Archive for Dezember, 2017

Denken ohne Gewalt

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

Chap. IV

Eduards Putenwelt

Zum Dekadenten muss man talentiert sein, man muss
seidene Nerven besitzen, die beim geringsten Luftzug
ein verwirrendes Stimmungs-Tremolo tanzen. Endlich
in den Handgriffen und Kunstpfiffen der Selbstpeinigung
Routine haben. Kommt zu dem allen noch eine
rationelle oder auch unrationelle Dosis von eleganter
Pose, ein Kursus in der Akademie für höhere Schminkkunst
- so ist der Dekadent fix und fertig.

Ottokar Stauf von der March in Die Gesellschaft 10, 1894/5

„Wie lange war Venus bewohnbar?“ Eduard stellte die Frage wie ein Lehrer. „Fast zwei Milliarden Jahre. Genug Zeit für eine Zivilisation. Heute sagen wir, sie war von Anbeginn zu nah an der Sonne. Wir haben einen Mond, wir sind das Gleichgewicht, Venus der Borderline-Case, die galoppierende Schwindsucht. Um sie herum ein heißes, bernsteinfarbenes Licht. Die Venus ist ein Symbol für uns geworden, für etwas…“

Eduard unterbrach sich, als Esther den Saal betrat, „fast nur russische Sonden sind dort gelandet, das Auge mit der Sicherheit längst geschmolzener Sonden machte sie für uns zu einem Kunstwerk. So wie die Venus von Botticelli eines ist, und so, wie das Modell unseres Zykluses es für uns getan hat. Esther hat etwas davon verstanden.“

Die Idee sei Denken ohne Gewalt gewesen. „Eduard, ich weiß jetzt auch, warum du uns vor dem Kochen klar gemacht hast, dass gewisse Dinge einfach nicht in Frage kommen. Ich pflichte dir bei, Puten werden nicht gegessen. Ich bin dafür, dass sie ihre Augen weiter ganz lebendig offen halten und uns beobachten, damit wir Teile der wahren Putenwelt werden können.“


[schneeweiß]

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

der himmel legt sein leichentuch über die erde
frau holle macht überstunden
herr holle indes nimmt reißaus
fliegt er mit seiner geliebten in den süden
ins land des ewigen frühlings
ins land der klavierstimmer
die blockflöte spielen lernen
schneeweiß
werden seine haare
auch dort

Mittwoch, Dezember 27th, 2017

wird aufhellen

das Knirschen des Scherbengerichts unter den Schuhsohlen

sonnen die Ausläufer

im Nachzittern des Misanthropozäns

 

wird leuchten

das Lob der Torheit

durch die Atemwolken des langen Atems

 

Aufhellung

 

 

meine woche

Dienstag, Dezember 26th, 2017

am sonntag verwandle ich mich
in einen baum lasse ich
den frühling herein gebe der katze
zu fressen
oder nicht

am donnerstag muss ich mich erinnern
an die kindheit alte fotos fallen
mir in die hände
ein einkaufszettel
den mutter schrieb

am mittwoch werfe ich
meine blätter ab

am freitag kaufe ich ein
lauter dinge auf mutters einkaufszettel
einige gibt es schon lange nicht mehr
in den auslagen und regalen
gehen spinnen um

am montag suche ich die katze

am dienstag gebe ich es auf

am samstag gehe ich
in mich versuche ich
ordnung zu bringen
in die gedanken mein leben
beknie den gott der zweifelnden und verlorenen

dass er gnädig ist
und mir einen achten wochentag schenkt
für dich mit dir

Sonntag, Dezember 24th, 2017

einbrechen, Sprengstoff, wenigstens Polen-Böller sein

der Glaube stiert aus allen Lagen
stets, die hemmungslose Vermessenheit
boxen gegen Schatten
scheiden, sich bescheiden

es gibt aber Fruchtkerne, die unbeschadet – hausen bis in die Haarspitzen,
wo die Träume sich ablagern – überstehen, zu gedeihen sich anschicken

eine befreundete Revolution wird geknospt haben
das Blicken allerorten wird anders geworden sein
die Anmaßungen werden gerade so eben gepasst haben
das wird nicht zu meiner Zeit gewesen sein

bescheiden die Kerne beschirmen

bescheiden

Dumme Schafe gif.

