Archive for April, 2018

“Das ist doch alles verrückt”

Sonntag, April 29th, 2018

Manchmal fragt sie sich, wer sie ist. Gibt es das überhaupt, dieses „Ich“, oder ist es eine Illusion? Zu oft hat sie sich in diesen Rätseln verlaufen, eine Mischung aus Wut und Empörung empfunden, dass sie so unmündig ist und nicht einmal sich selbst be-greifen kann. Währenddessen wird der Alltag immer oberflächlicher, rieseln Informationen auf sie ein, die sie nicht ausreichend in Wissen umwandeln, geschweige denn zu Erkenntnis verarbeiten kann. Sie ist nicht mehr in der Lage, sich zu fokussieren und verliert sich in der Gleichgültigkeit, im Zuviel. Überall herrscht Konkurrenz zu ihr selber, sodass sie sich entgleitet.
Das Erleben wird mit dem Alter immer schwächer. Der Abstand zwischen außen und innen steigt an; so kann auch die Natur nicht mehr in sie eindringen wie einst, als sie noch ein Kind war. Das nimmt bisweilen absurde Züge an: Sie befindet sich auf einer Bank in den Dünen und blickt auf das Meer. Auf einmal überkommt sie das Gefühl, sie säße in ihrem eigenen Foto. Die Erinnerung, das künftige Andenken ist realer als der Augenblick und stülpt sich über ihn. Die Wahrnehmung von Wirklichkeit wird unklar; alles ist nur noch Bild, und ihr ist, als hätte sie einen großen Schritt in ein Blatt Papier gemacht.

Ich schwebe über der Wiese meines Elternhauses. Ich bewege mich ein paar Zentimeter über dem Boden, damit mich keine Wespen in den Fuß stechen, denn ich bin barfuß. Es ist ein warmer Sommertag und die Johannisbeeren hängen reif an den Sträuchern. Eine Liege steht in der Nähe, hinter dem früheren Schaukelgestell, ein Stück abseits vom Apfelbaum.
Mein Vater und seine Frau fahren mit dem Rad hinter der Hecke um die Kurve, nehmen mich wahr; dann bin ich wieder allein.
Ich weiß, dass alle Gegenstände eine gewisse Unschärfe in ihrer Position haben, zugleich mehrere Zentimeter versetzt existieren. Ich frage zweimal auf Englisch, warum das so sei.
Auf einmal ist alles dunkel und ich werde in einen Tunnel gezogen. Das Ende erreiche ich nicht mehr. Auch die Antwort bleibt aus.

Noch einmal versucht sie, sich in diese Wahrnehmung hineinzubegeben; doch schon jetzt kann sie sie nicht mehr nachfühlen. „Was für ein Unsinn“, denkt sie. Gleichzeitig kommen ihr Schlagworte wie „Unschärferelation“ in den Sinn. Warum die Figuren nie kooperieren, fragt sie sich.

Ich schwebe durch Gänge. Das Licht ist wunderschön, blau und weiß. Ich habe Mühe, meine Höhe zu kontrollieren. Ich befinde mich in einem Gebäude mit mehreren Stockwerken, und man kann sie mit etwas Auftrieb wechseln. Auf einmal hört das blaue Licht auf. Es wird dunkler. Das weiße Licht bewegt sich jedoch mit mir, und ich merke, dass ich es ausströme.
Ein Paar kommt die Treppe herunter. Ich frage etwas. Der Mann sagt: „Musst mal mit den Henningen reden.“ Ich verstehe ihn nicht und will Genaueres wissen. Er fährt fort: „Erster deutscher Trinker, übrigens nach der Akademie ‚Die Liebe‘“.

Wieder will sie sagen: „Das ist doch alles verrückt“.

Ich schwebe über einer Landschaft, werde immer schneller, bis ich nichts mehr erkenne und sich plötzlich alles zu einem Tunnel verdichtet. Ich bin bei klarem Bewusstsein. Über der Landschaft empfinde ich Freude und überlege, was ich machen soll; dann Enttäuschung, dass ich die Vorwärtsbewegung nicht bremsen kann. Plötzlich halte ich an, und zwar vor einer kaum erkennbaren, statuenartigen Gestalt, die reglos nach oben ragt und den Ausgang zu blockieren scheint. Ich bin nicht einmal sicher, ob es sich tatsächlich um ein lebendiges Wesen handelt oder ob meine Phantasie der Dunkelheit eine Form gibt.
Dann schwebe ich rückwärts. Der Tunnel hat jetzt Wände aus Brettern, zwischen denen ich Lücken wahrnehme, aber von draußen dringt nur Nacht herein. Am Rand befindet sich eine Frau. „Wie heißt du?“, frage ich. „Jens.“

Sie ist überrascht. Was soll das Ganze hier überhaupt?

