Archive for August, 2017

Sumpfkrüge

Samstag, August 26th, 2017

Blutrot,

rutschige Härchen.

Mückenlarven
im Inneren.

Blassgelb,
eifersüchtig.

Zusammengerolltes Blatt
mit Naht,

Adern,
Kobralilie

äußerlich schlicht.

Scheibenquallen

Freitag, August 25th, 2017

Rauchsäule,
dünn.

Ein Himmel,
ohne Sterne.

Füße,
nackte
Abwesenheit.

Eine Gasse,
aus Liebe &
Schmerz.

(Karl Kraus saß im Café Landtmann. Die Geräusche von der Straße klangen liebevoll, vertraulich.)

Fürst Jesus, der Idiot. Plädoyer

Mittwoch, August 23rd, 2017

Wir alle leben in einer Maschine. Betreiben eine Maschine. Schreiben, klicken. Wir alle sind eine Schreibmaschine. So seit 10 Jahren real. Ob das Literatur sei? Na ja, in der Literatur ist alles erlaubt. Wenn es gut ist. Vom Mord bis zum Ehebruch, Beleidigung, Selbsterhöhung und Fall, selbst Himmelfahrt und Gang durch die Hölle. Auch umgekehrt: Gang durch die Hölle, Punkt. Nichts was darauf folgen könnte. Wie ist die literarische Himmelfahrt möglich? Ja will denn das überhaupt jemand? Ja will das überhaupt jemand lesen?
Als ich zum erstenmal Dostojewski las, war mir nach 5 Seiten so schlecht, dass ich hätte kotzen können.
Gogol. Tynjanow. Wie der Mantel gemacht ist. Scheint hier alles unter Privatbespaßung zu laufen: (Antigone) Hilfe, die Spinner sind da.
Erst in der Romantik sind sie alle wieder beisammen, die guten Seelen. Warum eigentlich? Kein Ort, nirgends. In meinem privaten Leseritual war das die Grenze, es kam zum Eklat. Unvorstellbar. Die Kraft des inneren Monologs in der Wirklichkeit. Literatur, das Unvorstellbare?
Nehmen wir es pragmatisch: Da benimmt sich jemand ungehörig. Eine Verehrerin. Ein Stalker. Und alles aus Liebe.
Zur Wahrheit? Zum Text? Oder dann doch zu sich selbst? Sagen wir mal so. Literarisches Blumengießen als eine äußerst delikate, zutiefst romantische Inszenierung. Nichts dagegen zu sagen.
Der Kampf der Stimmen im polyphonen Roman ist eine Wirklichkeit. Weniger möchte man wohl heute auch gar nicht mehr.
Aber spätestens hier stellt sich ein Problem ein. Nennen wir es, böse Buben wie wir es hier nun einmal alle sind – schwere Mädchen und leichte Jungs – - von Butler rückwärts durch Foucault hindurch – - – Prototypen des Philosophiemuffelns, alles falsch! Ende der Genieästhetik, nennen wir es einfach Gegel.

Plötzlich

Mittwoch, August 23rd, 2017

bist du tot, aber stellst
fest: bombensicheres

Ding, alles geht
weiter: Wie? Warum?

Stoff für neun Opern, oder
Sieben Leben hat die Katze

Zur Selbstbespaßung ist das doch hier nicht gedacht, oder?

