Archive for März, 2020

Pandemische Paradoxien 2: Zahlenspiele

Montag, März 30th, 2020

Wir hatten 2019/20 einen ausgesprochen milden Winter. Die Sterblichkeitsrate in den Monaten Dezember 2019 bis März 2020 flachte sich europaweit ab. EuroMOMO, das europäische Projekt zur Überwachung der Sterblichkeit, erfaßt mit standardisierten Verfahren in Echtzeit die Anzahl von Todesfällen im Zusammenhang mit Bedrohungen der öffentlichen Gesundheit in den teilnehmenden europäischen Ländern. Die Standardisierung der Erhebung wird erreicht durch folgende Maßnahmen:

  • Bestandsaufnahme der nationalen Mortalitätserfassung
  • Klärung von Mindeststandards an die Mortalitätserfassung
  • retrospektive Analyse von Mortalitätsdaten zur Untersuchung der Mortalitäts­dynamik (Veränderungen, Trends usw.) einschließlich Re­gres­sions­techniken und anderer Ansätze zur Zeitreihenanalyse
  • Vergleichsanalysen mit historischen Mortalitäts-, Morbiditäts- und Umweltdaten
  • Etablierung eines einheitlichen analytischen Ansatzes
  • Pilotprojekte zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Verfahrens  für die Echtzeit-Mortalitätserfassung
  • Fragebogenerhebungen bei den EU-Mitgliedsstaaten
  • Literaturauswertung

Das System ist seit 2009 in Betrieb und wird kontinuierlich in den europäischen Ländern eingesetzt, die die Mindestanforderungen erfüllen, nachdem im Frühjahr 2009 die sog. “Schweinegrippe” ausgerufen worden war, die ohne gravierende Folgen für die öffentliche Gesundheit blieb, aber enorme Kosten für die vorsorgliche Beschaffung von Impfstoffen verursacht hatte. Auf Grund­lage der zeitnahen, standardisierten und koordinierten Erhebung der Sterb­lichkeit gelang es im Winter 2009/10,die Re­gierungen und Behörden in den europäischen Ländern zur angemessenen Vor­be­reitung der Gesundheitssysteme auf die Auswirkungen der Infektionswelle zu be­wegen. Wir haben es hier mit der aus wissenschaftlicher Sicht solidesten Datenbasis zu tun, die gegenwärtig zur Beurteilung der Sterblichkeitsrate in den europäischen Ländern zur Verfügung steht. Aufgrund ihrer hohen Standardisierung erlaubt sie den Ver­gleich der Kennziffern über die Ländergrenzen hinweg.

 

Pooled-number 2020-12

Abb. 1: Mortalität in Europa von 2016 bis Ende März 2020, differenziert nach Altersgruppen

 

Die Abbildung zeigt die Sterblichkeitsziffer, zu­sam­mengefaßt für die teilnehmenden europäischen Länder von der vierten Kalenderwoche 2016 bis zur zwölften Kalenderwoche 2020. Anhand der unteren drei Verläufe sehen wir in jahreszeitlicher Rhythmik ein Anschwellen der Sterblichkeit in den Wintermonaten, d.h. in etwa von der 40. Kalenderwoche (Herbst) bis zur 12. Kalenderwoche des darauffolgenden Jahres (Frühjahr) – der Volksmund hat dafür den Begriff „Grippewelle“ geprägt. Wir sehen außerdem eine besonders hohe und breite Verteilung der Todesfälle im Winter 2017/18. Schließlich ist zu erkennen, daß die Sterblichkeit im Winter 2019/20 im Vergleich zu den drei Vorjahren deutlich zurückgegangen ist und sich die Kurve gerade in den Monaten Februar und März abgeflacht hat – vermutlich dank des extrem milden Winters, von dem die Metereologen sagen, es sei der wärmste Winter seit Beginn der Wetter­auf­zeich­nungen. Hier soll es aber nicht um den Klimawandel gehen. Von einer Steigerung der Mortalität durch Covid19 kann aus dieser Perspektive nicht gesprochen werden.

Dagegen läßt sich einwenden, daß sich die tödliche Wirkung des neuartigen Coronavirus nicht in der zusammenfassenden Datenaggregation für Europa, sondern nur in den Sterblichkeitsziffern einzelner, besonders betroffener Länder zeigt. Um diese Hypothese zu überprüfen, soll ein Blick auf folgende Abbildung geworfen werden:

 

Multicountry-zscore-Total 2020-12

Abb. 2: Vergleich der Mortalität in Europa von 2016 bis Ende März 2020

 

Tatsächlich sehen wir auch bei der nationalen Aufschlüsselung der Mor­ta­litätsziffern für die meisten europäischen Länder eine Abnahme der Sterb­lichkeit im Winter 2019/20. Ausnahmen bilden Italien und die Schweiz. Deutlich wird jedoch, daß die Mortalität in allen europäischen Ländern – einschließlich Italien und Spanien – im Winter 2019/20 geringer ausgefallen ist als in den Jahren zuvor. Die blaue Farbe am Ende der Kurve bedeutet, daß der Verlauf durch die Verzögerung der Meldungen durch die nationalen Behörden an EuroMOMO teilweise geschätzt wurde und sich zu einem späteren Zeitpunkt noch verschieben kann. Die Autoren von EuroMOMO merken dazu an: „In den letzten Tagen hat der EuroMOMO-Hub viele Fragen zu den wöchentlichen Gesamtmortalitätsdaten und dem möglichen Beitrag einer COVID-19-bezogenen Mortalität erhalten. Einige fragen sich, warum in den gemeldeten Sterblichkeitszahlen für die von COVID-19 betroffenen Länder keine erhöhte Mortalität beobachtet wird. Die Antwort lautet, daß eine erhöhte Mortalität, die hauptsächlich auf subnationaler Ebene oder in kleineren Schwerpunktbereichen auftreten und / oder sich auf kleinere Altersgruppen konzentrieren kann, auf natio­naler Ebene möglicherweise nicht nachweisbar ist, insbesondere nicht in der zusammengefaßten Analyse auf europäischer Ebene, wenn die Zahl der Gesamt­bevölkerung den Nenner bildet. Darüber hinaus verzögert sich die Re­gi­strierung und Meldung von Todesfällen häufig um einige Wochen. Daher müssen die EuroMOMO-Sterblichkeitszahlen der letzten Wochen mit einiger Vorsicht inter­pretiert werden.“ (EuroMOMO, Download am 30.3.2020, Übersetzung: VK).

Wir können dieser Anmerkung zwei Aspekte entnehmen: Erstens die aktuellen Daten sind noch mit Vorsicht zu betrachten – dies gilt auch für die Analysen von EuroMOMO. Zweitens führt der Maßstab der Gesamtbevölkerung dazu, daß eventuelle Steigerungen der Sterblichkeit in bestimmten Altersgruppen statistisch nicht hervortreten – für die Einstufung einer Krankeit als Epidemie bzw. Pandemie sollte aber die Auswirkung auf die Mortalität in der Gesamtbevölkerung eine entscheidende Rolle spielen, um weitreichende rigide Maßnahmen für eben diese Gesamt­be­völ­kerung zu rechtfertigen.

Damit gelangen wir von der Betrachtung der soliden Ziffern in Bezug auf die Sterblichkeit in den europäischen Ländern zur aktuell unsicheren Datenbasis, die momentan von den staatlichen Gesundheitsbehörden und den öffentlichen Me­dien in Bezug auf das neue Coronavirus verbreitet werden und den Regierungen als Begründung für massive Einschränkungen der bürgerlichen Grundrechte herangezogen wurden. Im Unterschied zu den Angaben von EuroMOMO sind diese Datenbestände gekennzeichnet durch:

  • gravierende Unterschiede der nationalen und regionalen Erfassung der Infektion und Mortalität
  • fehlende Definitionen, ob die erfaßte Sterblichkeit ausschließlich, haupt­sächlich oder nur beiläufig durch das neuartige Coronavirus verursacht und entsprechend zu zählen ist
  • die täglich wechselnde Grundgesamtheit der Erhebung infolge fortlaufender Er­höhung der Zahl der Tests
  • fehlende Analyse statistischer Trends, Vernachlässigung probabilistischer Teststatistiken wie odds ratio (Verhältnis von positiven zu negativen Befunden), Zeitreihen- und Regressionsanalysen
  • fehlende Bemühung um Einheitlichkeit und Mindeststandards für die Erfassung der Infektion durch Covid-19 und der damit zusammenhängenden Mortalität in den europäischen Ländern
Als wissenschaftlich unhaltbar gelten zum einen die Verwendung allein der Zahl der Positivbefunde unter Ausblendung der Datenbasis (d.h. der Gesamtzahl N der angewandten Tests) sowie zum anderen der Vergleich der Infektionszahlen zwischen Ländern mit unterschiedlicher Erhebungs- und Zählmethodik. So ist bei­spielsweise bekannt, daß die italienischen Gesundheitsbehörden nicht zwischen Verstorbenen „an“ oder „mit“ Covid-19 oder sonstigen Todesursachen unter­scheiden (Tagesschau vom 21.3.2020). Derart unsaubere Zählweisen eignen sich nicht zur weiteren Auswertung.

Es wird viel über die täglich verbreiteten Zahlen diskutiert. Insbesondere der “Verdoppelungszeitraum” wird gegenwärtig als Kriterium zur Lockerung der rigiden Schutzmaßnahmen herangezogen. Angela Merkel nannte am 28. März als Cut-off-Kriterium einen Verdoppelungszeitraum von 10 Tagen, um die Ein­schrän­kungen der elementaren Grundrechte wieder aufzuheben. Nun dürfte jeder Schülerin im Physikleistungskurs klar sein, daß eine Vergleichbarkeit der Test­ergebnisse nur dann gegeben ist, wenn an den Randbedingungen nichts verändert wird. Gerade dies ist aber, wenn man den Blick auf die Zahl der Positivbefunde einengt, nicht der Fall. Um zu einer valideren Beurteilung der statistischen Angaben zur Verbreitung des neuartigen Coronavirus zu gelangen, ist die Berücksichtigung der Baseline und der Zahl der Testungen eine unabdingbare Voraussetzung. Daß die Zahl der an­ge­wandten Tests den maßgeblichen Virologen nicht bekannt sei, sondern nur grob geschätzt werden könne (Drosten am 26.3.2020), verwundert sehr. Das Robert-Koch-Institut hat die örtlichen Gesundheitsämter Anfang März verpflichtet, auch die Zahl der Negativbefunde zu melden. In erster Näherung kann daher – wenn man die Zahl ungültiger oder möglicherweise nicht eindeutiger Tests vernachlässigt – die Summe der positiven und negativen Befunde als Schätzung für die Gesamtzahl der vor­genommenen Tests herangezogen werden. Damit sollte es ge­lingen, den angststarren Blick von den Absolutzahlen zu lösen.