„Bist du tot?“, will ich wissen. Ich lächele über mein eigenes Spiel, das ich damit scheinbar beginne, fühle mich für einen kurzen Moment überlegen.
„Ja, wir sind eine andere Zeitbindung. Eine Zeitbindung Gottes.“ Die Stimme hat jenen typischen Klang, an dem man sofort einen Film erkennt.

Wenn sie aus dem Zugfenster in die Landschaft schaut, einen Augenblick durchatmet und das Leben dort draußen spürt, merkt sie, wie nichtig das ist, was als wichtig gilt, hier und jetzt.
Einen Moment lang ahnt sie: Menschen sind Fragmente, in die Welt geworfen, von ihr gemacht – und doch können sie nicht einmal sich selbst erfassen, weder im Traum noch im Wachzustand. Teile von ihnen formen sich beim Aufprall, ändern ihre Gestalt – und dann ist es der Verstand, der sie wieder zusammensetzt, sie aneinanderlegt wie Puzzlestücke, in der Hoffnung, dass sie passen, ein Ganzes ergeben. Manche lassen sich nicht einfügen, erscheinen fremd neben größeren Flächen. Wieder andere werden aus dem Inneren herausgerissen, dass eine Lücke bleibt – bis die Teile wieder in die Welt fallen, von ihr neu geformt werden. Vielleicht passen sie eines Tages aneinander. Wie oft sind sie unsortiert, nur Bruchstücke, die auf und ab rutschen und anstoßen. Das Leben macht sie härter, weniger formbar. Ob sie so je ein Ganzes ergeben?

Noch immer weiß sie, dass sie nichts weiß.

Freitag, April 27th, 2018

Bildergebnis für Oberschenkel klatschen applaus

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Mittwoch, April 25th, 2018

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will.

Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht der Junge – fünf Jahre alt – vor einem, ihm wie ein riesiger, bearbeiteter Monolith einer fantastischen Küste, ja eines fremden Planten entraubt erscheinenden, grauen Betonklotz inmitten der unbarmherzigen Hitze eines, so hatte er – erzogen von atheistischen Wissenschaftlern – gelernt, ‘heilig’ genannten Landes.

Seine Eltern und er, nach ihrer Ankunft ob ihrer Herkunft und Sprache mehrmals wie aus dem Nichts übelst, fast handgreiflich beschimpft, setzen ihm rasch eine kleine Kippa auf und betreten das Gebäude mit ihm. Er versteht nicht, was das gedämmte Licht, was die Tafeln mit den vielen Namen, die Bilder der so unglaublich mageren Körper, mit ihren traurigen und teilweise unendlich leeren Blicke bedeuten, er fühlt sich unangenehm berührt, empfindet gleichwohl, der kindlichen Gabe zur Empathie entsprungen, Pietät und schweigt, nicht wagend, den ihn umbegebenden fremden Gesichtern seine Antwort auf die Last der Zeit, die er der Welt an diesem Ort zu schenken bereit ist, offen zu bezeugen.

Er war zuvor durch Wüsten gefahren, hatte in Salzlake gebadet, belebte Basare und verfallene Stätten besucht, eine davon hoch oben auf einem Berg, durfte, auf dem Weg durch dieses öde und doch so wunderschöne Land auf den Schultern seines Vaters eine Pomelo am Rande einer Plantage abpflücken und im Garteninnenhof eines Freundes der Familie das unglaubliche reiche Bouquet jener Blumen erschnuppern, die dort gedeihen, wo die Sonne, anders als in seiner Heimat, Gesetz ist. Ein unsichtbarer Gott, ohne Namen – Richter ist Er.

