Archive for Mai, 2019

wie leicht es ist

Freitag, Mai 31st, 2019
an falterworte zu glauben
wenn die stimme
bis in die wunde
deiner seele trifft

und wie leicht ist es
beflügelt zu sein
von den lippen
die sie formen

natürlich

Freitag, Mai 31st, 2019

könnte ich dir
aus liebe
ein gedicht schreiben
und dich und mich
in einen vers pressen
und sagen
das wäre unser glück
so gemeinsam auf einem blatt
verewigt
natürlich sagst du
könntest du das

Parque De Las Memorias

Samstag, Mai 25th, 2019

für Bernardo Serrano Velarde, 1949-2016

ich kam nicht bis Cochabamba
noch nie über das meer
an seine andere seite
nicht über den äquator zu anderen sternbildern
inti heißt dort die sonne
irgendwo im dschungel in einem dorf
haben sie den Che erschossen
vielleicht hörtet ihr denselben wind
dieselben stimmen aus der rinde des quebrachobaumes
die euch warnten weiter zu gehen
du erzähltest mir einmal von der reise der schwäne
sicher sind es singschwäne
ich höre die melodie auf einer knochenflöte
den pullover aus alpakawolle gibt es nicht mehr
irgendwann trug ihn noch meine frau
vientos y rosas nanntest du deine poeme
ich hatte sogar angefangen spanisch zu lernen
einmal im leben wollte ich nach Cochabamba
nach La Paz vielleicht ein stück weit auf den illimani
und um den see
mit einem schilfboot übersetzen in das andere land
aus dem panzer eines gürteltiers weht ein lied herüber
bis in den friedwald nach Cochabamba
du liebtest lieder auf guitarren und trompeten
solche von der mexikanischen art
morgen gleich in der früh
werde ich winde und rosen lesen
die zeit ist die antwort

hulyet hulyet, kinderlekh

Freitag, Mai 24th, 2019

Dieses Buch ist ein Lebenswerk über ein Lebenswerk und ein Leben. Uwe von Seltmann, dessen Vater noch in Krakau geboren wurde, der jetzt wieder in Krakau lebt, schreibt eine Biographie des Tate (Vaters) des jiddischen Liedes, Mordechai Gebirtig (1877-1942). Ich fange von hinten an: die Danksagungen füllen zwei Seiten, wie der Abspann eines großen Spielfilms. Gebentsht zoln zayn (Gedankt soll sein) dem Forscher Natan Gross, auf dessen Werk dieses Buch aufbaut, Irina Klepfisz, Samuel Mandelbaum und Michael Goldmann-Gilead, Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeugen Fragen aus eigenem Erleben beantworten konnten, neben Stiftungen und Geldgebern, Crowdhörnchen, auch Dichterinnen wie Bozena Keff, die den Antisemitismus in Polen auf die Bühne gebracht hat (“Stück über Mutter und Vaterland”). Um nur einige wenige zu nennen, die an diesem Buch mitgewirkt haben.

Gebirtig war bereits zu Lebzeiten ein Star, den keiner kannte. Seine Lieder wurden nicht nur in Polen, sondern auch in Rumänien, Litauen, Weißrußland und in Amerika gesungen, sie galten als Volkslieder, die auf der Straße, beim Frisör und auf den Feldern gesungen wurden, doch niemand wußte, wer ihr Schöpfer war.

Am Ende des Buches findet sich auch ein Lebenslauf von Mordechai Gebirtig – bemerkenswert, dass er nicht mit dem Tod des Lieddichters 1942 endet, sondern bis 2018 fortgeführt wird: er enthält auch die postumen Veröffentlichungen und die Entdeckung verschollener Lieder, ganz selbstverständlich als Teil des Lebens von Mordechai Gebirtig – eine kluge Entscheidung. Denn was ist das Leben eines Dichters ohne sein Werk, ohne die Bücher, die sich nicht etwa verselbständigen, sondern das Leben ihres Schöpfers weiterleben und verlängern, über den Tod hinaus, und im Falle von Mordechai Gebirtig kann man sagen: seinen Peinigern und Mördern zum Trotz! Dies ist die vornehmste Aufgabe des Buches, es überwindet das Martyrium und überlistet die Zeit.