Am 19. März berichtete die Deutsche Krankenhausgesellschaft: „As the German Hospital Society (DKG) announced on Thursday, 167,009 samples were tested in 148 laboratories by the end of last week, of which 6540 were positive.” We interpret ‘the end of last week’ as the 15 March.” (zitiert nach ourworldindata.org, Download vom 22.03.2020). Am 26.3.2020 erwähnte Andreas Gassen, der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, 410000 Labortests in Deutschland im Zeitraum vom 9. März an mit einer Positivrate von 6.8% (zitiert nach Focus Online, Download am 30.3.2020). Am selben Tag waren im Lagebericht des RKI (S. 5 f.) die ersten Ergebnisse einer Laborumfrage (174 beteiligte Labore) enthalten. Am 1. April veröffenlichte das RKI zudem die Aktualisierung der Laborumfrage bis einschließlich zur 13. Kalenderwoche. Folgende Übersicht stellt den Versuch dar, die Zahl der be­rich­teten Positivbefunde mit der Gesamtzahl der Testungen aus diesen Quellen ins Ver­hältnis zu setzen:

Datum

Summe der Tests (N)

Positiv-Befunde absolut

Positiv-Befunde in %

Todesfälle

02.03.2020  (RKI)

(1000*)

130

(13*)

0

05.03.2020

(RKI Lagebericht)

400

0

15.03.2020 (DKG)

167.009

6540

3,9

15.03.2020 (RKI Lagebericht)

4.838

12

11. KW (RKI Laborumfrage)

127.457

7.582

5,9

26.03.2020

(RKI Lagebericht)

36.508

198

26.03.2020 (KBV)

410.000

27.880

6,8

26.03.2020

(RKI Laborumfrage)

483.295

33.491

6,9

12. KW (bis 26.3., (RKI Laborumfrage)

348.619

23.820

6,8

29.03.2020 (RKI Laborumfrage)

918.460

64.906

7,06

01.04.2020 (RKI Lagebericht)

67.366

732

17.04.2020

3.900.000*

273000*

Quellen: RKI (Lagebericht vom 05.03.2020, 15.03.2020, 26.03.2020, 01.04.2020), DKG – Deutsche Kranken­hausgesellschaft (ourworldindata.org), KBV – Kassen­ärztliche Bundesvereinigung, * Schätzung / Hochrechnung

Zunächst fällt auf, daß bei der Umfrage des RKI von den Laboren weniger Tests angegeben wurden, die aber eine höhere Positivrate aufweisen, als im Bericht der DKG, wo die Positivrate trotz höherer Zahl der Tests deutlich geringer ausfiel. Vergleicht man die Differenzen zwischen dem 15. und dem 29. März, mutet das Ergebnis geradezu trivial an: Mit der exponentiellen Steigerung der Zahl der durch­geführten Tests steigt auch die Zahl der Positivbefunde. Beide Variablen unter­scheiden sich lediglich durch eine lineare Verschiebung und ihr prozentuales Ver­hältnis ist nahezu konstant. Dies gilt zumindest solange, bis die Dunkel­ziffer aus­geschöpft ist.

Oddsratio_corona_2020-04-02

Abb. 3: Zahl der Tests und Positiv-Befunde des neuartigen Coronavirus in Deutschland

Mit anderen Worten: anhand der täglich berichteten Absolutzahl der positiv ge­testeten Personen ist nicht erkennbar, ob sich der Virus weiter ausbreitet oder ledig­lich bereits infizierte Personen mit mildem Verlauf oder ohne wahrnehmbare Symp­tome erfaßt werden. Beide Einflüsse sind in der Absolutzahl der positiv Getesteten kon­fundiert. Die Dunkelziffer wird von manchen Experten im Maximum auf das 20fache der Positiv-Getesteten geschätzt (Gert Antes im Spiegel vom 31.3.2020) – was ein gutes Zeichen wäre, denn damit würde die Mortalitätsrate sinken und die Immunisierung wachsen. Die vorläufige Analyse des prozentualen Ver­hält­nisses der Positiv­befunde zur Gesamtzahl der Testungen laut Laborumfrage des RKI deutet eher auf eine Abschwächung hin: hier ist zwischen der 11. und 13. Kalenderwoche lediglich ein Unterschied von einem Prozentpunkt fest­zustellen, der sich zwischen den Variablen „Ausbreitung des Virus“ und „Auf­deckung der Dunkelziffer“ aufteilt (in welchem Ver­hältnis wissen wir nicht). Bei einer exponentiellen Ausbreitung des Virus wäre zu erwarten, daß die Zahl der positiv Getesteten der Zahl der Testungen „davonläuft“ bzw. sich der Prozentsatz der Positivbefunde sprunghaft erhöht. Dies ist bisher in Deutschland nicht der Fall. Legt man für eine kon­servative Schätzung den geringen Prozentsatz der Infizierten zugrunde, der von der Deutschen Krankenhausgesellschaft am 15. März gemeldet wur­de, so ist auch nach 14 Tagen noch keine Verdoppelung erreicht. Angela Merkels Kriterium müßte demnach bei Berücksichtung der „fieberhaften“ Steigerung der Testaktivitäten in den Laboren, bereits jetzt als übers­chritten gelten.

Bemerkenswert ist am Rande, daß der Lagebericht des RKI zudem etwa 3000 mehr Infizierte angibt, als in der Laborumfrage insgesamt als „positiv getestet“ angegeben wurden – handelt es sich hier um Infizierte, deren Befund freihändig ohne Labortest diagnostiziert wurde?

9.5% der positiv getesteten Personen wurden bis Ende März in ein Krankenhaus auf­­­­genommen, 1.5% litten an einer Lungenentzündung (RKI Lagebericht vom 1.4.2020, S. 5, hier jedoch bezogen auf die Gesamtzahl der Positiv Getesteten ein­schließ­­lich der Menschen ohne klinische Symptomatik). Wagen wir auf dieser Grundlage eine grobe Schätzung: Ab April 2020 soll die Zahl der Tests in Deutschland auf 200000 pro Tag erhöht wer­den. Damit  ist trivialerweise zu erwarten, daß auch die Zahl der positiv getesteten Men­schen weiter steigt (siehe Tabelle). Prozentual ist von einer rapiden Abnahme der Zahl der Infizierten auszugehen, wenn die Ränder des Dunkelfeldes erreicht werden.

Für die Prognose behalten wir den bisher stabilen Wert von 7% jedoch bei. Kalkuliert man konservativ, daß keiner von diesen Patienten ent­lassen wurde und wird (was unrealistisch ist), ergäbe sich für Mitte April eine Betten­belegung von 25953. Bei 4095 Patienten würde eine Lungen­entzündung auftreten. Tatsächlich sind viele der seit Anfang März wegen Covid-19 im Krankenhaus unter­gebrachten Patienten wieder entlassen worden. In seiner eigenen Modellierung vom 20. März geht das RKI von 14 Tagen Aufenthalt im Krankenhaus und 10 Tagen auf der ITS aus. Es ist nicht anzunehmen, daß die Patienten in Zukunft vier bis sechs Wochen, sondern weiterhin etwa 10-14 Tage stationär behandelt werden, viele noch kürzer, einige mit schweren Verläufen auch länger. Dies be­deutet, daß die Betten­auslastung Mitte April etwa bei 8651 zu erwarten ist (wobei sich Schätzungen dieser Art natürlich in einem Fehler­intervall bewegen).

Eine Über­forderung des medi­zinischen Systems er­scheint da­mit unwahrscheinlich. Voraus­sichtlich müssen nicht alle dieser Pa­tienten auf der ITS versorgt werden. Dort stehen momentan ca. 16000 Betten zur Verfügung, davon ist die eine Hälfte der Betten frei und die andere Hälfte könnte lt. RKI binnen 24 Stunden neu belegt werden. Die hier vorgenommene Schätzung ist nicht „smart“ in dem Sinne, daß sie lokale Unterschiede berücksichtigt. Es kann in einigen Regionen vorkommen, daß die Betten ausgelastet sind und in anderen weiter­hin frei stehen. Diese Situation ist nicht neu, sie besteht auch für andere Krankheiten. Für eine optimale Nutzung erscheint eine trägerübergreifende Vernetzung der Kran­kenhäuser vordringlich, so daß Ärzte in Echtzeit sehen können, wo sich die nächst­gelegenen freien Bettenkapazitäten befinden.

Das moralische Dilemma, das häufig als unzumutbar für die behandelnden Ärzte bezeichnet wurde und ein Generalargument für die Kontaktverbote darstellt, wurde im übrigen bereits vorauseilend von den Kliniken in Angriff genommen: Die Ärzte haben bereits jetzt entschieden, welche Operationen ausgesetzt oder verschoben werden, damit Betten für eventuelle Covid-19-Patienten frei werden – die ethische Fragwürdigkeit derartiger Entscheidungen wird zu diesem Zeitpunkt dadurch verschärft, daß sie nicht durch eine reale, sondern lediglich durch eine erwartete  Not­lage motiviert sind.

Ein Blick auf die Altersstruktur der mit Covid-19 Verstorbenen zeigt: „Der Alters­median liegt bei 82 Jahren, die Spanne zwischen 28 und 105 Jahren. Von den Todes­fällen waren 631 (86%) Personen 70 Jahre und älter.“ (RKI Lagebericht vom 1.4.2020). Den höchsten Anteil an den Verstorbenen haben die über 80jährigen – und dieser Umstand ist in allen Ländern, von Beginn des Ausbruchs von Covid-19 bis heute, durchgängig zu beobachten, bereits in den kleinsten Fallzahlen aus Deutschland von Anfang März – das heißt, es ist mit Sicherheit davon aus­zugehen, daß ihr Tod zu keinem Exzeß in der alljährlichen Mor­talitäts­ziffer führt.

Wir haben es vielmehr mit einer tiefergehenden, gesell­schaftl­ichen und kulturellen Frage zu tun: Wie gehen wir mit dem Altern, mit teilweise unausweichlichen und un­heilbaren Alterskrankheiten und schließlich mit dem un­ver­meid­lichen Tod um? Wie wollen wir damit umgehen? Alte Menschen in Heimen und Kranken­häusern ein­zusperren und zu isolieren, ihnen nur noch wie Astronauten in Schutzkleidung zu begegnen und zugleich den Beistand ihrer liebsten Angehörigen zu verwehren, um sie somatisch länger am Leben zu erhalten, das erscheint – gerade aus ethischer Sicht – als eine äußerst fragwürdige „Lösung“. Welche Qualität hat das Leben dann noch? Und welche Risiken bedeutet die soziale Isolation für die Gesundheit und das Überleben der alten Menschen?

