Archive for Oktober, 2018

Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)

Samstag, Oktober 27th, 2018

Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit Abfällen gemästet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der Qualität des Fleisches zuzuschreiben ist.

In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fährt, sitzen zwei Jungen, denen dieser Genuß bisher wohl verwehrt blieb. Ihr aufgeregtes Gespräch thematisiert, dass sie 12 und 13 Jahre alt sind. Einer von ihnen heißt Mo und der andere Mu. Sie tauschen sich in einer altersüblichen, ungefähr fünf Satzbauteile umfassenden Sprache mit einem sch-lastigen, Zweit- oder Drittgenerationsakzent aus. Jenseits von ununterbrochenen, gegenseitigen Drohscherzgebärden sind ihre Themen der Deutschlehrer, der den Eltern von ihrem Rumhängen berichtet hat, Boxtraining (“Diesmal aba auf Kopf, isch schwör!”) und Musik. Hier zählt für sie insbesonders, welches Lied schon 35 Millionen Aufrufe erreicht hat, um dessen Signifikanz nachzuweisen und am Abglanz ein klein wenig teilzuhaben. Sie reden laut, sehr laut, da ihre Kopfhöhrer, die die Umgebung  mit der disputierten Retortendancemusik unangenehm passivbeschallen, die Kommunikation untereinander ziemlich erschweren.

Die deutliche, allzudeutliche mundwinkelverzogene Ignoranz im Sinne eines unendlich lauten Schweigens der sie Umgebenden ihnen gegenüber löst keine sichtbare Reaktion aus – spüren sie wirklich nicht, wie die Mitmenschen im gefüllten Waggon sie wahrnehmen und, wie sie zurecht vermuten dürften, angewidert gewähren lassen?

Wenn doch, dann lassen sie es sich in keiner Weise anmerken, sie müssen verdammt gute Schauspieler sein und latent nur darauf warten, dass jemand die Geduld verliert und sie anspricht, um sie so noch mehr in den Mittelpunkt zu stellen. So oder so, ihr den Erträglichkeitskodex öffentlicher Verkersmittel brechendes Verhalten verleiht ihren nach Zuspruch lechzenden Egos in Kombination mit Undercutfrisuren und Trainingsanzügen eine teerige Ersatzsubstanz zu psychosozialem Anpassungsdruck.

Während meine Gedanken die Mos und Mus dieser Erde reflektieren und den ihnen gemeinen, die soziale Entkoppelung kaschierenden Kit – mit nationalistischen und religiösen Zusätzen versehener, kapitalistischer Kulturfastfood – kommt mir in den Sinn, wie sehr sie sich gleichen, von Hamburg bis Wien, Marseille bis Manchester und Atlanta bis Guadalajara. So indokritniert wie sie sind, brauchen sie, bereit sich die Köpfe einzuschlagen, kein Sparring mehr, um nach althergebrachtem, spartanischen Ritus ihren Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Nichts, verinnerlichten sie, wird geschenkt, alles muss verdient werden; Rechte, welche Rechte? Dog-matismus, Hunde wir, alles Hunde.

Und Hypokriten. Als ich jung war, habe ich manchmal die Beine auf Sitze gelegt und auf meinem Diskman laute Rockmusik gehört. Ende der Neunziger rauchte meine Clique spätnachts in einem fast leeren Waggon weit hinten einen Joint und (unsere nach Zuspruch lechzenden Egos) hofften, die Mittvierziger am anderen Ende würden zu uns rüberkommen und um einen Zug bitten, so viel zum “Erträglichkeitskodex öffentlicher Verkehrsmittel”, naja, in einem gefüllten Abteil hätten wir das wohl nicht durchgezogen. Damals wollte ich ein Hippie sein, da ich dafür aber über dreizig Jahre zu spät geboren war und da kognitive Dissonanz keines meiner Talente darstellt, konnte ich die Erkenntnisse der Folgezeit nicht aus meinem Denken ausblenden – was mich dieser Tage zu einem relativ schlechten Alternativen (in Deutschland) macht – und eine gleichgeschal…gepolte Interaktion mit der heutigen, urbanen Szene erschwert.

Da ich zudem des traditionellen Lamentierens der Alten über die Jungen gewahr bin – der Titel dieses Textes ist im Übrigen ein wunderbares Musikstück (allerdings ohne 35 Millionen Aufrufe – ebenso wie dieses andere Stück der selben Band, dessen Schlussminuten genau das erkennen lassen, was m.E. fehlt)-, versuche ich jenseits eines kaum vermeidbaren, zynischen Subtextes die Frage zu stellen, ob Verrohung und die mehr oder weniger unbewußte Reaktion darauf nicht vielleicht nur subjektiv zunimmt.

Der Vergleich meiner Jugend mit der von Mo und Mu ist natürlich nicht mehr als intuitiv, Geschichte mag sich reimen, aber sie wiederholt sich nicht. Was mich wirklich stört, ist einerseits das von Mo und Mu unartikulierbare Gefühl von Ohnmacht der Gesellschaft und der eigenen, fragilen Substanz gegenüber und anderseits das Unvermögen von mir, in der Lebenswelt von Mo und Mu etwas zu entdecken, woraus ich die Hoffnung auf eine glücklichere Zukunft ableiten kann.

