle langsam fahren?” Der Minister blickte sich um, wer ihm diese bahnbrechende Idee eingeflüstert hatte. Oder träumte er noch immer? Egal, morgen würde er wieder vor die Kamera treten und sie dem Volk verkünden. Von der Mutter mit ihrem dreijährigen Kind war nichts mehr zu sehen. Längst waren sie an der Lichtung vorbei durch den Wald hindurch geradelt.

landschaftsaufnahmen kommen in mode

Freitag, April 17th, 2020

13. april ostermontag
wir zählen die zeit anders nach der auferstehung
in infizierten toten geheilten
es bleibt immer eine dunkelziffer beim sterben

wir sollten die zeit wieder in gebrochenen lieben zählen
autounfällen oder geschafften abschlussprüfungen von bäckerlehrlingen
einen impfstoff gegen kriege hat noch keiner erfunden
nicht einmal die vereinten nationen

bald wird der letzte sommervollmond vorbei sein
du stehst mit nackten füßen im flachen wasser
wellengeplätscher geplärr von wolken und smartphoneklingeltöne
komm raus zieh dir endlich strümpfe und schuhe an

kultur per video im live stream
die zeilenumbrüche in den gedichten sind echt
das wär doch ein schönes weihnachtsgeschenk für deinen liebsten
ein echter van gogh für fünfundfünfzig cent

reiß den bäumen die blätter lebend aus
verschon uns mit herbstfarben
verwelken und dem letzten eis vor schließung der eisdiele
ein karibischer winter wäre genau das richtige

die hurrikansaison beginnt erst

momentaufnahme 9.3.2020, 22.10 uhr, vollmond

Freitag, April 17th, 2020

ich komme mir vor wie in einer science fiction:
ein virus, das die welt bedroht.
und hässlich ist es auch noch,
eine stachelige kugel unter dem elektronenmikroskop.
viren hatten wir zwar schon,
aber die waren immer woanders,
meist in afrika,
nicht bei uns.
auch diktatoren und großmächte hatten wir,
die die welt bedrohten.
aber, wir leben noch,
auch wenn viele starben.
das privatleben ist nicht mehr privat,
die freiheiten des öffentlichen lebens und der demokratie
wurden eingeschränkt.
aber, wurden sie das nicht schon seit jeher?
und, gibt es überhaupt privates,
persönliches?
oder ist alles nur eine ablenkung
von viel schlimmerem?
ich will jetzt nicht zurückgreifen
in die zeit der leibeigenschaft,
der sklaverei.
die klimakatastrophe,
fridays for future,
greta,
der ausstieg aus der kernenergie,
der dieselskandal
sind fast vergessen.
jetzt brauchen wir mundschutz anstelle von klimaschutz!

Donnerstag, April 16th, 2020

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Ein etwas

Montag, April 13th, 2020

…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetete Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung trifft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzusagen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Di…. das Fliegen, und Schwingen im Wind – wiegen, das eigenständige Purzelbaumschlagen, das wortbeständige Wolkenflügellächeln, das nüstern – erbetende Höhengleichnis, der Sprung der Zeit in einem Zellentraum, der raumsprengende Innen – Baum.

Meine Flügel geben nach, ich falle tief. In die Erden deiner Haut. Deine Worte durchfüllen meine Wellen mit berauschender Leichtigkeit. Deine Ebene schwingt. und ich lasse mich von ihr tragen , die Schwingung tirfft mich leicht davontragend, es ist des Windes Bestimmung meine Teile miteinander fortzutragen, ineinander getrennt, zerteilen sie die Zeit, die Ewige. Sie trennt sich von Nichts. Ihre Stimme klingt endlos weiter, selbst wenn die Gondeln Trauer tragen.
Selbst wenn der weiße Mondkuchen wieder zwischen Bambusglocken lilablau erblüht. Die Maiglöckchen fressen ihre Erinnerungen und verdecken ihre Küsse in Mondesträume.

Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Auslöschung.
Vergeudete Chancen.
Ihre Stimmen ersticken wortlos.
Die Spezies fängt an zu gleich zu Denken.
Somit beginnt ihre unaufhörliche Reise.
Erbeutete Chancen.
Ihre Stimmen erklingen wortlos.
Die Spezies fängt an zu weinen.
Als ich als kleinster Krümel noch versuchte die Welt abzubilden,
ergoss sich mir eine andere Art von Flut.
Ich verzweifelte. Und vergaß.
Ich entschloss und vergaß.
Ich vergaß. Leben. Das Leben. Ich, vergaß.
Ihre Stimmen. Ein Chor der Lockung.
Ich vergaß, ein Paradies der Wahrsagung. Eine Verzückung. Ein lustwandelndes kleinstes verköstigtes Etwas.
Eine Zündung. Eine Reißung. eine nie zerkeimende Verheißung, eine entschlüsselte Verkommenheit, ein Dialog. Endend.

Laut gesagt

Montag, April 13th, 2020

Eine Kritik an Thomas Mann, die sie kürzlich gehört, die sie ihren Studenten vorgestellt hatte, eine Kritik, die wie üblich als eine ihrer eigenen Aussagen zitiert wurde, ging ihr nicht aus dem Sinn. Die Kritik, die Jemand zu Thomas Mann geäußert hatte, der den beiden Männern, Eduard und Vyvyan, in einer gewissen Weise ähnlich war, ein bissiger Kerl mit scharfer Brille und eleganter Frisur, ein Dandy, ein unbequemer und zuweilen auch nicht ganz passender Kritiker, er hatte es laut gesagt: Thomas Mann war einer, der handlungsarme, parfümierte Ideenromane schrieb. Ein Scheindemokrat und ein Closetschwuler.