Wie ist es gelungen, den Aspekt der seelischen Ge­sund­heit scheinbar komplett aus dem medizinischen Menschenbild zu eliminieren? Woher nehmen Politiker auf höchster Ebene die Gewißheit, wenn sie versuchen, die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, es sei verantwortungslos und böse, seinen Nächsten in der Phase des Sterbens nahe, vielleicht sogar ein Grund zur Freude und zum Glück zu sein? Ist es nicht denkbar, daß hier der Chirurg die Säge ansetzt, um einen Schnupfen bei einem Patienten zu heilen, der seit Jahren schon an Krebs oder Diabetes leidet?

Folgerungen:

  1.  Politische Entscheidungsträger sollten sich an den Public-Health-Daten orien­tieren, die auf einer soliden Grundlage erhoben wurden und Mindest­standards für länderübergreifende statistische Erhebungen erfüllen.
  2. Die Auswertung der Zahl der positiv getesteten Personen ohne Berück­sich­ti­gung der Gesamtzahl der angewandten Tests ist unzulässig und darf nicht zur Berechnung des „Verdoppelungszeitraums“ herangezogen werden. Diese Variable ist als Cut-Off-Kriterium, um politische Entscheidungen zu treffen, un­geeignet.
  3. Rigide Einschränkungen der bürgerlichen Grundrechte, wie sie gegenwärtig vorgenommen wurden, lassen sich anhand der tatsächlichen Sterblich­keits­ziffer in den euro­päischen Ländern nicht rechtfertigen.
  4. Eine Novellierung des Infektionsschutzgesetzes sollte den Schweregrad einer In­fektionskrankheit, meßbar anhand der mit ihr kausal verknüpften Mortalität, als notwendige Bedingung aufnehmen, um grundrechtseinschränkende Maßnahmen zu begründen – diese Vorkehrung erscheint staatsrechtlich geboten, um die Einschränkung elementarer Grundrechte und der damit ver­bun­denen ethischen, sozialen und wirtschaftlichen Ver­wer­fun­gen vor­zu­beugen.

 

P.S. Dieser Beitrag wird in den kommenden Wochen kontinuierlich mit der realen Entwicklung abgeglichen und aktualisiert.

Moment der Schwere

Montag, März 30th, 2020

Eisen liegt nun auf den Häuten
mehr nicht
keine Schafe grasen
auch am Himmel kein Bewegen
ohne Trübung oder Aufwind
Frieren verfällt ohne Datum

Eisen breitet sich aus
der gewohnte Gang atemlos
geschnürt auch Erzschuhe und -hüte
eingepasst in Eisenmaßstäbe
tägliche Schnelldurchgänge durch die Magnetfelder
mit klackendem Handschlag

Atemrisse

Gemächlich aus dem Stillstand in Bewegung kommen  

Samstag, März 28th, 2020

Ostern : ein magisches Wort

Laßt uns Goethe als Mantra murmeln

Und uns langsam auf den Weg machen

Ein kleiner Spaziergang zu Ostern

 

Was ist daran schlimm : ein Verbrechen

Die Zukunft naht : wir können nicht weiter

In den Betten liegen und den Kindern

Beim Zocken zusehen : es gibt eine Zukunft

 

Gekrönt von Langsamkeit : wir wollen

Nicht zurück zum Hetzen & Jagen

Vollkommen ist : wer gemächlich geht

Mit dem Grundeinkommen zu Füßen

 

Schlurfen wir in die Zukunft : von Schritt

Zu Schritt das Tempo steigernd

Und rasch verlangsamend : gerade

Wie es paßt : nicht wie es diktiert wird

 

Vom Markt und sonstigen Schreihälsen

Wenn wir etwas in der häuslichen

Quarantäne gelernt haben : das eigene

Tempo : die Verständigung im Hintergrund

 

Untergrund : glaubt nicht : ihr Hirten

Daß wir euch dumpf hinterher trotten

Wohin immer ihr die schweigenden

Lämmer führen wollt : wenn das Gras

 

Aufhört zu wachsen : werden wir laut

Unser Blöken wird euch betäuben

Und den letzten Verstand rauben

Den ihr jetzt schon zu verlieren scheint

 

Ostern! : werden wir flüstern

Ostern! : werden wir schreien

Wenn ihr nichts von Erlösung gehört habt

Wir glauben euch nicht : glauben euch nicht

Kopieren sich selbst

Donnerstag, März 26th, 2020

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Parabeln zur Pandemie 3: Die vergeßliche Ameisenkönigin

Mittwoch, März 25th, 2020

Von einer Brutpflegerin, die sich einsam im Sand eine sonnige Stelle gesucht hatte, hörten wir heute Mittag folgende Geschichte: Unser Volk hatte an einem Fußweg, der sich zwischen Wald und Feld hindurch schlängelte, seinen Hügel errichtet. Wir waren – wie alle Ameisenvölker – fleißig, hatten den Bau bereits mehrfach umgeschichtet und weitergetragen, an sonnigere und ruhigere Plätze. Seit sechzehn Jahren wurde unser Staat von einer klugen Königin regiert. Sie legte ausdauernd in jedem Frühjahr zwei- bis dreitausend Eier, damit es unserem Hügel gut ging.

Im Laufe ihrer langen Amtszeit hatte die Königin schon zahlreiche Unwägbarkeiten erlebt. Ihre größte Herausforderung war einst eine Milbenart namens Antennophorus. Diese stammte aus einem entlegenen Tal im fernen Kunlun-Gebirge.  Jene seltsamen Tiere, die auf nur zwei Beinen herumstaksen – unsere geflügelten Männchen bemerken sie in letzter Zeit immer häufiger in der Nähe unseres Hügels – hatten die Milben in einem Ding, das sie Flugzeug nennen, mitgebracht. Die Milben kitzelten uns Brutpflegerinnen im Bau, streichelten unsere Fühler und irritierten uns, so daß wir nicht aufhören konnten zu kichern, unsere eigentliche Aufgabe vergaßen und stattdessen tröpfchenweise eine zähe, weißliche Flüssigkeit absonderten, an der sich die Milben labten.

Ihr könnt euch vorstellen, wie er­schüttert die Ameisenkönigin war, als sie ihre wertvollen Eier ungepflegt in den Brutkammern herumkullern sah, während wir Brut­pflegerin­nen auf dem Rücken lagen, mit den Beinchen strampelten und grinsten. Eilends befahl die Ameisenkönigin, an einen sonnigeren Ort umzuziehen, denn Wärme behagte den Milben nicht, ab 27 Grad konnten sie nicht einmal mehr schlüpfen.

Emsiges Treiben begann und über Nacht war der ganze Ameisenstaat mitsamt seiner 80 Millionen Bewohner auf eine höher gelegene Lichtung umgezogen, eine Lichtung, die von jenen Zweibeinern neulich geschlagen worden war – sicherlich um mehr Sonnenlicht, auf die Erde fallen zu lassen.

Diese Zweibeiner – ihr wißt sicherlich, welche merkwürdigen Lebewesen ich meine – waren von der Natur nicht gerade beschenkt worden: Wir haben sechs Beine, mit denen wir unglaubliche Gewichte eilends davon tragen können. Dabei benutzen wir vier Beine zum Trippeln, die anderen beiden zur Transportsicherung. Oben wackelt auf dem Rumpf der Zweibeiner eine Kugel, die sie Kopf nennen, aber nicht einmal um 360 Grad drehen können. Mit ihren beiden Augen – wie lächerlich im Vergleich zu unseren Kom­plexaugen – können sie sich gerade einmal grob in der Landschaft orientieren. Nicht einmal infrarotes und ultraviolettes Licht nehmen sie wahr. Ihr Geruchssinn ist beinahe völlig ver­kümmert. Deswegen müssen sie sich Hunde halten, eine Vierbeinerart, die in vielerlei Hinsicht den Zweibeinern überlegen ist. Die Zweibeiner benutzen ihren Geruchssinn nur noch zur Nahrungsaufnahme, um herauszufinden, ob etwas eklig schmecken würde, würden sie es in den Mund nehmen. Wir dagegen können tausende Duftsekrete aussondern, mit denen wir uns über weite Entfernungen verständigen. Vor allem aber fehlen den Zweibeinern die Fühler, ich meine unsere genialen Antennen, mit denen wir nicht nur tasten, riechen und schmecken, sondern auch die Lufttemperatur und den Luftdruck, ja sogar den CO2-Gehalt in der Luft feststellen können. Das überrascht euch, nicht wahr? Auch die Zweibeiner wollen all das nicht glauben und halten sich selbst für die Krönung der Natur. Tatsächlich besteht ihre einzige Begabung darin, kleine Schachteln zu erfinden, mit denen sie alles mögliche messen und zählen, was ihnen die Natur nicht vergönnt hat zu empfinden…

Kaum hatte die Königin unseren Staat glücklich auf die Lichtung umgesiedelt, wo wir den Milben besser begegnen konnten, drohte das nächste Ungemach: Im Herbst tauchten die Zweibeiner mit Fässern auf, aus denen sie einen schwarzen zähflüssigen Brei auf den Feldweg sickern ließen, wo er erstarrte. Ein paar Tage später rollten die Zweibeiner in Schachteln auf vier Rädern vorbei. Sie zischten geschwind auf der schwarzen Bahn entlang, beinahe geräuschlos, und verpesteten die Luft. Unsere Fühler verklebten, wenn wir in die Nähe der geräderten Schachteln auf der schwarzen Bahn gekrabbelt waren.

Unsere Königin war alt und weise, sie wiegte lange ihren Kopf von links nach rechts und von rechts nach links, ehe sie beschloß, daß wir – zunächst einmal – auf der Lich­tung bleiben sollten. Seit langem schon überlegte unsere Königin, von ihrem Amt abzutreten und eine Jungkönigin heranzuziehen, damit frische Kräfte den Staat regierten. Die schwarze Bahn, die nun seit kurzem neben unserem Bau verlief, beunruhigte sie jedoch.

Daher trommelte sie fürs erste einen Beraterstab zusammen. Das heißt, sie versammelte alle geflügelten Männchen, die sich mit der Lage außerhalb unseres Hügels am besten auskannten sowie jeweils die fähigste Vertreterin der Brutpflegerinnen, Arbeiterinnen und Soldatinnen. Unter den Beratern befanden sich mehrere Experten für Milbenkunde – denn diese winzigen, beinahe unsichtbaren Parasiten – waren unser ärgster Feind. Außerdem gehörten Architektinnen und Bau­ingeneure, Ärzte und seit neuestem auch Forscher auf dem Gebiet der Anthropologie oder Zwei­beiner­kunde zum engeren Kreis um unsere alternde Köni­gin. Was hielt sie davon ab, zum Hochzeitsflug zu blasen, die Männchen los­flügeln zu lassen, um endlich eine der begabten Jungköniginnen zu begatten? Unsere Königin vermißte eine würdige, nein, eine fähige Nachfolgerin. Daher zögerte sie.

