Archive for September, 2018

Ist das dein Schmetterling?

Samstag, September 29th, 2018

Das Gefühl von Gerechtigkeit hat etwas Merkwürdiges an sich.
Schon in früher Kindheit rieselt es in uns hinein, eine feine, staubige Saat, die jedes Wort der Mutter umgibt. Wir nehmen sie auf, schlucken sie herunter, und ehe wir uns versehen, bricht etwas auf, wächst und öffnet sich, blüht in sanften oder grellen Farben. In Anna sah es blauviolett aus wie die Bücher, die in den Wohnzimmerregalen standen.

In den ersten Klassen sammelte sie kleine, glitzernde Plastikteilchen in verschiedenen Formen. Fast jedes Kind besaß eine Schatzdose, die täglich mit in die Schule genommen wurde, um untereinander zu tauschen.
So herausfordernd Anna auch in Gegenwart ihres Bruders war, so zurückhaltend und schüchtern verhielt sie sich allein. Da ihre Freundinnen zudem alle älter oder jünger waren und die Buben aufgehört hatten mit ihr zu spielen, stand sie am ersten Schultag beinahe verloren im Klassenzimmer herum. Die Lehrerin wies ihr in der ersten Reihe einen Platz zu, und zwar neben einem Mädchen, das sich mit dem Namen Eva vorstellte. Schon nach wenigen Tagen zeigte Eva ihre Glitzerteilchen und schenkte Anna einige besonders schöne davon.
So begann auch sie zu sammeln. Ihre Mutter hatte ihr eine Holzdose gegeben. Immer wenn sie ihr Zimmer aufräumte, erhielt sie als Belohnung einen kleinen, goldenen Stern. Diese Sterne verblassten jedoch neben den Glanzstücken von Eva. Mit der Zeit gelang es Anna, ihre Sammlung weiter auszubauen, mehr Sterne gegen Bunteres, Interessanteres einzutauschen.
Eines Tages kam Jan, ein Junge aus Annas Klasse, wortlos auf sie zu und drückte ihr seine Dose in die Hand. Vielleicht hatte er die Glitzerteilchen schon als überholte Mode eingestuft. Möglicherweise war er damit zu seiner Mutter gegangen und sie hatte gesagt: „Schenk sie doch einem Mädchen“. Was auch immer sich für eine Geschichte hinter seiner Geste verbarg, auf einmal besaß Anna den größten Reichtum und Dinge, die sie aus Mangel an Ebenbürtigem wohl niemals hätte eintauschen können. Eigentlich ein Grund zur Glückseligkeit, jedenfalls für ein siebenjähriges Mädchen. Vielleicht war sie auch glücklich; ganz bestimmt war sie das. Doch da gab es noch etwas anderes in ihr, ein dumpfes Gefühl, das sie in ihrem Lächeln erstarren ließ: Diese Dose durfte sie nicht besitzen.
Anna sprach mit dem Jungen nicht darüber. Sie fragte ihn nicht,  ob er sich sicher war, dass er diesen Schatz ausgerechnet ihr vermachen wollte und wie sie ihm dafür danken konnte. Stattdessen behielt sie die Dose in der Hand, wenn sie das Klassenzimmer verließ, und warf auf dem Flur einzelne Schmetterlinge oder Blumen auf den Boden. Dabei bemühte sich Anna, dass sie niemand bemerkte. Auf diese Weise, dachte sie, könnte sie den unrechtmäßig erworbenen Besitz wieder ausgleichen. Denn unrechtmäßig war er, so ihre Überzeugung: Nicht einmal eine Freundschaft hatte sie mit dem Jungen verbunden. Was gab ihr also das Recht, von ihm auserwählt zu werden?
Jedes Plastikstückchen, das unbemerkt herunterfiel, ließ sie aufatmen, war gleichzeitig ein Stein, der sich von ihrem Rücken löste. Alle diese Teile, die sie nun nicht mehr besaß, gaben ihr das Gefühl, wieder quitt zu sein.
Nicht immer verliefen solche Versuche unbemerkt. Manchmal war die Menschentraube nicht dicht genug, um ungesehen zu bleiben. Dann stieß eine Klassenkameradin Anna an der Schulter an: „Entschuldigung, du hast hier etwas verloren.“ Sie bückte sich, hob den Plastikschmetterling wieder auf, bedankte sich vielleicht sogar, wahrscheinlich sagte sie aber nur „oh“ oder „ups“ und versuchte, überrascht auszusehen. Die Schwere kehrte auf ihre Schultern zurück.
Eines Tages füllte Anna den Rest Glitzer, wie die Kinder es nannten, in ihre eigene Dose und begann, damit zu tauschen. Doch das Gefühl, kein Recht auf dieses Geschenk zu haben, blieb. Vielleicht sah man auf ihr für einen Augenblick eine Farbe aufblitzen, ein Wort, einen Ausdruck im Gesicht. Niemand weiß, wann die staubige Saat in Anna hineingefallen war, doch mit Sicherheit konnte man sagen, dass sie aufgebrochen war, wie wild angefangen hatte zu wachsen, so sehr, dass sie von innen an Annas Haut stieß.