Was nicht ganz stimmte, denn Eduard dachte für zwei, und das war selbst für jemanden wie ihn zu übergriffig. Aber diese Übergriffigkeit gab es rezeptfrei.

Frohe Ostern!

Sonntag, April 12th, 2020

Griechenland: Konditor kreiert Osterhasen mit Corona-Schutzmasken ...

Parabeln zur Pandemie 5: Die Blaupause – Finale

Freitag, April 10th, 2020

Ein Wunder war geschehen: So plötzlich, wie die hochgefährlichen Mehlwürmer in den ukrischen Salamibroten aufgetaucht waren, so rasch verschwanden sie wieder, genauer gesagt, so schnell verwandelten sie sich in normale, ekelerregende Mehl­wür­mer, wie wir sie schon immer kannten. In dem Ameisenbau, den sich die Königin nach der Flucht ihres Volkes gesucht hatte, kannte man die Kunlun-Milben nicht, kein Tierchen rannte mit geknickten Fühlern herum. Auch von der schreckliche Wuche­rungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit, die in Italien gewütet hatte, war plötzlich nichts mehr zu sehen. Stattdessen hatten manche Menschen sportliche blaue Flecken am Knie, leichte Blutergüsse am Hals nach einem leidenschaftlichen Kuß oder Pubertätspickel im Gesicht – ein Anblick, der uns nicht erfreute, aber an den wir gewöhnt waren. Schließlich wurde auch die Lügen-Pandemie geheilt: Wie durch ein Wunder kehrten die Menschen zur Wahrheit zurück, genauer gesagt, zu den Halb-Wahrheiten, mit denen sie seit Jahrhunderten gelernt hatten zu leben. Nun durfte auch der auf Lügner allergisch reagierende Richter aus seiner un­bequemen Position halb innerhalb und halb außerhalb des Gefängnisses freigelassen werden – er saß wieder in seinem Büro. Zuvor jedoch legte er den feierlichen Eid ab, nie wieder einen Menschen wegen Lügnerei zu verurteilen, sondern seine richterlichen Urteile so zu fällen, wie es das Gesetz dem Geist nach vor­sah: für Ver­brechen.

Die Mikroorganismen und die sonstige Tierwelt, die Ukrier, Italien und die Menschenwelt insgesamt – alle kehrten zu ihrem vorherigen, natürlichen Leben zurück. Die Dramatik der letzten Tagen, der Ausnahmezustand von Natur und Gesellschaft war nach kurzer Zeit wie weggeblasen. Die Freude über die wiedergewonnene Frei­heit überspielte alles. So schien es zumindest. Die Ameisenkönigin, die nun schon alt und leicht vergeßlich geworden war, entdeckte in der Nähe ihres neuen Staates mitten im Wald niedrig wachsende Sträucher, aus denen blaue Beeren hervorlugten. Doch nicht die Blaubeeren hatten es ihr angetan, sondern die kleinen grünen Blätter, die an den Sträuchern hingen: Stapelweise ließ sie die Blättchen herbeischaffen und begann auf ihnen, ihre Geschichte gegen das Vergessen niederzuschreiben: Wie sie den Kampf gegen die bösartigen Kunlun-Milben auf­ge­nom­men und mit ihrem Befehl, die Fühler einzuknicken, gewonnen hatte. Ihr neues Ameisenstaatsvolk wußte noch nichts von den Milben und lauschte gespannt den abenteuerlichen Geschichten der Königin. Die Brutpflegerinnen lasen die Blätter, dichteten Lieder daraus und sangen sie den Eiern vor, aus denen die neuen Ameisen noch nicht geschlüpft waren. Das ganze Volk war so fasziniert, daß sie die Blätter abschrieben und kopierten. Die findigen Tierchen ent­deckten, daß sich der Saft der Blaubeere vorzüglich als Tinte eignete. Und bald er­fanden sie eine Vervielfältigungsmethode, die die Welt verändern sollte: die Blau­pause. Indem sie die Blätter sorgfältig mit Blaubeerensaft einrieben, in der Sonne trocknen ließen und dann erst die Blätter übereinander stapelten, gelang es ihnen, die Geschichte ihrer Königin zu kopieren, indem sie nur das obere Blatt beschrieben, sich dabei aber mit ihren Füßchen von oben derart gegen den Stapel stemmten, daß sich die Buchstaben auch noch auf dem untersten Blatt in die getrocknete Blau­beeren­saft­schicht ein­kratzten.

Um ihrer Königin Anerkennung zu zollen, knickten die Ameisen freiwillig und ohne Bedrängnis durch feindliche Milben ihre Fühler ein und verzichteten auf die überholten Bräuche der Betrillerung. Die Königin war so entzückt von ihrem neuen Volk, daß sie einen Freudentanz über dem Bau flog und damit den Befehl verkündete: Tragt die Blaupausenblätter zu allen anderen Ameisenstaaten im Wald und lest ihnen meine Geschichte vor. Die Ameisen marschierten divisionsweise über Stöcklein und Moose, um dem Auftrag gerecht zu werden. Die Königin aber zog sich zufrieden ins Innere des Baues zurück und legte sich zur Ruhe. Kurz darauf gab es im ganzen Wald nur noch Ameisen mit geknickten Fühlern, die auf dem Rücken ein bekritzeltes Blaubeerblättchen wie einen Panzer mit sich herumschleppten und niemals fallen ließen – das ist unsere Bibel, sagten sie zu sich selbst. Als „Schildameisen“ gingen sie in die Biologie-Lehrbücher ein. Sicherlich habt ihr sie gesehen, wenn ihr in eurem Leben schon einmal die Gelegenheit hattet, durch einen Wald zu spazieren.