Vielleicht habt ihr noch nie davon gehört, daß Ameisenköniginnen von Natur aus mit einer besonderen Begabung aus dem Ei schlüpfen: Sie können instinktiv mit großen Zahlen umgehen, sie lernen weder das Permutationsgesetz noch Wahr­schein­lich­keits­lehre in der Ameisenschule – die Ameisenkönigin kommt mit diesem mathematischen Geheimwissen auf die Welt und stützt darauf ihre monogyne Macht über den Staat. Wie sollte sie ohne die Souveränität im Hantieren mit großen Zahlen den Umzug von 80 Millionen Individuen in einer Nacht dirigieren? Seit es Ameisen gab, also seit 130 Millionen Jahren, als von den Zweibeinern noch nicht mal ein Zwerg auf der Erde zu sehen war, beherrschen unsere Königinnen die mathematische Kunst.

Und unsere Königin hatte sie sechzehn Jahre lang kühl und konsequent bewiesen. Also würde es schon richtig sein, was unsere einzige Zahlenkünstlerin ent­schied, dachten wir – doch nun war sie sich selbst nicht mehr ganz sicher. In ihrem Expertenstab tummelten sich frische Geister, aufgeweckte und mit ihren Antennen hoch­sensible Berater – allein der Umgang mit dem Gesetz der Großen Zahl fiel ihnen schwer. Daher zögerte unsere weise und umsichtige Königin, den Hoch­zeitsflug auszurufen und eine neue Königin zu bestimmen.

Noch ließ uns der Winter in Starre verharren, da flüsterte ein besonders kecker und aufgeweckter Berater: „Antennophoren! Hilfe, Antennophoren, eine neue Art, wieder aus China herüber­gesegelt – Hilfe!“ Unsere Königin war noch im Winterschlaf versunken und regte sich erst einmal gar nicht. Keine Panik, dachte sie, was ist das für ein junger, aufgeregter Kerl, warten wir das Frühjahr ab. Die Tage vergingen, die Berater tuschelten und tauschten sich aus. Fast jeder hatte das berühmte Kribbeln auf den Fühlern verspürt, sie kicherten und kippten auf den Rücken, um mit ihren sechs Beinchen in der Luft zu zappeln. Zugleich war es ihnen überaus peinlich, denn in jedem Augen­blick konnte die Königin erwachen, und sicher würde sie erzürnen, wenn sie ihr höchstes Gremium bei einer Kicherparty erwischte. Also knickten die Berater ihre Antennen ein, um nicht mehr so empfindlich zu sein und ganz besonders ernst drein zu schauen.

Die Verhaltensänderung zeigte Wirkung. Die Königin regte sich, krabbelte aus ihrer Kammer, sonnte sich ein paar Tage und begann mit ihrem Frühjahrsgeschäft, d.h. sie legte Eier – Dutzende, Hunderte, bis es in die Tausende ging. Die Berater waren weiterhin unruhig. Sie trauten der Sonne und dem schönen Frühlingswetter nicht, irgendetwas lag in der Luft – eine neue, bisher unbekannte Antennophorus-Art. Während die Königin noch ein Ei nach dem anderen aus ihrem Unterleib drückte und in die Brutkammer schob, wo das Arbeitervolk sie sortierte und wir Brutpflegerinnen unserer Arbeit nachgingen, bildeten die Berater einen geschlossenen Ring um die Königin und sonderten synchron den Duftstoff aus, der höchste Gefahr signalisierte. Nun hob die Königin langsam ihren Buckel, drehte ihren Kopf einmal um die Runde und fragte: „Was wollt ihr?“ – „Schütze uns, große Königin, schütze uns vor dem neuen, bösen Antennophorus, der sich in unseren Bau eingeschlichen hat und sich zu vermehren beginnt, während du Eier legst. Siehst du nicht, wie schwach die Arbeiterinnen und Soldatinnen schon sind? Manche wackeln auf ihren sechs Beinen, statt stabil und akrobatisch Überlasten umherzuschleppen wie sonst.“

Die Königin kroch durch den gesamten Bau. Auffällig war, das in einer Ecke tatsächlich ein paar Arbeiterinnen und Soldatinnen ausgestreckt herumlagen. Nicht die Müdigkeit hatte sie außer Gefecht gesetzt, bemerkte die Königin, diese armen Tiere röchelten – sie rangen um Luft. Wenn nichts geschah, würden sie sterben. Die Königin sandte geschwind drei geflügelte Männchen aus, die Umgebung des Baus von außen zu beobachten. Als sie zurückkehrten, war klar, daß es sich bei der gefährlichen Ecke um die Seite des Hügels handelte, die der seltsamen schwarzen Bahn zugewandt war, auf denen die Zweibeiner in ihren stinkenden Schachteln vorbeirollten.

Noch bevor die Königin erneut einen Umzug befehlen konnte, befand sich der gesamte Staat in heller Aufregung – die Berater hatten ihr Duftsekret, das höchste Gefahr durch einen neuartigen Antennophorus verkündete, bereits überall im Bau verschmiert: Es könne im schlimmsten Fall dazu kommen, daß nicht nur 2000 Ameisen wie sonst zu dieser Jahreszeit, nein sogar noch 30 Ameisen mehr pro Tag sterben müßten, noch einmal in Worten: dreißig Tag für Tag zusätzlich. Das hieß sicherlich, dachten wir, binnen kurzem würde unser Volk aussterben. So glaubten und verkündeten es unsere kecken und aufgeweckten Berater. Das Unglück war geschehen: Unsere alte, weise Königin hatte zum ersten Mal in ihrer langen Amtszeit das Gesetz der großen Zahl vergessen. Es gelang ihr nicht, uns zu beruhigen und Zuversicht zu geben, indem sie sprach: „Meine lieben Töchter und Söhne, 30 sind keine 2000.“

Nun wimmelten 80 Millionen Ameisen durcheinander. Die Brutkammern wurden von zahllosen Beinchen überkrabbelt und der Nachwuchs in den Eiern angekratzt. Nun mußte die Königin reagieren und die Notbremse ziehen: Sie befahl dem gesamten Volk, die Fühler einzuknicken, damit keine einzige Ameise, auch nicht die kleinste, jüngste, flügellose Arbeiterin von dem vermeintlichen Kitzeln des neuartigen Antennophorus irri­tiert wird.

Wir Ameisen nehmen Kontakt miteinander auf, indem wir unsere Antennen kreuzen. Dies war mit geknickten Fühlern nicht mehr möglich. Mit dem Antennenkreuzen verloren wir unsere kollektive Intelligenz, mit der wir eigentlich den Zweibeinern, wie die Naturgeschichte zweifelsohne zeigt, weit überlegen sind. Indem wir uns „betrillern“, so nennen wir den Kontakt durch Berühren, lösen wir die schwierigsten Transport- und Kommunika­tions­probleme. Nun war die Betrillerung verboten. In Kürze fiel unser Bau auseinander. Die Halme und Stengel, die ihn einst kunstvoll zusammen gehalten hatten, wurden von niemandem mehr befestigt. Unser Volk lief mit geknickten Fühlern in alle Himmelsrichtungen auseinander. Die Königin blieb zurück. Doch sie war nicht alleine: ihre Berater umringten sie noch immer und blickten hoffnungsvoll zu ihr auf. „Wir müssen uns ein neues Volk suchen“, sprach die Königin ächzend, ließ sich Flügel wachsen, um in den Tiefen des Waldes nach einem anderen Ameisenhügel Ausschau zu halten, den sie auf ihre alten Tage noch regieren könnte.

persistent

Mittwoch, März 25th, 2020

flüstern des atems am scheibenrand:
still es kommen nur die mit purpurnen zweigen
und gelben flügeln

gestorben dereinst über der zeit
schweig

es kommen nur
die schon immer ragten
wie türme

bis jenseits des aughorizonts
auf brennenden zungen verkohlte töne lila und
rot wie singendes glas die ränder
beschrieben weiß

und blau wie das meer
über bergen tief im geheimnis der krüge
zerschlagen

das pochen der blätter
gebrochener äste in ihrem blut gebeuteltes grün
über glimmendem braun auf geblendeten
spiegeln zerdrückt

wie ertrunken lauschten des nachts
in die falten des raums den jahren zwischen die stunden
greifend der abend zitternd im schwarzen kleid
still dreh dich nicht

in den lauen wind

Parabolischer Hyperbelast, elliptisch getrieben

Dienstag, März 24th, 2020

Zweimal hatten sie ihr nun schon den Rechner lahmgelegt, ihr Arbeitsgerät. Ja bilden die sich wirklich ein, dass sie das dürften?! Sie begann zu atmen, Bilder glitten ineinander und verwandelten sich eins ums andere ineinander.
Quantentränen in Kadmiumträumen
das Meer, das Meer unsäglich
Lichtquanten: ich mag minimal art, ich mag David Hume.
*
In einer Jurte sitzend, Puschkin übersetzend

“Es dämmerte.”

Parabeln zur Pandemie 2: Die einäugige Alte oder vom Glück, im eigenen Bett sterben zu dürfen

Sonntag, März 22nd, 2020

Eine alte Frau verbrachte ihre letzten Tage im Pflegeheim. Sie war mit einem biblischen Alter von 86 Jahren gesegnet, hatte Mussolini, die deutsche Besatzung und schließlich die Nachkriegszeit durchlebt.  Ihre rüstige Tochter, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte, besuchte sie beinahe täglich. Die Alte war – soweit sie sich erinnern konnte – zufrieden. Sie war noch imstande gemächlich herumzulaufen, genauer gesagt: zu schlurfen,  und sich selbst anzukleiden, fühlte sich umsorgt und hegte nur noch einen Wunsch im Herzen: im eigenen Bett zu sterben. Tatsächlich dachte ihre Tochter zuweilen ernsthaft darüber nach, sie wieder zu sich nach Hause zu holen, um ihrer Mutter diesen letzten Wunsch zu gewähren.

Mitten im Sommer geschah etwas Eigenartiges: Von der Hitze bildeten sich rote Blasen auf der Haut der Alten, besonders auf den Wangen, die so sehr anschwollen, daß sie auf der linken Seite ein Auge zudrückten. Die Pfleger kümmerten sich rührend, legten Kompressen auf, es nützte nichts. Als die Schwellung nach drei Tagen nicht verschwand, riefen sie den Arzt, der stets ins Altenheim kam, wenn es gesundheitliche Probleme gab – das war praktisch jeden Tag der Fall. Die Blasen blieben und überwucherten das linke Auge. Die alte Frau ähnelte einer Leprakranken, doch es war kein Lepra. Eine neuartige, eine unbekannte Krankheit, raunte der Arzt und ordnete die Verlegung der Alten ins Krankenhaus an.

Die einäugige Alte wurde nun vom Hautarzt, von der Augenärztin, vom Internisten und schließlich vom Chefarzt inspiziert – niemand konnte eine klare Diagnose stellen, allen stand das Rätsel als Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Am folgenden Tag nahm die Hautärztin eine Gewebeprobe und schickte sie ins Labor. Es dauerte drei Tage, ehe ein Eilkurier die Ergebnisse der Untersuchung persönlich dem Chefarzt überbrachte, drei Tage, in denen die Blase unterm linken Auge der alten Frau weiter und weiter wucherte. Nun bildete er bereits einen Auswuchs, der mit der Stirn zu verwachsen schien.