Uporigination (Flucht und Wiederkehr XXVI)

Donnerstag, September 27th, 2018

In der Traumzeit suchte, der Morgen graute
fern vom Stamm am großen Fels,
der Geist des ersten halbnackten Wesens,
euch Jungen gleich, malend nach den Ahnen.

Warum, fragte er, seid ihr nicht mehr als bloße Erinnerung,
strahlt durch euer Vergehen meine eigene Endlichkeit an
und lehrt mich euer Scheitern Demut oder
ermahnt es mich, eure Ohnmacht zu verfluchen?

Nicht kann ich jenseits meiner Gedanken Zeitenräume  durchschreiten,
dem ungewollten Tod in die Arme der Jugend entfliehen,
stets werde ich zurückgeworfen in den öden Busch, unter die gleißende Sonne,
stets ist alles was mir widerfährt Durst und Verzweiflung.

Die Zeit zu vermessen bedarf der Kenntnis des Raumes,
sie tanzen miteinander wie Fluten im Lauf des Mondes;
viele Wanderungen, endlose Jahre des Wachens unter Sternen,
unzählige Geschichten, Initiationen und das Wissen keimt.

Wie eine verborgene Wurzel in flirrender, rötlicher Weite aufzuspüren,
graben dessen Schüler unermüdlich nach den Geheimnissen der Beschaffenheiten,
finden Zeichen, entwickeln Sätze für das Kleinste, das Größte, für das Mischen von Stoffen,
formen Sprachen, beschreiben Dinge, die aus Natur und doch nicht heimisch in ihr sind.

Erfahrungen betten sie in den Zeitenregen wie Ameisen ihre Eier auf lebendige Flöße retten,
ihre Errungenschaften werden riesenhaft und bergesschwer,
Krokodilszähne der immer im Wandel begriffenen Gestalten fressen tief im Leib der Erde,
und ihr sumpfiger Atem legt sich als Schleier über klare Himmel -

Verzweiflung wird sie treiben und Durst, denn ich bin ihr Vater.

Ein Weltenbrand umstürmt ihre Erde und wie uns die Asche der Buschfeuer frisches Gras schenkt,
durchbricht Hoffnung ihre Trümmer, die Geister des Morgen verweben alle Träume,
alle Wirklichkeiten, erschaffen im Wissen um die Erzählung das Bewußtsein darin neu.

Was uns Hütern des Lichtes und der Wärme ein Feuerstein, ist ihnen die Zeitenhütte,
was uns die Sonne, ist ihnen ein Sandkorn,
was uns das Leben, ist ihnen ein Moment des Vergessens inmitten kreißender Ewigkeit.

Sie winken über einen breiten, anschwellenden Strom, gefährlich und verführerisch,
arrogant, unwissend, doch neugierig und liebenswert zugleich,
erlangen Macht über den Ursprung der Gedanken -

gießen sich Schlüssel zur Zeit, durchdringen Manifestationen aller Räume
und wenn wieder das Größte ins Kleinste eingeht, das Kleinste dann birst,
werde ich sie und sie euch, ihr Ahnen, geboren haben, wie ihr zuvor mich.