Nicht nur die Ameisen waren der wundersamen Kunst des Lesens und Schreibens mäch­tig, nicht nur die Ameisen hatten die Erfindung der Blaupause lieb­ge­won­nen. Auch die Menschen hörten davon und schauten sich von den vorbildlichen, fleißigen Tierchen die Technik ab, um ihre Geschichten gegen das Ver­gessen festzuhalten für künftige Generationen.

Der schlaue Orfin ließ sich von Staatsdichtern eine geheime Geschichte des ukri­schen Volkes in Knittelversen verfassen. Darin sangen sie Loblieder auf den heiligen Mehlwurm, der es Orfin ermöglicht hatte, ein Krönchen mit Haarspangen an seiner dünner und schütter werdenden Kopfbehaarung zu befestigen. Damit gelang es Orfin nicht nur, seine Altersglatze auf geschickte Weise zu verstecken. Das Volk himmelte ihn, als er einmal mit diesem glitzernden Kopfschmuck auf dem Balkon seines Regie­rungs­sitzes erschien, als König an. Nun konnte er nach Belieben schalten und walten, ohne jemanden fragen zu müssen. Während er vom Balkon aus Reden über den Schutz des Vol­kes vor gefährlichen Mehlwürmern hielt – eine dichterische Meisterleistung übri­gens, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht – wackelte er mit dem Hintern und gab damit seinen Lakeien und Ministern Anweisungen, was sie zu tun hatten. Es war eine besondere Form der Gebärdensprache, die sich der schlaue Orfin angeeignet hatte. Das Volk warf aus Angst und Abscheu gegenüber den gefährlichen Würmern sämtliche Brote und Brötchen in den Müll. Die Diener von König Orfin I. ließen sie nachts aus den Mülltonnen wieder einsammeln, in Wasser einweichen, zu Papp­soldaten formen und in der quälend heißen, ukrischen Sommersonne trocknen, bis die Figuren knochenhart waren. Nun erteilte der schlaue Orfin den in die Arbeitslosigkeit gestürzten Malern und Lackiereren einen lukrativen Staatsauftrag: Sie durften heimlich in den Palast kommen und gegen Bezahlung in Form von Logis und Kost den knochenharten Pappsoldaten aus recyceltem Semmelmehl bunte Uniformen an­malen. Sicher habt ihr schon von den magischen Fähigkeiten der Maler gehört: Wenn sie ihre Kunst gut beherrschen, verleihen sie den Geschöpfen auf der Leinwand Leben. Früher, als die Menschen noch Museen und Galerien besuchten, standen sie berührt oder begeistert vor ein paar Klecksen bunter Farbe, die sie „Gemälde“ nannten, und glaubten, lebendig in ferne Zeiten und Länder einzutauchen, während sie sich in Wirklichkeit nur im Hier und Jetzt befanden. Mit diesem Aberglauben, so predigte der schlaue Orfin nach vorn zum Volk von seinem Balkon aus, werde nun aufgeräumt. Nach hinten aber wackelte er mit dem Popo und befahl den Malern mit dieser Gebärde, ein Höchstmaß ihrer Kunst beim Bemalen der Pappsoldaten an den Tag zu legen. Binnen kurzem wimmelte es im Palast von farbenfroh anzusehenden, friedlich lächelnden Soldaten und Offizieren und Generälen, die tänzelnd durch die Säle schritten. Dabei krümelte es ein wenig von ihren Schultern und Gelenken, aber das kümmerte niemanden. Der schlaue Orfin hatte es dank seines unermüdlichen Krieges gegen die Mehlwürmer geschafft: Er hatte den Ukriern die mächtigste Streitmacht seit den Mongolen geschenkt. Davon kündete seine Geheime Geschichte der Ukrier in hymnischen Versen.

Die Ärzte in Italien hatten die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit er­folg­reich “eingedämmt” (ein Wort, als handelte es sich um eine Flut…), indem sie den Menschen gesichts­be­deckende Heilpflaster ver­ordneten. Anfangs waren die Heilpflaster Mangelware, mußten aus Fernost ein­ge­flo­gen werden, was ein logistisches Kunststück war angesichts des beinahe kom­plett eingestellten Flugverkehrs. So wunderte es nicht, daß ganze Flug­zeugbäuche mit den rettenden Gesichtspflastern bei einer Zwischen­landung im Kongo von Ureinwohnern geplündert oder CIA-Agenten beschlagnahmt wurden, wer genau, wußte niemand. Endlich aber trafen die ersten Lieferungen in Rom ein und konnten auf Eselskarren sicher bis ins reiche, aber von der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit besonders heimgesuchte Norditalien transportiert werden. Die Menschen nahmen die Rettung dankbar an und atmeten unter ihren Pflastern erleichtert auf. Außer der berühmten italienischen Streicheis- und Waffelindustrie konnten nun Produktion und Handwerk wieder hochgefahren werden. Einzig die Gelaterien erhielten Berufsverbot, denn der Verzehr von Straßeneis hätte massenhaft zu dem unverantwortbaren Phänomen geführt, daß die Bürger mitten im Sommer – in Italien war er ähnlich quälend heiß wie in Ukrien – ihr rettendes Gesichtspflaster kurzzeitig abgerissen hätten, um sich eine Kugel Eis in den Mund zu stopfen. Derart überholte, unhygienische Ernährungs­ge­wohn­heiten mußten konsequent ausgemerzt werden. Zu diesem Zweck befahl das Hygiene­ministerium, das nach dem Sieg über die schreckliche Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit das alte Gesundheitsministerium abgelöst hatte, in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten, abgekürzt USRA, weiterhin stündlich die garstigen Bilder von den Wucherungen, Schwellungen und Blasen zu zeigen – nicht weil sich die Krank­heit weiterhin ausbreitete, sie war besiegt und drohte dem Ver­gessen anheim zu fallen. Zur erwachsenenpädagogisch wertvollen Abschreckung der sorglosen, egoi­stischen und auf Kosten der Allgemeinheit schlemmenden Eisesser liefen die Bilder weiterhin über die Fernseher und wurden noch mit weit finsteren Bil­dern aus fernen Ländern, die weiterhin unter Wucherungen, Schwellungen und Bla­sen litten als unser schönes Italien, angereichert.