Der Laborbericht enthielt im Telegrammstil folgende Mitteilung: „Neuartiger Bakterienstamm, aus der Famile der Mykobakterien, aber mit bisher unbekannter DNA, im Unterschied zu anderen Mykobakterien offenbar schnell ansteckend und mit kurzer Inkubationszeit.“ Der Bericht war per eMail zeitgleich ans Gesundheitsministerium in die Hauptstadt geschickt worden. Dort landete er jedoch mit etwa dreitausend weiteren eMails vom selben Tag im Postfach der Pressestelle und wurde nicht weiter beachtet.

Die alte Frau im Krankenhaus erfuhr nichts von den Laborergebnissen. Ihr wurde gesagt, es handele sich um eine seit langem bekannte, heilbare Krankheit, sie bekomme jetzt Medikamente und in ein paar Tagen werde die Blase wieder abschwellen. Die Alte schöpfte Hoffnung, daß ihr langgehegter Wunsch, zu Hause bei ihrer Tochter sterben zu können, nun doch in Erfüllung gehen könne. Sie bat um das Rezept und wollte sich nach Hause bringen lassen. Da erschien der Chefarzt persönlich zur Visite an ihrem Bett und erklärte ihr, das sei nicht möglich, sie müsse bleiben.

In der Zwischenzeit hatte ein Pfleger beim Feierabendbier mit einem Freund über die ungewöhnliche Alte mit dem zugeschwollenen Auge gesprochen. Dieser Freund war von Natur aus neugierig und hörte aufmerksam zu – er arbeitete bei der Lokalzeitung. Er entwickelte eine lebhafte Vorstellung von der Monsterkrankheit der Alten, stellte sich vor, wie nicht nur das Auge, sondern bald schon die Stirn und dann der ganze Kopf von der Blase überwuchert und eingehüllt sein würden – eine schauderhafte, Grausen erregende Vorstellung. Am folgenden Morgen streifte er sich einen grünen Kittel über, setzte sich einen Mundschutz auf und begleitete den Pfleger zur Arbeit ins Krankenhaus, ließ sich ans Bett der Alten führen, die nichts argwöhnte. Dort schoß er heimlich eine ganze Fotoserie von der Alten, genauer gesagt: von der Blase, die ihr Auge überwölbt hatte. Er kniete sich neben das Krankenbett, um aus schräger Perspektive von unten ein besonders eindrucksvolles Bild von der Größe der Blase einzufangen. Am Computer könnte er mittels der Auto­korrekturfunktion die rötlichen Stellen blutrot erscheinen lassen – es würde ein auf­sehendes Bild ergeben. Mit etwas Glück, genauer gesagt: wenn sich an diesem Tag kein anderes Unglück ereignete, würde das Bild auf der Titelseite landen.

So ge­schah es: der Reporter hatte Glück, das Bild wurde auf Seite eins abgedruckt. Der Chef­redakteur feuerte die Redaktion an, die Geschichte weiterzuverfolgen. Nun erhielt die alte Frau in ihrem einsamen Krankenzimmer dreimal täglich Besuch von jenem umtriebigen Redakteur, der nun noch eine Assistentin und einen profes­sionellen Fotografen im Schlepptau mitführte. In einem Tagebuch, das der Reporter als Blog im Internet vorab veröffentlichte und das in Auszügen nun eine eigene Kolumne der Lokalzeitung bildete, berichtete er von den Veränderungen und Wucherungen der Blase. Er schilderte die Gedanken der alten Frau, ihr Leid und ihre Schmerzen. Genauer gesagt schilderte er, wie er sich die Gedanken, das Leid und die Schmerzen der alten Frau vorstellte, denn sie sprach nicht mit ihm, hielt ihn in ihrer Gutmütigkeit weiterhin für eine Krankenpfleger, der sich um sie kümmere.

Inzwischen hatten die Zeitungsberichte auch die Hauptstadtpresse erreicht und das spektakuläre erste Bild, das der Reporter selbst noch auf Knien von der Blase ge­schos­sen hatte, schaffte es in die Abendnachrichten. Nun fiel auch im Gesund­heits­ministerium unter all den zahllosen eMails die Kurzmitteilung des Labortests in die richtigen Hände. Der zuständige Ministerialdirigent für subtropische Medizin nahm sich des Berichts an, hakte nach und ließ – gut gekühlt in diesem heißen Sommer – die Gewebeprobe in die Hauptstadt transportieren.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Täglich berichtete die Pressestelle des Ministeriums. Die Meldungen wurden sofort von allen großen Sendern übernommen. Ohne daß es einer Anweisung bedurfte, überprüfte das Personal in sämtlichen Pflegeheimen, ob weitere alte Menschen ähnliche Symptome zeigten. Tatsächlich – niemand hätte es gedacht: der heiße Sommer hatte auch bei anderen Senioren zu Schwellungen aller Art geführt. Bei einem alten Mann war das linke Knie geschwollen, daß es einem Medizinball glich. Einer weiteren alten Frau  war die eigentlich schon schlaffe linke Brust aufgebläht, daß es schien, sie erwarte mit ihren 74 Jahren ein Kind.

Eines aber hatten alle Schwel­lungen, Wucherungen und Auswüchse gemeinsam: Sie waren stets auf der linken Körperhälfte zu finden. Nun kamen die Neurologen und Hirnforscher ins Spiel. Sie verkündeten, daß es sich um eine Anomalie der rechten Hirnhälfte handeln müsse, denn diese steuere die Vorgänge auf der linken Körperhälfte. Man müsse das Gehirn untersuchen, müsse den Stoffwechsel testen und mit radioaktiven Markern in Echtzeit die Blutströme zur Großhirnrinde unter die Lupe nehmen. Ein findiger Forscher entwickelte eine Methode, die Anomalien der Großhirnrinde mit Hilfe des EEG zu diagnostizieren, was den technischen und finanziellen Aufwand um ein Vielfaches minderte. Noch bevor der findige Forscher sein neuartiges Testverfahren kreuzvalidieren und veröffentlichen konnte, erging vom Ministerium der Erlaß, in allen Pflegeheimen, EEG-Elekroden anzuschaffen, das Personal zu schulen und sämtliche Bewohner der Heime zu überwachen.

Von nun an wurden täglich neue Alte in den Pflegeheimen aufgespürt, die auch ohne jede Schwellungs-, Wucherungs- und Blasen­symptomatik eine Anomalie auf der rechten Großhirnhälfte aufwiesen. Wegen der Befürchtung, den Gefahren, die von der Störung ausgingen, nicht gewachsen zu sein, veranlaßte das Pflegepersonal instinktiv bei der kleinsten Auffälligkeit, ja beim geringsten Hüpfer im rechtsseitigen EEG den Notarzt zu rufen. Der Notarzt war durch die täglichen, genauer gesagt: nunmehr stündlichen Sondernachrichten zu Schwellungen und Auswüchsen, bereits gut vorbereitet, genauer gesagt: gebrieft. Er überwies den Patienten sofort in die Intensiv­medizin. Dies geschah, wie man sich denken kann, in allen Pflegeheimen gleichzeitig, denn keines wollte seiner Verantwortung und Fürsorgepflicht für die alten Menschen nicht gerecht werden.

Also hieß es handeln, ohne zu zögern, keine kostbare Zeit verstreichen zu lassen. Die Ärzte auf den Intensivstationen wunderten sich. Sie fühlten sich dem Ansturm nicht gewachsen, wollten zugleich aber ihren jahrhundertelang gepflegten Hippokratischen Eid erfüllen – also schlugen sie Alarm. Mehrere hundert Chefärzte riefen am selben Tag den Gesundheitsminister an, die Telefondrähte glühten. Der Minister war jung und forsch, spürte den Tatendrang in seiner Brust. Wäre er doch eigentlich selbst Mediziner – in Wirklichkeit war er ein Kaufmann – und stellte sich vor, was es heißen würde, helfen zu wollen, aber nicht zu können, weil die Umstände katastrophal erschienen – dem mußte vorgebeugt werden. Vorbeugung war schon immer die beste Medizin. In Wirklichkeit standen die Mediziner bei älteren Patienten immer schon vor der Entscheidung, ob eine intensive Behandlung das Leid eher vergrößere oder viel­mehr eine Schmerzlinderung angezeigt sei. Dieses Dilemma gab es, seitdem es den Arztberuf gab – nichts daran war neu.

Unser junger Minister bat also den Ministerpräsidenten, eine Kabinettsrunde ein­zuberufen. Auf dieser Sitzung wurde der nationale Gesund­heits­notstand ausgerufen. Die Krankenhäuser müßten ausgebaut, neue Inten­sivstationen eröffnet, alle sonstigen Operationen vertagt und alles auf die Rettung der alten Menschen aus den Pflegeheimen, die dem Schwellungs- und Wucherungstod nahe standen, ausgerichtet werden – koste es was es wolle, das gebiete unsere Menschlichkeit und Solidarität.

Tatsächlich offen­barten sich auf den Intensivstationen schwerste Fälle von sterbens­kranken 82-, 78- und 89jährigen. Den in Transportern eilends hergekarrten Alten aus den Pflegeheimen bekam der Umzug auf die Intensivstationen, sagen wir es diplomatisch, nicht gerade gut. Sie vermißten ihre vertrauten Pfleger, die vor wenigen Tagen noch kleine Scherze, Späße und nette Bemerkungen für sie übrig hatten. Stattdessen wurden nun blinkende Meßgeräte um sie herum aufgebaut. Viele wurden an den Tropf gehangen, erhielten prophylaktisch einen künstlichen Darmausgang. Jeder menschliche Kontakt war durch Mundschutz und Plexiglasbrille auf der Nase der Ärzte und Krankenschwestern vorbeugend geschützt. Denn die Patienten schleppten ihre langwierigen Krankheiten, an denen sie schon seit Jahren laborierten, auf die Intensivstationen, Krankheiten, die bei ihnen als unheilbar galten: Krebs, Lungenentzündungen, Schlaganfälle, Diabetes, In­kon­tinenz. Die Intensivstationen mutierten landesweit zu Geronto-Intensivstationen. Doch die Patienten ver­mißten die Palliativärzte, die ihnen wenigstens den Schmerz zu lindern vermochten. Allein der Ortswechsel verursachte bei manchen einen Schock, von dem sie sich nicht erholten.