Mir scheint, es ist keine Brücke möglich. Meine Rebellion bediente sich der Symbole der idolisierten Vorgänger, es bestand eine gewisse Kontinuität des Aufbegehrens – Jazz, Rock der 50er, die psychedelischen 60er, der progressive Sound der 70er, Funk, Reggae, sogar Hardrock der 80er und Grunge der frühen 90er hatten alle eine gemeinsame, mit den Vorgängern kompatible Hintergrundschwingung.

Dann, als wäre sie ein Echo des zusehends neoliberaleren Zeitgeistes, setzte mit der Technobewegung und Statussymbolhiphop der Bruch ein und wurde durch die austauschbare Dancemusik der Millenials verstärkt, Mo und Mu sind die Kinder dieser Epoche, die mich krank machte. Ich schreibe bewußt ‘machte’, nicht ‘macht’, denn das ist seit zehn Jahren vorbei.

Als sie jedoch Mitte der Nullerjahre geboren wurden, fühlte ich mich mehr und mehr entfremdet, spürte, dass die Zeit, nach der ich mich immer gesehnt hatte nicht wiederkommen würde, dass ich schrecklich einsam am Rand der Geschichte strandete. Ich versank für zwei, drei Jahre in Depressionen, bevor es einer ebenfalls aus der Zeit gefallenen Frau gelang mein Herz aus dem Sumpf zu ziehen. Interessanterweise setzte um diese Zeit die Neo-Psychedelic-Welle ein und verband, scheint es, Teile der Generationen musikalisch wieder etwas.

Nur Mo und Mu erreichte deren Gischt nie, und nun ist es heutzutage so, dass ich Mo und Mu wie durch leichtes Milchglas wahrnehme, sie sitzen mir gegenüber und ich bin durchaus fähig Empathie zu empfinden, doch steht etwas zwischen ihnen und mir, das unüberwindbar ist – eine aufgrund der fehlenden, gemeinsamen, kulturellen Erzählung unvernarbte Kluft. Sie können mich sehen, aber erkennen mich nicht, sie können mich hören, doch verstehen nicht, woraus ich schöpfe, worauf ich mich beziehe.

Auf meiner Seite hingegen herrscht die abgeschmackte Vermessenheit vor, ihr scheinbar oberflächliches Dasein zu durchschauen, durch die vermeintlich seichten Pfützen ihrer Antriebe navigieren zu können. Wie falsch ich damit liege, ist mir nur allzu bewußt, denn was weiss ich von ihrer kranken Tante, von ihren liebevollen Familienritualen, von ihrer leisen Art am Abend? In Wahrheit ist der Anfang des Textes nichts als eine polemische Fingerübung, oder, nach Juvenal: „da fällt es schwer, keine Satire zu schreiben“. Nein, Verachtung und Ignoranz, die wohl häufigste erste Reaktion der meisten Mitmenschen auf die Begegnungen mit den Mos und Mus dieser Welt, stellen ebenso wie Mitleid keine Lösung dar.
Was tun?

Liebes Publikum, los, gib dir selbst nen Schuss,
du stehst doch auch enttäuscht und siehst betroffen
den Vorwand da und alle Münder offen.

Suche / Herbst

Freitag, Oktober 26th, 2018

Dem Land steigt Dunst
aus allen Poren,
und auf die Stimme legt sich
Herbst.

Heute ist kein Tag
für Schnee
und Leoparden in den Blicken.

Ich schlinge dir
die letzten Worte
um den Hals
und lehne mich an Felsen.

Vielleicht liegt dort
auf deinem Mantel
dieser eine Satz.

aufgehoben im Aufbruch

Donnerstag, Oktober 18th, 2018

am Ende des Wartens die Taube
Großstädterin im Tiefflug
unendliche Schattierungen von Grau
nervöse Tristesse

Kinder und Einsame füttern
den Widerspruch zur Aufrichtung
aufgehoben im Aufbruch
der Wartenden, jetzt

Syrakus

Sonntag, Oktober 14th, 2018

Auf Sumpf gebaut : vom Meer umspült
Sicher nach drei Seiten : die Wellen
Tänzeln um die Mauern : wir schweben

Lautlos zwischen den Fischen
Bewundern die Geometrie : die konvexe
Schönheit der Farben : den Hebel

Haben auch wir nicht gefunden
Um die Welt aus den Angeln
Zu heben : nur unser Gewicht

Wird spürbar leichter : Auftrieb
Im Salzwasser : das hat Archimedes
Nicht bedacht : ungestört im Kreis

Drehen wir uns und schließen
Die Augen : wenn der Bus
Auf einer Tangente die Vororte

Kreuzt : während das Sonnenrad
Dreibeinig übers Meer rennt
Und es in Brand setzt