 

[1] , [2] , [3]

Arktika

Mittwoch, September 26th, 2018

Er hat neue Reifen gekauft, neue Winterreifen, vier Winterreifen Ultra Super Grip, mitten im Juli, ein Supersonderangebot, die alten Winterreifen, die sind ja jetzt abgefahren, dachte er, total abgefahren, also für den Winter waren sie schon völlig ungeeignet, das Profil hatte überhaupt keine Tiefe mehr, aber für den Sommer, da gingen sie noch, im Sommer hat er die alten Winterreifen noch dran gelassen, ist mit den alten Winterreifen zum Netto gefahren und zur Werkstatt und zu seinem Arzt und und er ist zum Bahnhof gefahren, um die Kinder abzuholen, aber wozu gibt es das überhaupt noch, dacht er, Winterreifen, es gibt doch sowieso keine Winter mehr, jetzt hat doch gerade das erste Frachtschiff die Abkürzung über den Nordpol genommen, wenn man da einfach so am Nordpol vorbei schippern kann, ohne Atomeisbrecher, da bracht man ja auch keine Winterreifen mehr, es gibt ja keine Winter mehr, nie wieder kommt ein Winter, das ist ein für alle mal vorbei, da ist er aber schön reingefallen, dachte er, keiner kauft noch Winterreifen und er lässt sich diese Winterreifen aufschwatzen, da wird er mit Winterreifen im Januar zu Aldi und im Januar zum Arzt und im Januar zum Geldautomaten fahren und es wird kein Schnee liegen und es wird kein Eis sein und es wird nicht regnen und es wird einfach nur die Sonne scheinen, da braucht er nur den Sonnenschutz herunterklappen, weil die Sonne so tief steht und sonst nichts, ja, das waren noch Zeiten, als wir noch Atomeisbrecher brauchten, um zum Nordpol zu gelangen, als die “Arktika” auf ihrem Weg meterdickes Eis brechen musste, meterdickes, und das war gar nicht so lange her, 1977 war das, das Jahr, in dem er geboren wurde, und da gibt es ja noch diese alten Schwarzweißfotos mit seinem Kinderwagen, und er liegt da im Kinderwagen, und die Oma schiebt den Kinderwagen, und um den Kinderwagen herum liegt der Schnee, meterhoch liegt der Schnee, nur ein schmaler Pfad ist da freigeräumt für den Kinderwagen, ein schmaler Pfad, mehr nicht, und da fragt er sich, obwohl ihm diese Frage ziemlich dumm verkommt, ob der Kinderwagen wohl Winterreifen hatte, ob er damals im Winter mit Winterreifen fuhr und im Sommer mit Sommerreifen, und als diese Fotos aufgenommen wurden, als der ORWO-Film gerade in der Kamera lag, da teilte die “Arktika” gerade das Eis am Nordpol, zog eine Spur im Eis wie ein Kinderwagen im Schnee, und heute ist die “Arktika” ja still gelegt, längst still gelegt, das meterdicke Eis hat den meterdicken Stahl abgerieben, jeder Zentimeter Eis, den ein Schiff bricht, ist ein Zentimeter seiner Zukunft, für jeden Zentimeter Eis kann es später einen Zentimeter weniger fahren, einen Winter früher ankommen heißt für ein Schiff einen Winter früher untergehen, und so genau war die “Arktika” ja nicht, so exakt hat sie das Eis ja nicht gebrochen, die hat ja nicht nur das Eis gebrochen, die hat auch das Meer gebrochen, und den Nordpol, den hat sie ja vielleicht auch gebrochen, den Nordpol und den magnetischen Nordpol, die hat sie beide gebrochen, na, jedenfalls hat er jetzt diese vier günstigen Winterreifen, diese vier neuen supergünstigen Winterreifen Ultra Super Grip, die kann er ja noch abfahren, das hält noch ein paar Winter.