Es kam, wie es kommen mußte – auf den Geronto-Intensivstationen stieg die Todesrate rasant an, ein Umstand, der sich nicht verheimlichen ließ, denn die Sozial­ar­beiter der Krankenhäuser waren nun fortlaufend damit beschäftigt, Be­stat­tungs­institute anzurufen und mit der Abholung der Verstorbenen zu be­auftragen. Schließlich traten die Bestatter wegen Überlastung in einen Streik und wandten sich an die Presse. Eine überaus alarmierende Schlagzeile machte die Runde: „In der Gruppe der über 80-Jährigen ist die höchste Sterblichkeitsrate zu ver­zeichnen.“ Kaum zu glauben! Tatsächlich berichtete ein Magazin nach dem anderen über dieses phänomenale Phänomen. Starben nicht in normalen Zeiten schon mehr als zweitausend Menschen am Tag eines natürlichen Todes, ohne daß außerhalb der eigenen Familie darüber gesprochen wurde? Die Regierung bemühte sich redlich, das Erschreckende dieser Nachricht klein zu halten – auch für eine einstmals demokratisch gewählte Regierung empfiehlt sich eine gewisse Strategie der Volksverdummung, damit die Panik nicht anschwelle, genauer gesagt: in die richtige Richtung gelenkt werde.

Um die Ausbreitung der hoch ansteckenden, bisher unbekannten Schwel­lungs- und Wucherungskrankheit einzudämmen, erließ die Zentralregierung Tag für Tag neue Gesetze: Schulen und Hochschulen zu besuchen, sich in ein Café zu setzen, seiner Arbeit nachzugehen, ja selbst sich die Haare schneiden zu lassen, wurde kurzerhand verboten. Eine Diskussion zu all diesen Dekreten, die der Form nach den Dekreten Lenins nach der Oktoberrevolution im fernen Petrograd, einem alten Freund unseres seligen Mussolini, nicht unähnlich waren, blieb der Regierung Gott sei Dank erspart. Denn wegen der Befürchtung, sich mit der hochansteckenden Schwellungs- und Wucherungskrankheit zu infizieren, hatte das Parlament – in Abwesenheit der Abgeordneten – einstimmig beschlossen, sämtliche Sitzungen für die kommende Zeit auszusetzen und dem Ministerpräsidenten, er nannte sich nun in alter Tradition wieder Duce, sämtliche Vollmachten zu übertragen.

Den Krankenhäusern blieb angesichts des Streiks der Bestattungsinstitute nichts anderes übrig, als die Armee zu bitten, die Leichen, die sich in den Kühlkellern stapelten, abzutransportieren – was der Ministerpräsident kraft seiner präsidialen Machtfülle mit einem Federstrich genehmigte. Die Bilder vom Militärkonvoi voller Leichen in Friedens-, aber Krisenzeiten gingen um die Welt. Kurzerhand wurden in allen zivi­lisierten Staaten EEG-Elektroden für die Alters- und Pflegeheime angeschafft. In manchen Staaten wurden auch die geschlossenen Psychiatriestationen und Hochsicherheitsgefängnisse in die diagnostische Präventionsmaßnahme integriert.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Weltgesundheitsverein (WGV e.V.) gab welt­weit anerkannte Empfehlungen heraus, die in der weiten Welt der vernünftigen und aufgeklärten Re­gierungen in Gesetze und Verordnungen umgewandelt wurden. Manchem Autokraten half diese Maßnahme, die Menschen mit Verweis auf die Ge­sund­heitsrisiken von Protesten und Demonstrationen gegen eine verfassungswidrige Ver­längerung der Amtszeit abzuhalten – wer hätte gedacht, daß sich die grassierende Infektion, die schauderhaft anzusehenden Wucherungen und Schwellungen, vor allem aber die unsichtbaren Anomalien auf der rechten Hirnhälfte, die glücklicherweise nun mit Hilfe des EEG sichtbar wurden, derart förderlich von den bestehenden Eliten ausnutzen ließen?

Die dubiose Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erwies sich als wahrer Segen: nicht zuletzt für die Natur, die aufatmen konnte, auch für die gesunden Menschen mittleren Alters, die eingesperrt in ihren Wohnungen, sich nicht mehr mit Gedanken um die richtige Politik martern, nicht mehr täglich zur Arbeitsstelle und von dort durch den elenden Stau zur Schule hetzen mußten – es kehrte Ruhe ein, genauer gesagt: Friedhofsruhe. Und diese bekam der überwiegend gesunden Bevölkerungsmehrheit sehr gut, als wäre sie eine für alle angeordnete Erholungskur. Die Alten stürben sowieso, ob im Heim oder auf der Intensivstation, das war kein großer Unterschied. Die Mächtigen aber konnten mächtig auftrumpfen und keiner verübelte es ihnen.

Wen haben wir vergessen? Ach so, unsere alte Frau, der wegen der Blase unterm Auge vom Chefarzt verboten worden war, nach Hause zu gehen. Beinahe hätte ich es ver­säumt zu erzählen, daß ihre Schwellung Ende August langsam zurückging. Vielleicht waren die etwas kühleren Temperaturen daran schuld. Der Chefarzt wollte sie dennoch nicht entlassen, war sie doch so etwas wie eine Symbolfigur geworden: Patientin Null. Ihre Tochter versuchte, mit dem Anwalt gegen die Entscheidung vorzugehen. Wenigstens sollte ihre 86jährige Mutter in häusliche Quarantäne entlassen werden. Dort würde sie doch für niemanden außer ihre Familie eine Gefahr darstellen. Der Chefarzt ließ den Anwalt mit Verweis auf das Infek­tions­schutzgesetz abblitzen – das sei in der heutigen Zeit nicht erlaubt. Die Alte stelle immerhin eine Gefahr für die Allgemeinheit dar und ihre Tochter mache sich strafbar, wenn sie ihre Mutter zu Hause beherberge. Der Anwalt wiederum erlaubte sich, das Gesetz zu erwähnen, das kürzlich erst verabschiedet worden war und laut Verfassung jedem Menschen das Sterben in den eigenen vier Wänden garantiere, wenn er wolle sogar mit Beihilfe zum Suizid, z.B. bei starken Schmerzen. Da hatte der Chefarzt nur ein müdes Lächeln übrig, erwiderte, er müsse sich noch um die vielen anderen Patienten auf der Geronto-Intensivstation kümmern, leider habe er keine Zeit. Er bemüßigte sich nicht einmal, den Rechts­beistand des Krankenhaus­es von diesem Einwand zu informieren. Erst als die Tochter drohte, die Krankenkasse vom sinnlosen, aber doch recht kostenintensiven Aufenthalt ihrer nunmehr symptomfreien Mutter in Kenntnis zu setzen, zögerte der Chefarzt keine Sekunde: Er konnte wohl unterscheiden, worauf es ankam und worauf nicht.

Corona

Sonntag, März 22nd, 2020

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.

* Musik soll sein

Sonntag, März 22nd, 2020

.

Nicht Musik soll sein,
wo mein Herz
am Abgrund lauert.

Nicht Musik soll sein,
wo so viele
Flüche gedacht!

Auf der Zunge Flügeln,
in Weihrauchs
Nebeln zerfällt

sogar eines
wahren Gedanken
Pracht . . .

Nicht Musik soll
sein, wo der
Abgrund dauert.

Der Gedanke
abseits der Seele
wütet im Nichts.

Seine Wahrheit
macht dem
Denken arg

zu schaffen.
Die Seele ein
Nichts, tränen-

leer

,

19.11.19

Parabeln auf die Pandemie 1: Der notorisch ängstliche Richter

Donnerstag, März 19th, 2020

Es war ein Richter, der eine notorische Angst vor Lügnern hatte. Wenn er einen Dieb traf, der sagte „Ich hab nichts gestohlen“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn. Wenn er einen Betrüger traf, der sagte „Ich habe niemanden betrogen“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn – und in diesem Fall hatte er recht. Wenn er einen Schläger traf, der sagte, „Ich habe nicht geschlagen“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn. Wenn er einen Mörder traf, der sagte „Ich war es nicht, ich habe niemanden ermordet“, so überführte er ihn der Lüge und verurteilte ihn. Alle Beschuldigten wurden ins Gefängnis abgeführt. Der Richter sprach: „Nicht weil sie Böses getan haben, müssen sie ins Gefängnis, sondern weil sie lügen.“ Ein Aufsehen erregendes Spektakel war das: ein Gefängnis voller Lügner. Nun kamen Forscher, untersuchten die Gefangenen mit Lügendetektoren und stellten fest: „Tatsächlich: In diesem Gefängnis gibt eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Lügnern! Der Richter hat richtig geurteilt.“ Reporter reisten an, schrieben Artikel für die Zeitung­ und sendeten Nachrichten im Fernsehn über ein spektakuläres Anschwellen der Lügenquote im Gefängnis. Die Regierung setzte sich zusammen und bereitete ein Gesetz vor, das Lügen künftig unter Strafe stellte. Kaum war es verabschiedet, begann ein hektisches Bauen und Werkeln im Land, genauer gesagt: im halben Land. Von diesem Tag an nämlich, wurden Tausende neue Gefängnisse gebraucht. Wer hätte gedacht, daß es soviele Lügner gibt? Die halbe Nachbarschaft, die Hälfte der Arbeits­kollegen, die Hälfte der Polizisten, eigentlich alle Märchen- und Ge­schichtenerzähler in den Kindergärten, ja sogar die Hälfte der Politiker im Parlament – überall lauerten Lügner. Für all diese Leute mußte Platz geschaffen werden in den Gefängnissen. Und bevor es soweit war, durfte jeder, der einen Lügner überführte, Selbstjustiz üben und den Lügner mit einer Fußkette an den Küchenherd fesseln. So konnte sich der Lügner selbst noch das Essen kochen, bis er endlich eingesperrt werden konnte. Der ängstlich notorische Richter, der mit seinen Aufsehen erregenden Urteilen das Ganze ins Rollen gebracht hatte, lehnte sich zum ersten Mal in seinem Leben entspannt zurück, vergaß seine Angst und murmelte: „Bald werden keine Lügner mehr frei herumlaufen!“ Nur mit einem hatte niemand gerechnet: mit dem Gesetz der Großen Zahl. Nachdem die eine Hälfte der Menschheit glücklich als Lügner überführt worden war und die ehrliche Hälfte der Menschheit gerade aufatmen wollte, das Problem endgültig gelöst zu haben, da stellte sich heraus, daß es in der ehrlichen Hälfte der Menschheit neue Lügner gab, Lügner, die ihre Ehrlichkeit vorgetäuscht hatten, in Wirklichkeit waren sie Lügner eines neuen Typs. Rasch mußten neue Lügendetektoren erfunden und diese böswilligen Individuen überführt werden – es stellte sich heraus, daß genau die Hälfte der in der ersten Welle noch ehrlich wirkenden Menschen Lügner neuen Typs waren. Nun hatte die Regierung bereits aus der ersten Lügenwelle gelernt und war auf die zweite Welle vorbereitet: Die Gefängnistore brauchten nur kurz geöffnet werden und die Lügner neuen Typs konnten sogleich weggesperrt werden – welch ein Segen. Doch gefehlt: kaum war die Hälfte der Hälfte identifiziert und inhaftiert, breitete sich die Lügenkrankheit weiter aus: Neue Formen tauchten auf, diesmal waren es die Phantastologen, die sich einfach Tatsachen ausdachten und den verbleibenden ehrlichen Teil der Menschheit damit erschreckten. Schnell wurde gegen sie ein Lügenschutzgesetz verabschiedet und sie konnten abgeführt werden. Kaum war die Menschheit auch von dieser Hälfte der Hälfte der Hälfte erlöst, erschien eine neue Spielart des Lügens auf der Bühne: die Phraseologen, die einfach erzählten, was ihnen durch den Kopf ging, ohne sich um den Wahrheitsgehalt zu scheren. Nun wir wissen, genauer gesagt: wir ahnen, welche Erfolgsstrategie im Kampf, genauer gesagt: im Krieg gegen den Lügendämon angewandt wurde. Die Gefängnisse quollen vor lauter Lügnern über, die Zahl der freien Menschen aber halbierte und halbierte sich, bis nur noch einer übrig blieb: der notorisch ängstliche Richter. Vorsichtig, wie er war, ging er nun – zum ersten Mal in seinem Leben – in sich und stellte sich selbst inquisitorische Fragen: Konnte es sein, daß vielleicht eine Hälfte in ihm stets Lügen verbreitete, während die andere Hälfte in ihm beständig die Wahrheit suchte. Es war ein schauerliches Bild, das unser armer, notorisch ängstlicher Richter bot: Er rang mit sich, wand sich auf der einsamen Parkbank, auf der er sich niedergelassen hatte. Eine Hälfte in ihm wollte die andere Hälfte in ihm verurteilen, festnehmen und einsperren, aber unmöglich konnte er sich auf diese Weise selbst ins Gefängnis abführen – was würde dann aus seiner ehrlichen Hälfte werden? Es wäre ungerecht, wenn auch sie eine Strafe absitzen müßte! In seiner Verzweiflung kettete sich der notorisch ängstliche Richter an das Gefängnistor, so daß ein Fuß drinnen war und der andere draußen. Die anderen Insassen – immerhin die gesamte Menschheit bis auf einen – erbarmten sich seiner, kurz bevor er am Verhungern war. Indem der Richter das Tor halboffen stehen lassen mußte, um seine Mission zu erfüllen, nutzten sie die Gelegenheit, in die Freiheit zu schlüpfen. Dort kochten sie für den armen, notorisch ängstlichen Richter, buken Brot für ihn und brachten im Wasser. An den hohen Feiertagen besuchten sie ihn und steckten ihm, obwohl es verboten war, eine Flasche Wein zu, indem sie sagten: „Da ist nur Wasser drin.“ Auf diese Weise erfreute sich die Menschheit – bis auf einen, genauer gesagt: einen halben Menschen – an ihrer Freiheit und hatte wieder ihre alte, unlautere Lust am Lügen.

