Archive for Februar, 2018

Tbilisi : am Ende

Montag, Februar 26th, 2018

Es gibt Berge und einen Fluß
Frische Luft oben im botanischen
Garten : Kletterpartien

Solange die Bagger die Berge
Noch nicht beseitigt haben
Für neue Häuser : während

Die Altstadt einstürzt : hier und da
Leben noch Menschen
In den Ruinen : tatsächlich

Gab es hier Krieg : die Kriege
Zogen an Tbilisi vorbei
In den letzten einhundert

Jahren : allein die Zeit
Nagt an den Häusern
Vierzig Regenarten : die

Das Georgische kennt
Georgische Redensarten
Hinter den Brotlöchern

Werden Ideen gebacken
Ganztägig frisch : nicht nur
Am Morgen : in den Kellern

Der Bäder quillt Schwefel
Aus dem Gestein : reinigt
Gehetzte Körper : wie schwer

Atmen sie im Verkehr : der
Leichtgängig fließt
Durch die Ritzen zwischen

Den Häusern : er nieselt
Der Geldkraft folgend
Meidet die Berge : kreist

Um den Fluß : ißt du
Seine Fische : stirbst du
Am Krebs

Vis Ionen drängeln

Mittwoch, Februar 21st, 2018

am
Bananenbaum
….

Laden wir die Wägen voll?
Laden wir die Wägen voll?

Farnschlammgrüngetreu?

lueckenschluss | lippenbekenntnis (string-tanka L)

Dienstag, Februar 20th, 2018

die luecke im buecherregal / ich schliesze sie / mit einem papierfalter / und musik // deine lippen / ahmen ein gedicht nach

augenblicke

Mittwoch, Februar 14th, 2018

seine augen füllten sich mit häusern, straßen zwischen den häusern, fahrenden autos, gehwegen und menschen, ladengeschäften mit kleidern, koffern, schmuck und brillen in den auslagen. und auf einmal tat ihm der kopf weh. der schmerz wanderte vom hinteren ende des auges in die stirn, ins innere der ohren, und zog an der innenseite der schädeldecke über den hinterkopf bis in den nacken. w. wurde schwindelig, er taumelte und ging in der fußgängerzone zu boden. er spürte noch den harten aufprall auf den polierten granitplatten im ellenbogen und steißbein. dann wurde ihm schwarz vor den augen.

die sonne war eine große scheibe aus kupferblech. hängte ich sie hoch in das zelt meiner kindlichen erinnerungen, türmten sich landschaften neben ihr auf, spiegelte sich ihr licht in flüssen, die den zeltboden in verbotene und verbotene länder teilten.

die versuchsanordnung war folgende: ein dichter sollte in einem völlig dunklen raum ein liebesgedicht an eine verflossene geliebte schreiben, in dem die wörter ich, du, wir, liebe, lieben, kuss, küssen, auto und autobahn nicht vorkommen. das gleiche galt analog für eine dichterin. hier die ergebnisse:

fahren die züge nach armenien
weinen die menschen in den abteilen
angesichts ihrer erinnerungen
an die umgekommenen
der sintflut

über die dächer gehen
ist ein alter traum der menschheit
und eine weißstörchin beobachten
kurz vor ihrem flug nach afrika
staunen im garten die kinder
zu ihr hinauf

die alpenseglerin war eine gletscherkundlerin, die die klimaerwärmung erforschte. ihre hände ertasteten die luft und den schnee, ihre flügel überspannten das tal, in das sich menschen geflüchtet hatten, die aus ihren träumen erwachten. für sie gab es keine rettung, keine rückkehr mehr.

w. hatte seine sammlung um eine muschelschale erweitert. diese legte er zwischen das pfennigstück und das welke, gepresste blatt eines bergahorns.

manchmal fiel w. das wort menschen schwer. dann spielte er robinson und wartete auf freitag.

w. war eingekesselt: hinter ihm stand der mob der demonstranten, vor ihm eine hundertschaft polizisten, ausgerüstet mit helmen, schilden und schlagstöcken, dahinter ein wasserwerfer. ein paar meter neben w. zitterte das mädchen.

zerfloss die stadt in einem park um ein altes gartenhaus mit hohem dach, machten wir uns einen frauenplan, stolzierten die esplanaden entlang, winkte uns aus einem schaufenster eine junge gräfin zu, eine angehende buchhändlerin. dichtkunst muss ansteckend sein. [einmal hatte ich einen oleander nach der gräfin benannt, rosafarben, gekauft in der gärtnerei des familienschlosses, überlebte er den ersten winter nicht.]

plötzlich standen wir vor einem massengrab. mord muss eine deutsche tugend sein.