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Bildergebnis für eine herde dummer schafe

lyrisches beizeiten

Freitag, Dezember 22nd, 2017

unten ist die erde
offen verschlingt
gedichte
und menschen
geht in den himmel über

wir wussten es
lange nicht

bis der zebravogel es verriet
mit seinem schlagenden gesang
der wie der hammer
des sargtischlers schlägt

dreimal kurz dreimal lang
beim vierten mal
fängt das holz
an zu beten

das offene in der erde
das nicht
zuheilt

[so oft ich es auch wieder verschließe]

Eingetaucht

Freitag, Dezember 22nd, 2017

In die Armut der Welt
Lassen wir Smaragde wachsen,
Bringen dem nichtigen
Chlorophyll eine Huldigung
Gefilterter, polarisierter
Worte

Was die trägen Verbünde
Heterogener Moleküle
Nicht vermögen -
Unsere Lichtgitter
Schenken es der
Sprache

Eingetaucht bleiben wir
Unter Wasser, amphi
Bolische Balinesisch
Chinesische Wörter
Zähler ohne Wasser
Strom,

Gas – das Licht fällt
Immer in dunkelste
Ecken, wo Amphibien
& Schmetterlinge
Sich Gute Nacht
Wünschen

Wasser & Strom in der
Hochzeit ihre Elemente
Lassen es knistern,
Worte werden am
Doppelspalt gebeugt
Verstärkt &

“Denn an der Verbindung von Astronomie und Nächstenliebe hängt die Würde des Menschen.” (Tschüss! Philosophische Poetik 1)

Revers

Freitag, Dezember 22nd, 2017

Weihnachten war denkbar nahe, und Esther fror bei dem Gedanken, den Abend allein in der Wohnung verbringen zu müssen. Gesine und die Kinder waren ins Gebirge verreist, während der Ehemann Alexander immer stärker autistische Züge bekam. Esther warf den Gedanken an Gesine, den Mann und die Kinder weg, voll Ekel, voll Ekel. Sie verbarg ihre Schulter in Vyvyans Revers. Was sie eigentlich, wie schon Eduard ihr zweideutig geboten hatte, wegen der Ansteckungsgefahr nicht mehr tun sollte.