Dienstag, September 25th, 2018

Störung des Fließens, wir auf der Deutungshöhe
das Licht hätte namenlos sein müssen
(siehe:) die Festigkeit des Raums im Dunkeln
Raum: ein Stuhl, besessen oder auf den Treppen
im Rücken miteinander geschwungen
wir erinnerten uns – jenes, was nicht belichtet war –

vorwärts

nichts – außer

Samstag, September 22nd, 2018

buestenhalter

innen Schaumstoff,
trage ich nicht,

nichts – außer
haut & ´Knochen
dehnbaren
Muszkeln

brauche ich

Um jugendstil
zu sein.

footing

Mittwoch, September 19th, 2018

dein leben hat keine 2-fache sicherheit
gegen grundbruch nicht einmal
teil sicherheiten
für eine vorübergehende oder dauernde situation
mach dir nichts vor baby
du kannst das versagen berechnen
für das fundament eines hauses
aber nicht für dein leben

retain

Mittwoch, September 19th, 2018

voll eingespannt und rückverankert
dein leben ausgesucht
das richtige profil
mit holz ausfachung
hand aufs herz baby
welche nachweise willst du noch
führen
für deine existenz

vaterland – mutterland

Sonntag, September 9th, 2018

vaterland – mutterland
für

im süden der acker
seine krume krümmte sich
unter deinem rücken
der staub lag bis zum nächsten sturm
auf den trockenen ähren
abseits ruhten in ihren gräbern soldaten
freunde wurden sie jetzt
fern der heimat

und leicht

wuchsen flügel aus knochen
alle welt sprach
von gefiedertem frieden

Dr. Zsäsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Mittwoch, September 5th, 2018

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein.

Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktionärer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird –

eine Geschichte vielleicht, in der Klarabella ihre Milch an den Nachwuchs der fürsorglichen, gleichgeschlechtlichen Partner von nebenan verschenkt, Ulrike etwas sucht, das sie niemals finden wird, während sich das Idealismuskarussell immer weiter um ihre vielen Identitätsmerkmale dreht, obwohl das natürlich positiv ist, da sie es immerhin versucht, das Kopfverdrehen;

eine Handlung, in der Ruth einst Kevin war, jetzt aber total happy und Markus früher Marion, sich nun aber wieder nach ihrem alten Körper sehnt. Irre-relevant, da Inklusivität selbstverständlich allumfassend ist und auf detailliertere Ausführungen aus Triggergefahr verzichtet wird.

Ein Text also, dessen Safe Space Ihnen selbstbewußt ins Gesicht faucht, wie eine Kampflesbe einex transgender Homophobex, dex eine Antidiskriminierungsbeauftragte, welche leidenschaftlich die Anschaffung von Gartenzwergen verteidigt, vergeblich liebt. Gut, vergessen Sie das Letzte bitte ganz schnell wieder, es klingt wohl alles noch ein wenig zu privilegiert.

Dr. Zsäseg blickte von dem Manuskript auf. Braunlich verdörrten die Kastanienbäume vor seinem Fenster und verschandelten ihm die ansonsten so erquicklich gedeihende Aussicht.

Die Einsendung faszinierte ihn nur auf eine spezielle Weise, rechtfertigte er sich. Etwa wie schwarzer Humor zuweilen die eigene Borniertheit erfrischend entlarvt und transzendiert – Satire darf, nein sollte! immerhin alles. Und doch stieß ihn dieser dahingerotze Dreck zugleich wie selbstverständlich ab. Er fragte sich  kurz, ob es sich nur um seine fingerzeigende, übergestreifte, gesellschaftliche Moral handelte, der er – nicht zu vergessen – seine Position zum Teil verdankte, nein schuldete! – und unterließ eine Antwort.

Hätte er ohne die Exotik seines Namens die Position erklimmen können, aus der heraus er heute richtete – Wächter über die Verbeitung  gehaltvoller Texte, Verfechter der reinen Lehre?
Aber da war etwas. Dieses Fight-Club-Gefühl, das sich, wie er erinnerte, aus lauten Sommernächten, aus Wut und Frust, Hoffnung im Verbund mit Abenteuerlust, aus Durst und Überdurst schöpfte. Jugend, ewige  Jugend und neu mach die Welt.
Unwirklich milde und zynisch zugleich blickte er auf die Seiten. Oldschool per Post. Wahrscheinlich ein 25jähriger Retro-Knirps, der weder Menschen verachtete, noch Diskriminierung verteidigen wollte. Ihn störte wohl die gängelnde In-Your-Face-Mentatlität einer permanenten Sprachregelung durch doppeldenk Gleichstellungszombies.
Warum konnte der sich bloß nicht damit abfinden? Es war doch nicht allzu schwer, sich der Leere anheimzugeben. Dr. Zsäseg verfiel in leichte Trance.