Wer war Mordechai Gebirtig? Ein Tischler aus Krakau, Vater von fünf Töchtern, der sich als Laienschauspieler in Arbeiterbildungsvereinen und als sotsyal-demokrat engagierte. Mit 28 Jahren trug er zum ersten Mal in der Öffentlichkeit ein eigenes Gedicht vor und begann zu veröffentlichen. Infolge einer Krankheit war er gezwungen, seine Möbelwerkstatt aufzugeben, zum Glück nahm ihn sein Bruder als Hilfsarbeiter in sein Geschäft auf. Es folgte der Große Krieg, die Einberufung in die Armee der Habsburger – der Krieg, der ihn zu zahlreichen Antikriegsliedern, Schlaf- und Wiegenliedern bewegte. In den 1920ern landete Gebirtig seine Welthits: kinder-yorn und hulyet hulyet, kinderlekh, die auf Liederabenden und in Operetten aufgeführt werden, sich bis nach Lemberg, Czernowitz, Warschau und Lodz, Tel Aviv und New York verbreiten, rezensiert und als Schallplatten aufgenommen werden.

Das Ende begann 1939. Innerhalb von sechs Tagen erreichte die Wehrmacht Krakau. Gebirtig wurde ausgewiesen, zog sich mit Frau und Töchtern in ein Dorf vor der Stadt zurück, wo er weiterhin Lieder schrieb, wurde im März ins Krakauer Ghetto verschleppt und drei Monate später auf dem Transport ins Vernichtungslager Belzec erschossen. Seine Schreibhefte wurden von seinen Töchtern gerettet: sie übergaben sie Freundinnen, die mit gefälschten Papieren außerhalb des Ghettos überlebten.

Uwe von Seltmann: Es brennt. Mordechai Gebirtig, Vater des jiddischen Liedes
homunculus verlag, Erlangen, 2019

Mittwoch, Mai 22nd, 2019

Kanalgas-
düfte durchwandern
das Fenster

die Putzkraft
öffnet die Flure
weit

der Kleiber geht
uns an die Wäsche:

Oh du schöne Maienzeit

Auf den Grund

Samstag, Mai 18th, 2019

Heute tritt Anna nicht vor die Tür. Stattdessen geht sie ihren Gedanken auf den Grund, streift umher und setzt sich auf den lehmigen Boden. Dort hängen Weidenäste tief herab, und im Laub raschelt es von Zeit zu Zeit.
Eine Stunde sitzt sie manchmal so da; dann steht sie auf und sucht das Wasser. Sie mag das Geräusch hineinfallender Steine, die Wirbel, die sich im Kreis um den Punkt des Aufpralls bilden. Nur selten hüpft etwas an der Oberfläche. Die Tannenspitzen wachsen so tief in den Teich, dass Anna am liebsten hinterherspringen würde. Ganz unten schläft der Himmel, seine geschlossenen Augen hinter Bäumen verborgen.

Sie hat schon immer gern Rätsel gelöst, aber jetzt scheint sie selbst Teil des Rätsels zu sein, wie sie so herumwandert und mit den Füßen Abdrücke hinterlässt. Manchmal gefällt ihr das. Dann kann sie stundenlang Spuren schreiben, am Grund ihrer Gedanken, Äste von hier nach dort tragen oder Grashalme aus der Erde zupfen. Sie weiß nicht, was sie davon hat, diese Landschaft zu verändern, aber es fühlt sich gut an, mitzugestalten, ein Teil zu sein, lebendig und doch: Sie ist nicht da. Das sagen jedenfalls die andern. Aber die andern erzählen immer merkwürdige Sachen. Zum Beispiel, dass Nudeln nicht auf Brötchen passen oder dass Puppen keine Gefühle haben.