Die ganze Nacht

Sonntag, Dezember 17th, 2017

—— nein, liebe frau kleist. Ich glaube eher, dass hier versucht wurde zu sagen, dass sich die Himmelskörper, und so auch der Mond und die Erde, nach harmonischen Gesetzen bewegen, nach einer musikalischen Harmonie, welche das Fundament der Welt ist. Und auch zugleich ihr Nicht-Fundament. Aber es trägt sie jedenfalls, also diese musikalische Gesetze, die Töne und diese Nicht-Töne, diese Bewegungen, diese immer auf diesen Ebenen kreisenden Bewegungen, auf diesen Ebenen, die sich schneiden, und das alles ist ja keine Wüste, weil ja alles klingt, aber ich komme von der Erzählung ab, ja ich wollte erzählen, in Prosa wollte ich erzählen, dass, wenn man also ein Gedicht schreibt, also nicht irgendein Gedicht, sondern ein gutes Gedicht, also ein richtig gutes Gedicht, das klingt ja dann auch, da bewegen sich auch die Töne, da schneiden sich ja auch die Ebenen, und irgendwie versucht man ja damit, diesen harmonischen Gesetzen näher zu kommen, dieser schrecklich schönen himmlischen Harmonie, diesem gewaltigen unhörbaren Klang, für uns jedenfalls unhörbar, meistens jedenfalls, außer in bestimmten Momenten, wo man ganz da ist, ganz und vollkommen in dem Moment, ganz konzentriert, also eigentlich darin verschwunden, also dass dann das Gedicht kein Zeichen mehr ist und kein Anzeichen und keine Bedeutung sondern reiner Klang, und dieser Klang ist die reine Bedeutung und die Nicht-Bedeutung zugleich, ach, aber wir werden ja immer daran scheitern, immer nur daran scheitern, mit jedem Gedicht daran scheitern, selbst mit unserem allerbesten Gedicht werden wir ganz gewaltig scheitern, wir sind ja in diesem himmlischen Klang dazu verurteilt, immer wieder zu scheitern und zu scheitern und zu scheitern und es trotzdem wieder zu versuchen, immer wieder zu versuchen, und dieser blöde viereckige Mond an diesem blöden Kran um den die Motten ihre enger werdenden Kreise ziehen, das ist ja bloß Hybris, das ist ja bloß vermessen, das bedeutet ja nichts, gar nicht, überhaupt nichts, das ist ja bloß ein Anzeichen, das auf uns weist, das weist auf uns, aber da, wo wir sind, da ist ja nichts, da ist ja bloß Leere, immer nur Leere, wir weisen ja bloß auf diesen viereckigen Mond zurück, und der steht uns bloß im Weg, da sehen wir die Sterne nicht und die Planeten und den richtigen Mond, der mal rund ist und mal nicht rund, der also immer anders klingt, und immer anders die Orchidee auf meinem Schreibtisch anschlägt, und ihren silbernen Schatten, den der richtige Mond, und auch die unzähligen anderen Schatten, die Schatten der unzähligen Sterne und der acht oder neun oder mehr oder weniger Planeten, die alle schreibt die Orchidee auf meinem Schreibtisch, schreibt sie immer wieder, hat die Möglichkeit, sie immer wieder zu schreiben, immer wieder neu, und zugleich immer wieder gleich und doch immer wieder anders, dieser unendliche Verweis auf die Unendlichkeit, nein, kein Verweis, kein Zeichen, kein Anzeichen, die Unendlichkeit klingt hier, sie ist hier, sie ist da, einfach nur da, in den Schatten der Orchidee, hier auf meinem Schreibtisch, und auch ihre Prosa, liebe frau kleist, auch in ihrer Prosa, da ist sie da, einfach nur da ——

Da fliegen die Motten jetzt hin

Samstag, Dezember 16th, 2017

Was aber bringt die Motten, nachdem sie hingeflogen sind, wieder zurück? Eine große Frage, die hochkant im Raum steht – ganz wie der Kran vor Ihrem Fenster. Sicher sind Sie schon eine Weile unruhig in Ihrem Schlafzimmer hin- und hergepantert (im Gegensatz zu Max Goldt prokrastinieren Sie aber nicht), schon die dritte Nacht lässt Sie vor Helligkeit nicht in den erholsamen Sonntagsschlaf finden, der doch so wichtig für die sensible Schreiberseele zu sein scheint. Sie sind ausnehmend produktiv, was mir wie Manie erscheint, angesichts der Bühnenbeleuchtung, die in ihrem Schlafzimmer herrscht. Sie reißen, im Gefühl, endlich handeln zu müssen, in einer wahnwitzigen Bewegung den Vorhang zur Seite. Dass Sie erneut “Steinerle Bau” lesen, macht Ihnen ein Gefühl in Augen und Hirn, als hätten Sie beides an die nächstgelegene Steckdose angeschlossen. Sie befürchten, durchzudrehen, mit panisch aufgerissenen Augen betrachten Sie den Fortgang des literarischen Mainstream. Der Notarzt ist weit, das Telephon auch. Sie sind ein wandeldes, panterndes Standbild, ein Paradox im künstlichen und künstlich hellen Mondenschein. Dass dieser nun auf Ihr Gesicht leuchtet, erleichtert die Situation nicht. Es treibt Sie beharrlich in den Wahnsinn. Da fliegen die Motten jetzt hin, denken Sie, da fliegen sie hin, sie fliegen hin, hin, hin, und wieder hin, da fliegen die Motten jetzt hin. Die braune Mehlmotte zuerst. Dann die graue Seidenmotte, die steinfarbene Kleidermotte, alle sind sie wiedergekommen wegen “Steinerle Bau”. In endloser Kreisbewegung, in der es nur ein Karussel, Karussel, aber kein Hin oder Zurück gibt. Zurück, denken Sie, ja dann wären sie ja wieder bei mir im Schlafzimmer. In der Kleidung. In meinem Mehl. Mein Mehl, mein Haus mit Garten. Auto auch. Selbst der Sitz aus Leder hat kleine Löcher.