Zum Erfolgsrezept der Hygiene­behörde gehörten nicht nur die Gesichtspflaster, die bald schon in modischen Formen vertrieben wurden, und das generelle Eisessverbot, sondern die Isolation der älteren und ältesten Teile der Bevölkerung in speziell für sie eingerichteten „Alten-Camps“. In sicheren Heimen, fernab der großen Städte mit ihrem langsam wieder in Betrieb genommenen, hochansteckenden Theatern, Opern und Museen, konnten die Alten ihren Lebensabend genießen, blieben von lästigen Besuchen ihrer Kinder und Enkel verschont, wurden vom Pflegepersonal liebevoll sozialpädagogisch umsorgt – die pflegerische Fürsorge wurde übrigens per Stechuhr gerecht auf alle Bewohner der Camps verteilt und bei der Krankenkasse abgerechnet. Die böse Natur, die ihnen mit dem täglichen Älterwerden an den Leib zu rücken drohte, konnte den Älteren und Ältesten nun nichts mehr anhaben. Der Übergang in eine neue Ära – das Zeitalter des ewigen Lebens – stand unmittelbar bevor. Die Beamten des Hygieneministeriums sahen schon Jesus vom Kreuz herunterklettern und für ewig auf die Erde zurück­kehren – eine Phantasie, die in Italien und nicht zuletzt im Vatikan helle Begeisterung auslöste.

Nur die Kriminalpolizei, weiterhin Kripo genannt – das sei am Rande vermerkt, da es in der öffentlichen Diskussion in den Unabhängigen Staatlichen Rundfunk-Anstalten (USRA) nicht vorkam, hier aber die ganze Wahrheit berichtet werden soll – nur die Kriminalpolizei äußerte Bedenken gegen die Einführung der rettenden Gesichtspflaster, denn sie erschwere die Suche nach Einbrechern und Dieben, wie sich denken läßt. Im Schutze des Pflasters konnte geklaut und vergewaltigt werden wie nie zuvor. Die Opfer oder wie es nun hieß, die Geschädigten dieser schrecklichen Verbrechen waren nicht einmal imstande, laut zu schreien und Hilfe herbeizurufen. Auch die Schilderungen der Zeugen, die die Polizei zur Vernehmung ins Revier lud, beschränkten sich auf die Augen- und die Haarfarbe sowie den Satz: “Trug ein gesichtsbedeckendes Pflaster.“ Tausendfach wurden Ermittlungsver­fah­ren eingestellt. Noch nie sahen sich die Mafia und die Camorra so wirksam vom Staat unterstützt wie von der Einführung der Gesichtspflaster durch das Hygie­ne­ministerium. Die Schrecken der Verbrechen waren an die Stelle der schrecklichen Krankheit getreten – aber die Gesundheit war, das wußte jedes Kind auswendig, wichtiger als alles andere.

Die Rechtsstaatliche Staatspolizei, abgekürzt Restapo, lobte die Gesichtspflaster in hohen Tönen. Nach dem Sieg über die Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit waren Versammlungen und Demonstrationen wieder erlaubt. Insbesondere die Um­weltschützer hatten die Füße während der Quarantäne kaum stillhalten können und die Zahl der Petitionen im Internet war flutartig angeschwollen. Nun durften sie wieder auf Plätze und Straßen treten. Doch in der neuen Zeit erinnerten ihre Demonstrationen dank der Ge­sichtspflaster eher an Schweigemärsche. Sie wedelten ihre phantasievoll gestalteten Transparente durch die Luft, spielten zu Hause am Re­korder eingesprochene Reden ab – die Demonstrationen waren gemein­schaft­liche Hör­buchnachmittage. Ja, die Umweltschützer… Sie hatten während des Wütens der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erlebt, wie radikal die Regierung zu einer Änderung der Lebens- und Wirtschaftsweise zu bewegen war. Nun schöpften sie Hoffnung: eine bessere Welt ist möglich, ließen sie auf den Demos durch Lautsprecher verkünden. Tatsächlich konnte man die Reden hinterher auf Audible nach­­hören, so daß es sich eigentlich gar nicht lohnte, wegen einer Demo auf die Straße zu gehen. Nicht einmal die Beamten der Restapo mußten ihre Büros verlassen. Sie konnten gemütlich im Zimmer bei einem Espresso, den sie sich mittels wiederverwendbarer Strohhalme aus ökologischem Bambus durch ihr Gesichtspflaster hindurch einflößten, ermitteln, welche staatsgefährdenden Gedanken von welchen Umweltschützern herausposaunt wurden. Auch die Ver­höre ließen sich dank der Gesichtspflaster wirksamer gestalten als früher: die Ver­nommenen hatten keine Chance zu erkennen, wer sie vernahm – da konnte die eine oder andere Folterpraxis wie Fingerbrechen oder Arm­auskugeln, die seit dem seligen Mussolini in Vergessenheit ge­raten war, un­ge­straft in die Verhörkeller zurückgeholt werden. Aber damit driften wir ins Reich der ge­heimen Blaupause ab, das eigentlich dem schlauen Orfin vorbehalten war. Mit dem wollte natürlich niemand etwas zu tun haben, diesem Wahnsinnigen, der sich für einen modernen Dschingis Khan hielt, schon gar kein Repräsentant unseres sauberen Italien…