Montag, August 21st, 2017

Der Strom der Zeit scheint immer in dieselbe Richtung zu fließen. Vielleicht steht die Zeit. Kann sich die Zeit beschleunigen oder verlangsamen. Wo liegt ihr Ursprung. Preisfrage der Physik. Uhren und Kalender. Zeit ist ein sich ständig wiederholender Prozess. Quarzkristall. Tickt eine absolute Uhrzeit. Atome haben eine natürliche Frequenz. Alles was schwingt, kann als Uhr verwendet werden. Zwei Fledermäuse wohnen bei mir in der Scheune. Öffne eine Tabuzone, erzähle eine Sache von Anfang an, geh zurück in die Vergangenheit. Das geht. Un- oder Überpersönlich. Durch den Schlauch der Zeit oder drum herum, geht nicht. Unsere Vorstellung von Vergangenheit Gegenwart Zukunft ist möglicherweise nur eine Illusion… Rätsel, Individuelles und Anonymes, Fremdes trifft aufeinander. Seltsam, etwas verrenkt, stimmungsvoll, befremdlich. Den Sounds, den Emotionen… des Alltags, der Fluss, das Einzig-Artige im Banalen…

Fuga atque reversio (Flucht und Wiederkehr XV)

Samstag, August 19th, 2017

Dessen bedacht, was nur zu ahnen, nicht jedoch zu wissen uns die Jugend gewährt,
jagte ich, unerschrocken, ja geblendet wie viele, dem Ruhme nach.

Nicht Lukrez, nicht Catull webten, leise Verse flüsternd, ein Sprache hegendes Netz;
die Zeit, daselbst sie regend Anteil nimmt an irdischen Belangen,
sie träumte mir vor – ich verfing mich darin.

Einst gedachte ich Deiner als Spiegel meiner selbst,
in Sehnsucht nach einem besseren Sich.
Im Anrufen der lieben Göttin lag Angst vor der Leere,
aus einem finsteren Loch krochen – der Verzweiflung zum Trotz -
Ideen, formten mit Hoffnung getünchte Sätze;
obgleich Schatten nur, nützliche Schatten – Leere brennt.

Nun, da die Mysterien der großen Mutter nahen,
nun, da die von der Wildheit des Fleisches umschlichene Feinheit des Geistes
ein in lockende Furcht getränktes Lachen gebiert,
schwebt
an späten, hellen Tagen – frischer, noch warmer Asche gleich -
Ehre um Worte wie kleine Wolken Blüten küssen zur Nacht.

Epilog

Die Edlen, deren Glück, gemessen an dem der Gemeinen, nie schal zu werden droht, fahren ewig hin in Seeligkeit.  Je wären Götter nur, keine Menschen, edel alle Gegensätze, alles woran Glück zu messen und wie es zu fassen sei zur Gänze her erleuchtet zu schauen.
Der Menschen Pfand, das Staunen, wiegt leicht und tanzt doch, wie Füchse um Hasen tollen, zur Freude der Himmlischen im windigen Sog der Tragödie als Feder der fragenden Waage.

Rituale (2)

Mittwoch, August 16th, 2017

Erst dachte sie, er sei ein älterer Mann. Irgendwie schienen seine Haare bereits zu grauen. Wie der Morgen vor einer Matheprüfung. Zuviel ist in Männerhand. Rosanna bedankte sich für das Mittagessen, das Philippa von ihrem letzten Geld bezahlt hatte und verabschiedete sich steif. Die Rolle, die sie wieder einmal für ihre Freundin übernommen hatte, bekam ihrem Magen ganz und gar nicht. Sie würde sich hinlegen müssen. Sofort, nachdem sie die Haustür aufgeschlossen hatte, sonst hätte alles ein übles Nachspiel. Sie würde noch weiße Gladiolen aus dem Blumenladen gegenüber mitnehmen, eine schmalzige Platte aus der Zeit ihrer Eltern auflegen, mit Xylophon, verhaltenen Geigen und so, und dann hoffen, dass ihr Magen sie in Ruhe ließ. „Na, haben meine Worte dich platt gemacht?“ stieg Philippas Stimme neben einer Blase im Wasserglas auf. Rosanna sah nur noch, wie sich Philippa mit Daniel Schneider am Arm sich wieder zu ihr an den Tisch setzte. Die Wolken am Himmel schienen so grau wie der Teint und die Haare dieses Mannes, der sich jetzt über sie beugte. „Ist Ihnen nicht gut?“