Mindsetting.. Sprache, nur Sprache.. aber ohne Einfluß auf Gefühle?.. fühl wie du willst.. nimm alles offen an.. alles Offene ist gut.. wir..
Er kämpfte sich ruckartig hoch, griff hastig den Mauszeiger und öffnete seine Mails, um sich abzulenken, obgleich ihn wegen des Abruchs des Clearings ein schlechtes Gewissen plagte. Zwei neue Mails, bestenfalls Strandgut, miesepeterte er.

Ein Fingerhut

Es ist Sommer – ein Sommer ohne Frischeperioden. Hitze, Schweiß, lüsterne Gedanken den lichten Tag lang. Obgleich der Alltag stattfindet, scheint das Land seit Monaten wie nach einem erschöpfenden Akt langsam vor sich dahinzuwälzen. Die Themen dieses Sommers sind unter-, die Süße der Früchte hingegen überirdisch – wohl dem, der Zugang zu Gärten hat. Meine Urgroßeltern verloren vor fünfundsiebzig Jahren im Feuersturm ihr Geschäft. Kleinwaren, Stoffe, Knöpfe Nadeln. Ein überkommenes Geschäftsmodell, das Gedenken?

Natürlich nicht, aber irgendwie verdächtig. Weiter.
Die nächste Mail, ein kurzes Gedicht, ließ ihn innehalten. Er las vorsichtig, als ob eine alte Melodie aus dem Nichts in seine Eingeweide gefahren wäre und seine Gesichtsmuskeln erweckt hätte.

Herbstgeburt

Am Ende aller Wellen steh’n Welten, wenn es spricht:
von riesenhaften Flatterfarnen, Ruinen bei der Au,
von Kronengrün und Wiesengelb, von Schollenbraun
und tausendfachem Blau.

Auf liebevolle Weise verführt das Sommerlicht,
zieht reifend Kreise, bis es
errötend bricht.

Dr. Zsäseg erging sich in Gedanken. Ließ sie laufen, spazierte dahin, schwebte, staunte, lächelte, wütete, schnaubte, Dr. Zsäseg weinte und schmiss ihnen jene entgegen, die er gefangengehalten hatte, ohne sie je vergessen zu können, halbverfaulte, zerlumpte Gedanken, Proletarierprologe, Faschofragmente und Mittemäander verklumpten und bildeten das Epizentrum des schwarzen Loches, das in seinem Geist rotierte. Wie gut es tat loszulassen. Wie wunderbar sich Freiheit anfühlte. Obszön? Nein ehrlich, falsch und doch wahr. Insanity? Unsanity! Dreckig aber wohlgemut, lebendig. Er badete im Mist und wusch sich mit Liebe. Er verstand.

In eine Sanitärdenkblase gepresst dahin zu vegitieren, Verdenkmaschine, nicht Mensch zu bleiben war zukunftslos; nur eine solche, wusste er, könnte das kleine Gedicht verachten, und nur ein jenes könnte sie von sich selbst befreien.

[Untermalung 1,2,3]

über kommen

Mittwoch, September 5th, 2018

für Arthur Rimbaud

wenn die arbeiter (die angestellten)
die fabrikhallen (die büros) verlassen
geht wieder /unbemerkt
ein sonniger tag zu ende
lassen sich die männer und frauen nicht
an den ufern der seine [se:n] nieder
sondern fallen
in ihre fernsehsessel (in die balkonstühle)
soziale netzwerke
säuseln smart aus den phones arbeiterlieder
(angestelltenlieder)
über die liebe über gott
und die welt /unbedeutende? gegenden
zwischen zwei atemzügen zwei augenaufschlägen
eines glücks /nicht existent!
rauschen vor dem haus die autos
und in der ferne irgendwo
die grüngestorbenen wälder
die feldfluren die flusswasser
die stillen
die schnee-e
diese letzten leichentücher
die den arbeitern (den angestellten)
aus der /guten alten zeit geblieben sind