Die Banken schrieben eine Blaupause, die sie in Form eines Forderungskataloges öffentlich an die Regierung herantrugen: Sie forderten – wie schon während der Krank­heit – die Fortzahlung nichtrückzahlbarer Fördergelder, genannt Zuschüsse, aus dem Staatshaushalt. Dank der schrecklichen Wucherungs-, Schwellungs- und Blasen­krankheit wußten sie nun, wie das Staatssäckel geplündert werden konnte, wenn den Mini­stern der Boden unter den Füßen wankte. Ihre Hoffnung, der Regierung weitere Billiönchen zu entlocken, war nicht besonders groß, aber versuchen sollte man es. Vielleicht sprangen am Ende ein paar Milliönchen heraus.

Die Grenzschützer schließlich schrieben ihre eigene Blaupause für den Grenzschutz der neuen Zeit und spuckten sich vor Freude in die Hände: Standen vor Ausbruch der Krankheit noch alle Grenzen offen, das hieß, waren die Grenzschützer ständig von Arbeitslosigkeit bedroht, so hatten sie voll Erstaunen mit angesehen, wie schnell es möglich ist, alle Grenzen zu schließen, nicht nur die Landesgrenzen, auch die Grenzen der Bezirke und Provinzen innerhalb der Länder waren verschlußfähig – das hätten sie sich nie zu träumen gewagt. Neue Grenzpolizisten mußten ausgebildet werden, die sogenanne Innere Grenzschutzpolizei, genannt Igspo, die die genesenen Bürger nun davon abhielt, Ausflugsziele, Natur-und Kulturdenkmale aufzusuchen, sollte sich doch weiterhin jeder nur in seiner Bannmeile aufhalten, die auf 33 km vom Haupt­wohnsitz festgelegt worden war. Die neugeschaffene Igspo hatte Tag und Nacht zu tun, vor allem nachts sogar, denn besonders widerspenstige und asoziale Elemente suchten den Schutz der Dunkelheit, um sich über den Radius ihrer Bannmeile hinaus zu bewegen.

Die Regierung, das soll nicht verschwiegen werden, schuf sich ihre eigene Blaupause, in der sie ihre Erkenntnisse und Erfahrungen, die zum Sieg über die Krankheit beigetragen hatten, für künftige Eliten bewahrte. Ihre Blaupause hieß Strategiepapier und trug auf jedem Blatt einen Stempel mit der Inschrift „Verschlußsache: Nur für den Dienstgebrauch“ – ja auch diese Blaupause gehörte zum Reich der geheimen Depeschen, es sollte ja niemand verunsichert werden und an­fangen, an den Regeln der Demokratie zu zweifeln. Gerade jetzt verlangte die Regierung Loyalität und war sich doch unsicher, ob das Volk überhaupt noch auf sie hörte oder jeder einfach lebte, wie er wollte. Nun hatte sie mit ängstlicher Verwunderung beobachtet, daß sie mit einer Handvoll Dekrete sämtliche Freiheiten kassieren konnte, ohne dass sich der geringste Widerstand regte. Denn alle Ein­schrän­kungen dienten nur einem Zweck: dem Schutz der Gesundheit. Was sich vorm Auge der Regierenden – die sich übrigens bald schon Regenten nannten – abspielte, war eine Generalprobe. Aber wofür? Die Antwort auf diese Frage überlasse ich der Phan­tasie des Lesers…

All diese Beobachtungen und Erfahrungen wurden in den Geschichten gegen das Vergessen niedergeschrieben und festgehalten – sie galten als Blaupause für künf­tige Generationen. An die Stelle der Welt, wie Tiere und Menschen sie kannten, trat eine Welt der Kämpfe und Gegensätze: Die Polizisten der Kripo sabotierten die Beschlüsse des Hygieneministeriums, die Beamten der Restapo zersetzten die Be­we­gung der Umweltschützer, die Banken kochten wie eh und je ihr eigenes Süppchen, nur die Grenzschützer handelten vereint gegen alle, die sich nicht in ihre Wohnung verbannen ließen, jene unbelehrbaren Freiheitskämpfer, die nicht mehr an die Rechtmäßigkeit der herrschenden Ordnung glaubten und – wie die Regierung sagte – Opfer von Verschwörern geworden waren. Jede Gruppe folgte ihrer Blaupause und auf ihren Blau­beerblättchen war kein Platz für die Geschichte der anderen. Es war keine Zeit der Erlösung, wie es in den ersten Tagen nach dem Sieg über die Krankheit noch schien, sondern eine Zeit des Chaos und der Willkür. Keiner vertraute dem anderen, keiner konnte die Wahrheit mit den Händen greifen. Am Ende sah sich die Regierung genötigt, den schlauen Orfin um Amtshilfe zu bitten. Die knochenharten, krümelnden Papp­soldaten marschierten aus Ukrien ein und errichteten die auch im Rest Europas Monarchien.