In memoriam

Freitag, Dezember 15th, 2017

Auf dem Amt für empirische Literatur hatten sich zwei Hypochonder und eine Hysterikerin eingefunden. Die Hysterikerin hatte Vorrang. Sie hatte gerade ihren Mann mit einem alten Studienkollegen betrogen und erhoffte sich dringenden ästhetischen Beistand. Aber der Sachbearbeiter runzelte nur die Stirn. Nach einem Schweigen, das als Echo von den Wänden zurückprallte, äußerte er kurz und trocken: “Franz, dieser Fall geht an dich. Sieh zu, ob du ihr Eselsohren wachsen lassen oder lieber einen handfesten Käfertraum verpassen willst. Diese eingebildeten Menschen werden immer frecher. Neulich war einer bei mir, der erzählte mir die Geschichte irgendeines Großonkels aus der mütterlichen Linie, an dessen Grab heutige Dorfbewohner eine Kakerlakenhochzeit veranstaltet hätten. Als ob solcherart Produktwerbung auch nur im Ansatz etwas mit dem zu tun hätte, worum wir uns hier kümmern sollen.” Eine Tür schlug zu. In der Ferne quietschten die Ketten oder Seile eines Paternosters.

Motten

Donnerstag, Dezember 14th, 2017

Ich wählte meine Kleider diesmal noch sorgfältiger aus. Als ich den
Kleiderschrank öffnete, fiel mir der Wintermantel entgegen. Er war
voller Löcher, eine frisch geschlüpfte Motte kroch aus dem Pelzkra-
gen. Angeekelt ließ ich den Mantel auf das Parkett fallen. Ich schob
die übrigen Kleider auf der Stange auseinander, die verschiedenarti-
gen Empfindungen an den Fingern und die Farben narkotisierten
mich. Ich lief zum Fenster, öffnete einen Flügel. Wärme kam mei-
ner Hand entgegen und versprach eine laue Nacht.

Ideal

Dienstag, Dezember 12th, 2017

Der Wind bläst ein Lied
auf den Vogelknochen

Hohl hohl hohl
die Negativform

Das Unheil steckt
in den Werkzeugen,

sagte ein Mensch
sich abwendend

[ohne titel]

Samstag, Dezember 9th, 2017

steine liegen im feld
das ist präzis und
der wind trägt die luft
bulgariens her
medeas heimweh über das schwarze meer
die liebe verschmäht nicht
das felsental auf deinen schultern

eingespeicheltes Empfinden

Freitag, Dezember 8th, 2017

während des Entkleidens, ein Ton

die Gesten, Gebärden: Moosmoder
& der Trödel erst der Persönlichkeit
die eingenässten Socken
eingespeicheltes Empfinden

das Schwülstige: eine Auflehnung
oder der Anachronismus als Schlummer

ein Tier, welches nicht einpasst
Zweifelsumbau, ohne Schwung
aber, Montagen, immer

das Fühlen in den geflickten Fingerspitzen:
ein Laut namens Gurkensuppe
& die Vermessenheit stets

orla

Sonntag, Dezember 3rd, 2017

an einen oktobertag erinnere ich mich noch
es war kalt die pfützen gefroren
saßen wir in der dämmerung auf dem uniparkplatz im auto
und steckten uns die ringe an
blätter schwebten über den harten erdboden
(wie liebten wir den sommer den süden)

an zwei novembertage erinnere ich mich
es war warm die sonne schien
durch das offene klinikfenster
verdampften die herbstfarben über dem sterbebett
mutters stimme flüsterte die rückkehr der zugvögel herbei
(wie strichen unsere hände den raureif glatt)

tang

Sonntag, Dezember 3rd, 2017

dann schicke ich dir das meer
vorbei
damit du es auch siehst
es fühlt sich an wie watte
oder ein schmerz
den ich aus der zeit reche
deine blicke fahren die furchen einer muschelschale entlang
grün leuchten die fische aus der tiefe