In Betlehem war man mit ihm in eine Grotte, die Geburtshöhle hieß, herabgestiegen, auch dort schien ein diffuses Licht, doch die Wände schmeichelten – leicht feucht, fast rund, als hätten die Hände tausender Besucher sie geglättet – und der Weg gewundener, ohne Ecken und Kanten gespickt, ja, das einzig gerade dort unten, dachte er, hatte in den Planken der Stege und den Brillen der Besucher bestanden. Er erinnerte sich daran, den Ort genossen zu haben, vielleicht nicht so sehr wie den Garten, das Picknick mit der selbstgepflückten, unbekannten Frucht, oder den Blick vom Berg in die schier endlose Ebene, aber doch, es war angenehm gewesen dort unten.

Hier hingegen, so überkommt es ihn, war ein bleierner Vorhang zwischen allem, was ihm in diesem Land begegnet war gezogen worden, der Ort war der Ausdruck purer Hoffnungslosigkeit, alles Organischen beraubt, die unmenschliche, dunkle Strenge der Formen dieses Gedenkens bedrückte ihn, drohte ihn zu begraben, zu ersticken, jene ausweglose Ernsthaftigkeit eines unvorstellbaren Mordgewitters, dessen Essenz anschließend zu diesem Sarkopharg erstarrt war und nun mit seiner kleinen Seele rang. Ein Lächeln, war er sich sicher, nur ein stilles Lächeln voller Hoffnung und Liebe konnte ihn, konnte die Welt von dem Fluch, der diesem Ort innewohnte, erlösen.