Die Ameisen aber irrten mit ihren geknickten Fühlern ohne Betrillerung durch den Wald und fanden nicht mehr zu ihrem Bau zurück, wo die glorreiche vergeßliche Königin alleinselig einschlummerte und nicht mehr zum Leben erwachte.

offenbar

Donnerstag, April 9th, 2020

schweigend über die dinge hinaus
jenseits von wörtlichkeiten irgendwo hinter bilderrätseln
grünen die leeren tage ins volle licht – einer
der winkt

den sekunden nach
wo niemand mehr lebt senkt blauer tau sich
hinter der stille aufs abendbrevier

in wildem ritt übers stirngeläuf
wolkenstürmend ins weltvergessen wir wollen nicht hadern
mit dieser stunde fallen die tode reif vom baum
die ganze nacht

und den neuen tag
ein jeder schatten weinend
verblasst

Sie können das, ohne zu verzweifeln

Mittwoch, April 8th, 2020

Vyvyan stellte den Gartenstuhl, vom Nachbarn bei Nacht schnell entwendet und am nächsten Morgen grün lackiert, auf den Balkon. „Ich glaube, Tante Viola hat eine Seite an sich, das schiefe Stück einer Torte, an einer ihrer Flanken, aus ihrem Kleid entlang herausgeschnitten, eine Seite, die mich nicht mag. Sie redet zu mir und zugleich zeigt sie, dass sie mich übersieht. Onkel Albert ist froh über den nicht existierenden Skandal, diese Leerstelle, die nicht nur leer blieb, sondern im Antlitz ihrer entkleideten Banalität uns nun bereitwillig Jahr um Jahr dem Alter entgegen treiben lässt. Wir sind schon Kunst – für Nachfahren, die es chic finden, uns wieder zu entdecken.“

Christian, Albert und Violas Adoptivsohn, hatte den größten Teil des gesamten Zyklusses gekauft, Privat- und Familienkunst, Privat-und Familienbesitz, das petrifizierte Leben. Sie setzten sich nieder, Esther, Vyvyan, Eduard, Miranda, nach wie vor ein Quartett aus einem altmodischen Brettspiel, das leichter zu spielen war als Schach. Es schien vorhersehbar, nicht veränderbar und war nichts dergleichen. Albert und Viola, Kuchen und Würste essend. Eduard erzählte noch manchmal Professor Ehrenberg davon, der jetzt einen neuen Schüler hatte und Eduards Doktorarbeit längst in die zweite Auflage gebracht hatte. „Schreiben Sie Ihre Kritik über das Idyll. Sie können das, ohne zu verzweifeln. Sie beginnen einfach mit dem Satz, Idyllisches macht mich nervös und skizzieren virtuos die Darstellung eines mit Schafwolken beklebten Himmels. Sie tanzen für unsere Studenten Walzer mit ihrem Freund, und erleichtern ihnen jede Form der Lebensführung, sie führen andere aus ihrer Enge.“ Er sprach jetzt am Telefon mit Eduard so viel, wie er mit Vyvyan niemals Worte gemacht hatte. Er kam das Quartett an einem Wochentag im Kurpark besuchen, er hatte Benzin in die Luft geschleudert und verbrannt, Frösche und Igel überfahren. Sein silberner Audi 80 konnte selbst Tante Viola keinen bewundernden Blick entlocken. Schmerz und Leid waren zu einer grotesken, lächerlichen Plattheit, gleich den überfahrenen Tieren auf den Straßen, geronnen, und sie atmeten erleichtert auf, tranken ihren schwarzen Tee.

Dem Auge

Freitag, April 3rd, 2020

Die Reise währt nun lange,
gelangte an den Ort
wo alles fließt

und weiter geht es noch -
doch nicht an einen Ort -
dass man es auch genießt…

* * *

Nun ist die Reise da
wo alles fließt

und weiter geht es noch
dass man es auch genießt:

O Hassesblick
der Venus,
mein wie dein -

so soll es sein!
Der Mensch sei, was genießt

* * *

was in des Körpers Falten
auf- und niederschießt
so gellend, gleich verstummt

im Zug nach oben
unvermummt
die leeren Kleider wehen, wehen lässt:

der Wind gefaltet
Luft bei Luft
getrennt, doch un-
getrennt der Raum
nicht Raum, wenn
Duft, dann Luft
nur vor dem Auge

Parabeln zur Pandemie 4: Der schlaue Orfin

Mittwoch, April 1st, 2020

Vor langer Zeit liebten die Menschen das Wandern und Reisen. Sie zogen quer durch Europa, die Grenzen waren durch farbig bemalte Steine in den Wäldern markiert, aber hielten niemanden auf, mochte er sich der Arbeit wegen an einen anderen Ort begeben oder weil ihn die Sonne in den Süden oder der Schnee in den hohen Norden lockte. Heutzutage hocken die Menschen die meiste Zeit zu Hause in ihren vier Wänden, starren auf flackernde Rechtecke in ihren Händen und raffen sich nicht einmal mehr bis zur Ostsee auf. Genauer gesagt: der Weg dorthin wird ihnen versperrt. Von einem, der es geschafft hat, mehrere undurchdringliche Grenzen zu überwinden, habe ich folgende Geschichte gehört:

Ich bin zu Fuß den Wegen gefolgt, die ich bereits als Kind mit meinen Eltern gewandert bin, als die Grenzen trotz Eisernem Vorhang noch weitaus durchlässiger waren als heute. Also auf dem Grenzpfad am Prebitschtor unbemerkt in die Böhmische Schweiz, dann per Anhalter durch Tschechien. Im Süden erreichte ich schließlich Ukrien, ein traumhaftes Land, wo zwischen den Pfirsischbäumen herrliche Salamis wachsen. Welche Wonne, dachte ich, und wollte mir gerade ein Plätzchen zum Schlemmen suchen, als ich eine Stimme im Lautsprecher vernahm. Die Polizei fuhr umher und ließ ausrufen: „Vorsicht, Vorsicht! Ein neuartiger Mehlwurm wurde entdeckt! Gefährlicher als alle bisher bekannten Mehlwürmer! Wer in der Öffent­lichkeit beim Kauen eines Salamibrotes angetroffen wird, wird bestraft.“ Tatsächlich beobachtete ich, wie die Ukrier gleichsam auf Befehl ihre Salamibrote wegwarfen. Genauer gesagt, aßen sie schnell noch die Salami und warfen nur das Brot in den Müll. Einige alte Mütterchen traf ich, die murmelten: „Brot wegwerfen, das gibts doch nicht! Mehlwürmer gab es schon, als ich klein war. Damals herrschte Krieg. Und wir haben unsere Brote doch nicht wegen ein paar Mehlwürmern weggeschmissen.“ Diese Jammerei wollte aber niemand hören und bald schon hatte ich die Gelegenheit, eine Ansprache des neuen Königs, Orfin I., genannt der Schlaue, zu seinen ukrischen Untertanen auf einer Großbildleinwand anzuschauen. Mit einem rotgold schillernden Krönchen auf dem Kopf trat er vor die Kamera. „Liebe Ukrier!“, sprach der schlaue Orfin, „ihr seht, der neuartige Mehlwurm trachtet uns nach dem Leben und er wird unser aller Leben ändern. Bald wird es keinen Ukrier mehr geben, der weiß, was ein Brot ist. Stattdessen werden wir saubere, wissenschaftlich geprüfte Lebensmittel zu uns nehmen und unsere Feinde werden uns nicht besiegen.“

Die Ukrier ringsumher standen staunend mit offenen Mündern vor der Groß­bild­leinwand. Es dauerte nicht lange und ich hörte ihre Mägen knurren. „Ukrier“, flüsterte ich, „wer sind eure Feinde?“ Statt einer Antwort trafen mich stumme Blicke, ihr wißt schon, Blicke von denen man sagt, daß sie töten könnten. Nun, das vermochten sie nicht. Aber ich sah, wen diese stechenden stummen Blicke trafen: diesen und jenen, den Nachbarn, den Vater, die Schwester… ‚Aha’, dachte ich, ‚es sind die inneren Feinde gemeint, über die keiner spricht, und doch weiß jeder Bescheid.’ Kaum war ich zu dieser Erkenntnis gelangt, meldete sich der schlaue Orfin auf der Großbildleinwand im Stadtpark zurück: „Bürger!“ schrie er und hustete, „der neuartige Mehlwurm verursacht ein tödliches Husten. Wir haben zu eurer Sicherheit Q-Lager eingerichtet. Ihr wißt, wofür der Buchstabe Q steht, das muß ich euch nicht erklären. Meldet euch freiwillig, wenn ihr einmal gehustet habt, und geht ins Lager. Wenn ihr euren Nachbarn, eure Mutter oder euren Bruder husten hört – sagt dem Gesundheitsamt Bescheid, damit es sie ins Lager geleite.“ Hier wurde die Übertragung für eine halbe Minute unterbrochen. Im Hintergrund, d.h. ohne Bild, hörte man das heisere Hüsteln des schlauen Orfins. „Ihr seht, meine Lieben“, meldete sich der schlaue Orfin mit vollem Bild zurück, „ich habe für euch bestens gesorgt und schütze eure Gesundheit. Geht ins Lager und vertraut mir!“ Tosender Beifall brach aus. Er übertönte das Magenknurren im Park. „Ukrier!“, fuhr der schlaue Orfin fort, „nachdem mich heute das Parlament für alle Ewigkeit zum Alleinherrscher über euch bestimmt hat, habe ich ein Gesetz erlassen: Jeder, der euch eine beunruhigende Nachricht überbringt, wird mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Denn ich allein bin der Garant für eure Sicherheit und Gesundheit.“

Schade, dachte ich, schade um die Millionen Salamibrote, die nun in der Tonne landeten, während den Ukriern im Stadtpark der Magen knurrte. Wenn sie noch im Stadtpark sein durften und noch nicht ins Lager abtransportiert worden waren. Denn kurz nach der Ansprache Orfin I., genannt der Schlaue, verbreiteten sich epidemisch die Denunziationen im Land. Man mußte befürchten, daß bald ein Zehntel, genauer gesagt, die Hälfte der Untertanen – sie nannten sich nicht einmal mehr “Volk”, geschweige denn “Bevölkerung” – in den neu errichteten Q-Lagern einsaß. Doch davon sah ich nicht viel. Die Lager waren mit bunten Graffiti besprüht, so daß sie nach außen hin wirkten wie Jugendherbergen – also konnte es doch nicht so schlimm sein.