gesang zwei

Mittwoch, Februar 14th, 2018

die versuche über den wald liefen ins leere
kreisten schwarzstorch und waldrapp um ein neutronengeschoss
lag es verschattet neben der luftwurzel eines baums
suchtest du in stadt und dorf eine straße
die heraus führte aus dem grün

in ein nebelgebiet über flussauen
mischten sich stimmen mit den flügelschlägen von wörtern
die über dir kreisten
und einen namen riefen
indem sie das verschwiegene aussprachen

suchtest du weiter die liegengelassenen
augen und münder deine haare
auf denen du wiegenlieder spieltest
für ein totgeborenes
mit kristalliner struktur

[webtest du wasserzeichen in ein mandelland]

Dienstag, Februar 13th, 2018

übern Großen, übern Kleinen Stadtsee
derweil das Fäulnisfleisch des Horizonts
reicht bis zum Rumpf des Kirchenschiffs
worin gewöhnlich psychonautische Fracht

vielleicht wissen die Penner davon
(der Verfall häutet sich nur im Dämmern)
wovon die Luft gestillt, Asphalt schwimmt
dass die Ohnmacht der Zeit so täuscht

indem sie das Ewige Licht nachäfft
in allen Farben, in allen Televisoren

warten auf den Uferbänken
auf die nächste Revolution

Haugemer Fasnacht

Montag, Februar 12th, 2018

andere sii welle

d’ kinder un au d’ erwachseni
alle verkleidet
wie wenn se andere sii welle
als sie sin’
vielliicht sin’ sie’s au
für e stund oder zwei
wer ka’s wüsse

.

d’ gugge

d’ gugge trommle un bloose
ä lärme
wie numme sälde im läbe
spöter
wenn d’ heimgohsch
isches numma no still

.

do schtohsch

du wirfsch es konfetti in d’ höh
s’ werde träum
rosani orangeroti schwarzi un wissi
sie falle z’ruck
dir grad vor d’ fieß
do schtohsch
vor dine eigene träum

.

(* Der Dialekt wurde lektoriert von Elfra Sandmann, Lörrach, der ich herzlich dafür danke!)

.

Im Schwefelbad

Sonntag, Februar 11th, 2018

Dicke Autos parken am Abend
Vorm Tor : in der maurischen
Mauer : Mosaike : zwei Diener

Ein Junge : ein Mädchen
Huschen mit Wischzeug
Bewaffnet über den Flur

Der Chef im maßgeschneiderten
Anzug schaut von Zeit zu Zeit
Vorbei : Familien treffen sich

Müde Mütter in Konkurrenz
Zu aufreizenden Töchtern
Die pickeligen Söhne

Interessiert dieses Bad nicht
Wiewohl : sie könnten es
Gut gebrauchen : Geschäftspartner

Treffen sich hier mit einer blonden
Frau in der Runde : erst wird Spaß
Dann ernst gemacht : sanft

Reinigt der Schwefel jede Pore
Und die Ehefrau erfährt nichts
Davon : außer bei Zahlungsverzug

Wie ätzend wirkt da der Schwefel
Als Schüler tauchte ich Leiterplatten
Ins Bad : es schälte kupferne Bahnen

Heraus : hier wird der Partner
Geschält : zeig dich nackt
Und ich leih dir mein Geld

Donnerstag, Februar 8th, 2018

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Donnerstag, Februar 8th, 2018

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Oijoijoijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille

Donnerstag, Februar 8th, 2018

So gehts los. Jedesmal geht es so los. Du bist fröhlich, gut vorbeitet, willst jetzt endlich loslegen. Und dann kommt es: “Oijoijoi, wo hab ich denn jetzt bloß de Brille. Oijojojoj, wo hab ich denn jetzt bloß de Numma.” Du spürst, wie deine gute Laune in Wut umschlägt und der Blutdruck nach oben geht. “Ach wissense, ick seh so schlecht.” Dein Herz fängt an, stärker zu pumpen. Du merkst, dass du einen Körper hast, und der tut weh. “Is so dunkel hier. Warten se mal, ick muss ma ans Fensta gehn. Oijoijoj, wo hab ick se bloß…” Du rutscht unruhig auf dem Stuhl herum. Von draußen drängt die Sonne herein und macht “dreieckiges Handtuch” auf der Pappwand vor dir. Du denkst an die Pappnase vom letzten Dienstag und lächelst, jetzt sichtlich besser gelaunt, schadenfroh in dich hinein. Der am anderen Ende hat immer noch keine Brille und keine Numma und raschelt nervös mit Papieren. Du lachst. Du lachst, erst leise, dann herzhafter. Kleine Fliegen kommen dir aus dem nächstgelegenen Blumentopf entgegen und kreiseln, im letzten Lebensdrittel angekommen, vor dir auf dem Tisch. Du lachst. Die Sonne brennt sich in die Fensterscheibe, lässt sich nicht mehr durch Rolläden und schmieriges Glas ausbremsen. Du lachst und wächst aus dir heraus, du zeigst es allen, du drängst aus dir heraus und mit geballter Lebenslust schallt es aus dir: “Macht nichts. Dann schaffen wir es eben ohne Brille und ohne Numma.”