Bitte rufen Sie hier nicht mehr an

Dienstag, August 15th, 2017

Er musste lange auf den Doc Check warten. Obwohl er bestellt war. Nun ist es beinahe schon dunkel. Der Arzt hat ihm gesagt: Er hat Alterszucker. Bitte rufen Sie hier nicht mehr an. Der Garten liegt in den ununterscheidbaren Farben des Abends vor ihm, die alten Garagen außer Sichtweite. Jetzt kommt Wind auf! Gewitter. Sturm. Die viel zu kleinen, ungenießbaren Äpfel schlägt der Sturm vom Baum ab. Reiß’ die Welt entzwei, ein Blatt Papier! Ein Blatt Papier, die Krankenakte. Er tritt mit spitzem Schuh einen von den roten Äpfeln klein.

Dinçer

Samstag, August 12th, 2017

er trägt ein murmelndes und trauriges meer in sich
aus dem er gesänge schöpft
das land zu bewässern
mit sprache

Ilhan

Samstag, August 12th, 2017

einer konnte auf holz gehen
ein anderer auf stein
wieder ein anderer zeichnete linien ins blau des himmels
und vergaß zu trinken

denkspurrillen

Freitag, August 11th, 2017

die nadel im kopf

zerkratzt die rinde

zuwenig synapsen

den fluss zu decodieren

 

das bewusstsein
in artefakte
zerklötzert

Das Unglück

Donnerstag, August 10th, 2017

eine universale Form
menschlicher Selbst
verwirklichung

Lied

Donnerstag, August 10th, 2017

Im Betrieb der Welt
eilen die Jahre vorbei
lasten auf uns.
Der Vollmond
kehrt wieder
nach einem Monat.
Eine Frühlingsblume verdorrt
zwischen Morgen und Abend.

Egal wie schön du bist,
du kannst die Falten nicht vermeiden
und auch deine Haare werden weiß
wenn das Alter dich klapprig macht:
schnell rufen sie deine letzte Nacht
und du schließt die Augen.

Der Tod ist überall:
Im Privatjet über Nizza
in den Favelas von Rio.
Unter zwei Meter Staub
werden wir liegen
ihr und ich.

Warum suchen wir im Sommer den Schatten?
Warum verstecken wir uns im Herbst vor dem Wind?
Bald wirst du dich trennen müssen.
Von den Freunden. Von der Familie.

Vielleichst hast du ein tolles Haus
mit Dingen darin, die du liebst.
Irgendjemand wird darin wohnen.
Keiner der Bäume in deinem Garten
wird dich überleben.
Alles, was du mühsam angehäuft
Tag für Tag
wird mit einem Mal
verschleudert werden.

Die Glocke

Sonntag, August 6th, 2017

—— da rumpelt der ganze Glockenstuhl, da quietscht die Kette über die Zahnräder, da surrt der elektrische Motor, alles ganz regelmäßig, nur die Glockentöne fehlen, irgendwer war in der Nacht auf den Turm gestiegen, hatte etwas Weiches um den Klöppel gebunden, irgendetwas, und das schlägt jetzt gegen die Glocke, und nicht mehr berührt der Klöppel die Glocke, und so dröhnen nicht mehr die Glockentöne, aber das, was wir jetzt hören, sind ja auch die Glockentöne, sind genauso Glockentöne, diese Töne der ganzen Mechanik, die waren schon immer da gewesen, waren von Anfang an da gewesen, nur waren sie immer verdeckt vom Geklöppel, dieses Geklöppel, das jeden Morgen und jeden Mittag und jeden Abend losschepperte und den Tag teilte, jetzt ist es diese Mechanik, die den Tag teilt, und vor allem sind jetzt diese Töne weg, die wir ja immer hören, wenn die Glocke wirklich läutet, diese Töne, die nicht vom Klöppel kommen und nicht von der Glocke und nicht von der Mechanik, die aber trotzdem da sind, als ob da immer ein zusätzliches Geläut mitläuten würde, aber jetzt hören wir nur noch diese furchtbare Mechanik, hören wir genau die Töne, wo man ganz genau hört, was da klingt, was da die Ursache jedes einzelnen Geräuschs ist, und ich habe wirklich genug davon, werde also heute Nacht auf den Turm steigen und werde ihn entfernen, diesen entsetzlichen Lappen oder dieses Kissen oder diesen Lappen und dieses Kissen oder wasauchimmer da irgendwer da oben festgebunden hat, das werde ich alles herunter reißen ——