Herausragendes Exemplar mit grauen Wangen

Montag, April 16th, 2018

Sie fügte sich so geschmeidig in die immer kleiner werdende Normalität, wie der Begriff von Experten definiert wurde, dass jeder Spaziergänger sie fast übersah. Doch da sie nichts hatte, woran man sich stoßen konnte, gab es auch keinen Zusammenprall.
Wenn sie über die Entwicklung nachdachte, die das Normale mit den Jahren durchlaufen hatte, war sie für einen kurzen Moment mit sich im Einklang. Man könnte fast meinen, sie freute sich, dass es stets strengeren Regeln unterlag und weiter nach oben korrigiert wurde. Neue Diagnosen wie disruptive Launenfehlregulationsstörung stellten in Frage, was sich bisher noch innerhalb des Rahmens befand. Dadurch konnte sie – die im Alltag Unscheinbare – glänzen. Sie funktionierte. Ja, sie war einwandfrei. Unerhörte Dinge wie Gefühle hatten in dieser Welt nichts verloren, waren jedenfalls nur zu bestimmten Anlässen zugelassen. Das wusste sie, und sie verstand es, das dünne Seil der Vorgaben um ihren Körper zu wickeln, ja sogar damit zu tanzen. Einmal im Leben war sie bereits mit dem Tod konfrontiert worden. Einen Augenblick hatte sie geweint – eben jene erwartete Regung. Anschließend ging sie zum Alltag über, als hätte ihr Chef auf eine Taste gedrückt, die diesen Effekt bewirkte. Mehr als zwei Tage Niedergeschlagenheit entsprachen nicht der Norm dieser Gesellschaft, die sie stets so hervorragend repräsentiert hatte. Das nannte man stark.
Doch dann passierte etwas. Sie hatte geglaubt, auf alles vorbereitet zu sein. Die Erkenntnis aber, dass sie an dem kleinen Absatz nichts ändern konnte, der zum Regelwerk für alles nicht Normale hinzugekommen war, löste eine tiefgreifende Wandlung in ihr aus. Jedenfalls schien ihr das so. Als sie nämlich an jenem Morgen vor dem Spiegel stand und sich das Haar richtete – gescheitelt und streng, wie es sich gehörte – war die Haut ungewöhnlich fahl. Sie trug ein schwarz-weißes Kostüm, das gut zu dem Grau ihres Gesichtes passte. Warum war es auf einmal so verfärbt?
Sie versuchte, auf die Augen zu achten. Sie wirkten unverändert, doch das Gesicht nahm insgesamt knochigere Züge an und das Kinn ragte spitz nach vorne. Plötzlich teilten sich die Augen und auf jeder Seite gingen zwei einzelne Augen ineinander über. Sie erschrak. Sie begann doch nicht etwa, zwei Personen zu werden? Vier Hände, doppelte Arbeitsgeschwindigkeit … Wäre das nicht sogar praktisch? Rasch verwarf sie den Gedanken wieder. Nach einigen Minuten verschwand der Effekt und die Augen rutschten übereinander, dass nur noch eins auf jeder Seite zu sehen war.
Sie rieb sich über das Gesicht, blickte noch einmal genauer in den Spiegel – alles schien wie gehabt – und zog sich Schuhe und Mantel an. Erst auf der Straße fühlte sie sich wieder seltsam, glatt und kalt. Ihr Gewicht hatte schlagartig zugenommen, allerdings konnte sie sich immer noch hervorragend bewegen, vielleicht sogar besser. Zwar machte ihr Knie von Zeit zu Zeit ein quietschendes Geräusch, doch nichts war mehr ermüdend. Sie blieb einen Moment stehen und hob und senkte das Bein. Sie spürte gar nichts. Es fing an zu regnen, doch die Wassertropfen perlten von ihrer Haut ab, ohne dass Feuchtigkeit zurückblieb.
Eigentlich hervorragend, dachte sie. Aber war das wirklich so vorgesehen? Glaubte sie dem neuen Krankheitssyndrom, das heute Morgen durch die Nachrichten flackerte, war ihr Glück dahin. Zuvor war ihr all das nie aufgefallen. Doch jetzt war ihr Körper präsent und ihr Denken hatte eine Richtung entdeckt, ausgelöst durch dieses neue Wort, eine Richtung, die sie noch nicht kannte. Sollte sie sich krankmelden? Nein, das war unmöglich. Sie öffnete die Tür zum Büro, ging an ihren Platz und fuhr den Computer hoch. Auch ihre Finger hatten sich verändert. Einen Hauch zu metallisch wirkten sie, und wenn sie an die Gelenke fasste, blieb ein öliger Schleim zurück. Sie hatte Angst, ihr Chef würde es entdecken. All die Dinge, die ihr sonst eine gewisse Befriedigung gaben – zum Beispiel, dass sie von den Mitarbeitern am schnellsten tippen konnte – waren auf einmal zu einem Unsicherheitsfaktor geworden, zu einem großen Unbestimmten, das ihr vielleicht bald den Boden unter den Füßen rauben würde.
Mittags hielt sie es nicht mehr aus und verließ das Gebäude. Als der Chef sich bei ihr verabschiedete, nicht ohne einen besorgten Blick auf sie zu werfen, sagte er: „Du hast hervorragende Hände“. Hatte sie das? Natürlich. Jetzt wusste sie wieder, dass alles im Lot war. Sollten sie doch machen, was sie wollten, „Temporäre Maschinisierung“ war kein Syndrom. Nein, eine Stärke. Hatte der Chef das nicht mit seiner wenig subtilen Bemerkung persönlich angedeutet? Bei dem Gedanken ging es ihr wieder besser.
Am nächsten Morgen, als sie mit einer quietschenden Fingerbewegung den Wasserkocher betätigte, akzeptierte sie, was geschehen war. Sie wusste: Das alles war nicht weiter schlimm. Die graue Farbe, die metallische Glätte, sie konnte beides zu ihrem Vorteil einsetzen. Die anderen waren nur noch ein Blatt Papier. Sie konnte darüber laufen; sie konnte es beschreiben oder mit schwarzen Tintenflecken bespritzen.
Sie dagegen war hart und glänzend, mit silbernen Rädchen, wo einmal ihre Knie gewesen waren. Ein Markenname.
Ein 30 Jahre altes Modell, sagte ihr Chef und goss Öl ins Getriebe.

Der Idiot in der Sandkiste

Samstag, April 14th, 2018

Man sagt, der junge Mensch lerne durch nachahmen.  Übernehme Gewohnheiten. Gibt somit Traditiertes weiter. Häufig ungefragt, unreflektiert. Nur ab und zu wird weiterentwickelt.

Was, so frage ich, was, wenn in eurer Sandkiste auch nur ein einziger Idiot unter euch euch war?

 

The Egoism of Genius (I)

Samstag, April 14th, 2018

Trägheit
Völlerei
Eitelkeit

Hodenkunst

(… bei wem-auch-immer
es staubig ist …)

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1 € pro Tag. Payable Psychiatrie.

Neid. Testaments-Vollstrecker.

(Knorpelfische sollten dichten)

oweh Aquarium Marienheim.