Replik (Realschulniveau)

Mittwoch, Februar 7th, 2018

Meine Freundin Tara

sagte heute:

Im Iran

hatten sie

ein Bett für Opa, Papa, Bruder

und der Rest

also Oma, Mama und Tara

kam in den Stall

gleich nebenan.

Aber  hier in ihrem winzigen Zimmer

in der Bornhoevedstraße

hat sie allein für sich

ein Bett.

________________________________

(aufgezeichnet nach Berichten einer 14jährigen Deutschen, die mit ihrer neuen Banknachbarin Tara über deren ehemalige Heimat Iran geredet hat)

Amtspost

Mittwoch, Februar 7th, 2018

Mein Freund Ali
sagte gestern:
im Iran
hatten sie
einen Papierordner
für Opa, Oma, Eltern
und den Rest
aber hier
in seinem winzigen Zimmer
in der Friedensstraße
hat er allein für sich
zehn Ordner.

nocturne (elfter gesang)

Dienstag, Februar 6th, 2018

wer mich kannte wusste
dass ich gedichte vom himmel herunter log
in ihnen schwammen fische durch leuchtreklamen
stiegen über den schildern luft- und sprechblasen auf
in die lichtglocke über der stadt
wurden stimmen beschworen
urtümliche laute aus u-bahnschächten
mischten sich mit dem rascheln der lindenblätter
vom warschauer platz vom czernowitzer platz
vom donauufer in budapest und vom schwarzmeer bei odessa
wer mich kannte wusste
dass in meinen vom himmel herunter gelogenen gedichten
am horizont schneeberge aufragten
über sie zogen singschwäne in ferne geschichten
die an orten wie teheran und kabul spielten
dort standen mädchen am straßenrand
und winkten burschen bei reiterspielen zu
später weinten die mädchen
wenn die toten körper der burschen
auf lastwagen in die stadt zurückkehrten
wer mich kannte wusste
dass selbst das blau am himmel lüge war
in ihm spiegelten sich die augen von geckos
die an hauswänden hockten und auf das ende der zeit warteten
menschen beobachteten die tiere und glaubten
sie brächten ihnen glück
die augen der menschen leuchteten dann blau wie der himmel
ich bog um die nächste straßenecke
sah fische und hörte singschwäne
und die nacht und die lügen nahmen kein ende

Skylarking (Flucht und Wiederkehr XX)

Montag, Februar 5th, 2018

Da Menschen des Stromes aus ihren konditionierten Träumen erwachen, ist der junge Tag noch gehüllt in den Leib der Nacht; doch rufen Trommeln aus dem fernen Tempel, die Kontinuität des Seins und der Zeit zu ehren. Die Fellachen hoffen auf Verkündigung des heliakischen Aufgangs – der Rückkehr des Sirius nach siebzig Tagen – und mit ihr, nährender Milch gleich, des reichen Schlammes ihrer Felder.

Kahle, geschminkte Priester vibrieren in Trance, andere verteilen eine starke Tinktur des blauen Lotus. Es ist kalt, gemurmelte Gebetsformeln perlen wie Tau aus Kehlen, da mehr und mehr Versammelte sich übernatürlichen Gesängen ergeben, die nun wie Honig aus dem Inneren des Heiligtums fließen, ja zu tanzen scheinen. Nach und nach, ähnlich einer kollektiven, hypnotischen Verwandlung, invertiert ihr Bewusstsein von Alltag und Überlieferung. Dann, kurz vor der Morgendämmerung, beginnt  der Tempel, die Ankunft der Götter verheißend, magisch zu glühen.

Die Hohepriester, kundig des mittels mystischer Symbolik kodierten Wissens der Anderweltentränke, architektonisch hervorrufbarer Tonfrequenzüberlagerungen, wie auch jener elektrischen Effekte unterschiedlich leitender Baumaterialien oberhalb riesiger, unterirdischer Wasserkavernen, treten nun, verliebt in die eigene Allmacht und als Halbwesen gekleidet, flüchtig im Halbschatten tausender Jahre auf.

durch.blick

Freitag, Februar 2nd, 2018

kälte die ankommt
wie ein reisender
aussteigt – sich umsieht

im schneetreiben
der himmel ist offen
zähmst du die gedanken

nur eine flocke
spüre ich
in deinem blick

reflexion

Freitag, Februar 2nd, 2018

an schüchternen tagen
flüstert der baum
fallen blätter

leise

windlaunig auch
mein leben ohne dich
in nur einem einzigen gedicht
steht dein name

seebestattung

Freitag, Februar 2nd, 2018

die fische haben ein eigenes totenreich
nur dort können sie unter sich sein
sie betreten es über spaltöffnungen
an der unterseite des meeres
gesunkene schiffe und ertrunkene seeleute
haben keinen zutritt
in ihrem totenreich atmen die fische feuerluft
die ihnen ein kolibri zufächelt
in ihren ewigkeitsgedanken
trinken die fische die weisheit der welt