Robinson und Telemach

Donnerstag, März 19th, 2020

H.Z.

1 : Liebt euch !

2 : x x y v.v.

3 : In dieser Schule brauchen die Kinder nicht zu lernen, was sie nicht wissen.

- – -

nach Marguerite Duras, Sommerregen

Pandemische Paradoxien 1: Krankheitsfolgen vs. Folgen der Krankheitsbekämpfung

Mittwoch, März 18th, 2020

Taiwan und Südkorea zeigen, daß der Umgang mit der Infektion anders gehen kann, ohne unkalkulierbare ökonomische Kollateralschäden, die beim Über­bie­tungs­wett­bewerb der Länder hier billigend in Kauf genommen werden: ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sollen sich schützen und geschützt werden, es wird flächendeckend getestet, Erkrankte sollen zu Hause bleiben, sofern sie – wie es in der überwiegenden Mehrzahl der Fall ist – nur milde Symptome zeigen; Apps zeigen in Echtzeit, wo sich Infektionsherde und wo sich medizinische Hilfsmittel wie Atemmasken befinden; im Februar wurden die Schulferien verlängert. Die gesamte Bevölkerung prophylaktisch nach Hause zu verbannen, die Grundrechte (Versammlungsfreiheit, Recht auf Bildung) auszuhebeln und die Wirtschaft durch Stillegungen nachhaltig zu ruinieren – diesen Schritt haben Südkorea und Taiwan wohlweislich unterlassen. In der Abwägung von Kosten und Nutzen, in der syste­mischen Gesamtbilanz dürften sich solche Maßnahmen nicht rechtfertigen lassen – wir haben es weder mit Cholera, der Spanischen Grippe noch mit TBC zu tun.

Die politischen Entscheider hierzulande werden sich möglicherweise binnen kurzem einer veränderten gesell­schaftlichen Situation gegenübersehen: Dann geht es nicht mehr um die Gesundheit von 5 bis 20 Tausend, sondern um die Existenz von 5 bis 10 Millionen Menschen – allein die „Solo-Selbständigen“ sind Millionen. Soziale Unruhen werden die europäischen Länder ergreifen, und Politiker werden sich mit der Frage auseinander setzen, wie sie im Moment des Eiferns und der Machtanmaßung auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes, das Ganze aufs Spiel setzen konnten. Sie werden sich Veranwortungslosigkeit vorwerfen lassen müssen, indem sie unter dem Vorwand der Verantwortung und Solidarität, den wirt­schaftlichen Niedergang für fast alle verursacht haben.

Die Auswirkungen der menschengemachten Katastrophe aufgrund von Fehl­entscheidungen wird die Auswirkungen der Pandemie um ein Vielfaches über­treffen. Am Ende wird man feststellen: Operation gelungen, Patient tot. Erstaunlich, wie wenig nötig ist, um ein funktionierendes Gemeinwesen mit kurzatmigen „wissen­schaftlichen“ Begründungen abzuwürgen. Zum Beispiel wurde der Vergleich von Christian Drosten (Podcast #Update 12 und 13) mit der Spanischen Grippe in den Jahren 1918-20 aus dem Kontext gerissen und zur Begründung der flächen­deckenden Schulschließungen herangezogen. Naiv von einem Wissenschaftler zu glauben, daß Medien und politische Entscheider wie Wissenschaftler mit Infor­mationen umgehen – also abwägen, in Zweifel ziehen, Gegenhypothesen überprüfen.

Nun läßt sich im Zeitraffer beobachten, wie Dystopien soziale Realität werden. Die Ent­scheider haben sich verrannt und sonnen sich darin, „Macher“ zu sein. In Wirklichkeit sind sie Getriebene einer Eigendynamik, die sie als Einzelne gar nicht mehr stoppen können. Nun heißt es für alle, die keiner „Risikogruppe“ angehören: Versteckt euch nicht, laßt euch keine Angst einflößen, sondern erhebt eure Stimme für die systemische Vernunft, zeigt den Entscheidern, daß sie den falschen Weg gewählt haben.

In der Abwägung ist der Ruin aller betroffenen Länder nicht zu rechtfertigen – daß die Aus­wirkungen der menschengemachten Katastrophe die Folgen einer Pandemie um ein Vielfaches übersteigen, kann nicht in unserem Interesse sein! Auch nicht im Interesse der Erkrankten. Länder wie Südkorea und Taiwan machen es vor, wie man Corona begegnen kann, ohne wirtschaftlich bankrott zu gehen.

 