Heute will Anna hinausklettern. Oben, da fehlt etwas. Unten, da fehlt auch etwas. Sie greift nach einem Stamm und zieht sich ein Stück den Hang empor. Langsam gleitet sie zurück. Schlammig liegt ihr die Kleidung am Leib. Wenn sich oben zwei Schuhe bewegen, färbt sich alles grün. Nicht so, dass Menschen es sehen. Anna spürt es nur; eine Farbe, die sich so anfühlt wie eine Frühlingswiese oder: wie er. Nur wenn sie das Grün wahrnimmt, will sie hinauf. Jedenfalls meistens. Aber sie weiß, dass das Grün nie lange bleibt, auch dann nicht, wenn es sich mit der Sonne unter glitzernden Wellen bewegt. Das Grün geht nur selten ihren Gedanken auf den Grund.

Maximilian Woloschin : Die Maschine (Anfang)

Sonntag, Mai 12th, 2019

1.
Wie es keinen Erfinder gibt, der
Eine Maschine zeichnend, nicht davon träumte,
Den Menschen zu bereichern/ zu verbessern,
So gibt’s keine Maschine, die nicht der Welt gebracht hätte
Drückendste Armut und
Ganz neue Form der Knechtschaft.

2.
Solang’ die Hand gedrückt hielt einen Hebel,
Und Wasser
Das Mühlrad drehte, waren
Ihre Kräfte
Im alten, uralten Gleichgewicht.
Jedoch der Mensch
Ergriff den Schlüssel zum ewigen Geheimnis
Und setzte die gefang’nen Riesen
frei (den Golem, die verborgenen Kolosse.)

3.
Der Geist, im Innern Raum ergreifend, errichtet einen Körper:
Dampf, Funkenenergie und Pulver
Beherrschend
Denken und Gefühl des Menschen
Bauten für sich
Eiserne Körper
In Übereinstimmung mit
Ihrer Natur: Öfen und Kessel,
Turbinenräume,
Antriebe und Schmelzen.

Vincent

Dienstag, Mai 7th, 2019

Er suchte Licht : das Licht
Der Ägypter : gleißendes
Gelb : Paul empfahl ihm
Den Süden : die langen
Tage der Provence : das Gold

Der Ähren : das dreckige
Gelb der Schafe : welke
Sonnenblumen : zum Verrückt-
Werden : er trug den tanzenden
Stern in sich : die Tänzer

In den Caféhäusern verstanden
Ihn nicht : nichts verstanden
Sie : trampelten : schimpften
Wüteten : schlugen & schossen
Er rechnete längst nicht mehr

Mit Verständnis : wenn er
Bis dahin noch nicht verrückt war
Jetzt wurde er es : sie sahen das Licht
Das sie völlig umsonst umgab
Von morgens bis abends

Weil es kostenlos war : hatte es
Keinen Wert für sie : sie suchten
Nicht nach ihm : es umgab
Und umhüllte sie täglich
Er suchte nach dem Ewigen

Einem Schimmer gab er
Die Chance zu verweilen

Absage

Sonntag, Mai 5th, 2019

Wesentlich angenehmer
Die Sterne,
Als ein Todesurteil
Unterschrieben von mir.
Wesentlich angenehmer
Blumen zu lauschen,
Ein Flüstern: Er! -
Neigen das Köpfchen,
Wenn ich durch den Garten gehe,
Als dunkles Eisen
Von Wachenden, die
Den töten
Der mich töten will

Und das ist der Grund, warum ich niemals
Nein, niemals Staatsführer werde

Querulanten der Evolution

Freitag, Mai 3rd, 2019
Fruchtfliegen im Suppenkoma
 
Nahmen sie Proteine oder Salze zu sich, schliefen sie sofort ein.