Nach ein paar Tagen bemerkte ich, was der schlaue Orfin mit „beunruhigenden Nachrichten“ meinte: Es war das Gemurmel der alten Mütterchen, das ihm auf die Nerven ging. Von wegen, früher habe es auch schon Mehlwürmer gegeben. Diese tödliche Gefahr war brandneu. Wenn also jemand, sei er nun alt oder jung, sagte: „Leute, es sind nur Mehlwürmer, habt keine Angst“, so galt er in den Augen des schlauen Orfin – und bald auch der Mehrheit der Untertanen – als „Beunruhiger“. Nun, ihr wißt, was den Beunruhigern blühte – sie durften nicht ins Q-Lager gehen, sondern wurden ins Gefängnis gesperrt, mindestens fünf Jahre. Und weil das Brot vom bösartigen Mehlwurm infiziert war, wurde ihnen nur noch Wasser zum Essen gereicht, nicht mehr Wasser und Brot, wie es früher, in alter Zeit einmal üblich war. Darin konnte man doch wirklich einen wissenschaftlich fundierten Fortschritt zum Wohle der politischen Gefangenen erblicken.

Wer dagegen, begleitet von hysterischen Schreien, laute Kampfparolen gegen den tödlichen Mehlwurm ausstieß, wurde von Orfin I. als „Held“ bezeichnet und mit Orden geehrt. „Krieg dem Wurm! Krieg dem Wurm!“ zu skandieren, bot die beste Aussicht auf Beförderung zum Pappsoldat. Denn bald schon besann sich der schlaue Orfin, daß er allein – und der Rest seiner Untertanen im Lager – kaum eine Chance hätte gegen den äußeren Feind. Wer war denn das?, fragte ich mich und fand tief im Keller einen verborgenen Freak, der an seinem alten PC noch Zugang zum weltweiten Netz besaß: Mit zitternden Händen tippten wir „Orfin“ in die Suchmaschine ein und wir fanden: „Später Nachfahre des mächtigen Dschingis Khan. Schon als Schüler war Orfin an der Orga­nisation von Massenbewegungen interessiert. Der Fall des Eisernen Vorhangs gab ihm dazu die erste Gelegenheit. Als Studentenführer forderte er un­eingeschränkte Reisefreiheit für alle Bürger Ukriens. Seitdem er die absolute Mehrheit im Parlament errungen hat, setzt er sich zunehmend für die Würde und Größe des ukrischen Volkes ein.“ In alter Zeit gab es eine Tugend, die „zwischen den Zeilen lesen“ genannt wurde. Was bedeutete die „Würde und Größe des ukrischen Volkes“? Nichts anderes, als daß die Ukrier tatsächlich eine winzige Minorität innerhalb Europas darstellten, und die freien Europäer des Westens in ihrer häuslichen Quarantäne nicht einmal bemerkt hatten, daß sich Orfin I. inmitten ihrer liberalen Union als königlicher Alleinherrscher ausgerufen hatte. Wen interessierten die Ukrier überhaupt? Im Westen spielten die Bürger weiter auf ihrer Playstation und es war ihnen einfach egal, was in der Welt geschah.

So konnte der schlaue Orfin ungestört walten. Kurz nachdem er die „Beunruhiger“ bei Wasser und sonst nichts eingesperrt hatte, baute er eine mächtige Armee von Pappsoldaten auf. Denn noch immer bohrte der Stachel des Ersten Weltkriegs in ihm. Nicht der Vertrag von Verseilles ärgerte ihn, sondern der Vertrag von Trianon: der schlaue Orfan verspürte Lust, sich einen Namen in der Geschichte zu verschaffen, indem er all die verlorenen Ländereien in Transylvanien, der Slowakei sowie in Slowenien, Kroatien und Serbien heim ins ukrische Reich holte. Nein, all dies genügte ihm nicht. Der schlaue Orfin wußte, daß ihn ein sprachliches Band mit den Finnen im hohen Norden verband. Also sollte sich sein neuer Staat bis nach Helsinki erstrecken. Leider erhielt er auf all seine Depeschen – per eMail, SMS oder Whatsapp – an die finnische Präsidentin nie eine Antwort, geschweige denn eine Einladung in die Sauna. Also besann sich der schlaue Orfin auf seine ferneren Vorfahren. Der mächtige Dschingis Khan, kann er nicht als einziger wahrer Weltherrscher bezeichnet werden, der Orient und Okzident gleichermaßen unter seiner Fuchtel wußte? Gedacht, getan.

Der schlaue Orfin stellte seine unbesiegbare Armee aus Pappsoldaten auf in Reih und Glied. Nun ging es dem äußeren Feind an die Wäsche. Zuerst wäre Siebenbürgen dran, dann der Balkan. Leider nur konnten die ukrischen Bauern, die Orfin als Pappsoldaten rekrutierte, nicht mehr auf den Feldern fleißig Salamis züchten. ‚Zum Glück gibt es Mehlwürmer’, dachte sich der schlaue Orfin im Stillen. Dann rief er die alten Mütterchen herbei. Sie kauten ihm vor, wie man in Kriegszeiten Brot ißt, das von Mehlwürmern durchsetzt ist. Ob tödlich oder nicht, spielte nun keine Rolle. Hauptsache nahrhaft. Den Ukriern fehlten ja die glorreichen Salamis.