Featuring Esser mit Braten im Wiesengrund

Montag, März 16th, 2020

Sie aber : Argument und Erfahrung
der gedanke, der nichts positiv hypostasieren darf außerhalb des dialektischen vollzugs, schießt über den gegenstand hinaus, mit dem eins zu sein er nicht länger vortäuscht; er wird unabhängiger als in der konzeption seiner absolutheit, in der das souveräne und willfährige sich vermengen, eines vom anderen in sich abhängig vielleicht zielte darauf die kantische exemtion der intelligibeln sphäre von jeglichem immanenten versenkung ins einzelne, die zum extrem gesteigerte dialektische immanenz, bedarf als ihres moments auch der freiheit, aus dem gegenstand herauszutreten, die der identitätsanspruch abschneidet hegel hätte sie gerügt: er verließ sich auf die vollständige vermittlung in den gegenständen in der erkenntnispraxis, der auflösung des unauflöslichen, kommt das moment solcher transzendenz des gedankens daran zutage, daß sie als mikrologie einzig über makrologische mittel verfügt die forderung nach verbindlichkeit ohne system ist die nach denkmodellen diese sind nicht bloß monadologischer art das modell trifft das spezifische und mehr als das spezifische, ohne es in seinen allgemeineren oberbegriff zu verflüchtigen philosophisch denken ist soviel wie in modellen denken; negative dialektik ein ensemble von modellanalysen philosophie erniedrigte sich erneut zur tröstlichen affirmation, wenn sie sich und andere darüber betröge, daß sie, womit immer sie ihre gegenstände in sich selbst bewegt, ihnen auch von außen einflößen muß was in ihnen selbst wartet, bedarf des eingriffs, um zu sprechen, mit der perspektive, daß die von außen mobilisierten kräfte, am ende jede an die phänomene herangebrachte theorie in jenen zur ruhe komme auch insofern meint theorie ihr eigenes ende: durch ihre verwirklichung verwandte intentionen fehlen nicht in der geschichte der französischen aufklärung verleiht ihr oberster begriff, der der vernunft, unterm formalen aspekt etwas systematisches; die konstitutive verflochtenheit ihrer vernunftidee jedoch mit der einer objektiv vernünftigen einrichtung der gesellschaft entzieht dem system das pathos, das es erst wieder gewinnt, sobald vernunft als idee ihrer verwirklichung absagt und sich selbst zum geist verabsolutiert denken als enzyklopädie, ein vernünftig organisiertes und gleichwohl diskontinuierliches, unsystematisches, lockeres drückt den selbstkritischen geist von Vernunft aus er vertritt, was dann aus der philosophie, ebensowohl durch ihren anwachsenden abstand von der praxis wie durch ihre eingliederung in den akademischen betrieb, entwich, welterfahrung, jenen blick für die realität, dessen moment auch der gedanke ist nichts anderes ist freiheit des geistes so wenig zu entbehren freilich wie das vom kleinbürgerlichen wissenschaftsethos diffamierte element des homme de lettre ist dem denken, was die verwissenschaftlichte philosophie mißbraucht, das meditative sich zusammenziehen, das argument, das soviel skepsis sich verdiente wann immer philosophie substantiell war, traten beide momente zusammen aus einigem abstand wäre dialektik als die zum selbstbewußtsein erhobene anstrengung zu charakterisieren, sie sich durchdringen zu lassen sonst degeneriert das spezialisierte argument zur technik begriffsloser fachmenschen mitten im begriff, so wie es heute in der von robotern erlernbaren und kopierbaren sogenannten analytischen philosophie akademisch sich ausbreitet legitim ist das immanent argumentative, wo es die zum system integrierte wirklichkeit rezipiert, um wider sie ihre eigene kraft aufzubieten
*
Das Freie am Gedanken dagegen repräsentiert die Instanz, die vom emphatisch Unwahren jenes Zusammenhangs schon weiß. Ohne dies Wissen käme es nicht zum Ausbruch, ohne Zueignung der Gewalt des Systems mißglückte er. Daß die beiden Momente nicht bruchlos verschmelzen, hat seinen Grund in der realen Macht des Systems, die einbezieht, auch was es potentiell übersteigt. Die Unwahrheit des Immanenzzusammenhangs selber jedoch erschließt sich der überwältigenden Erfahrung, daß die Welt, welche so systematisch sich organisiert, wie wenn sie die von Hegel glorifizierte verwirklichte Vernunft wäre, zugleich in ihrer alten Unvernunft die Ohnmacht des Geistes verewigt, der allmächtig erscheint. Immanente Kritik des Idealismus verteidigt den Idealismus, insofern sie zeigt, wie sehr er um sich selber betrogen wird; wie sehr das Erste, das ihm zufolge immer der Geist ist, in Komplizität mit der blinden Vormacht des bloß Seienden steht. Die Lehre vom absoluten Geist befördert jene unmittelbar. – Geneigt wäre der wissenschaftliche Consensus, zuzugestehen, auch Erfahrung impliziere Theorie. Sie aber sei ein “Standpunkt”, bestenfalls hypothetisch. Konziliante Vertreter des Szientivismus verlangen, was ihnen anständige und saubere Wissenschaft heißt, solle von derlei Voraussetzungen Rechenschaft ablegen. Gerade diese Forderung ist unvereinbar mit geistiger Erfahrung. Wird ihr ein Standpunkt abverlangt, dann wäre er der des Essers zum Braten. Sie lebt von ihm, indem sie ihn aufzehrt: erst wenn er unterginge in ihr, wäre das Philosophie. Bis dahin verkörpert Theorie in der geistigen Erfahrung jene Disziplin, die Goethe bereits im Verhältnis zu Kant schmerzlich empfand. Überließe Erfahrung allein sich ihrer Dynamik und ihrem Glück, so wäre kein Halten. Ideologie lauert auf den Geist, der, seiner selbst sich freuend wie Nietzsches Zarathustra, unwiderstehlich fast sich selbst zum Absoluten wird. Theorie verhindert das. Sie berichtigt die Naivetät des Selbstvertrauens, ohne daß er doch die Spontaneität opfern müßte, auf welche Theorie ihrerseits hinaus will. Denn keineswegs verschwindet der Unterschied zwischen dem sogenannten subjektiven Anteil der geistigen Erfahrung und ihrem Objekt; die notwendige und schmerzliche Anstrengung des erkennenden Subjekts bezeugt ihn. Im unversöhnten Stand wird Nichtidentität als Negatives erfahren. Davor weicht das Subjekt auf sich und die Fülle seiner Reaktionsweisen zurück. Einzig kritische Selbstreflexion behütet es vor der Beschränktheit seiner Fülle und davor, eine Wand zwischen sich und das Objekt zu bauen, sein Fürsichsein als das An und für sich zu supponieren. Je weniger Identität zwischen Subjekt und Objekt unterstellt werden kann, desto widerspruchsvoller, was jenem als erkennendem zugemutet wird, ungefesselte Stärke und aufgeschlossene Selbstbesinnung. Theorie und geistige Erfahrung bedürfen ihrer Wechselwirkung. Jene enthält nicht Antworten auf alles, sondern reagiert auf die bis ins Innerste falsche Welt. Was deren Bann entrückt wäre, darüber hat Theorie keine Jurisdiktion. Beweglichkeit ist dem Bewußtsein essentiell, keine zufällige Eigenschaft. Sie meint eine gedoppelte Verhaltensweise: die von innen her, den immanenten Prozeß, die eigentlich dialektische; und eine freie, gleichwie aus der Dialektik heraustretende, ungebundene. Beides indessen ist nicht nur disparat. Der unreglementierte Gedanke ist wahrverwandt der Dialektik, die als Kritik am System an das erinnert, was außerhalb des Systems wäre; und die Kraft, welche die dialektische Bewegung in der Erkenntnis entbindet, ist die, welche gegen das System aufbegehrt. Beide Stellungen des Bewußtseins verbinden sich durch Kritik aneinander, nicht durch Kompromiß.

zur feier

Montag, März 16th, 2020

hohläugiger blick
mit augen von jenseits der schatten
ins schwarz der äonen
hingemeuchelt

an tischen aus fels
unbehauen sitzen wir stumm
im geschleiften gebein

zum gelächter der irren
die reichen uns wein aus mitternachts-
trauben wallt das blut bis über
die ufer

uralter gesänge
gen morgen erhängt
am stirngebälk

krähte der hahn viermal
das pochen im brustgewölbe verebbt
gebrochen jedwede geste kalt-
gepresst

gebeugt das tosende
zungenbein alle augen vom schlaf
umwölkt

* * *

Sonntag, März 15th, 2020

Nun werde ich endlich geliebt um der Liebe willen.
Kälte im Ostwind auf früh erwachenden Tages Lippen.
Nun werde ich auch geliebt vor den leeren Spiegeln,
keine Bilder darin als die reine, die nackte Geometrie.
Nun werde ich wieder geliebt für das Kind einer
Liebe, die aus Zweien eins macht
mit Rest Un-
endlich.

* *

Angekommen im Niemandsland der Seele streife ich am Morgen mein schwarzes T-Shirt über, die Blöße offenen Denkens lässt sich nicht mit Worten bedecken

*

Über das schwarze T-Shirt einen weißen Pullover, die Fenster weit auf zum Durchlüften, den Türspalt als Spalt für Licht und … Katze,

Es gibt eine Liebe

Samstag, März 14th, 2020

Giwi Margwelaschwili

Eine Schachpartie in einer Küche
Ewig unvollendet
Ewig neu

/

Es gibt eine Liebe, die kommt aus der Tiefe

ephemer

Sonntag, März 8th, 2020

rauscht in der brust
traumverloren im innern der knochen
abgegolten

am rande des hirns
synapsentaumelnd neuronen-
geflochten hingeschüttet
in singenden
staub

tagblind und nacht-
vergessen ursprungsgerissen
wie totes segment

käme einer
höbe das wort aus erstarrter
zunge ließe es stürzen
blutrot

hinab ins zerstäubte
gedicht käme und fiele
vom silbenrand

den würgte
der achtlose sohlentritt kadenz-
zerschlagen mit stumpfer
gewalt

streue ich wind in die lippen-
asche

morgens

Dienstag, März 3rd, 2020

eine Hand hält sich am Zwielicht
hellmorgens vor dem Absturz ins Getriebe
wieder das Frühjahr im Aufwachen
Ungeduld der Vögel der prallen Knospen
den soundsovielten Lebenstag anfangen
Visionen sprießen lassen
bis klimaxähnlich die Mauer
höher ist als die Hoffnung
bis ein Brand entfacht
im unterschiedenen Dunkel
deine Hand lodert
durchs halboffene Fenster
in den nackten Morgen
das Schweigen nicht zu versäumen

Leipziger Buchmesse: abgesagt

Dienstag, März 3rd, 2020

Natürlich konnte Aldous Huxley 1932 nicht wissen, wie ein Fledermaus-Virus zuerst China, dann die Menschheit im Jahr 2020 in Atem hält. Großereignisse werden abgesagt, Arbeiter bei vollem Lohnausgleich in häusliche Quarantäne geschickt – man könnte geneigt sein zu glauben, es sei eine gute Zeit zum Lesen und für die Literatur.

Tatsächlich können Texte dramaturgisch kaum spannungsgeladener sein: Im mentalen Wechselbad wird einerseits verkündet, die Infektion verlaufe mild und Panik sei zu vermeiden. Andererseits wird im Halbstundentakt die Mortalitätsrate durchgesagt. Im Stil der Frontberichterstattung heißt es, der Virus rücke in Richtung Berlin vor. Nun hat er Leipzig “erobert” … (Noch ist hier niemand infiziert.)

Über die an der gemeinen Virusgrippe Verstorbenen wird kein Sterbenswörtchen verloren. Geschweige über die Verkehrstoten, Opfer von Krieg und Hunger und all jenen eigentlichen Katastrophen, an die wir uns längst gewöhnt haben. Verrücktwerden eingeplant.

Die Perepetie drückt sich im Bedauern eines Feuer­wehr­hauptwachtmeisters aus, dass sein erkrankter Kollege noch keine Temperatur messen konnte – die Meldung brachte es in die Abendnachrichten.

Davon können die literarischen Neuerscheinungen dieses Frühjahrs nur träumen. Entgegen der Beteuerungen von gestern wurden die Leipziger Buchmesse und das Lesefest „Leipzig liest“ – mit tausenden Veranstaltungen die soziale Seele des Literaturbetriebs – nun doch abgesagt. Sicherheit geht vor. Zugleich ist es die Konsequenz einer kollektiven Hysterie, von der sich – kaum zu wagen, anders zu hoffen – auch die Buchbranche hat anstecken lassen.

Natürlich konnten wir im Herbst 2019, als das Programm für dieses Frühjahr geplant wurde, nicht wissen, wohin es die Welt treibt. Doch es scheint, als hätten es die Autoren bereits geahnt…

Gebet nicht für Marilyn Monroe

Dienstag, März 3rd, 2020

Du lebtest wie ein Junge und starbst wie ein Junge. Ein junger Mann,

Letzter Kniefall aus der Sicht
Gottes, Beweis:
Hartherzigkeit des Hirten,
Karol König, Kriegers Hinterland. Kommunismus
& Antikommunismus,
champ-contrechamp. Was noch?
Wünsche:
1. Die Erde sei blau wie eine Orange.
2. Die Anzahl der Engel, die auf einer Nadelspitze Platz finden, sei stets größer als die der Toten.
3. Friede sei mit Dir.
Amerika, Amerika – “… singing!”

als vibrato a.D. zwölf tage vor 22.10.

flugbahnen

Montag, März 2nd, 2020

        grauer fels
               einer mondnacht entstiegen
flogst ins gestirnte augen-
                                            licht 

 

                                                                               zerschlissen vom irisgebläuten strom
                                     hinter der lidwand aus gelbem stein
                                                                                              erinnertest dich
                                                                   so vieler namen

 

        in marmorne haut
                          mit dem eisen geritzt
am ende der letzten julinacht
                                            schlugen die meißel

 

                                                                                glockenschläge hinterm grünenden schläfenbein
                                                        tausendfingriges kindheitsgeläute
                                                                                                                  dem nachtblau durchs wellige haar

 

                          einsam sein leuchten wie silberfische
stumm der pupillen vernarbtes
rot