weimar

Samstag, August 5th, 2017

weimar drängten kalkstein und mergel in die stadt öffneten sich klüfte und schlossen sich wieder um sich erneut zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber bist du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter siehst du erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend war der asphalt weich flüssig wie boden wie moor schwammen die autos zähltest du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauten fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bliebst du stehen und drehtest dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgten den stimmen die dich riefen von der anderen straßenseite metallisch klang die nacht unter dem hundsstern tropften die perseiden auf dein kleid

du stehst barfuß auf dem kopfsteinpflaster lagen deine nicht ausgesprochenen wünsche

an der kirchturmuhr war ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hing über der stadt

im geträumten leben war ich wach

wortschaften wohnen mit buchbaumhecken um die häuser

Kinderzimmer

Donnerstag, August 3rd, 2017

Rote Daddeln -

einmal zerschellt.

Eine Spalte Hirn

hoffnungslos

zerteilt in sich,

Kühlschrank-

poesie erzwingt

nichtnotwendig “Die Falte”.

Blaue Kleckse, vom Zufall der Rotation irgendwo aufgeprallt

Donnerstag, August 3rd, 2017

Kinderzimmer zur Verfügung -

cum tempore.

Gedenkenfern,

Mozart unter Kerzenschein,

singt.

Aufgestaut

hinter meiner Eisschranktür

einen leiernden Reim.

Augusteische Sentenzen (Flucht und Wiederkehr XIV)

Donnerstag, August 3rd, 2017

Der Sommer, obschon laut Kalender in voller Blüte, ächzte bereits leicht verwelkt daher. Was, dachte sich der Wandel, könnte all den bunten Farben nun schmeicheln, da hoch ihre Zeit noch stünde?

Die leicht altkluge Stimme eines Mädchens, vielleicht 9 oder 10 Jahre alt, ertönt von der anderen Seite des Kühlregals. Sie will ihrer Mutter helfen, aus Tiefkühlpizzen im Angebot zu wählen.

Aber da ist mehr: sie prüft unbewusst, ob sie sich erwachsen verhalten kann und schießt dabei leicht über das Ziel hinaus, zudem sie – durchaus bewusst – die Aufmerksamkeit, die die Umgebung ihr daraufhin zuteil werden lässt miteinbezieht. Die Diskrepanz wirkt humoristisch und ernst zugleich, erinnert an die eigene Jugend – jene Phase, in der scheinbar alles besser gewusst und doch so vieles, was im Inneren vorging, zugleich verheimlicht wurde.

Oh Sommer, Wächter meiner Liebe, Strand meines Lebens, Mitte meines Fliehens. Holiday time.

Wage ich, In täglicher Leidenschaft ruhend, auf Gipfeln gereifter Ideen stolzierend, zu zweifeln?
Den Frühling, den Herbst und Winter gar missend? All die Schlachten, die Ungewissheit, das brennende Warten?

Spricht die bleierne Glocke der Angst zu mir, die im windstillen Sommertagsschlaf durch rotweingefärbte Träume dröhnt? Oder ist sie lediglich eine Konstante – wie all die Zeichen und Wunder, die zu mystifizieren wir uns aus Langweile oder Furcht angewöhnt haben?

Wahrhaft, obgleich sie erst im Winter erblüht sein wird: bereits jetzt streben die Sprosse dieser dunklen Blume himmelwärts.